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01 Dezember 2008

Leibniz' Diss De casibus ... (Teil 2)

Neulich hatte ich mich der Frage gewidmet, wie man denn wohl herausfindet, ob es eine deutsche Übersetzung von Leibniz' juristischer Dissertation gibt. Die Leibniz-Datenbank kennt keine, und die Bibliographie der Werke von Leibniz (von Emile Ravier) auch nicht. Auch ein bisschen Herumsuchen, ob in einer der Anthologien von Leibniz' Werken (z.B. bei Meiner: Leibniz, Frühe Schriften zum Naturrecht) wohl etwas enthält, schlägt fehl. Mein Fazit: Es gibt wohl keine deutsche Übersetzung.
Dafür enthält die eben genannte Anthologie immerhin eine übersetzte Wiedergabe des Geschehens rund um die Dissertation, wie Leibniz es notiert:

"Ich erkannte, dass ich bei früher Erlangung des Doktorgrades als einer der ersten ein Mitglied der Fakultät werden und mein sicheres Glück machen würde. Doch gerade damals entstand ein heftiger Streit, weil einige allein zum Doktor gemacht werden wollten, und hierfür die Jüngeren auszuschließen und auf einen späteren Promotionstermin zu verdrängen suchten. Sie fanden die Gunst bei der Mehrheit aus der Fakultät. Als ich das Kunststück meiner Nebenbuhler bemerkte, änderte ich meine Pläne und beschloss, meinen Aufenthaltsort zu wechseln, und die mathematischen Disziplinen zu studieren. Ich meinte, dass es eines jungen Mannes unwürdig sei, wie angenagelt an einem bestimmten Ort klebenzubleiben."

Leibniz wechselt von Leipzig nach Altdorf und reicht dort wenig später eine andere juristische Dissertation ein:
"Als ich öffentlich disputierte, führte ich die Erörterung mit einer solchen Leichtigkeit und legte meine Gedanken mit einer solchen Geistesklarheit dar, dass nicht nur die Zuhörer über die neuartige und insbesondere bei einem Rechtsgelehrte ungewohnte Akribie sich wunderten, sondern auch die, die eigentlich opponieren sollten, öffentlich bekannten, sie seien hervorragend zufriedengestellt worden."

Hubertus Busche (aus dessen Einleitung zu den Frühen Schriften auch diese Übersetzung stammt) erläutert dazu , die "scharfsinnige Analyse und Lösungsstrategie" von De Casibus gelte "Rechtsfällen, deren Konstellation einen unafhebbaren sachlogischen Widerspruch" enthalte, "und sie bringt Leibniz bei den Rechtsgelehrte auch anderer Universitäten so viel Ruhm, dass ihm gleich nach der feierlichen Promotion am 22. Februar 1667 eine Professur in Altdorf angeboten" wurde.

Gibt's Forschungsliteratur zu De Casibus... ?
Die Antwort ist nicht ganz einfach, denn eine genaue Recherche müsste die Schrift kennen, um beurteilen zu können, ob allgemein gehaltene Titel etwas darüber enthalten können. So gibt es eben eine ganze Reihe von Werken der Forschung, die sich mit Leibniz' Position zum Naturrecht auseinandersetzen, aber ob es in De Casibus... auch um das Naturrecht geht, weiß ich nicht. Daher kann ich jetzt hier nur ein paar Titel auflisten, die ich so gefunden habe.

