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10 Oktober 2008
Die Wahrheit über Heidegger
Nee, Heidegger über die Wahrheit. Christoph Martel hat mit Heideggers Wahrheiten : Wahrheit, Referenz und Personalität in Sein und Zeit. - Berlin u.a. : de Gruyter, 2008 (Quellen und Studien zur Philosophie ; 87) ein sehr gut lesbares Buch über das im Untertitel genannte Thema vorgelegt. Ich war dabei, als Christoph zum ersten Mal seine Ideen zum Thema vortrug, 1999 in Prof. Carls Kolloquium in Göttingen, und freue mich nun zu sehen, dass so ein ansehnliches Buch daraus geworden ist. Christoph zeigt, was an Erkenntnisgewinn dabei herauskommt, wenn jemand mit analytischer Schulung und der Vermutung, dass der behandelte Philosoph auch etwas Sinnvolles zu sagen hat, sich dem Inbegriff der Kontinentalphilosophie annimmt -- sozusagen das Gegenteil von Russells berühmter Nichtachtung der Heideggerschen Philosophie. Anders ausgedrückt: Man kann durchaus Heidegger lesen und verstehen. Und braucht das Ziel nicht aufzugeben, ihn ohne Heideggerismen zu interpretieren. Daher denke ich, dass auch solche, die mit Heidegger nichts anfangen können, das Buch mit Gewinn lesen werden!
31 Juli 2008
Wolfgang Kienzler über das "Kuinzige" bei Heidegger
Wolfgang Kienzler hat eine nette Miszelle "Kuinzig -- Heideggers Umgang mit einem Wort" im neuen Heft der AZP 33.2 (2008) (S. 191-194) veröffentlicht. Das Wort ist in Heideggers Text Der Feldweg, nach Heidegger, der Name für einen Zustand "heiteren Wissens".
Kienzler hat nun sich die Mühe gemacht zu klären, a) dass es das Wort tatsächlich gibt, b) was es bedeutet, und c) diese Erkenntnis zur Erhellung der Heideggerschen wortschöpferischen Tätigkeit herangezogen. Ich fasse ihn zusammen: "Kuinzig" wurde in Messkirch gebraucht und ist im Schwäbischen Wörterbuch von H. Fischer (Bd. 4 Tübingen 1914) nachgewiesen. Etymologisch wird es im Wörterbuch von "keinnützig" gleich "nutzlos" oder "verdorben" abgeleitet. Die Hauptbedeutung ist negativ. Allerdings kann es auch mit positivem Beigeschmack im Sinne von "neckisch" oder "mutwillig" gebraucht werden; diesen Gebrauch nennt Kienzler ironisch.
Man sehe hier also, so Kienzler, wie Heidegger ein Wort, das gut klingt, ziemlich fern seiner gewöhnlichen Bedeutung einführt und verwendet. §Methodisch könnte man dies auch so aufassen: Die für Heidegger brauchbaren Wörter wie 'kuinzig' müssen gut klingen (und aussehen), aber ansonsten spielt ihre tatsächliche Gebrauchsweise und sprachliche Bedeutung kaum eine Rolle, da Heidegger die Deutung des Wortes entsprechend seinen eigenen Absichten (und damit von außen nicht kontrollierbar, wenn auch im nachhinein biszu einem gewissen Grad nachvollziehbar) weiterentwickelt". (S. 192) Man müsse die Worte daher als "neue Zeichen" auffassen, meint Kienzler.
Denkt man dies weiter, müsste man Heidegger Irreführung vorwerfen: Wenn man die Form eines alten Zeichens nimmt, um sie mit einer neuen Bedeutung zu versehen, dann legt man seinen Lesern natürlich nahe, die alte Bedeutung in die Interpretation des Zeichens mit einzubeziehen. Kuinzig ist nur ein gutes Beispiel für diese Praxis, weil es als Dialektwort wenigen bekannt ist und es daher den Dialektunkundigen nicht auffällt, dass die alte Bedeutung mit Heideggers Definition nicht viel zu tun hat.
Kienzler hat nun sich die Mühe gemacht zu klären, a) dass es das Wort tatsächlich gibt, b) was es bedeutet, und c) diese Erkenntnis zur Erhellung der Heideggerschen wortschöpferischen Tätigkeit herangezogen. Ich fasse ihn zusammen: "Kuinzig" wurde in Messkirch gebraucht und ist im Schwäbischen Wörterbuch von H. Fischer (Bd. 4 Tübingen 1914) nachgewiesen. Etymologisch wird es im Wörterbuch von "keinnützig" gleich "nutzlos" oder "verdorben" abgeleitet. Die Hauptbedeutung ist negativ. Allerdings kann es auch mit positivem Beigeschmack im Sinne von "neckisch" oder "mutwillig" gebraucht werden; diesen Gebrauch nennt Kienzler ironisch.
