blogoscoop
Posts mit dem Label Tugend werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Tugend werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

16 Juni 2007

"Tugend ist ihr eigner Lohn"?

Das hört sich an wie eine Eltern-Maxime: eine, die vertreten wird von Leuten, die einen dazu bringen wollen, dies und jenes zu tun. Ein leeres Versprechen vermutlich; wobei ohnehin die Frage offen bleibt, ob man den Lohn der Tugend überhaupt will. Oder wie Harry Graham dichtet:

What makes Existence really nice
Is Virtue -- with a dash of Vice.
Nun habe ich aber mit Dickens' Roman Martin Chuzzlewit ein Modell entdeckt, das mich zumindest von der Möglichkeit überzeugt, dass der Satz ein Körnchen Wahrheit enthalten könnte. Da gibt es nämlich eine Figur namens Mark Tapeley, die nichts anderes im Sinn hat, als unter den widrigsten Umständen "jolly": bester Laune zu bleiben. Das ist natürlich nur eine Herausforderung, wenn man auch in widrigsten Umständen sich befindet, also begibt er sich in solche. Dickens schildert, wie Tapeley auf der Überfahrt von England nach New York durch seine fröhliche Hilfsbereitschaft (selbst bei Seekrankheit) das ganze Unterdeck bei Laune hält. Infolgedessen ist er bei allen Mitreisenden so beliebt, dass er ins Grübeln kommt, ob diese Umstände es nicht jedem leicht machen würden, "jolly" zu sein. Dass es seine eigene Güte ist, die erst das Wohlwollen der Anderen zum Vorschein brachte, kann er nicht sehen: wohl aber natürlich der Leser.

20 November 2006

Naturwissenschaften und Moralischer Blick

In seinem neuen Buch Science and virtue (London : Ashgate, 2006) geht Louis Caruana dem Zusammenhang nach, der zwischen einer naturwissenschaftlich forschenden Tätigkeit bzw. einer 'wissenschaftlichen Mentalität' und moralischem Verhalten besteht. Dabei interessiert er sich in der Hauptsache nicht für die Frage, inwiefern der Materialismus der Naturwissenschaften Empathie und Humanität abtötet -- das wäre ja eine Lieblingskritik an der zweiten Kultur --, sondern mehr für die Frage, wie wissenschaftliche Tätigkeit bestimmte Tugenden fördert, die zum 'guten Leben' beitragen. Ihm geht es sowohl um das gute Leben des Forschers selbst als auch um das 'gute Leben' oder Blühen der Menschheit.
Caruanas Essay hat durchaus eine normative Dimension: er wünscht die Verbindung von Wissen (als dem Ziel der Wissenschaften) und Weisheit. Erst in der Suche nach Weisheit würden die Tugenden wissenschaftlicher Mentalität verantwortungsvoll gebraucht. Deutlicher gesagt: sieht Caruana durchaus die Mängel in einer ausschließlich 'wissenschaftlichen' Mentalität -- nur konzentriert er sich auf deren Stärken.

10 April 2006

Wer eine Tugend hat, hat alle: ein paar Bemerkungen zur Nikomachischen Ethik

Eva Schmid hat hier im Kommentar gefragt:
Sagt Aristoteles wirklich, dass man mit einer Tugend auch alle anderen hat, was umgekehrt bedeutet, dass man, wenn einem eine Tugend fehlt, auch keine anderen hat? Das hoert sich in meinen Ohren geradezu absurd an!

Als ich eben in der Nikomachischen Ethik blätterte, ging mir auf, dass es schon länger als 10 Jahre her ist, dass ich mich ernsthaft damit beschäftigt hätte! Aber manche Dinge bleiben so hängen, und dazu gehört diese These, dass eine Tugend zu haben bedeutet, auch alle anderen zu haben. Dass dies nicht ganz sinnvoll oder stimmig klingt für heutige Ohren, ist klar, aber leicht möglich, denn so ganz vergleichbar sind ja Menschenbild und Kultur damals und heute nicht. Aber nun im einzelnen, soweit ich mich erinnere.
Die fragliche These hat Voraussetzungen in mehreren Bestandteilen in Aristoteles' Theorie. Ein Bestandteil ist die Eudaimonia-Lehre im ersten Buch. Die bedeutet grob gesagt, dass alles Handeln auf einen einzigen Endzweck zielt. In der Hierarchie aller Ziele ganz oben steht die "Eudaimonia" oder "Glückseligkeit". Alles Handeln, was nicht direkt auf sie zielt, zielt indirekt auf sie.
Eine Tugend zu haben bedeutet nach Aristoteles zwei Dinge: 1. disponiert zu sein zur tugendgemäßen Handlung, 2. tugendgemäß Handeln. (2. und 3. Buch). Eine tugendgemäße Handlung allein genügt nicht, weil die Tugend gerade im regelnäßigen, wiederholten Vollziehen solcher Handlungen sich äußert. Die wird sichergestellt durch die innere Einstellung dazu, die Gewöhnung zum tugendgemäßen Verhalten. -- Das entspricht auch dem heutigen Tugendbegriff.
Um tugendhaft zu handeln, braucht man Klugheit (Phronesis). (6. Buch) Das ist eine bei Aristoteles ganz eigentümliche Verknüpfung von inhaltlicher Bestimmung (Qualität des Ziels) und formaler, denn für die Fähigkeit, zu einem beliebigen Ziel das rechte Mittel zu finden, gibt es einen eigenen Namen, den Gigon mit "Gewandtheit" übersetzt, und an mindestens einer Stelle ist genau dies auch die Bestimmung der Klugheit.
Dann heißt es am Ende des 6. Buches, zitiert in der Übersetzung von Gigon:
Es ergibt sich also aus dem Gesagten, dass man nicht in einem wesentlichen Sinne gut sein kann ohne die Klugheit, noch klug ohne die ethische Tugend.
Auf diese Weise werden auch die Argumente widerlegt, mit denen man vielleicht beweisen möchte, dass die Tugenden voneinander getrennt sind; es könne nämlich nicht derselbe gleich begabt zu allen Tugenden sein, und so werde er die eine bereits erworben haben, die andere dagegen noch nicht.
Dies ist bei den natürlichen Tugenden möglich, nicht aber bei den anderen, auf Grund deren man schlechthin tugendhaft heißt. Denn wenn man die Eine Klugheit besitzt, wird man zugleich alle Tugenden besitzen. (1144 b31ff)

Man kann nicht gut sein ohne Klugheit, weil man ohne Klugheit nicht zum guten Ziel käme; erst die Klugheit verrät einem den Weg dahin. Man kann aber auch nicht klug sein ohne Tugend, weil man ohne Tugend das Ziel nicht kennte -- das ist die oben erwähnte eigentümliche Verquickung (sicher keine Stärke der Theorie). Ich habe jetzt auf die Schnelle nicht mehr herausbringen können, was "schlechthinnige" Tugendhaftigkeit von "natürlicher" unterscheidet; bleibt aber trotzdem deutlich die These, dass, wer tugendhaft ist, auch klug ist, und wer klug ist, alle Tugenden hat.