  • Georges Kalinowski: La logique juridique de Leibniz. In: Studia Leibnitiana 9 (1977) 2, 168-189.
  • Hanina Ben-Menahem: Leibniz on hard cases. In: Archiv für Rechts- und Sozialphilosophie. 79 (1993) 2, 198-215.
  • André Robinet: Loi naturelle et loi positive dans l’architectonique archaique de l’oeuvre de Leibniz. In: La notion de nature chez Leibniz, hg. von Martine de Gaudemar, Stuttgart : Steiner, 1995 (ISBN 3515066314) (Studia leibnitiana Sonderhefte ; 24). 159-170.
  • Höck, J[ohann] K[arl]: Ein Bonmot von Leibnitz. In: Neuer literar. Anzeiger. München. 2 (1807), S. 253-254. (Auch in: Höck, Miscellen. Gmünd: Ritter, 1815, S. 61.)
  • Hans Peter Schneider: Justitia Universalis : Quellenstudien zur Geschichte des ‘christlichen Naturrechts’ bei Gottfried Wilhelm Leibniz. S. 348f.
  • Markku Roinila: Leibniz on rational decision making (Philosophical studies from the University of Helsinki ; 16) Vantaa 2007, S. 237ff. (hier pdf)
  • Marcelo Dascal: Leibniz’ two-pronged dialectic, S. 37-72 in : Leibniz: What kind of rationalist, hg. von Dascal, Springer 2008
    ebenda: Pol Boucher: Leibniz: What kind of legal rationalism?, S. 231-249.
Die folgenden beiden Werke enthalten vermutlich ebenfalls ein paar Bemerkungen:
  • Bayart, A.: Leibniz et les antinomies en droit. In: Revue internationale de philosophie 20 1966 (H. 67-77) 257-263
  • Berlioz, Dominique: Jurisprudence, résolution des controverses et philosophie. In: Nihil sine ratione: Mensch, Natur und Technik im Wirken von G. W. Leibniz ; Vorträge ; Berlin, 10. - 14. September 2001 / VII. Internationaler Leibniz-Kongreß. Hrsg. von Hans Poser ; Nachtr.-Bd. - Hannover: Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Gesellschaft, 2002. - S. 150 - 157. - ISBN 3-9808167-0-2

03 November 2008

Leibniz' Diss De casibus perplexis in jure (1. Teil)

Wenn man kein Leibniz-Experte ist: wie kommt man dann mit diesen zwei Fragen zurecht:
1. Existiert eigentlich eine deutsche Übersetzung für Leibniz' Dissertation De casibus perplexis in jure ?
2. Und gibt es Forschungsliteratur dazu?

Für beide Fragen kann man ja vielleicht einschlägige Bibliographien heranziehen. Für Leibniz gibt es eine Bibliographie der Forschungsliteratur, die bis 1990 in gedruckter Form und für die Zeit danach in Datenbankform erschienen ist bzw. erscheint, bearbeitet vom Leibniz-Archiv in Hannover. (Man findet sie, indem man im elektronischen Katalog der UB Erlangen-Nürnberg die Kombination der Schlagworte "Leibniz, Gottfried Wilhelm" und "Bibliographie" sucht.)

Die gedruckte ist in zwei Bänden erschienen, deren erster in der zweiten Auflage ich durchgesehen habe:

  • Leibniz-Bibliographie : die Literatur über Leibniz bis 1980 / begründet von Kurt Müller. - 2. erw. Aufl. - Frankfurt am Main : Klostermann, 1984.
  • 2. Band: Leibniz-Bibliographie : Band 2. Die Literatur über Leibniz bis 1981-1990 / begründet von Kurt Müller. - Frankfurt am Main : Klostermann, 1996.
  • www.leibniz-bibliographie.de

Dazu gleich mehr. Die Datenbank taugt auch zur Suche nach Textausgaben von Leibniz: aber leider nicht über den gesamten Zeitraum, d.h. nicht seit Leibniz' Leben bis heute. -- Über die gleiche Schlagwort-Suche im Erlanger Katalog wie oben würde man auch die von Emile Ravier gefertigte "Bibliographie des oeuvres de Leibniz" finden, welche 1937 erschien und 1966 nachgedruckt wurde: eine Bibliographie der Primärliteratur. Dass diese a) überarbeitungsbedürftig und b) auf dem Stand von 1937 ist, heißt also, dass man ihrer Auskunft, sie kenne keine deutschen oder überhaupt Übersetzungen von De casibus ... nicht unbedingt trauen kann. Immerhin kann man ihr entnehmen, in welchem Band der Leibniz-Gesamtausgabe der lateinische Text selbst enthalten ist.

Verrät die Datenbank mehr? Hier muss man zugeben, dass die Suchsystematik und ihre Darbietung etwas eigen ist. Ruft man die Startseite auf, kann man der linken Navigationsleiste entnehmen, dass es eine Systematik gibt, die ein Leser der gedruckten Bibliographie auch schon kennt. Da diese allerdings keine Primärliteratur von Leibniz enthält, ist die Systematik der Datenbank entsprechend ungegliedert. Im Bild kann man mit dem Klick auf die "2" der Systematik die Forschungsliteratur weiter aufblättern, landet aber bei der Primärliteratur direkt bei den 466 Treffern.



