Menschlich im eigentlichen Sinne wurden wir erst, als wir Wege fanden, sozial unverträgliches Verhalten zu verhindern und altruistische Fähigkeiten zu verstärken,schreibt Kitcher. Diese Errungenschaft sei an die Verwendung von Sprache geknüpft; Regeln müssen formuliert und mit Verhalten verglichen werden. Die Regelsysteme sind dann einem Prozess der Entwicklung ausgesetzt, der wie eine Evolution beschrieben werden kann: sie müssen sich bewähren in unterschiedlichen Umwelten; manche Regeln werden aufgegeben, andere kommen hinzu. Der Blick auf die Geschichte der kodifizierten Moral zeigt, wie unterschiedliche Gesellschaften sich unterschiedlichen Regeln unterwarfen. Kitchers Schlussfolgerung:
Dieser Blick auf die historischen Wurzeln unserer ethischen Begriffe mag für die Zukunft hilfreich sein. In Debatten über ethische Fragen kann man sich nicht darauf beschränken, Dogmen konkurrierender Traditionen auszutauschen oder unauflösliche Meinungsverschiedenheiten einfach hinzunehmen.Kitcher erblickt hier also eine Möglichkeit, mit den Meinungsverschiedenheiten umzugehen. Das Bewusstsein davon, wie die moralischen Regelsysteme gewachsen sind, und vor allem davon, dass sie Antworten auf frühere Fragen enthalten, die nicht unbedingt dazu taugen, zukünftige moralische Probleme anzugehen, schärft den Sinn für ihre Grenzen.
Abschließend geht Kitcher auf die "unauflöslichen Meinungsverschiedenheiten" ein, die im Konflikt mit denjenigen entstehen mögen, die sich nicht der Relativität und Gewachsenheit ihrer Moral bewusst sind, z.B. religiös orientierten Gesellschaften. Entweder gelingt es, diesen den historischen, relativierenden Blick zu schärfen, oder man ist auf das vorethische, allein empathische Verhalten der Schimpansen zurückgeworfen (überspitzt gesagt).
Der Titel "Ethik ohne Gott" ist von der ZEIT deutlich polemisch gewählt, denn die religiöse Begründung von Moral spielt in Kitchers Überlegungen nur eine kleine Rolle. Trotzdem gibt sie den Kern ab für die "Replik", die Eckhard Nordhofen eine Woche später an gleicher Stelle in der ZEIT (Nr. 39) veröffentlicht, Titel: "Vom Nutzen und Nachteil des Glaubens". Man muss Nordhofens Beitrag mehrmals lesen, um seinen Punkt mitzubekommen, weil er so sehr an Kitchers Überlegungen vorbeigeht. Nordhofen stellt im Grunde fest, dass das religiöse Fundament von Moral für gläubige Menschen von Vorteil ist, weil es ihnen hilft, sich an die Regeln zu halten; sie haben, sozusagen, einen guten Grund, moralisch zu handeln. Diese These ist, finde ich, weder besonders strittig noch besonders wichtig, denn sie trägt nicht dazu bei, zukünftige moralische Fragen zu lösen: weder kann man Leuten, die nicht religiös sind, mit dieser Überlegung dazu bringen, religiös zu werden, noch kann man damit die moralischen Konflikte mit Gruppen, die anders religiös sind als man selbst, wirkungsvoll angehen. Im Untertitel heißt es bei Nordhofen: "Werte sind mehr als Spielregeln. Doch wenn Menschen sie eigenmächtig für gottgewollt erklären, taugen sie nicht viel". Jaja, möchte man sagen. Na und?
Also: Lieber nur Kitchers Aufsatz lesen, das bringt mehr!
