blogoscoop
Posts mit dem Label Locke werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Locke werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

05 November 2006

Wer ist der Vater der Amerikanischen Philosophie?

Na?
John Locke natürlich. Meint Morton White, im ersten Kapitel seiner Anthologie Documents in the history of American philosophy, die 1972 bei Oxford UP erschienen war. Locke "probably exerted more influence on early America thought than any other single man". Aber dann geht es im 18. Jahrhundert mit Jonathan Edwards und James Wilson los, Prediger der eine, Politiker der andere. Für das 19. Jahrhundert hält sich White weiterhin an die Idee "that philosophy in America is not merely philosophy written by Americans", und bringt Auszüge aus dem Werk Coleridges, bevor man George Ripley, Ralph Waldo Emerson und Theodore Parker lesen kann. Bis auf Emerson sind mir vor allem die Namen der Briten vertraut... Erst wenn, nach Herbert Spencer (wieder ein bekannter Engländer), John Fiske, Chauncey Wright, J. B. Stallo, endlich die Pragmatiker Peirce und James sowie der Idealist Royce genannt werden, schließlich Santayana und Dewey, kommen die mir bekannten Namen. Amerikanische Philosophie: eine unbekannte Geschichte.

[Update 6.11.] Gerade gesehen, dass White auch noch ein eigenes Buch zur Amerikanischen Philosophie veröffentlicht hat: Science and sentiment in America : philosophical thought from Jonathan Edwards to John Dewey (OUP 1972), sozusagen der Kommentar zum Reader.

08 Mai 2006

Molyneux' Problem

John Locke gibt das folgende Gedankenexperiment wieder: zum erstenmal in der zweiten Auflage seines Essay concerning human understanding (London, 1694):
Suppose a man born blind, and now adult, and taught by his touch to distinguish between a cube and a sphere of the same metal, and nighly of the same bigness, so as to tell, when he felt one and t'other, which is the cube, which the sphere. Suppose then the cube and sphere placed on a table, and the blind man to be made to see; queare, wheter by his sight, before he touched them, he could now distinguish and tell which is the globe, which the cube?

Die Antwort:
Not. For tho' he has obtained the experience of how a globe, how a cube affects his touch; yet he has not yet attained the experience, that what affects his touch so or so, must affect his sight so or so; or that a protuberant angle in cube, that pressed his hand unequally, shall appear to his eye as it does in the cube.

Problem und Antwort stammen von William Molyneux, dem Gründer der Dublin Philosophical society. Schon damals haben kluge Leute eingewandt, dass eine Kugel dem Blinden den Eindruck von "Gleichheit von allen Seiten" vermitteln könnte -- ein Eindruck, der sich durch Tasten wie durch Sehen, möglicherweise, erkennen ließe.
Das Gedankenexperiment habe ich im 5. Kapitel von David Bermans neuem Buch Berkeley and Irish philosophy gefunden, das seine Aufsätze von 1968-1996 sammelt (London, New York : Continuum, 2005). Berman skizziert die Rezeptionsgeschichte des Gedankenexperiments ein bisschen weiter, auch hin zu Berkeley. Der meinte, dass der sehend gemachte Blinde vermutlich nicht einmal verstehen würde, was man von ihm wollte, also mit der Frage nichts anfangen könnte. Demgegenüber war Hutcheson der Ansicht, dass Sicht und Gefühl die 'gleiche Idee' betreffen und daher durchaus die Ähnlichkeit zwischen Seheindruck und Tasteindruck erkennen lassen. Wie Leibniz war Hutcheson nämlich besorgt, dass die These, der Sehend gewordene könne die beiden Körper nicht unterscheiden, bedeuten würde, er wäre unfähig, Geometrie zu lernen. Das galt beiden als unannehmbar. Warum die Geometrie hier ins Spiel kommt? Für Leibniz wie für Hutcheson war die Grundlage, dass Eindrücke verschiedener Sinne die gleiche Idee betreffen können.
Berman entfaltet schön, wie das alles zusammenhängt. Manche Gedankenexperimente können nicht empirisch nachvollzogen werden -- hier wäre ich doch zu neugierig, ob Berkeley oder Hutcheson recht haben. Ich neige zu der Ansicht, dass der Sehend gewordene das Sehen und die Interpretation von Eindrücken erst lernen müsste. Das heißt, er müsste wohl erst einmal erkennen lernen (in der Hutchesonschen Terminologie), dass genau dieser Seheindruck wirklich mit der Idee der Regelmäßigkeit verknüpft ist.