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07 August 2008

Nietzsche am Rand

Reading Nietzsche at the margins / hg. von Steven V. Hicks, Alan Rosenberg. - West Lafayette, Ind. : Purdue UP, 2008.
Das Katalogisat enthält bereits Schlagwörter: Nietzsche, Friedrich ; Randbemerkung ; Aufsatzsammlung. Liest man die Editorial introduction, dann erfährt man, dass die Nietzsche-Rezeption in den letzten zwanzig Jahren in der Wahrnehmung der Herausgeber eine Konzentration auf einen eng umrissenen Themenkreis erfahren hat: auf die Umwertung der Werte, das Übermensch-Konzept etc. Der Aufsatzband will sich demgegenüber Themen zuwenden, die nicht als zentral wahrgenommen wurden. Handelt es bei diesen Themen um "Randbemerkungen" Nietzsches (im Sinne der SWD)?
Sicher nicht. Denn die SWD ist da, wie eigentlich immer, wörtlich zu verstehen. Eine Randbemerkung ist etwas, was am Rand von etwas (anderem) steht.

Das Buch, auf das die Sacherschließung passt, muss also wohl erst noch erscheinen. Immerhin gibt es ja ein Werk von Martin Stingelin über Nietzsches Lichtenberg-Rezeption, wo sicher auch die eine oder andere Randbemerkung Nietzsches Berücksichtigung findet...

28 Mai 2008

Es ist schon schwer...

VDM, der berühmte Verlag, hat sich des Werks von African Spir angenommen. Mir liegen hier zwei Reprints vor, und zwar die Kleinen Schriften und Moralität und Religion. Während ich mich freue, sagen zu können, dass der Verlag es diesmal geschafft hat, ohne Kopierstreifen auszukommen, so dass man, wäre die Scanqualität nicht von recht geringer Auflösung, von ansehnlichen Reprints sprechen könnte (allerdings stören einige Artefakte hin und wieder), bleibt es wieder einmal den Lesern überlassen zu erraten, welche Ausgabe hier eigentlich reprinted wurde, denn man hat von der Reprint-Wiedergabe des Titelblattes Verlagsort und Jahreszahl entfernt. Die Schrift Moralität und Religion hat hier 156 Seiten; es könnte sich um die Erstausgabe (Leipzig 1874?) handeln. Von den Kleinen Schriften scheint nur eine Ausgabe 1870 erschienen zu sein, so dass der Reprint vermutlich von dieser rührt.
Beide Bücher haben übrigens denselben Klappentext, der mit einem Hinweis auf Nietzsche beginnt: "Das 1873 erschienene Buch "Denken und Wirklichkeit. Versuch einer Erneuerung der kritischen Philosophie" von Spir hat einen nicht unerheblichen Einfluss auf das Denken Friedrich Nietzsches ausgeübt". Das heißt ja wohl: ihr, die ihr Nietzsche lest, solltet auch Spir lesen.
Allerdings bin ich mir da nicht so sicher: denn was ein origineller Denker aus seinen Einflüssen macht, muss ja nichts mit dem zu tun haben, was diese Einflüsse tatsächlich sind. Und dass der Klappentext auf andere Werke Spirs verweist, spricht ja nun auch dafür, dass der Verlag selbst seinem Reprint kein originäres Interesse abgewinnen kann.
Der englische Wikipedia-Artikel über Spir enthält übrigens am Ende ein kleine Bibliographie über das Verhältnis von Nietzsche und Spir.

13 April 2008

Nietzsches Totenmasken

Michael Hertl hat sich schon vorher mit Totenmasken beschäftigt. Nun hat er bei Königshausen und Neumann Der Mythos Friedrich Nietzsche und seine Totenmasken vorgelegt: ein mit reichem Bildmaterial ausgestatteter Essay zu Nietzsches Totenmasken und deren Rezeption.

11 April 2008

Philosophen im Bild

Mein Spanisch ist nicht gut genug für die Anekdoten in Filosofía para bufones, das Pedro González Calero (Barcelona : Ariel 2007) verfasst hat. Aber es reicht allemal für die zum Teil sehr treffenden Karikaturen von Anthony Garner (mehr Arbeitsbeispiele unter http://www.antgarner.com). Meine beiden Lieblingsstücke sind diese hier, wiedergegeben mit freundlicher Erlaubnis des Künstlers:




(c) Anthony Garner, used by permission.

