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12 Juni 2007

Schlechte Aufsätze

Die Topformulierungen, die für mich einen schlechten Aufsatz anzeigen, unabhängig von seinem Thema, sind solche wie:
(1) "Das [Zitat] kann man so-und-so lesen". Bedeutet ja doch nur, dass man es auch ganz anders lesen kann. Ich will aber wissen, warum ich etwas so-und-so lesen soll.

(2) "Studien haben gezeigt ...[Fußnote]": sieht man sich dann die Fußnote an, findet man dort eine einzige Studie. Für mich klingt so ein Satz wie die Berufung auf den Common sense der Forschung. Den kann man aber nicht belegen mit einer einzigen Schrift.

(3) "xy hat gezeigt ...", wenn xy das gar nicht gezeigt, sondern nur vertreten (und vielleicht bloß behauptet) hat.

(4) " wie Kant in der Kritik der Urteilskraft (Stuttgart 1971, S. 63) sagt". Statt Kant könnte hier z.B. auch Plato stehen und ein Nachweis wie (Reinbek 1962, S. 15): Autoren, die unbedingt nach kanonischen Ausgaben zitiert werden sollten: und nicht nach dem Reclam-Heft-Seitenzahlen, die man gerade zur Hand hat.

Wie ich darauf komme? Gerade eine Rezension geschrieben für einen Sammelband ...

01 Juni 2006

Die Wissenschaften und die Philosophie

Die Wissenschaftlichkeit der Philosophie selbst behandelt der folgende Band nicht -- aber schon die Frage, wie sich die Methoden von Philosophie und Wissenschaft unterscheiden und inwiefern Philosophie die Wissenschaften beeinflusst oder von ihnen überflüssig gemacht wird. Heikki J. Koskinen und andere haben die Beiträge eines "Internordic philosophical symposium" in Helsinki 2004 zum Thema "Science -- a challenge to philosophy?" im gleichnamigen Band gesammelt (Frankfurt am Main : Lang, 2006). Darin findet sich z.B. ein Aufsatz von Arto Siitonen, der eine "Karte" des Themas vorlegt. Eine ganze Reihe von Aufsätzen widmet sich dem Naturalismus als dem Selbstversuch der Philosophie, sich zum Verschwinden zu bringen. Der letzte Teil gilt schließlich der Frage nach den Werten in der Wissenschaft; dort fragt z.B. Cheryl Misak, was den Wahrheitsbegriffen in Ethik und Wissenschaften gemeinsam ist. Insgesamt eine interessante Zusammenstellung mit Beiträgen mir bis dato fast völlig unbekannter Autoren aus Skandinavien.

03 März 2006

Ist Philosophie Wissenschaft?

Dazu äußerten sich der Konstanzer Philosoph Wolfgang Spohn und sein Berliner Kollege Holm Tetens (FU) auf dem 5. internationalen Kongress der Gesellschaft für Analytische Philosophie in Bielefled, 2003. Aber erst jetzt sind die Kongressakten erschienen (hg. von Christian Nimtz und Ansgar Beckermann, Paderborn: mentis, 2005). Spohns Überlegungen, die zum "ja" tendieren, sind auch als preprint (pdf) im Web; Tetens' leider nicht. Aber da seine drei Thesen in knackiger Kürze formuliert sind (S. 98) gebe ich sie hier wieder:
1. Die Philosophie zeichnet sich durch eine hochkontroverse Pluralität aus, es gibt in ihr kein verbindliches kanonisches Lehrbuchwissen.
2. Es gibt in der Philosophie streng genommen keine Arbeitsteilung, niemand kann für andere philosophieren.
3. Der professionelle akademische Philosoph ist in erster Linie und vor allem ein Lehrer für das Philosophieren.
Stimmt das? Tja, ich denke auch, dass sich die Philosophie durch "hochkontroverse Pluralität" auszeichnet, aber das heißt nicht, dass es nicht verbindliches Lehrbuchwissen gäbe -- nämlich aus der Geschichte der Philosophie. Ich denke, wer nicht ein bisschen was über Platon und Aristoteles, Descartes, Kant und Nietzsche weiß bzw. wer deren Texte nicht ein bisschen gelesen hat, kann nicht ernsthaft mitreden. Vorbildung ist schon eine Bedingung für's Geschäft. Die Kenntnis anderer philosophischer Texte ist dann eher schulenabhängig, und in die großen Alten aus dem Mittelalter und der Neuzeit vertiefen sich wohl in erster Linie die Philosophiehistoriker. Dass Philosophiegeschichte eine Wissenschaft sei, kann man wohlgemut behaupten, schließlich unterliegt sie den gleichen Standards von Wissenschaftlichkeit wie die historisch-philologische Forschung sonst auch.
Warum gibt es in der Philosophie keine Arbeitsteilung? Ich denke, das stimmt auch nicht. Richtig ist, natürlich, dass die Konzentration auf die großen und weniger großen genialen Gestalten der Philosophiegeschichte und Gegenwart zu einem stark an Persönlichkeiten gebundenen Blick auf die Philosophie führt. Und wenn Persönlichkeit das Philosophieren ausmacht, dann kann wirklich niemand "für den anderen" philosophieren. Aber Philosophiegeschichte lässt sich auch als (Erkenntnisfortschritt und) Diskursgeschichte schreiben, oder als Entwicklung von Positionen, und in dieser Sicht ist die Person des Philosophen unerheblich. Tetens' Genieposition hat eine positive und eine negative Seite für all diejenigen, die philosophieren: die positive ist, dass die Beschäftigung mit dem Kleinklein der Alltagsprobleme (Lösen von Gettier-Beispielen auf dem Weg zum Wissensbegriff etwa) keine notwenige Bedingung für den großen philosophischen Wurf ist. Die negative ist die, dass der große philosophische Wurf von großen Philosophen kommt -- und wer möchte schon von sich sagen, dass er einer ist?
Professionelle Philosophen sind Lehrer fürs Philosophieren? Dann bräuchten sie ja keine Bücher und Aufsätze mehr zu schreiben. Ich denke, dass Philosophen zum Erkenntnisfortschritt in ihren Interessensgebieten beitragen wollen. Und Philosophieren ist. Erkenntnisfortschritt suchen. Wenn der nur individuell ist, ist das zu wenig.

20 Februar 2006

Bild und Wissenschaft

Es gibt ja die Zeitschrift Bild der Wissenschaft, wobei ich mir nicht helfen kann; ich muss unwillkürlich an "Bild dir deine Meinung" denken. Auf die will ich aber nicht hinweisen, sondern auf den interessanten, von Martina Heßler herausgegebenen Sammelband Konstruierte Sichtbarkeiten : Wissenschafts- und Technikbilder seit der Frühen Neuzeit. Und weil Bernd Blaschke dazu schon eine Rezension verfasst hat, brauche ich hier weiter nichts zu sagen, außer, dass das Buch aufwendig gemacht ist, mit gutem Papier für die Bilder, und dass die 'Bilder', um die es geht, nicht nur beschrieben werden, sondern auch und vor allem die Bildindienstnahme bedacht wird. Ein letzter Aufsatz widmet sich zudem der Kritik an den Bildern von wissenschaftlicher Seite.