Man sehe hier also, so Kienzler, wie Heidegger ein Wort, das gut klingt, ziemlich fern seiner gewöhnlichen Bedeutung einführt und verwendet. §Methodisch könnte man dies auch so aufassen: Die für Heidegger brauchbaren Wörter wie 'kuinzig' müssen gut klingen (und aussehen), aber ansonsten spielt ihre tatsächliche Gebrauchsweise und sprachliche Bedeutung kaum eine Rolle, da Heidegger die Deutung des Wortes entsprechend seinen eigenen Absichten (und damit von außen nicht kontrollierbar, wenn auch im nachhinein biszu einem gewissen Grad nachvollziehbar) weiterentwickelt". (S. 192) Man müsse die Worte daher als "neue Zeichen" auffassen, meint Kienzler.
Denkt man dies weiter, müsste man Heidegger Irreführung vorwerfen: Wenn man die Form eines alten Zeichens nimmt, um sie mit einer neuen Bedeutung zu versehen, dann legt man seinen Lesern natürlich nahe, die alte Bedeutung in die Interpretation des Zeichens mit einzubeziehen. Kuinzig ist nur ein gutes Beispiel für diese Praxis, weil es als Dialektwort wenigen bekannt ist und es daher den Dialektunkundigen nicht auffällt, dass die alte Bedeutung mit Heideggers Definition nicht viel zu tun hat.
24 September 2007
Faye über Heidegger, 2. Auflage
Dass Emmanuel Faye einen eigenen Blick auf Heidegger und den Nationalsozialismus hat, den er ausführlich in einem Buch Heidegger, l'introduction du nazisme dans la philosophie (2005) anzeigte, darauf habe ich hier schon hingewiesen. Inzwischen ist das Buch in einer zweiten Auflage erschienen, die 200 Seiten stärker ist; im umfangreichen Vorwort dazu geht Faye auch auf die Diskussion nach Erscheinen der ersten Auflage ein. Und führt natürlich neue Textbelege / Argumente an. Außerdem liefert er die Bibliographie der Rezeption dieser ersten Auflage gleich mit, am Ende des Vorworts.
Da das ganze für 9,- € im Taschenbuch erschienen ist, kann man ja mal einen Blick wagen...
Da das ganze für 9,- € im Taschenbuch erschienen ist, kann man ja mal einen Blick wagen...
08 Mai 2007
Heidegger and the Geeks
ach nee, doch nicht: Heidegger and the Greeks. Wie langweilig.
Update 26.9.: Heidegger und die Siechen. Ach nee: Heidegger und die Griechen. Gähn.
Update 26.9.: Heidegger und die Siechen. Ach nee: Heidegger und die Griechen. Gähn.
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Heidegger
27 März 2007
Heideggers Hütte
Adam Sharr hat einen schönen kleinen Bildband über Heideggers Hütte bei Todtnauberg gemacht: Heidegger's Hut, erschienen bei der MIT Press (Cambridge / MS, 2006) (siehe auch die Forschungsprojektbeschreibung hier). Neben Bildmaterial (z.T. neu gefertigte Fotos) von der Hütte selbst und der Umgebung enthält das Büchlein auch Grundrisse sowohl der Hütte als auch von Heideggers Haus im Rötebuckweg in Freiburg. Sharr selbst ist kein Philosoph, sondern ein Architekt: und hat damit einen erfrischenden Blick auf die sagenumwobene Stätte. (Natürlich gibt's auch ein Kapitel für die Frage, in welcher Weise der Ort des Philosophierens die Philosophie Heideggers widerspiegele.)
02 September 2006
Poggi über den jungen Heidegger
Was hat Heidegger eigentlich vor 1927, vor dem Erscheinen von Sein und Zeit, getrieben? Dass er von Jesuiten erzogen wurde, sich über Duns Scotus habilitierte und ein begnadeter Vortragender in Marburg war (Hannah Arendts Wort vom "Versteckten König" der Philosophen stammt ja aus den zwanziger Jahren), das weiß man so ungefähr. Nun gibt schon seit einiger Zeit die Gesamtausgabe im Klostermann-Verlag die Möglichkeit, die frühen Vorlesungen und damit die Entwicklung des Heideggerschen Denkens zu studieren. Für mich waren die Vorlesungen um 1922 ein Aha-Erlebnis, weil ich viel deutlicher sehen konnte, wieviel Heidegger bei Husserl gelernt hat. Sein und Zeit sieht ja mehr nach einer Absetzbewegung aus.