16 Januar 2008

DDR-Philosophie?

Die pure Begegnung mit den Texten der DDR-Philosophie hat für mich immer etwas Vorhersehbares. Spannend finde ich daher ein Buch wie das von Stefania Maffeis -- sie ist Italienerin und daher völlig unbeteiligt ihrem Gegenstand gegenüber --: Zwischen Wissenschaft und Politik : Transformationen der DDR-Philosophie 1945-1993. (Frankfurt : Campus, 2007) Maffeis untersucht ihr Thema mit theoretischer Unterstützung von Bourdieu, und mithilfe von Gesprächen mit den Beteiligten, natürlich aus der späten Phase der DDR-Philosophie.
Der erste Teil des Buches ist allgemein gehalten und widmet nicht geringe Aufmerksamkeit auch den Institutionen; der zweite Teil untersucht als "Fallstudie" die Nietzsche-Rezeption nach 1945 bis hin zum Nietzsche-Jubiläum 1994. Mir war da nur bisher bekannt, dass die DDR sich mit Nietzsche, den die Nazis so leicht in Dienst nehmen konnten, sehr schwer getan hat. Das hatte auch damit zu tun, dass sich kaum ein anti-systematischerer Philosoph denken lässt als Nietzsche, und kaum eine systematischere Philosophie als die sozialistische. Eigentlich unvereinbar. Auf der anderen Seite lässt sich Nietzsche natürlich prima als Kritiker einer bürgerlichen Philosophie verstehen: wäre doch gelacht, hätte man in der DDR gar nix mit ihm anfangen können. Maffeis zeichnet diese inhaltlichen Umschwünge ebenso dar wie die "strukturellen" (im soziologischen Sinne) der DDR-Philosophie.

09 August 2007

Nietzsche rechts oder links?

Dass die Rechten Nietzsche in den Dienst genommen haben, auch Dank willfähriger Vorbereitung seiner Schwester, scheint ihn als politischen Philosophen von vornherein außer Dienst zu stellen. Aber die Linken müssten doch eigentlich für den Umstürzer aller Werte und pragmatischen Philosophen auch was übrig haben? Wieviel das ist, hat sich die sächsische Rosa Luxemburg Stiftung auf einer Tagung 2004 herauszufinden bemüht, die nun im 19. Band der Schriftenreihe Diskurs (2006) dokumentiert ist. Anlass war der 50. Jahrestag der Erstveröffentlichung von Lukacz' Buch "Die Zerstörung der Vernunft": ein kritischer Titel, der klingt, als hätte die Linke die Vernunft für sich gepachtet. Neben der Wirkungsgeschichte von Lukacz' Buch geht es in den Beiträgen auch um die Wiederentdeckung Nietzsches in der DDR-Philosophie der 80er Jahre (Volker Caysa) oder um Marx und Nietzsche als Europäer im Vergleich.

09 Mai 2007

Nietzsche als Schwarzer

Critical Affinities sieht Robert Gooding-Williams zwischen Afroamerikanischem und Nietzscheschem Denken und gewährt dem gleichnamigen Band (New York, SUNY Press, 2006) ein Vorwort. Jacqueline Scott und A. Todd Franklin haben diesen Sammelband zusammengestellt:
To suppose Nietzsche to be black is to suppose ... that he may be interpreted with an eye to the typical concerns of African American thought; or, more generally, the typical concerns of black studies. (S. vii)

Also worum geht's? Um das Thema Rasse, auch. Um den gesellschaftlichen Kontext von Urteilen. Aber dass die Gemeinsamkeit im wesentlichen im kulturkritischen Impuls der Gesprächspartner Nietzsche und Black Studies besteht, scheint mir ein bisschen wenig, auch wenn Nietzsche den BS neue Wege der Kritik und "new dissatisfactions" (Vorwort) eröffnet.

