Dass Emmanuel Faye einen eigenen Blick auf Heidegger und den Nationalsozialismus hat, den er ausführlich in einem Buch Heidegger, l'introduction du nazisme dans la philosophie (2005) anzeigte, darauf habe ich hier schon hingewiesen. Inzwischen ist das Buch in einer zweiten Auflage erschienen, die 200 Seiten stärker ist; im umfangreichen Vorwort dazu geht Faye auch auf die Diskussion nach Erscheinen der ersten Auflage ein. Und führt natürlich neue Textbelege / Argumente an. Außerdem liefert er die Bibliographie der Rezeption dieser ersten Auflage gleich mit, am Ende des Vorworts.
Da das ganze für 9,- € im Taschenbuch erschienen ist, kann man ja mal einen Blick wagen...
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24 September 2007
12 Februar 2007
Philosophie in Deutschland 1933-1945
Marion Heinz und Goran Gretic haben bei Königshausen und Neumann die Frucht zweier Tagungen an der Uni Siegen herausgegeben, die sich dem Thema Philosophie und Nationalsozialismus widmeten: als Sammelband Philosophie und Zeitgeist im Nationalsozialismus, Würzburg 2006 (hier Inhaltsverzeichnis). Ich finde besonders den ersten der drei Teile, "zeitgeschichtliche Resonanzen" interessant; dort geht z.B. Olivier Agard auf die "Resonanz" der deutschen Philosophie der Zeit in Frankreich ein, und Ilse Korotin beleuchtet, wie der Sicherheitsdienst des Reichsführer SS deutsche und österreichische Philosophen beobachtete. Ein bisschen zu fehlen scheint mir die Perspektive des Übergangs von der Weimarer in die NS-Zeit und die Institutionengeschichte, etwa im Wandel von Zeitschriften, z.B. des Logos, die bis 1933 Internationale Zeitschrift für Philosophie der Kultur im Untertitel hieß und für die es auch Pläne für internationale Parallelausgaben gab. Darin schrieb, wer Rang und Namen hatte. Flugs wurde sie 1933 umbenannt zur Zeitschrift für Deutsche Kulturphilosophie. Was sich in der Namensänderung zeigt, ließe sich ja sicherlich auch ausführlicher in den Beiträgen festmachen.
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Geistesgeschichte,
Nazi
13 August 2006
Günter Grass' Gebrauchtwagen
Dass nach Grass' Bekenntnis er sei als 17jähriger Mitglied der Waffen-SS gewesen, die Öffentlichkeit aufschreien würde, erstaunt nicht. Was hier in Anschlag gebracht wird, ist das augenscheinliche Missverhältnis zwischen Tun und Empfehlen. Grass gibt (gab) sich als moralische Autorität, hat aber selbst in der Jugend gesündigt. Wie soll man dazu stehen?
Nicht so wie Martin Walser jedenfalls. Der beobachtet zwar richtig das Reflexhafte der Reaktionen, das scheint ihm aber zu genügen: eine ihrerseits oberflächliche Antwort (wahrscheinlich freut sich Walser einfach, das er mal Grass an die Seite treten kann).
Grass' SS-Vergangenheit scheint von manchen als persönliche Kränkung erlebt zu werden, die seine moralische Autorität schätzten. Sie sind beleidigt, weil sie ihm geglaubt oder seinen Äußerungen früher einen besonderen Stellenwert eingeräumt haben. Spiegel online zitiert Joachim Fest mit der Äußerung, er wolle von Grass nun nicht einmal mehr einen Gebrauchtwagen kaufen. (Ja, das zeigt, dass Grass wirklich als moralische Instanz diskreditiert ist, wenn man nun nicht einmal mehr einen Gebrauchtwagen von ihm kaufen kann.)
Und moralische Autorität, stellt sich heraus, besteht nicht etwa darin, dass man das Richtige sagt, fordert, empfiehlt. Sondern darin, dies schon immer und unveränderlich als das Richtige erkannt zu haben. Damit führt die moralische Autorität in eine religiöse Dimension, weil sie ein Verhaltensmuster erlaubt, das auch im Umgang mit göttlichen Geboten erwünscht ist: die unreflektierte Übernahme.
Jetzt fordert Grass' Bekenntnis zur Reflexion seiner Äußerungen heraus. Stimmen sie noch? Müssen wir jetzt genauer hinsehen? Wie unbequem!
Ein zweites religiöses Deutungsmuster zeigt sich: Vorher war Grass ein Heiliger, Nobelpreis und Ehrenbürgerwürde von Danzig sind die äußeren Zeichen. (Soll Grass beides zurückgeben? Vielleicht äußert er sich dazu noch öffentlich. Sein eigenes moralisches Empfinden beschäftigt sich bestimmt damit.) Dass Heilige (wie z.B. Aurelius Augustinus) Sünder gewesen sein können, bevor sie Anhänger der 'richtigen Moral' wurden, deutet vor allem auf den etablierten Weg vom einen Status zum anderen: man darf nicht heimlich zum Heiligen werden, sich nicht selbst taufen, nicht für sich abschwören. Alle müssen mitkriegen, ab wann man moralisch untadelig leben möchte.