Jedenfalls erscheinen auch immer mehr Bücher mit dem "jungen Heidegger" im Titel. John van Buren schrieb schon 1995 über "The young Heidegger" (1912-1927), auch Jürgen Stolzenbergs Studie über den Neukantianismus' Natorps und Cohens im Vergleich mit dem frühen Heidegger, Ursprung und System, erschien in diesem Jahr. Nun legt Stefano Poggi La logica, la mistica, il nulla : una interpretatione del giovane Heidegger vor und schreitet dabei das Werk ab 1914, ab Heideggers Dissertation über Die Lehre vom Urteil im Psychologismus, bis 1922 ab. Ich bin kein Heidegger-Kenner: mich macht hier das Wort "Mystik" im Titel neugierig.
Jedenfalls erscheinen auch immer mehr Bücher mit dem "jungen Heidegger" im Titel. John van Buren schrieb schon 1995 über "The young Heidegger" (1912-1927), auch Jürgen Stolzenbergs Studie über den Neukantianismus' Natorps und Cohens im Vergleich mit dem frühen Heidegger, Ursprung und System, erschien in diesem Jahr. Nun legt Stefano Poggi La logica, la mistica, il nulla : una interpretatione del giovane Heidegger vor und schreitet dabei das Werk ab 1914, ab Heideggers Dissertation über Die Lehre vom Urteil im Psychologismus, bis 1922 ab. Ich bin kein Heidegger-Kenner: mich macht hier das Wort "Mystik" im Titel neugierig.
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Heidegger
16 November 2005
Nachtrag zu Heideggers Nazismus
Man könnte fast fragen: Heidegger immer noch ein Nazi? (1, 2)
Im Wikipedia-Artikel über Heidegger findet man Literaturhinweise und kurze Darstellung des ersten Heidegger-Aufregers nach dem Buch von Victor Faria Heidegger et le nazisme 1987 sowie der seinerzeit von Altwegg herausgegebenen Dokumentation über die folgende Debatte in Deutschland. Mir ist zudem gerade ein neues Buch unter die Finger geraten, von James Phillips: Heidegger's Volk : between national socialism and poetry. Eine Rezension dazu aus den Notre Dame philosophical reviews von Hans Sluga. Aus den ersten Sätzen von Phillips' Buch:
Im Wikipedia-Artikel über Heidegger findet man Literaturhinweise und kurze Darstellung des ersten Heidegger-Aufregers nach dem Buch von Victor Faria Heidegger et le nazisme 1987 sowie der seinerzeit von Altwegg herausgegebenen Dokumentation über die folgende Debatte in Deutschland. Mir ist zudem gerade ein neues Buch unter die Finger geraten, von James Phillips: Heidegger's Volk : between national socialism and poetry. Eine Rezension dazu aus den Notre Dame philosophical reviews von Hans Sluga. Aus den ersten Sätzen von Phillips' Buch:
Martin Heidegger's engagement with National Socialism was a philosophical engagement, even thought it appeared -- and more than appeared -- to be an abdication of philosophy. ... What Heidegger desired in 1933, and what he imagined he could effect by running the university in collaboration with the new regime, was ... the irruption of the nonideality of the political realm into philosophy.
13 November 2005
Heideggers Irrationalismus ...
mspro hat in seinem Blog Mymspro einen lesenswerten Kommentar geschrieben zur Frage. Ich denke wie er, dass Faye nicht richtigherum fragt. Weil Nazismus (auch) eine moralisch wertende Kategorie ist, wirft Fayes These eigentlich die Frage auf, wie wir mit dem bösen Heidegger weiter umgehen. Ob sich die philosophische Seele beschmutzt, wer Heidegger liest.
Aber vielleicht ist es eher umgekehrt mit Heidegger und den Nazis. Vielleicht hat Heideggers etwas verschwiemeltes Denken, mehr auf Tiefe denn auf Klarheit zielend, in seiner Sorglosigkeit einen Denkstil des Raunens salonfähig gemacht, der sich leicht missbrauchen ließ. Vielleicht trägt Heideggers Irrationalismus zur Hochzeit des Irrationalen in den dreißiger Jahren bei. (Dieser Gedanke geht auf mehrere Äußerungen Ingeborg Bachmanns zurück, die das ein wenig schärfer formuliert.)
