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11 April 2007

Das Leben als Übel

David Benatar verteidigt in seinem Buch Better never to have been : the harm of coming into existence (Oxford : Clarendon, 2006) die These, es sei stets besser, nicht gelebt zu haben. Entsprechend ist es auch besser, keine Kinder ins Leben zu bringen. Für alle die, die der Meinung sind, dass ihr eigenes Leben jedenfalls nicht so schlecht sei, hat er eine schlagende Antwort: Sie irren sich einfach darin, und die Selbstbeurteilung der eigenen Lebensqualität ist sowieso nicht verlässlich.
Klingt ganz nach einem Philosophiebuch für Deprimierte. Benatar trägt dies alles aber sorgfältig argumentierend vor, und ist sich natürlich im Klaren darüber, dass er mit empörten Widerspruch zu rechnen haben wird. Übrigens stellt er auch die Frage, wie es dann mit dem Selbstmord zu halten sei: und stellt fest, dass seine These über die Schlechtigkeit des Lebens nicht impliziert, dass das Leben fortzuführen schlechter sei als es zu beenden. Dafür braucht man andere Gründe.
In allem: schon um sich darüber klar zu werden, an welcher Stelle man ihm widersprechen möchte, ist Benatars Buch eine spannende Lektüre!

11 August 2006

Nachdenken über den Tod

Von einem der alten Griechen (Epikur?) ist mir die Anekdote erinnerlich, der Tod sei kein Übel für dem Menschen: "denn wo ich bin, ist der Tod nicht, und wo der Tod ist, bin ich nicht". Ob der Tod ein Übel ist, ist allerdings nur eine der Fragen, die sich einem Philosophen stellen können, wenn auch anscheinend die meistgestellte (vgl. den Eintrag death in der Stanford Encyclopedia of Philosophy). Spannend finde ich auch, ob es eine Pflicht zu sterben geben kann bzw. gibt und wie die Begriffsgeschichte des Todes aussieht (auch wenn klar scheint, was der Tod ist, hat sich doch die Vorstellung davon gewandelt, was stirbt, sprich: was der Mensch ist). All dies und mehr beschäftigt Vincent Barry in seinem Buch Philosophical thinking about death and dying (Belmont: Thomson, 2007(!)). Eine gute Ergänzung zu Jay F. Rosenbergs Klassiker Thinking cleary about death (1983).

11 Juli 2006

Kennen Sie Robert Ettinger?

Immerhin hat der es zu einem Aufsatzband "The philosophy of Robert Ettinger" gebracht, der von Charles Tandy, Ph. D., herausgegeben wurde. Ettinger, weiß Wikipedia, hat das Cryonics Institute gegründet und das Prinzip entwickelt. Cryonics bedeutet: Einfrieren, auftauen, weiterleben. Zukünftige Medizin wird dann den Körper neu einstellen können, Unsterblichkeit ist die Folge (meint Ettinger). Ettingers Vision The prospect of immortality gibts natürlich auch zum Download.
Kein ernstzunehmendes Szenario? Dabei war noch gar nicht die Rede von den Folgen. Was ist mit den Leuten, wenn sie gerade eingefroren sind? Sind sie noch nicht tot? Dürfen sie wählen? Und wie sollten sie ihr Wahlrecht ausüben? Da hat besagter Tandy in seinem Beitrag ganz recht, dass Ettingers Ideen den Begriff der Person erweitern...

[Update 13.7.] Ich habe dem Wikipedia-Artikel entnommen, dass Ettinger zweimal verheiratet war. Seine erste Frau wurde nach ihrem Tod cryonisch behandelt, die zweite wirds bestimmt auch. Frage: Mit wem ist er verheiratet, wenn später mal überlegene Technik die Damen wieder zum Leben erweckt (und ihn natürlich auch)?
(Erinnert mich an Jean Pauls Siebenkäs, wo Lenette sich tröstet, im Himmel mit Siebenkäs verheiratet zu sein, während sie nach seinem (vorgetäuschten) Tod sich Stiefel zuwendet.)

30 März 2006

Relativität des Todes

Manche Philosophen sind toter als andere. Das hat nicht nur mit ihrem Werk zu tun, sondern auch mit ihren Bildern. Sokrates und Aristoteles z.B. haben es auch zu prominenten Büsten gebracht, die vielen vertraut sind, zu schweigen von Raphaels Philosophie-Bild, dem man kaum entgehen kann in der philosophischen Publizistik, so viele Titelbilder und Schutzumschläge sind daraus gemacht worden. Manchmal frage ich mich, ob Nietzsches Schnurrbart nicht größer ist als seine Philosophie; und manches Gemälde eines Fürsten der Aufklärung kann ich nicht ansehen, ohne Descartes (Schnurrbart, Frisur) darin zu erkennen.
Jeremy Bentham hat schon zu Lebzeiten dafür Sorge getragen, dass sich die Nachwelt ein bestimmtes Bild von ihm macht. Und weil die Sache selbst besser als ihr Abbild ist, hat Bentham beides vermischt: in seinem Konzept eines "Auto-Icon": eine Statue, zu fertigen aus dem Material seines Körpers, nach Sektion und wissenschaftlicher Untersuchung mumifiziert. Ich entnehme dies dem Ausstellungskatalog The old radical : Representations of Jeremy Bentham, hg. von Catherine Fuller. Die Ausstellung war 1998 im University College in London, wo auch das Bentham Project beheimatet ist. Das Auto-Icon wurde, nach Benthams testamentarisch ausgesprochenem Willen, aus seinem Körper gemacht: eine sitzende Statue, angekleidet, mit Stab. Es ist hier (gif) zu sehen, die näheren Umstände erläutern die Webseite und ein Aufsatz. Wie dieses Auto-Icon das Glück der Menschheit stärker befördert als sein Fehlen, hat Bentham, Erfinder des Utilitarismus, sicher auch ausführlich begründet ...

10 September 2005

Gibt es ein Leben nach dem Tod?

Man sollte danach nicht die Theologen bzw. religiöse Leute fragen, die sind schließlich voreingenommen. Aber wenn ein Empiriker die Sache untersucht, könnte etwas dabei herauskommen. David Lester -- nicht der Schauspieler, auch nicht der Computerwissenschaftler, sondern der Psychologieprofessor aus New Jersey -- bedient sich der Methoden von Sozialwissenschaften, Psychologie und anderer. Wieviel spricht wirklich für ein Leben nach dem Tod? Reinkarnation, Nahtoderfahrungen, Geisterscheinungen -- zählen die als Beleg? Spielt es eine Rolle, dass verschiedene Theorien über das Leben nach dem Tod einander ausschließen?
Je nachdem, ob man ein Leben nach dem Tod für etwas Erstrebenswertes hält oder nicht, kann man das nüchterne Fazit Lesters am Ende von 214 Seiten mehr oder weniger gelassen hinnehmen: "In summary, then, the research reviewed in this book fails to be convincing that there is a life after death". Das heißt, wohlgemerkt, nicht, dass es kein Leben nach dem Tod gibt: sondern nur, dass es keinen Beweis dafür gibt.