Nicht so wie Martin Walser jedenfalls. Der beobachtet zwar richtig das Reflexhafte der Reaktionen, das scheint ihm aber zu genügen: eine ihrerseits oberflächliche Antwort (wahrscheinlich freut sich Walser einfach, das er mal Grass an die Seite treten kann).
Grass' SS-Vergangenheit scheint von manchen als persönliche Kränkung erlebt zu werden, die seine moralische Autorität schätzten. Sie sind beleidigt, weil sie ihm geglaubt oder seinen Äußerungen früher einen besonderen Stellenwert eingeräumt haben. Spiegel online zitiert Joachim Fest mit der Äußerung, er wolle von Grass nun nicht einmal mehr einen Gebrauchtwagen kaufen. (Ja, das zeigt, dass Grass wirklich als moralische Instanz diskreditiert ist, wenn man nun nicht einmal mehr einen Gebrauchtwagen von ihm kaufen kann.)
Und moralische Autorität, stellt sich heraus, besteht nicht etwa darin, dass man das Richtige sagt, fordert, empfiehlt. Sondern darin, dies schon immer und unveränderlich als das Richtige erkannt zu haben. Damit führt die moralische Autorität in eine religiöse Dimension, weil sie ein Verhaltensmuster erlaubt, das auch im Umgang mit göttlichen Geboten erwünscht ist: die unreflektierte Übernahme.
Jetzt fordert Grass' Bekenntnis zur Reflexion seiner Äußerungen heraus. Stimmen sie noch? Müssen wir jetzt genauer hinsehen? Wie unbequem!
Ein zweites religiöses Deutungsmuster zeigt sich: Vorher war Grass ein Heiliger, Nobelpreis und Ehrenbürgerwürde von Danzig sind die äußeren Zeichen. (Soll Grass beides zurückgeben? Vielleicht äußert er sich dazu noch öffentlich. Sein eigenes moralisches Empfinden beschäftigt sich bestimmt damit.) Dass Heilige (wie z.B. Aurelius Augustinus) Sünder gewesen sein können, bevor sie Anhänger der 'richtigen Moral' wurden, deutet vor allem auf den etablierten Weg vom einen Status zum anderen: man darf nicht heimlich zum Heiligen werden, sich nicht selbst taufen, nicht für sich abschwören. Alle müssen mitkriegen, ab wann man moralisch untadelig leben möchte.
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Grass,
Nazi,
Praktische Ethik
16 November 2005
Nachtrag zu Heideggers Nazismus
Man könnte fast fragen: Heidegger immer noch ein Nazi? (1, 2)
Im Wikipedia-Artikel über Heidegger findet man Literaturhinweise und kurze Darstellung des ersten Heidegger-Aufregers nach dem Buch von Victor Faria Heidegger et le nazisme 1987 sowie der seinerzeit von Altwegg herausgegebenen Dokumentation über die folgende Debatte in Deutschland. Mir ist zudem gerade ein neues Buch unter die Finger geraten, von James Phillips: Heidegger's Volk : between national socialism and poetry. Eine Rezension dazu aus den Notre Dame philosophical reviews von Hans Sluga. Aus den ersten Sätzen von Phillips' Buch:
Im Wikipedia-Artikel über Heidegger findet man Literaturhinweise und kurze Darstellung des ersten Heidegger-Aufregers nach dem Buch von Victor Faria Heidegger et le nazisme 1987 sowie der seinerzeit von Altwegg herausgegebenen Dokumentation über die folgende Debatte in Deutschland. Mir ist zudem gerade ein neues Buch unter die Finger geraten, von James Phillips: Heidegger's Volk : between national socialism and poetry. Eine Rezension dazu aus den Notre Dame philosophical reviews von Hans Sluga. Aus den ersten Sätzen von Phillips' Buch:
Martin Heidegger's engagement with National Socialism was a philosophical engagement, even thought it appeared -- and more than appeared -- to be an abdication of philosophy. ... What Heidegger desired in 1933, and what he imagined he could effect by running the university in collaboration with the new regime, was ... the irruption of the nonideality of the political realm into philosophy.
13 November 2005
Heideggers Irrationalismus ...
mspro hat in seinem Blog Mymspro einen lesenswerten Kommentar geschrieben zur Frage. Ich denke wie er, dass Faye nicht richtigherum fragt. Weil Nazismus (auch) eine moralisch wertende Kategorie ist, wirft Fayes These eigentlich die Frage auf, wie wir mit dem bösen Heidegger weiter umgehen. Ob sich die philosophische Seele beschmutzt, wer Heidegger liest.
Aber vielleicht ist es eher umgekehrt mit Heidegger und den Nazis. Vielleicht hat Heideggers etwas verschwiemeltes Denken, mehr auf Tiefe denn auf Klarheit zielend, in seiner Sorglosigkeit einen Denkstil des Raunens salonfähig gemacht, der sich leicht missbrauchen ließ. Vielleicht trägt Heideggers Irrationalismus zur Hochzeit des Irrationalen in den dreißiger Jahren bei. (Dieser Gedanke geht auf mehrere Äußerungen Ingeborg Bachmanns zurück, die das ein wenig schärfer formuliert.)