Deren Anzeige ist übrigens alles andere als geglückt: warum da kein automatischer Zeilenumbruch für den Browser (Firefox und IE ausprobiert) stattfindet, bleibt wohl ein Geheimnis der Hannoverschen Kollegen.
Für die Suche nach "De casibus" kann man nun die Systematik zur Einschränkung nutzen, d.h. man gibt in die Zeile G der Suchmaske "1" ein und in die Titelstichwortzeile z.B. "casibus". Leider geht aus der Datenbankbeschreibung, soweit ich sehen konnte, nicht hervor, ob die Datenbank Übersetzungen auch unter dem Titel des übersetzten Werks verzeichnet, oder ob man bereits die Formulierung der Übersetzung kennen muss. Das ist nämlich bei den Casibus perplexis nicht ganz einfach. Eine mögliche Übersetzung lautet "Über verwirrende Fälle" oder "Über verzwickte Fälle". Es geht nämlich wohl um Rechtsfälle, bei denen schon die Exposition einen Widerspruch enthält. -- Jedenfalls will auch die Datenbank keine Übersetzung kennen, wenn wir davon ausgehen, dass man mit dem Einheitssachtitel suchen kann. Schade.

03 August 2006

Leibniz' China-Briefe neu ediert

1990 erschien eine erste, inzwischen vergriffene Ausgabe von Leibniz' Briefen an Jesuitenpatres in Peking. Damals war das ein erster Einblick in eine bis dahin außer den an den Handschriften arbeitenden Spezialisten völlig unbekannten Teil des Werkes. In einer komfortablen, schön gebundenen mehrsprachigen Neuausgabe (als Band 548 der Philosophischen Bibliothek) macht jetzt der Meiner-Verlag den Zugang zu diesen Quellen wieder leicht; Rita Widmaier vom Leibniz-Archiv Hannover, die auch an der historisch-kritischen Leibniz-Ausgabe arbeitet, hat diese Edition betreut.
Zwischen 1689-1714 gingen Briefe hin und her. Für Leibniz, den"größten Sinophilen seiner Zeit" lässt sich nun der "hohe Stellenwert" Chinas "in seinem Denken" (so die Einleitung) besser beurteilen. Dabei steht der Kontakt mit dem Patres selbstredend auch im Zeichen der Mission, also einer gottgefälligen Verwestlichung. Die 70 Briefe können mit ihrer sehr interessanten historischen Konstellation den unterschiedlichsten Interpretationsinteressen Ansatzpunkte bieten...

22 Januar 2006

Theodizee und Musik

Was haben die beiden miteinander zu tun? Für Gottfried Wilhelm Leibniz offenbar einiges. Denn die Harmonie der Musik entspricht der Harmonie der menschlichen Handlungen. Dass dies mehr ist als eine Metapher, zeigt Giorgio Erle in seinem Buch Leibniz, Lully e la teodicea.

16 Oktober 2005

Leibniz wie er schreibt und lebt

Gottfried Wilhelm Leibniz ist einer der Größten. Philosophen, Mathematiker, Bibliothekare. Die DFG hat ihren wichtigsten Förderpreis nach ihm benannt, eine wichtige deutsche Wissenschaftsgesellschaft heißt nach ihm, und eine schöne deutsche Bibliothek, von einer Menge Schulen ganz zu schweigen. Natürlich finden sich auch eine Reihe von Biographien und weiteres Material im Netz; die verlinkten Seiten sind ein guter Ausgangspunkt. Aber spannender und nicht minder kenntnisreich als diese ist Neal Stephensons Aufnahme von Leibniz als Figur in seine Barock-/Aufklärungs-Trilogie Quicksilver, The Confusion, The System of the World. Stephenson erzählt vom Beginn der Aufklärung, man sieht den Mitgliedern der Royal Society beim Experimentieren in London ebenso über die Schulter wie Leibniz im Gespräch mit Sophie von Hannover und anderen mehr oder minder intelligenten Hoheiten. Kryptographie, Logik, die Monadenlehre, die Frage der Identität von ununterscheidbaren Gegenständen, Newtons Streit mit Leibniz: alles da. Für mich eine glänzende Lektüre!