Der Papst habe "die Vorhölle abgeschafft" -- melden haufenweise Medien (hier ORF). Gemeint ist der limbus, das ist der Teil des Jenseits, in den die Kinder kommen, die ungetauft versterben, jedenfalls wenn sie noch keine Sünde begangen haben (ansonstenl können Sie ja in die Hölle). Sie konnten nicht direkt in den Himmel kommen, weil's ja die Erbsünde gab, haben sich mittelalterliche Theologen gedacht. Benedikt XVI lässt nun offiziell bekanntgeben, dass a) die Existenz eines solchen Limbus ohnehin nie Bestandteil der geltenden Lehre war und es sich nur um eine theologische "Hypothese" gehandelt habe, b) Jesus die Kinder liebe und sie darum nicht in der "Vorhölle" landen würden.
Das bedeutet natürlich nicht, dass es mal eine Vorhölle gab, die aber jetzt plötzlich leer wurde (was eigentlich "abschaffen" meint), sondern dass es nie eine gegeben hat. Woher der Sinneswandel in der offiziellen Haltung? Gibt es nun neue Erkenntnisse? Nein, die gibt es nicht. In schöner Offenheit wird die Konkurrenz der katholischen Kirche z.B. zum Islam angegeben: dort landen die toten Kindlein nämlich direkt im Paradies. Für Entwicklungsländer mit hoher Säuglingssterblichkeit erhöht also die katholische Kirche ihre Attraktivität... Als zweiten Grund nennt die Pressemeldung eben den Status des Satzes als Hypothese:
Laut der britischen Tageszeitung "Times" soll Papst Benedikt noch vor seiner Wahl zum Kirchenoberhaupt gesagt haben: "Ich persönlich würde es [die Limbus-Lehre] aufgeben, da es immer nur eine Hypothese war." (Quelle: Times)
Was ist eine Hypothese? Die gängige Bedeutung es handle sich um einen Satz, der beobachtbare Phänomene erklärt , gilt ja hier ohnehin nicht. Aber die Bedeutung, es handle sich um einen Satz, bei dem nichts dagegen spricht, dass man ihn aufgibt, ist mir doch neu. Ich frage mich, was aus dem Phänomen geworden ist, um dessentwillen die Limbuslehre mal formuliert worden ist: Ist die Erbsünde nun keine Sünde mehr, d.h. der Mensch nicht von Geburt an sündig und darum der Weg frei in den Himmel? Das scheint mir die naheliegende logische Voraussetzung, welche eine "Abschaffung" der Vorhölle erst ermöglicht. Wäre ein Schritt der katholischen Kirche dahin, wo die meisten katholischen Gläubigen eh schon sind.
