blogoscoop
Posts mit dem Label Paradoxon werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Paradoxon werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

24 August 2007

Paradoxes Recht

Michael Clarks Paradoxes from A to Z sind wirklich eine nette Lektüre. Heute habe ich darin von einer Variante des Euathlus-Paradox aus dem wirklichen Leben gelesen. Euathlus ist ein Schüler des Sophisten Protagoras, der bei ihm Rhetorik lernt für den Auftritt vor Gericht. Man vereinbart ein Honorar für den Unterricht, dass sich am Erfolg bemisst: Euathlus soll erst zahlen, wenn er seinen ersten Fall gewonnen hat. Doch nach dem Unterricht hat Euathlus keine Lust, Anwalt zu werden, und lässt es bleiben. Nach einiger Zeit reißt Protagoras der Geduldsfaden und er verklagt Euathlus. Dabei argumentiert er: Wenn das Gericht für Protagoras entscheidet, muss Euathlus zahlen, denn das ist ja der Inhalt des Falls. Wenn das Gericht für Euathlus entscheidet, muss er auch zahlen, denn dann hat er ja seinen ersten Fall gewonnen. Euathlus argumentiert natürlich umgekehrt.
Clark berichtet (nach der Darstellung von Peter Suber, die hier online ist) vom us-amerikanischen Verfahren State v. Jones von 1946 in Ohio, in dem der Angeklagte beschuldigt wurde, illegale Abtreibungen vorgenommen zu haben. Für eine dieser Abtreibung gab es nur einen Beweis, nämlich die Zeugenaussage der Frau, an welcher die Abtreibung angeblich vorgenommen wurde. Nach dem Recht von Ohio zu dieser Zeit wäre die Frau, hätte das Verbrechen der Abtreibung stattgefunden, ein krimineller Komplize des Arztes gewesen, und die Zeugenaussage von Komplizen galt vor Gericht nicht als Beweis. Der Verteidiger kann also argumentieren, dass entweder Jones unschuldig ist (dann ist die Zeugenaussage der Frau falsch), oder die Zeugenaussage ist wahr, dann darf sie nicht verwendet werden, und dann kann Jones nicht verurteilt werden aus Mangel an Beweisen. Die Anklage argumentiert natürlich umgekehrt.
Weil's sich hier um einen echten Fall handelt, gibt's auch eine echte Entscheidung. Die ging aus von der Annahme, dass jemand unschuldig ist, bis er überführt ist. Daher musste die Frau als unschuldig betrachtet werden und ihre Zeugenaussage konnte gehört werden. Jones wurde verurteilt.

18 August 2007

Das Handwerker-Paradox

In Michael Clarks Paradoxes A-Z, 2. Auflage, London u.a. : Routledge, 2007, gibts 10 neue Paradoxa, darunter das "Cable Guy Paradox", was ich hier mal mit "Handwerker-Paradox" wiedergebe. Clark hat das aus einem Aufsatz von Alan Hájek, der in Analysis 65 (2005), erschien. Und es geht so:
Der Handwerker kommt zwischen 8 Uhr und 16 Uhr. Sie können wählen, ob sie darauf setzen, dass er am Nachmittag oder am Vormittag kommt: wenn er in Ihren 4 Stunden kommt, bekommen Sie 10 €, kommt er in den anderen, kriege ich von Ihnen 10 €. Vor 8 Uhr morgens gibt es keinen Grund, eines der beiden 4-Stunden-Intervalle vorzuziehen. Aber danach, also wenn man sich im ersten Zeitintervall schon befindet, würde man auf das zweite setzen, weil das zweite ja dann länger ist. Warum auf diesen Zeitpunkt warten und nicht schon vorher auf das zweite Intervall setzen?
Hajek, erläutert Clark, beschreibt das Paradox mithilfe eines Prinzips, das heißt: 'Vermeide sichere Enttäuschung!' Nach diesem Prinzip sollte man sich nur dann für eine Möglichkeit entscheiden, wenn man sicher sein kann, dass man nicht in Zukunft Grund hätte, die andere Möglichkeit zu bevorzugen, wenn man rational ist. Und das ist der Fall in diesem Szenario, wenn man auf den Vormittag setzt, für die ganze Zeitspanne, in der der Handwerker noch nicht gekommen ist. Gibt also einen Widerspruch zwischen diesem Prinzip und der Meinung, dass es doch egal sein muss, worauf man setzt, da beides gleich wahrscheinlich ist!

Clarks Buch enthält noch eine Reihe anderer Paradoxa, die nicht in der Sammlung von Sainsbury (Paradoxien, Reclam) enthalten sind und mir neu waren: lesenswert.

09 Januar 2006

Lotterie und Wissen

Neulich unterhielt ich mich mit einem Freund, der nach gemeinsamem Studium nun neben anderen Fächern Philosophie unterrichtet. Er berichtete von den Klassen, die er unterrichten muss, wie er sie vorgefunden hatte. Ein spezielles Problem ist die Auswahl der Themen. Eine der (höheren) Klassen sagte, sie hätten das letzte halbe Jahr sich mit "Angst" beschäftigt. Kierkegaard, Heidegger usw. Ich fragte ihn, warum er nicht mal ein analytisches Thema nähme (ich weiß, dass er sich da auskennt). Zumindest die Art der Philosophie und ihre Texte seien doch leichter verständlich und böten daher eine nicht so hohe Hürde. Er gab zu Bedenken, dass die Schüler sich mit etwas beschäftigen wollten, was mit ihrem Leben zu tun hat. Und da ist "Angst" nun mal näher dran als, sagen wir, der Begriff des Wissens.
Das zeigte mir wieder mal, wie seltsam es ist, Fragen interessant zu finden wie die folgende, die John Hawthorne in seinem neuen Buch Knowledge and lotteries (Oxford 2004) behandelt (vgl. auch die Bemerkungen von Herbert Huber auf seiner Webseite Gavagai), das sogenannte Lotterie-Paradox:
Wenn jemand sagt, er weiß, dass er nächstes Jahr nicht genug Geld hat, um nach Afrika zu reisen, würden wir dem wohl zustimmen: das ist etwas, dass man wissen kann. Spielt derjenige Lotto, ändert das nichts, obwohl dann die geringe Möglichkeit besteht, dass er im Lotto gewinnt und anschließend genug Geld hat. Es erscheint immer noch plausibel zu sagen: "Er weiß, dass ..."
Allerdings folgt aus dem Wissen, dass er kein Geld haben wird das Wissen, dass er nicht im Lotto gewinnen wird -- und das ist ja falsch. Wie muss man den Wissensbegriff anpassen? Ist Wissen Glückssache? (Hawthorne weiß es nicht :-))