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29 Juni 2009

Glücklich ist, wer vergisst...

Bin gerade beim Aufräumen, und dabei fiel mir die folgende Beobachtung wieder ein:

Das ist eine Seite (Blatt 23 r) aus einem Erlanger Stammbuch (Signatur: H62/Ms 1371). Die Textzeile lautet: "Glücklich ist wer vergisst was nicht mehr zu ändern ist." Das kommt einem doch bekannt vor? Wer gebildeter ist als ich, kommt sicher schneller drauf: das ist das Motto von Johann Strauß' Operette Die Fledermaus, d.h. die Googelei schreibt das Zitat Strauß zu, oder seinen Librettisten. 1874 war die Erstaufführung. Im Text der Operette kommt das Zitat zweimal vor, einmal in der Variante "... was doch nicht zu ändern ist" (14. und 15. Auftritt).
Das Erlanger Stammbuch zeigt allerdings einen Eintrag vom 19. September 1784, also 90 Jahre früher! Blicken wir doch mal in die Sprichwörterlexika, die müssten doch Quellen vor der Strauß-Oper angeben.
Der Röhrich ist da keine Hilfe; er schreibt im Vorwort: „Sogar Operettentexte wurden zu sprichwörtlichen Merksätzen: ›Glücklich ist, wer vergißt, / was nicht mehr zu ändern ist‹ (Fledermaus).“
Dafür der Wander (Deutsches Sprichwörterlexikon):
Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern (oder: was doch nicht zu erlangen) ist". – Müller, 25, 3; Simrock, 3815; Braun, I, 888; Körte, 2285; Lohrengel, I, 325.
Lat.: Feras, non culpes, quod mutari non potest. (Publilii. Syrii Sententiae.) (Binder II, 1122.) – Quae non mutari, sunt toleranda, queunt.

Publilius Syrus ist ein römischer "Mimen-Autor" aus dem 1. Jahrhundert nach Christus. Müller (1816), Simrock (1846), Braun (1840), Körte (1837) und Lohrengel (1860) sind Sprichwörterlexika des 19. Jahrhunderts, die Quellen für Wanders Zusammenstellung sind. Wäre interessant zu prüfen, ob einer von diesen eine frühere Quelle hat als die oben abgebildete -- ich frage mich schon, wann die Sentenzen-Übersetzung in dieser Versform kanonisch geworden ist.

24 Juni 2009

"Man muß vielerley lesen"

"und weniges sich zum Muster wählen", so das Motto von Leggere Kant : dimensioni della filosofia critica, was Claudio La Rocca herausgegeben hat. Quellenangabe im Buch: "Immanuel Kant". Aber wo hat Kant das geschrieben?
Die Antwort weiß vielleicht das Bonner Kant-Korpus: In der Tat, der Satz steht in Band 16 der Akademie-Ausgabe, S. 869 (Handschriftlicher Nachlass). Er lautet aber so:
Man muß vielerley lesen und wenigstens sich zum Muster wählen.
Das bloße Lesen ist genießen, ohne zu verdauen; es ist schwelgen.
Daher Helluo librorum.
"wenigstens"! Scheint mir zwar so zu verstehen wie das "weniges", aber doch ein Unterschied.

