Entschuldigung, mspro, dass ich Ihr Posting in TIEF nicht mehr wiedergefunden hab, der mich auf Clay Shirkys Ontology is overrated brachte. Shirky vertritt dort die These, dass für die Ordnung im Web das Tagging der klassischen sachlichen Erschließung durch Schlagwörter (kontrolliertes Vokabular) und Klassifikation (hierarchischer Zugang) überlegen sei. Yahoos Directory ist ein Beispiel für einen solchen klassifikatorischen Zugang. Shirky bemängelt, dass man dort den Eindruck habe, die Yahoo-Leute wüssten immer besser, wo eine bestimmte Sache hingehört, also in welchen Zusammenhang. Und dass die Klassifikationsentscheidungen in vielen Systemen fragwürdig seien, etwa wenn in Dewey die Christliche Religion 8 von 9 der oberen Kategorien bekommt, die übrigen quetschen sich in "other religions". Gegenüber den kontrollierten Vokabularen von Schlagwörtern und Thesauri meint er, dass semantische Unterschiede verwischt würden. "Film", "Cinema": wenn unterschiedliche Leute diese Begriffe verwenden würden, dann würden sie auch damit etwas unterschiedliches meinen.
Aus bibliothekarischer Perspektive hat Shirky zum Teil recht. Die Kritik an den Klassifikationen ist richtig, und das wird ja auch bei denjenigen, die sie benutzen, selbst so gesehen. Und es stimmt, dass die Dewey Decimal Classification entwickelt wurde, um Bücher im Regal aufzustellen. Eine Klassifikation für Medien im Web bräuchte darauf ja keine Rücksicht zu nehmen. Was die Überlegenheit des Tagging vor dem Verschlagworten angeht, so kann man das natürlich nur ernsthaft vertreten, wenn auch bei den jeweils individuellen Tagging-Varianten die Treffermenge noch so gr0ß ist, dass damit ein Nutzer weiterkommt. Tags begegnet man ja in zwei Varianten. Auf einer individuellen Webseite, mit den individuellen Tags des Seitenbesitzers, hat man keine Mühe, aus der Liste der Tags auch deren Bedeutung abzuleiten. Die ergibt sich einfach aus ihrer Nachbarschaft. In Kontexten wie den allgemeinen Seiten von del.icio.us, wo man nur die Tags sieht und durch Anklicken eine Liste der Seiten bekommt, auf denen sie verwendet werden, scheint mir das eine ziemlich nutzlose Sache zu sein. Da wünsche ich mir ein kontrolliertes Vokabular (und die Verwendungsregeln), weil es eine größere Genauigkeit ermöglicht. Ich halte es zwar für möglich, dass bei verwandten Begriffen die Wahl des einen oder anderen als Tag etwas über die Präferenzen des Taggenden aussagt; aber wahrscheinlicher hat es andere Gründe, kann z.B. daran liegen, dass die sprachlichen Fertigkeiten des Nutzers beschränkt sind (etwa weil er englisch taggt, um mehr Publikum zu erreichen, aber eine andere Muttersprache hat). Tagging ist eine Art der Erschließung, die besser ist als gar keine. Sie kann die Suche per -Maschine ergänzen, indem sie Begriffe hervorhebt, die auf der fraglichen Seite vorkommen, oder neue ins Spiel bringt. Sie eignet sich vor allem da, wo es nicht so sehr auf die Qualität der getaggten Links ankommt, oder wo die individuelle Verwendung von Tags nachvollziebar ist.
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25 Februar 2006
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