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26 September 2007

Wittgensteins Kritik an Russell

Wer Wittgenstein für den größten Philosophen des letzten Jahrhunderts hält, dem muss der Titel von Gregory Landinis neuem Buch Wittgenstein's apprenticeship with Russell (Cambridge : Cambridge UP, 2007) ein bisschen schräg vorkommen. Hat nicht Wittgenstein mit seiner Kritik an der Typentheorie Russell tief in die Depression gestürzt (und das Verhältnis zwischen beiden auf den Kopf gestellt)? Landini meint, dass diese Standardinterpretation falsch ist: und stützt sich dafür auf Russells Nachlass. Landini meint außerdem, dass Wittgensteins Grundidee des Zeigens im Tractatus eine Transformation einer Idee von Russell ist.

Das Buch ziert außerdem ein Foto auf dem Umschlag, das mir bislang völlig unbekannt war. Es zeigt Wittgenstein und Russell im Gespräch in einem Kaffeehausgarten? Biergarten?, 1922. Russells Charakterkopf ist gut zu erkennen, Wittgenstein nicht ganz so deutlich. Trotzdem ein schönes Bild.

14 März 2007

Wittgensteins Schüler

Gibt es irgendwo eine Liste, wer alles mal bei Wittgenstein gehört hat?
Hier gibt's eine Rezension von Hackers Wittgenstein im Kontext der analytischen Philosophie, wo von ein paar die Rede ist. Ich habe keine gefunden; neu war mir jedenfalls der Name von M. O'C. Drury, der in seinem Buch The danger of words (London : Routledge & Kegan Paul, 1973) im Vorwort feststellt, "the author of these writings was at one time a pupil of Ludwig Wittgenstein". Darin findet sich auch diese nette Anekdote über Russell:
Someone was inclined to defend Russell's writings on marriage, sex, and 'free love'. Wittgenstein interposed by saying: 'If a person tells me he has been to the worst of places I have no right to judge him, but if he tells me it was his superior wisdom that enabled him to go there, then I know that he is a fraud.' He went on to say how absurd it was to deprive Russell of his Professorship on 'moral grounds'. 'If ever there was such a thing as an an-aphrodisiac it is Russell writing about sex!'

Beurteilt LW also eine Handlung nach ihren Folgen, nicht nach ihrer Intention...

04 Mai 2006

Der gegenwärtige König von Frankreich

hat vielleicht eine Glatze. 1905 erschien zum ersten Mal Russells On denoting (hier online); in den letzten hundert Jahren ist einiges an Diskussion darüber zustande gekommen. Die Titelformulierung dieses Posts -- für alle, die nicht so gut bei den Analytikern zu Hause sind -- ist ein Beispielsatz von Russell, um die Schwierigkeit zu illustrieren, die sich ergibt, wenn man von einer zweiwertigen Logik ausgeht bei der Zuschreibung von Wahrheitswerten zu Propositionen, äh, bei der Frage, ob ein Satz wahr oder falsch ist. Analytische Philosophen, wie der Name schon sagt, pflegen solchen Schwierigkeiten durch eine logische Bedeutungsanalyse zu begegnen. Ist der Satz falsch? Impliziert die Verneinung nicht auch, dass es jetzt einen König in Frankreich gibt?
Das ist vielleicht die geringste der Fragen, die Russell aufgeworfen hat. In aller Ausführlichkeit kann man die 100 Jahre Rezeptionsgeschichte bzw. die Fruchtbarkeit von Russells Fragestellung nun im Sammelband On denoting 1905-2005, hg. von Bernard Linsky und Guido Imaguire nachlesen (Philosophia Verlag München, 2005).

Im Vorwort (S. 11) wird ein "apocryphal tale" mitgeteilt, das in "certain German academic circles" kursiere und das ich hier übersetzt wiedergebe, weil ich herzlich drüber gelacht habe:
Ein Student, der kein großes Interesse an analytischer Philosophie besaß, musste doch zugeben, dass er ein paar nützliche Fakten gelernt habe: dass der Morgenstern der Abendstern sei, dass alle Schwäne weiß seien und dass "Schnee ist weiß" wahr sei genau dann, wenn Schee weiß sei; aber bisher habe er nicht begriffen, ob der König von Frankreich nun eine Glatze habe oder nicht. Immerhin müsse aber der König, um den es hier geht, jetzt über 100 Jahre alt sein, so dass man wohl jetzt getrost annehmen dürfe, falls er mal welche gehabt habe, seien ihm die Haare längst ausgegangen!


Update 8.5.: Auch die Zeitschrift Mind feiert den 100. Geburtstag von On denoting, und zwar mit einem Sonderheft -- Nr. 456, erschienen Oktober 2005, darin z.B. ein Aufsatz von David Kaplan, "Reading On Denoting on its centenary".