19 August 2008

Zitate erkennen und Bloggen

In meiner Diss habe ich einige Mühe darauf verwandt zu klären, wie man sicher sein kann, dass ein Autor einen anderen zitiert, oder genauer: wann ein Bachmann-Forscher berechtigt ist zu sagen, dass Bachmann diesen oder jenen anderen Autor zitiert habe. Das ist eine interessante Frage immer dann, wenn die Forschung offenkundig Einflüsse / Zitate / Anspielungen auf die Autoren entdeckt, die den Forschern selbst wichtig sind. Mein Ergebnis jedenfalls: Es hängt a) vom realen Kontext ab (z.B. kann Bachmann den angeblich zitierten Text überhaupt gekannt haben?) und b) vom Kontext des angeblichen Zitats und dessen Eigenschaften im Text. Ein gutes Beispiel habe ich in meinem Bachmann-Nietzsche-Aufsatz dargestellt, wo die Kommentatoren meinten, Bachmann habe einen obskuren Nietzsche-Text zitiert, während eine Kleist-Formulierung, die Bachmann zudem nachweislich gekannt hat, viel ähnlicher ist und viel besser passt.
Der Gedanke scheint trotzdem der Forschung im allgemeinen eher unangenehm zu sein, bremst ja auch die Entdeckerfreude etwas, wenn es nicht genügt, einfach eine Ähnlichkeit zwischen zwei Texten wahrzunehmen, sondern wenn auch noch etwas weitergehende Erläuterung verlangt wird. Aber das passiert auch im "richtigen Leben", wenn man die Bloggerwelt so nennen darf. Da hat der Schriftsteller Peter Glaser, der für die Stuttgarter Zeitung bloggt, in seinem Blog mitgeteilt, dass er dem FAZ-Journalisten Marco Dettweiler einen Brief geschrieben hat. Weil der nämlich in einem seiner Artikel den Satz schrieb "Die Welt ist eine Google", und zwar am 6.8.08 in der FAZ. Glaser hatte den Satz selbst auch formuliert, und zwar viel früher, nämlich am 13.5.2005, in einem Artikel in der Stuttgarter Zeitung, und danach noch einmal in einem Artikel in der Stuttgarter Zeitung von 2006. Also, schreibt Glaser, möge Dettweiler beim nächsten Mal angeben, dass der Satz eben von ihm, Glaser, sei. Dettweiler reagierte beleidigt und verwies darauf, dass der Satz nicht allzu fernliegend sei; und er sei selbst darauf gekommen. Glaser meinte daraufhin zeigen zu müssen, dass seine Erfindung aber die früheste nachweisbare sei.

Ich stelle das hier so ausführlich da, weil das ein Musterbeispiel ist, wie in der Intertextualitätsforschung manchmal argumentiert wird. Glaser steht für den eifrigen Forscher, der etwas wiedererkennt und zum Schluss kommt: das spätere der beiden Auftreten muss zitiert sein! Dettweiler sagt hingegen, der Satz sei, mit meiner Terminologie zu reden, nicht prägnant und nicht originell genug, um so eine eindeutige Einflusslinie zu zeichnen.
Das spannende ist, dass dies der Autor selbst tut, der doch ohnehin am besten weiß, ob er zitiert hat oder nicht! Aber offenkundig geht es ihm auch darum, den Verdacht zu zerstreuen, dass er vielleicht lügt, weil er ja andernfalls sich schuldig gemacht hätte, seine Quelle nicht anzugeben. Während Dettweiler in dem Disput auf ein paar tausend Google-Treffer für den Satz hinwies als Beleg dafür, dass er nicht originell sei, gelang es ein paar findigen Lesern von Glasers Blog, im Web Veröffentlichungen des Satzes zu finden, die älter sind als Glasers eigene erste Veröffentlichung; das ist alles in seinen Kommentaren nachzulesen. Was zeigt diese Auskunft über die Fakten? Sie zeigt -- bloß --, a) dass der Satz nicht originell ist, b) dass Glaser nach der Logik seiner ursprünglichen Forderung nun auf andere Quellen verweisen müsste, statt sich selbst als Urheber zu sehen. Sie zeigt hingegen nicht, dass Dettweiler die Formulierung nicht von Glaser hat. Aber da können wir ihm vielleicht einfach glauben.

