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15 Mai 2008

Neues zu Mitleid und Mitgefühl

Nina Gülcher und Irmela von der Lühe haben zusammen einen Aufsatzband herausgegeben: Ethik und Ästhetik des Mitleids. - Freiburg : Rombach, 2007. Frau von der Lühe mag ich sehr gern, seit ich sie in Göttingen kennengelernt habe, und das einzige, was mir von ihr fehlt, ist eigentlich mal wieder ein Buch. Aber es scheint, als ließe sich ihre Forschung nicht so monographisch zusammenfassen.
Das hier genannte Buch ist jedenfalls auch als Hinweis auf Käte Hamburgers Werk Das Mitleid zu verstehen, und tut damit mir den weiteren Dienst, mich an Hamburger zu erinnern. Von der habe ich nach der Logik der Dichtung nichts mehr gelesen.
Ist ein Zufall, dass das Buch gerade in der Woche auf meinem Schreibtisch liegt, da im ZEIT-Magazin ein Gespräch über die neurologischen Grundlagen von Mitleid und Mitgefühl zu lesen ist, unter anderem über die sogenannten Spiegelneuronen. Das sind Nervenzellen, die aktiv werden, wenn man eine Handlung beobachtet, und ihr Aktionsmuster gleicht dem des Selbertuns. Für Literaturtheoretiker ein gefundenes Fressen, denke ich, sofern sich zeigen ließe, dass es genügen würde, eine Handlung nur zu lesen (statt sie im Video zu sehen). Das würde eine der großen Fragen beantworten, das Hekuba-Problem.

25 Januar 2008

Ist Science Fiction die bessere Philosophie?

Clive Thompson meint sogar, Sci-Fi sei die "letzte" große Literatur über Ideen, was Wired unter der knalligeren Überschrift präsentiert, Sci-Fi sei die "Letzte Bastion philosophischen Schreibens". Thompson meint, dass realistische Literatur ihn gelangweilt hätte, weil dort doch im wesentlichen alle Möglichkeiten probiert worden seien. Darum habe er sich der "spekulativen" Literatur zugewandt:
Alter reality -- and see what new results you get. Which is precisely what sci-fi does. Its authors rewrite one or two basic rules about society and then examine how humanity responds -- so we can learn more about ourselves. How would love change if we lived to be 500? If you could travel back in time and revise decisions, would you? What if you could confront, talk to, or kill God?
Tja, das sind Fragen. Philosophische natürlich.
Thought experiments formed the foundation of Western philosophy -- from Socrates to Thomas Hobbes to Simone de Beauvoir. So, then, why does sci-fi, the inheritor of this intellectual tradition, get short shrift among serious adult readers?
Ich finde das einen lustigen Gedankengang. Ja, "spekulative Literatur" in Thompsons Wortwahl beschäftigt sich mit dem "Was wäre, wenn". Aber das tut sie doch, um etwas über das "Was ist" herauszufinden. Also da, wo überhaupt ein Erkenntnisgewinn (und nicht bloß ein unterhaltsamer Zeitvertreib) dahintersteht, betrifft die Erkenntnis die wirkliche Welt.
Und hin und wieder soll es ja auch ein Philosophie-Buch geben, dass seinem Leser Erkenntnis bringt...

Ja, ich habe auch etwas für Science Fiction und Fantasy übrig.
Teenagers love to ponder such massive, brain-shaking concepts, which is precisely why they devour novels like Philip Pullman's His Dark Materials, the Narnia series, the Harry Potter books,
Aber kann ernsthaft behaupten, dass Harry Potter und die Narnia-Bücher "brain-shaking concepts" zum Thema haben? Oder ist das fantastische an diesen Büchern nicht gerade das eskapistische?

25 November 2007

Literatur und Einstellung

Warum fällt es uns schwer, Ästhetik und Moral auseinanderzuhalten, wenn es um Kunstwerke geht? Warum finden wir Verschiebungen der Realität (z.B. die Möglichkeit von Magie) in Literatur unproblematisch, akzeptieren aber nicht, wenn uns derselbe Text einen anderen Begriff von Humor oder Moral andient für die Welt der Fiktion? Und warum weigern sich manchmal Leser, sich etwas vorzustellen, was im Text vorkommt?
Kendall Walton fasst seine Forschung dazu zusammen im Aufsatz "On the "(so-called) Puzzle of Imaginative Resistance", erschienen in The Architecture of the Imagination : new essays on pretence, possibility, and fiction, hg. von Shaun Nichols (Oxford : OUP, 2007).

24 November 2007

Roman und Philosophie im Widerstreit?

Ohne das Fragezeichen ist dies der Untertitel der Studie von Markus Gasser, welche den schönen Haupttitel trägt Die Sprengung der platonischen Höhle, 2007 bei Wallstein in Göttingen erschienen. Es ist ein intelligentes Buch, in dem es Gasser darum geht, aus literaturwissenschaftlicher Perspektive, wie sich die beiden Disziplinen vertragen: in der Literatur, nicht in der Theorie.
Allerdings freut er sich so sehr an seinem Streifzug durch die Literatur- und Mediengeschichte (mit Blick auf all die Lieblingstexte), dass das Systematische, so es nicht auf der Strecke bleibt, jedenfalls nicht mehr sichtbar ist. Ich mag 'Schlussworte', in denen nicht nur im letzten Satz eine Pointe steckt, sondern die auch noch deutlich benennen, welchen Ertrag die Vor-Worte gebracht haben. Da verzichte ich auch gern auf ein bisschen stilistischen Talmi-Glanz.

