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08 Juni 2009

Gründlicher Kontextualismus

Keith DeRose denkt schon etwas länger über das Thema Kontextualismus nach und ist daher sicher einigen ein Begriff. Der Kontextualismus besagt, vereinfacht ausgedrückt, dass ob eine Aussage wahr oder falsch ist abhängig ist vom Kontext, in dem sie betrachtet wird. Das bedeutet nicht, dass hier Beliebigkeit regiert, sondern dass die Wahrheitsbedingungen mal enger, mal weiter ausgelegt werden müssen. Der Kontextualismus reagiert damit auf die skeptische Herausforderung, die absolute Sicherheit und Wahrheit bestreitet, mit der in beruhigendem Tonfall vorgetragenen Entgegnung "Brauchen wir nicht!"
Kontextualismus bringt damit auch etwas Bewegung in die Frage, was als Wissen zählen darf. DeRose hat nun einen ersten Band seiner Aufsätze zum Thema vorgelegt bei Oxford UP, The case for contextualism. Da "Vol. 1" genannt, darf man also mit einem zweiten rechnen. Auf seiner Webseite kann man nachlesen, dass dieser vermutlich "Solving the sceptical problem" heißen wird, nach einem der enthaltenen Aufsätze (JSTOR-Link).

Philosophie und angloamerikanische Open-Access-Zeitschriften

Ein paar Webfundstücke via Open Access Journals in Philosophy: Why Aren't There More, and More Better Ones? (Leiter Reports, 1.6.09) Beschäftigen sich generell mit der Frage aus Leiters Titelzeile.

Adopting Open Access (in Philosophy, etc.) vom 19.12.2008.
Posting anlässlich des Wechsels von Analysis von Blackwell zu OUP -- warum geht Analysis nicht den Open-Access-Weg? Man beachte die Kommentare.

Free everything?? (in Crooked Timber, 12.3.08)

Open Access Philosophy (in Tomkow.com, Juni 2008)



Philosophy & Theory in Biology. Neue Open-Access-Zeitschrift, anscheinend noch ohne Beiträge. Aber mit den hehrsten Zielen.

Etablierte englische OA-Zeitschriften:
Journal of Ethics and Social Philosophy. Philosopher's Imprint.

Und in Deutschland?
Hhm.

Open-Access-Zeitschriften:
Philosophie der Psychologie (bei Philo.at)
Physics and Philosophy (Uni Dortmund)
International Review of Information Ethics.
Hyle. Letzte Ausgabe 1/2008 bei eigentlich zweimal jährlicher Erscheinungsweise.
Polylog. Letzte OA-Ausgabe 2005.

Und natürlich Kritikon.

29 Mai 2009

Über Ciceros De Fato -- wie man eine Diss im elektronischen Nirvana versenkt

Elektronische Dissertationen sollten auf einem Hochschulschriftenserver liegen: das ist für mich der Inbegriff von Zugänglichkeit. Dies hat sich aber noch nicht bis nach Spanien herumgesprochen, wo wir für das SSG häufiger auf CD-ROM veröffentlichte Dissen bekommen. Und in die Schweiz, genauer: nach Bern, anscheinend auch nicht.

Das Schweizer Buch 10/2008 hat diesen Titel angezeigt:
31 NB 001532710
Calanchini, Paola Rosa. – Cicero: "De Fato" (Über das Schicksal)
[Elektronische Ressource] : Übersetzung und Kommentar / Paola
Rosa Calanchini. – [S.l.] : [s.n.], 2007. – 1 CD-ROM ; 12 cm
Titel von CD-ROM. – Diss. phil.-hist. Bern. – CWK

Der liegt jetzt gerade vor mir. Versucht man die CD zu "öffnen", wird man schon misstrauisch: alle Dateien liegen in einem Ordner, der noch neben anderem "Apple Mac" im Titel führt. Das Dateiformat darin ist dann "cwk" (was den letzten Teil der bibliographischen Beschreibung erklärt). Wie kann man, bitteschön, wenn man auch nur ein bisschen gelesen werden will, für das elektronische Veröffentlichen ein solches Format wählen?
Frau Calanchini arbeitet anscheinend an einem Schweizer Gymnasium; ich habe ihr eine Email geschrieben; mal sehen, was passiert. Nach einigen Foren soll das Programm, das CWK-Dateien produziert, auch ".doc"-Dateien produzieren können. So eine könnte ich dann immerhin selbst in ein pdf umwandeln...

21 Mai 2009

Die Deutschen sind für und gegen Internetsperren

Dass die Ergebnisse von Umfragen davon abhängen, wie gefragt wird, ist sicher keine neue Beobachtung. Aber in Zeiten zunehmender Abhängigkeit der Politik von unterstellten Meinungen und Stimmungen der Bevölkerung ist es doch eine deutliche Warnung, wenn in einer stark in den Medien beachtete Frage dasselbe Umfrageunternehmen infratest dimap innerhalb von einer Woche zu dem Ergebnis kommt, 92% der Deutschen seien für Internetsperren (als Mittel im Kampf gegen die Kinderpornographie), 90% der Deutschen aber dafür dagegen. So berichtet Heise. Und zitiert auch gleich die beiden unterschiedlichen Formulierungen der Umfragenfrage, die diese abweichenden Ergebnisse zur Folge hatten. Die zeigen, dass die Ergebnisse durchaus miteinander vereinbar sind, wenn man sie richtig versteht. Sie sind nämlich eigentlich wenn-dann-Fragen: Wenn die gesetzlichen Maßnahmen gegen die Sperrung von Kinderpornographieseiten im Internet ein wirksames Mittel bei der Bekämpfung der Kinderpornographie sind, sind sie dann dafür? 92% meinen Ja.
Wenn die gesetzlichen Maßnahmen ... unwirksam sind, sind sie dann dafür? 90% meinen Nein.