Glasers Argumentation "Ich habe den Satz aber zuerst gesagt!" scheint mir ohnehin fragwürdig. Er will die "Credits" der geitigen Urheberschaft immer noch bekommen, auch wenn ihm gleichgültig zu sein scheint, ob Dettweiler tatsächlich zitiert hat. D.h. die Frage verlagert sich vom tatsächlichen Zitat als Beziehung zwischen zwei Texten bzw. Autoren zu so etwas wie einem Geistesblitz-Patentstreit: "Völlig egal, ob Du meinen Text kennst, du nimmst meine geistige Schöpfung in Anspruch!" Aber "in Anspruch nehmen" besteht eben nicht darin, dass man zu einem gleichen Ergebnis kommt, zumal, wenn das Ergebnis einigermaßen banal ist.

20 August 2007

Schreibers Schmuck

Fremdsprachenbeherrschung: lässt die Leser vor Ehrfurcht erstarren. Nicolas Rescher beginnt sein Buch Conditionals (MIT Press 2007) mit einem "german proverb" und Übersetzung:

Der Mann der das Wenn und das Aber erdacht, Hätt' sicher das Häckchen zu Gold schon gemacht.

Who if and but devised of old, would make mere straw turn into gold.


Was für ein "Häckchen" macht der Mann zu Gold? "Meinten Sie Häkchen?" (Google)
Im Röhrich steht's zum Stichwort "wenn":

Das viele (ewige) Wenn und Aber!: Immer diese Einwände und Zweifel! Gottfr. Aug. Bürger gebrauchte diese Wendung in seiner Ballade ›Kaiser und Abt‹ mehrmals (Strophe 30):

»Ha«, lachte der Kaiser, »vortrefflicher Haber!
Ihr futtert die Pferde mit Wenn und mit Aber.
Der Mann, der das Wenn und das Aber erdacht,
Hat sicher aus Häckerling Gold schon gemacht«.
[Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten: wenn, S. 6972]


Und was ist Häckerling? Dasselbe wie "Häcksel": zum Verfüttern kleingeschnittenes Stroh. Die "Übersetzung" stimmt also.

13 August 2007

Adornos Rattenkönig

Gerade habe ich Adornos Vorlesung zur Einleitung in die Erkenntnistheorie vorliegen. Die hat er im Wintersemester 1957/58 in Frankfurt gehalten, und der Frankfurter Verlag Junius-Drucke hat sie 1958 herausgebracht. Bei einem kurzen Blick in die erste Vorlesung, in der Adorno natürlich entwickelt, wie schwierig die Materie ist, die "Erkenntnis der Erkenntnis" bestimmen zu wollen, bleibe ich an einer seltsamen Formulierung hängen; Adorno schreibt nämlich genau, dass man "in einen ganzen Rattenkönig von Schwierigkeiten" gerate.

Rattenkönig?

Druckfehler? Aber wenn man den "Rattenkönig von Schwierigkeiten" googelt, dann gerät man immerhin an ein pdf, Erich Wollenberg: Münchhausen schreibt ein Stalin-Buch, in der dieselbe Formulierung verwendet wird.
Über die Wikipedia habe ich außerdem gelernt, dass es "Rattenkönige" gibt: so eine Art Gordischer Knoten der Ratten. Aber wo kommt die Redewendung her (falls es eine ist)?

10 Juni 2007

Zitierregeln

Wie mit Aufsätzen umgehen, die sozusagen ins Unreine geschrieben auf Webseiten zugänglich sind, aber noch auf ihre "kanonische" Publikation warten? Man möchte meinen: wie mit anderem veröffentlichten Kram auch. Was aber, wenn der Autor drüberschrieb: "Bitte nicht zitieren?" Das scheint häufiger vorzukommen, als man denkt, wenn man die Diskussion bei Ross Cameron, Brian Weatherson und auf Crooked timber (nochmal Weatherson) liest.
Übrigens hat auch Angela Merkel so einen Vermerk auf ihrer Webseite, da heißt es nämlich im Impressum: "Bei dem Inhalt unserer Internetseiten handelt es sich um urheberrechtlich geschützte Werke. Die CDU gestattet die Übernahme von Texten in Datenbestände, die ausschließlich für den privaten Gebrauch eines Nutzers bestimmt sind. Die Übernahme und Nutzung der Daten zu anderen Zwecken bedarf der schriftlichen Zustimmung der Partei." Dieses Posting verletzt also das schon: denn ich zitiere hier nicht zu privatem Gebrauch, sondern um die Absurdität der Formulierung bloßzustellen...