04 März 2007

Schriftsteller mit Philosophie-Diss

Bei Ingeborg Bachmann ist es eine Pest gewesen: die Verweise der Forschung auf den Einfluss Heideggers, schließlich habe sie ja über den promoviert. Das wurde auch nicht besser, nachdem vermehrt Bachmanns eigener Interviewsatz, sie habe "gegen Heidegger" geschrieben, angeführt wurde: das ändert ja nur den Fokus. Ich frage mich, ob es wohl den Gelehrten mit Nikos Kazantzakis genauso geht. Dessen Diss über Nietzsche Friedrich Nietzsche on the Philosophy of Right and the State wurde nämlich gerade bei der SUNY Press ins Englische übersetzt. Kazantzakis: ist für mindestens zwei Bücher bei uns bekannt: für Alexis Sorbas und für Die letzte Versuchung Christi, beide mit prominenten Verfilmungen. Da seh ich doch gleich im Sorbas einen Zarathustra-Schüler...

16 März 2006

Nietzsche aus Korea

Im mir bis dato unbekannten Abera-Verlag ist ein Buch über Nietzsche erschienen, das mir eher ungewöhnlich erscheint: Nietzsche : Rüttler an hundertjähriger Philosophietradition, hg. von Kim Sang-Hwan, ist eine Sammlung koreanischer Aufsätze, anlässlich der letzten Buchmesse komplett übersetzt. Es scheint eine emphatische Nietzsche-Rezeption in Korea zu geben. Die ist aber nicht miteinander im Gespräch, wenn man den Fußnoten traut, sondern ausschließlich mit westeuropäischer Literatur. Als wenn ein Echo zurück nach Deutschland schallt, dessen Ursprung schon lang verstummt ist. Ob das Echo hier am Gespräch teilnehmen kann?

14 November 2005

Die Nietzsche-Enttäuschung

Es mag einige geben, denen es beim Nietzsche-Lesen so geht wie mir: die Aura des Namens scheint durch die Texte nicht gerechtfertigt. Nachgerade grotesk wirkt dann die Selbstbeweihräucherung Nietzsches in den späten Briefen und im Ecce homo. Nehmen wir z.B. "Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn", wo Nietzsche die These aufstellt, das Sprache lügt, weil die Begriffe abgehalfterte Metaphern sind, die den Gegenständen gar nicht entsprechen, einmal grob ausgedrückt. Hier ein Zitat:
Nur durch die Vergesslichkeit kann der Mensch je dazu kommen zu wähnen, er besitze eine »Wahrheit« in dem eben bezeichneten Grade. Wenn er sich nicht mit der Wahrheit in der Form der Tautologie, das heißt mit leeren Hülsen begnügen will, so wird er ewig Illusionen für Wahrheiten einhandeln. Was ist ein Wort? Die Abbildung eines Nervenreizes in Lauten. Von dem Nervenreiz aber Weiterzuschließen auf eine Ursache außer uns, ist bereits das Resultat einer falschen und unberechtigten Anwendung des Satzes vom Grunde. Wie dürften wir, wenn die Wahrheit bei der Genesis der Sprache, der Gesichtspunkt der Gewissheit bei den Bezeichnungen allein entscheidend gewesen wäre, wie dürften wir doch sagen: der Stein ist hart: als ob uns »hart« noch sonst bekannt wäre, und nicht nur als eine ganz subjektive Reizung! Wir teilen die Dinge nach Geschlechtern ein, wir bezeichnen den Baum als männlich, die Pflanze als weiblich: welche willkürlichen Übertragungen! Wie weit hinausgeflogen über den Kanon der Gewissheit!
Ja und, möchte man sagen? Ist das nicht vielleicht ein kleiner Irrtum darüber, was sprachliche Konventionen sind? Und müsste man nicht ein wenig mehr über "hart" sagen, als dass es nicht "sonst bekannt" ist?
So geht es mir mit allen Äußerungen, die ich von Nietzsche zu Themen der Erkenntnistheorie gelesen habe, und mit vielem, was er zur Moralphilosophie schreibt. Es passt nicht zu dem, was man erwartet, wenn man sich die großartige Wirkung seiner Philosophie ansieht: auf Schriftsteller, auf Philosophen. Vielleicht Zeit für ein Buch, das sich einer ähnlichen Enttäuschung widmet: Nickolas Pappas vom City College of New York schreibt über The Nietzsche Disappointment, mein heutiger Buchtipp. Es geht um Nietzsches Zeitphilosophie, bzw. den Widerspruch zwischen seiner Zeitphilosophie (Stillstand!) und dem, was Nietzsche von der Zukunft erwartete (Umbruch!). Wie geht das zusammen?