Gerechtigkeitshalber muss man feststellen, wie wenig 'Rationalität' vor politischer Dummheit (und schließlich Unmoral) schützt. Dass der Urvater der Analytischen Philosophie, Gottlob Frege, auch Sympathien für Hitler und die Nazis gehabt hat, weiß man seit 1994 (Jg. 42 der Deutschen Zeitschrift für Philosophie), als sein "politisches Tagebuch" aus den zwanziger Jahren bekannt wurde.
Aber vielleicht ist es eher umgekehrt mit Heidegger und den Nazis. Vielleicht hat Heideggers etwas verschwiemeltes Denken, mehr auf Tiefe denn auf Klarheit zielend, in seiner Sorglosigkeit einen Denkstil des Raunens salonfähig gemacht, der sich leicht missbrauchen ließ. Vielleicht trägt Heideggers Irrationalismus zur Hochzeit des Irrationalen in den dreißiger Jahren bei. (Dieser Gedanke geht auf mehrere Äußerungen Ingeborg Bachmanns zurück, die das ein wenig schärfer formuliert.)
Gerechtigkeitshalber muss man feststellen, wie wenig 'Rationalität' vor politischer Dummheit (und schließlich Unmoral) schützt. Dass der Urvater der Analytischen Philosophie, Gottlob Frege, auch Sympathien für Hitler und die Nazis gehabt hat, weiß man seit 1994 (Jg. 42 der Deutschen Zeitschrift für Philosophie), als sein "politisches Tagebuch" aus den zwanziger Jahren bekannt wurde.
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Frege,
Heidegger,
Nazi,
Rationalität
09 November 2005
Nazi Heidegger?
Jaja, das Fragezeichen in der Überschrift ist ein bisschen heuchlerisch, denn jeder weiß ja, dass der "versteckte König" der Philosophen (Hannah Arendt schreibt das 1978 als Erinnerung an die Zeit, da sie sich nach Freiburg zum Studium aufmachte) sogar Rektor wurde in Freiburg unter den Nazis und eine grässliche "Rektoratsrede" hielt. Alte Hüte also?
Ist wohl nicht damit getan, sondern eine interessante Frage, ob Heideggers Philosophie nazistische Elemente aufwies, und zwar a) in den dreißigern, als er nahe dran war, und b) später, nach dem Krieg. Letzteres wäre ja ein Prüfstein, an dem der "echte" Heidegger erkennbar würde (denn dass Heidegger auch ein opportunistischer und eitler Knopf, ach nee: Kopf, war, dürfte zustimmungsfähig sein). Ist Heideggers Philosophie weltanschaulich gefärbt, dann fragt sich zudem, ob diese Weltanschauung auf jene abfärbt, die sich von Heideggers Philosophie beeinflussen lassen. Das ist vermutlich der Kern, warum Emmanuel Fayes Buch Heidegger, l'introduction du nazisme dans la philosophie, in Frankreich so einen Wirbel gemacht hat, denn der Einfluss Heideggers gerade auf die Großdenker ist ja bekannt.
Ich wurde erst jetzt durch eine Zusammenfassung in Information Philosophie 4/2005 darauf aufmerksam. (Die Nummer ist übrigens auch interessant wegen eines kritischen Artikels, der "Faszination Agamben" überschrieben ist, aber eher "Deflating Agamben" heißen könnte.)
Faye hat seine Thesen auf deutsch in der ZEIT vorgetragen, wo auch eine lesenswerte kritische Antwort von Thomas Meyer erschien.
Ist wohl nicht damit getan, sondern eine interessante Frage, ob Heideggers Philosophie nazistische Elemente aufwies, und zwar a) in den dreißigern, als er nahe dran war, und b) später, nach dem Krieg. Letzteres wäre ja ein Prüfstein, an dem der "echte" Heidegger erkennbar würde (denn dass Heidegger auch ein opportunistischer und eitler Knopf, ach nee: Kopf, war, dürfte zustimmungsfähig sein). Ist Heideggers Philosophie weltanschaulich gefärbt, dann fragt sich zudem, ob diese Weltanschauung auf jene abfärbt, die sich von Heideggers Philosophie beeinflussen lassen. Das ist vermutlich der Kern, warum Emmanuel Fayes Buch Heidegger, l'introduction du nazisme dans la philosophie, in Frankreich so einen Wirbel gemacht hat, denn der Einfluss Heideggers gerade auf die Großdenker ist ja bekannt.
Ich wurde erst jetzt durch eine Zusammenfassung in Information Philosophie 4/2005 darauf aufmerksam. (Die Nummer ist übrigens auch interessant wegen eines kritischen Artikels, der "Faszination Agamben" überschrieben ist, aber eher "Deflating Agamben" heißen könnte.)
Faye hat seine Thesen auf deutsch in der ZEIT vorgetragen, wo auch eine lesenswerte kritische Antwort von Thomas Meyer erschien.
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