18 Juni 2006

Fußball und Philosophie

Dass beide was miteinander zu tun haben, weiß man, seit Monty Python die Philosophen gegeneinander antreten ließ. Ein englischer Hersteller hat ebenfalls einen Zusammenhang erkannt und vertreibt T-Shirts mit Sprüchen -- WMtauglich. Schade, dass es keine genauen Quellenangaben gibt, aber das würde den Raum auf dem Shirt wohl über Gebühr beanspruchen...
"Im Fußball wird alles kompliziert durch die Anwesenheit des gegnerischen Teams." (Sartre)
"Alles, was ich über Moral und Verpflichtung weiß, habe ich vom Fußball." (Camus)
Kann jemand den Umkehrschluss vollziehen: Wie gut kennt sich Camus im Fußball aus, angesichts seiner Meinungen zu Moral und Verpflichtung?

19 März 2006

Lustiges Zitateraten

Es ging mir erst kürzlich auf, dass Google Scholar's Spruch "Stand on the shoulders of giants" ein Newton-Zitat ist, aus dem Vorwort der Principia Mathematica. Ebenso dauerte es eine Weile, bis ich im Titel des interessanten Blogs Crooked Timber das Kant-Zitat vom krummen Holz -- das sich übrigens jetzt nicht finden ließ auf der Werk-CD-ROM -- erkannte. Solche Erlebnisse kann man auch im Kino haben, bei Derek Jarmans Wittgenstein-Film z.B., wo sich manches Bild als bildliche Umsetzung eines markigen Spruches erklärt, wenn Wittgenstein einen Balken hobelt z.B.

Auf Crooked Timber stieß ich bei der Suche nach dem Autor von Elements of mentality (EWC Pres 2003), das Buch hat sogar eine eigene Webseite. Die Suche wurde nötig, weil sich dem Autornamen nicht trauen lässt: da steht "David Hume". Kieran Healy vermutet in seinem Blog -- aus nicht mehr nachvollziehbaren Gründen -- dass der Autor des Buches Sid Barnett sei. Wer ist der?

20 November 2005

Performativer Selbstwiderspruch: Wie Sony kopiert

Manches Handeln drückt deutlich aus, welche Werte der Handelnde vertritt: Sony BMG (Bertelsmann Music Group) hat seinen Musik-CDs ein Progrämmle verpasst, welches verhindern sollte, dass Käufer von CDs diese auf ihrem Rechner kopieren (und das sich vom Nutzer unbemerkt auf die Festplatte schreibt). Damit werden CDs von etwas, das man gekauft hat, zu etwas, woran man bloß Nutzungsrechte erwirbt -- eine fragwürdige Veränderung, finde ich. Fein, dass sich die Musikdiktatoren nun selbst in die Nesseln gesetzt haben (Bericht des SPIEGEL): Offenbar enthält das Programm Code aus dem Open Source-Bereich, nämlich des MP3-Encoders Lame. Und dafür gelten ebenfalls Lizenzbestimmungen.

Dieses Verhalten fordert natürlich zur Reflexion heraus. Von Nicolai Hartmann wird erzählt, dass er in seinem privaten Verhalten keineswegs den hohen Maßstäben genügte, die er in seiner materialen Wertethik verkündet hatte. ""Haben Sie schon mal gesehen, dass ein Wegweiser den Weg geht, den er weist?", soll er geantwortet haben. Ich fürchte, so ist es auch mit dem unmoralischen Verhalten der Kopierschutztyrannen: Selbst wenn die sich falsch verhalten, ist darum nicht ihr Anliegen falsch.
Nein: nicht darum, sondern aus andern Gründen...