04 September 2007

Analytische Philosophie und Literatur

Analytische Philosophie hat zur Literatur nicht viel zu sagen. Die wichtigsten Fragen waren bislang drei:
- Worauf referiert literarisches Sprechen? (oder: Was ist Fiktion?) Das hat wohl mit Freges Unterscheidung von Sinn und Bedeutung zu tun, die literarischem Sprechen nicht wirklich beikommt.

- Wie kommt es, dass Literatur Erkenntnis vermittelt, obwohl sie ja nicht "wahr" in Freges Sinn ist?

- Das Hekuba-Problem: Wie kommt es, dass Leser Anteil nehmen an dem, was sie lesen, obwohl sie wissen, dass es nicht wahr (nicht "wirklich") ist? ("Was ist ihm Hekuba, was ist er ihr, dass er um sie soll weinen?" fragt Hamlet, als er die Wirkung des Schauspiels sieht.)

Wie man sieht, gehen alle drei Fragen von demselben aus: dass Analytische Philosophie mit fiktionalem / literarischem Sprechen nichts anfangen kann. Das ist auch in jeder Theorie der Bedeutung, die ich kenne, bisher ein unbeackertes Thema.

Ist natürlich schön, wenn da mal wieder was neues erscheint, was ein bisschen Erkenntnisgewinn verspricht, wie der Sammelband A sense of the world : essays on fiction, narrative and knowledge, hg. von John Gibson u.a. (New York : Routledge, 2007). Und wenn da auch ein paar Leute mitschreiben, die wirklich was von Literatur verstehen, wie Wolfgang Iser. (Wusste gar nicht, dass der gestorben ist.) Oder die sich schon intelligent über Kunst geäußert haben, wie Catherine Z. Elgin.

[Update 14.9.] Bei Continuum ist soeben (2007) ein neuer Überblick erschienen, Aesthetics and literature, von David Davies, der allen genannten Fragen nachgeht.
[Udate 23.10.] A, P. Martin und Avrum Stoll haben bei Rowman & Littlefield (Lanham u.a., 2007) ein Buch mit dem schönen Titel Much ado about nonexistence : fiction and reference geschrieben. Der Klappentext lobt bereits, hier habe man das klarste und am besten entwickelte Buch übers Thema; Fiktion würde als Institution behandelt und "fictional facts as institutional facts". Man wird das Buch lesen müssen, um hier die Bedeutung von "institution" nachzuvollziehen.

07 Mai 2007

Dichtung und Wahrheit in der Literaturtheorie

Während ich die Frage, was fiktionale Gegenstände von nichtfiktionalen unterscheidet, nicht besonders spannend finde, weil ich das genau weiß, und die Frage, ob fiktionale Gegenstände "existieren", sinnlos, weil ich weiß, welche Daseinsform sie haben, finde ich die Frage nach der "objektiven Gültigkeit von Interpretationshypothesen" wichtig und spannend. Maria E. Reicher hat mit Fiktion, Wahrheit, Wirklichkeit einen Sammelband über die "philosophischen Grundlagen der Literaturtheorie" (Untertitel) herausgegeben, der 2007 bei mentis erschien. Der Band widmet sich genau den genannten Fragen sowie derjenige nach dem sprechakttheoretischen Status fiktionaler Rede, und alle vier Fragen bekommen zwei Stellungnahmen. Allerdings gibt es leider nur einen Originalbeitrag, alle anderen sind zum Teil sogar olle Kamellen. Searles Aufsatz etwa stammt von 1975, Peter van Inwagens Fiktionale Geschöpfe von 1977. Trotzdem ein lesenswerter Einblick in die analytisch geprägte Literaturtheorie. Man muss allerdings hinzufügen, dass die großenteils von Philosophen geführt wird, die offenbar wenig Kenntnis der sonstigen literaturtheoretischen Diskussion haben: so ist klar, warum eine Theorie der Fiktion wichtig ist für eine Theorie der Bedeutung überhaupt, aber weitaus weniger klar, welche Folgen eine Klärung des "ontologischen Status fiktionaler Gegenstände" denn für unser Literaturverständnis haben könnte. Darum finde ich auch die Sache mit der "Gültigkeit der Interpretationshypothesen" am spannendsten. Auch hier hätte der Band vielleicht von ein paar neuen Gedanken profitieren können, denke ich: so scheint es mir naheliegend, nicht wirklich den Intentionalismus als ernsthaften Theorie-Kandidaten ins Feld zu führen (Es ist wahr, dass Hamlet einen Ödipus-Komplex hatte, wenn der Autor dies so schreiben wollte), sondern es mal mit einem Kontextualistischen Ansatz zu probieren.

13 Oktober 2005

Um 1900 feiern Literatur und Erkenntnistheorie Hochzeit

Thomas Mann, Hermann Broch, Robert Musil und andere Schriftsteller nehmen die Erkenntnistheorie ihrer Zeit zur Kenntnis und verwandeln sie in etwas Neues. Musil, der bekanntlich über Ernst Mach promoviert hat, ist dabei vielleicht das prominenteste und auch besterforschte Beispiel. Jetzt geht ein Sammelband, hg. von Christine Maillard (Littérature et théorie de la connaissance 1890-1935, Strasburg: Presses universitaires de Strasbourg, 2004), in insgesamt 20 Beiträgen dem Zusammenspiel von Literatur und Erkenntnistheorie um 1900 nach. Die Aufsätze sind deutsch und französisch; neben Germanisten haben hier auch Philosophen mitgewirkt. Die Münchnerin Verena Mayer z.B. sucht "Konstitutionsbeziehungen in der Philosophie um 1900" auf; Christine Maillard schreibt über die erkenntnistheoretischen Ansichten Alfred Döblins; Armin Westerhoff begreift Musils Poetologie als Erkenntnistheorie. Eine feine Sache!