Die Bildzeitung gibt oft Anlass zu philosophischen Betrachtungen, meist haben diese mit Ethik zu tun. Heute titelt Bild allerdings, "Klügster Mensch der Welt prophezeit: so geht die Erde unter" oder so ähnlich (hier online). Illustriert mit einem Bild, dass so aussieht, als stünde die Erde kurz vor der Explosion, umgeben von einem Strahlenkranz.
Was verbirgt sich dahinter? Der Astrophysiker Stephen Hawking äußert sich in der Fernsehsendung "Beckmann" zur globalen Erwärmung und malt ein Horrorszenario aus: die Erde werde sich wie die Venus auf 250 Grad Celsius erhitzen. Dem Szenario fehlen nur ein paar Details: z.B. der Zeitpunkt, zu dem es so weit sein wird.
Nachdenklich stimmt mich der Gebrauch des Wortes "Prophezeiung". Ein Prophet ist jemand, der Vorhersagen macht, die, so könnte man wissenschaftstheoretisch sagen, auf nicht falsifizierbaren Theorien gründen. Propheten haben Einblick in das göttliche Walten. Hawking aber ist Wissenschaftler. Er "prophezeit" nicht, er macht Vorhersagen.
Das scheint auch die Bildzeitung zu wissen, schließlich hebt sie ja hervor, dass Hawking nicht ganz dumm ist. Das kann, wenn es nicht allein dem üblichen Superlativismus des Boulevards zuzuschreiben ist, nur den Grund haben, dass die Kompetenz des Vorhersagenden für den Laien die Vorhersage glaubwürdiger macht.
Genügt denn dieser Verweis auf die Kompetenz? Hawking ist Astrophysiker. Weiß er mehr über die Zusammenhänge des Klimas und der globalen Erwärmung als andere, vor allem: als Experten in diesem Fachgebiet? Genügt es, ein Genie zu sein, um Recht zu haben?
Die Bildzeitung spielt, wie immer, auf der Klaviatur der Emotionen. Dabei spielt sie, wie immer, falsch.
Nachtrag [20.9.]. Wenn das Wort "Prophezeiung" dafür steht, dass die Vorhersage auf für Die Bildzeitung nicht nachvollziehbare Weise zustande kommt, dann ist der Hinweis auf den "klügsten Mensch der Welt" ist vielleicht einfach nur so zu verstehen, dass Hawking "höher ist als alle Vernunft" der Bildzeitung. Anders ausgedrückt: Hawking verschafft ihr eine Transzendenz-Erfahrung.
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18 Oktober 2005
26 August 2005
Kluges Radfahren: Wie Andreas Luckner sein Buch über Klugheit beginnt
Das ist bestimmt ein kluges Buch: Andreas Luckner widmet sich in seiner soeben erschienenen Studie "Klugheit" in der Reihe "Grundthemen der Philosophie" der Frage, was das ist, durch das eine Person "sich selbst und damit ihr Handlen und Leben vernünftigerweise zu orientieren vermag" (S. 3). Eine eminent praktische Frage also, und darum wird die Klugheit, das finde ich ganz nachvollziehbar, als Tugend verstanden und der Moralphilosophie zugeschlagen.
Als Einleitung zitiert Luckner ein Schild auf der Seebrücke zu Prerow in Pommern:
"Vernünftige Menschen fahren hier nicht mit dem Rad. Für alle anderen ist es verboten." Die Angabe klingt ein bisschen wie eine moderne Legende -- gibt es wirklich so ein Schild? --, aber interessant ist das Schild auch, wenn es nicht existiert. Es bietet eine implizite Definition von Vernunft: freiwillig das Richtige tun. Und eine ebenso implizite Definition von staatlicher "Eingriffsverwaltung": die Leute dazu bringen, das Richtige zu tun.
Wie wirkt das Schild auf den Leser? Es erinnert ihn daran, dass er klug sein möchte, denn dann zeigt er, dass er kein Verbot braucht: Man kann wählen, ob man es appellativ oder deskriptiv liest. -- Ich lese beides.
Als Einleitung zitiert Luckner ein Schild auf der Seebrücke zu Prerow in Pommern:
"Vernünftige Menschen fahren hier nicht mit dem Rad. Für alle anderen ist es verboten." Die Angabe klingt ein bisschen wie eine moderne Legende -- gibt es wirklich so ein Schild? --, aber interessant ist das Schild auch, wenn es nicht existiert. Es bietet eine implizite Definition von Vernunft: freiwillig das Richtige tun. Und eine ebenso implizite Definition von staatlicher "Eingriffsverwaltung": die Leute dazu bringen, das Richtige zu tun.
Wie wirkt das Schild auf den Leser? Es erinnert ihn daran, dass er klug sein möchte, denn dann zeigt er, dass er kein Verbot braucht: Man kann wählen, ob man es appellativ oder deskriptiv liest. -- Ich lese beides.
Tags:
Klugheit,
Moderne Legende
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