Gerechtigkeitshalber muss man feststellen, wie wenig 'Rationalität' vor politischer Dummheit (und schließlich Unmoral) schützt. Dass der Urvater der Analytischen Philosophie, Gottlob Frege, auch Sympathien für Hitler und die Nazis gehabt hat, weiß man seit 1994 (Jg. 42 der Deutschen Zeitschrift für Philosophie), als sein "politisches Tagebuch" aus den zwanziger Jahren bekannt wurde.
Aber vielleicht ist es eher umgekehrt mit Heidegger und den Nazis. Vielleicht hat Heideggers etwas verschwiemeltes Denken, mehr auf Tiefe denn auf Klarheit zielend, in seiner Sorglosigkeit einen Denkstil des Raunens salonfähig gemacht, der sich leicht missbrauchen ließ. Vielleicht trägt Heideggers Irrationalismus zur Hochzeit des Irrationalen in den dreißiger Jahren bei. (Dieser Gedanke geht auf mehrere Äußerungen Ingeborg Bachmanns zurück, die das ein wenig schärfer formuliert.)
Gerechtigkeitshalber muss man feststellen, wie wenig 'Rationalität' vor politischer Dummheit (und schließlich Unmoral) schützt. Dass der Urvater der Analytischen Philosophie, Gottlob Frege, auch Sympathien für Hitler und die Nazis gehabt hat, weiß man seit 1994 (Jg. 42 der Deutschen Zeitschrift für Philosophie), als sein "politisches Tagebuch" aus den zwanziger Jahren bekannt wurde.
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09 November 2005
Nazi Heidegger?
Jaja, das Fragezeichen in der Überschrift ist ein bisschen heuchlerisch, denn jeder weiß ja, dass der "versteckte König" der Philosophen (Hannah Arendt schreibt das 1978 als Erinnerung an die Zeit, da sie sich nach Freiburg zum Studium aufmachte) sogar Rektor wurde in Freiburg unter den Nazis und eine grässliche "Rektoratsrede" hielt. Alte Hüte also?
Ist wohl nicht damit getan, sondern eine interessante Frage, ob Heideggers Philosophie nazistische Elemente aufwies, und zwar a) in den dreißigern, als er nahe dran war, und b) später, nach dem Krieg. Letzteres wäre ja ein Prüfstein, an dem der "echte" Heidegger erkennbar würde (denn dass Heidegger auch ein opportunistischer und eitler Knopf, ach nee: Kopf, war, dürfte zustimmungsfähig sein). Ist Heideggers Philosophie weltanschaulich gefärbt, dann fragt sich zudem, ob diese Weltanschauung auf jene abfärbt, die sich von Heideggers Philosophie beeinflussen lassen. Das ist vermutlich der Kern, warum Emmanuel Fayes Buch Heidegger, l'introduction du nazisme dans la philosophie, in Frankreich so einen Wirbel gemacht hat, denn der Einfluss Heideggers gerade auf die Großdenker ist ja bekannt.
Ich wurde erst jetzt durch eine Zusammenfassung in Information Philosophie 4/2005 darauf aufmerksam. (Die Nummer ist übrigens auch interessant wegen eines kritischen Artikels, der "Faszination Agamben" überschrieben ist, aber eher "Deflating Agamben" heißen könnte.)
Faye hat seine Thesen auf deutsch in der ZEIT vorgetragen, wo auch eine lesenswerte kritische Antwort von Thomas Meyer erschien.
Ist wohl nicht damit getan, sondern eine interessante Frage, ob Heideggers Philosophie nazistische Elemente aufwies, und zwar a) in den dreißigern, als er nahe dran war, und b) später, nach dem Krieg. Letzteres wäre ja ein Prüfstein, an dem der "echte" Heidegger erkennbar würde (denn dass Heidegger auch ein opportunistischer und eitler Knopf, ach nee: Kopf, war, dürfte zustimmungsfähig sein). Ist Heideggers Philosophie weltanschaulich gefärbt, dann fragt sich zudem, ob diese Weltanschauung auf jene abfärbt, die sich von Heideggers Philosophie beeinflussen lassen. Das ist vermutlich der Kern, warum Emmanuel Fayes Buch Heidegger, l'introduction du nazisme dans la philosophie, in Frankreich so einen Wirbel gemacht hat, denn der Einfluss Heideggers gerade auf die Großdenker ist ja bekannt.
Ich wurde erst jetzt durch eine Zusammenfassung in Information Philosophie 4/2005 darauf aufmerksam. (Die Nummer ist übrigens auch interessant wegen eines kritischen Artikels, der "Faszination Agamben" überschrieben ist, aber eher "Deflating Agamben" heißen könnte.)
Faye hat seine Thesen auf deutsch in der ZEIT vorgetragen, wo auch eine lesenswerte kritische Antwort von Thomas Meyer erschien.
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