Erinnert mich ein bisschen an eine Kurzgeschichte von Philipp K Dick, The mold of Yancy.

11 Mai 2009

Die Turing-Tests des Internet?

Captchas sollen das tun, was auch der Turing-Test will: prüfen, ob vor dem Kommunikationsgerät ein Programm oder ein Mensch sitzt. So könnte man doch die Gemeinsamkeit auf den Punkt bringen. Allerdings gibt es einen Unterschied: die Entscheidung, ob ein Mensch oder eine Maschine die Antwort eingegeben hat, wird beim Captcha von einer Maschine getroffen. Daher muss das Captcha, scheint mir, eine sehr viel bessere Vorstellung davon haben, was eine menschliche Leistung ist. Alle Captchas, denen ich bisher begegnet bin, kranken daran, dass sie diese Leistung nur ein bisschen jenseits der Leistungsfähigkeit von Maschinen positionieren. Wenn ich zum Beispiel das Ergebnis einer Rechenaufgabe wie "8 + 10 =" eingeben soll, dann frage ich mich, wieso das SPAM-Bots nicht schaffen sollten. Auch die Blogger-Captchas vom Schlage "Welches Wort ist auf dem Bild dargestellt?: Crwjlf" sind eigentlich eine Beleidigung, da es klarerweise kein Wort ist, die Antwort "keines" aber keinen Erfolg bringt. Kreativität ist nicht gefragt, d.h. das Menschliche wird beim Captcha gerade darin gesehen, dass die Regeln besonders gut befolgt werden, ob die Antwort nun in einer Erkennungsleistung oder in der Beantwortung einer Frage / Rechenaufgabe liegt.

Rostocker Phänomenologische Manuskripte

Michael Großheim von der Uni Rostock gibt die Rostocker Phänomenologischen Manuskripte heraus. Bisher 3 Hefte in 2008 zwischen 20 und 42 Seiten. Im Augenblick sehr versteckt gedruckt veröffentlicht -- möglicherweise sind diese "Werkstattberichte" im Newsletter der Gesellschaft für Neue Phänomenologie angekündigt. Bezug jedenfalls über die GNP.

Warum nicht Open Access auf dem Dokumentenserver der Uni Rostock? Habe Großheim letzte Woche per Email gefragt; mal sehen, ob noch eine Antwort kommt.

Philosophie-Einführung mit Filmen

Klingt zunächst wie ein interessantes Buch: Introducing philosophy through film: key texts, discussions and film selections, hg. von Richard Fumerton und Diane Jeske, Malden: Wiley-Blackwell 2010 (!). Tatsächlich handelt es sich um eine einführende Anthologie, die mehr oder weniger klassische Texte enthält, z.B. Ausschnitte aus Descartes Erster Meditation (englisch) oder Nozicks The experience machine (aus Anarchy, State, and Utopia), gegliedert in 7 Teile: von Philosophical Argumentation bis zu Philosophy of Religion. Zu jedem dieser 7 Teile werden Filme genannt; zu Teil 4 Ethik, Abschnitt A "Konsequentialismus" z.B. u.a. die Filme "Dirty Harry", "Saving Private Ryan" oder "Titanic". Am Ende des Teils 4A gibt es dann drei Seiten mit Fragen à la "Torture was used against an evil person in the movie Dirty Harry. Can you imagine a situation in which it might be legitimate to torture eve innocent people? Does the answer depend on which of the ethical theories presented is correct?" Das scheint mir ein bisschen zu wenig Film in so einem dicken Buch mit diesem Titel. Dem Vorwort ist zu entnehmen, dass die Herausgeber ursprünglich vorhatten, eine DVD mit relevanten Szenen beizufügen, aber an den Rechten gescheitert seien. Schade.

Darwin und Foucault ...

zusammenzudenken scheint mir so naheliegend zu sein, dass man sich wundert, dass vorher keiner drauf gekommen ist. Denn beide blicken auf die Geschichte als planlose Veranstaltung. Philipp Sarasin, der Schweizer Historiker, legt nun das gleichnamige Buch mit dem Untertitel "Genealogie und Geschichte im Zeitalter der Biologie" vor. Die TAZ wusste schon 2007 davon und schreibt, Sarasin wolle den Einfluss des einen auf den andern "freilegen". In der FAZ veröffentlichte Petra Gehring eine skeptische Rezension.

08 Mai 2009

Wie Jochum das Digitale teuer rechnet

Inzwischen habe ich mir mal die Mühe gemacht, Jochums "Katzengold. Eine Kritik der Nationallizenzen"-Artikel (pdf) zu lesen. Der schwirrt ja auf den Textkritik-Seiten herum und gilt denen als "Nachrechnen" der Kosten des Digitalen, sei's nun Open Access oder nicht. Die Argumentation spricht für sich, oder eher gegen sich. Jochum "prüft" 3 "Elemente, aus denen die Nationallizenzen ihren legitimatorischen Impetus beziehen: die Ökonomie, die Wissenschaftspolitik und die Kulturpolitik". Ein paar Anmerkungen zum Punkt Ökonomie, also da, wo man rechnen muss.

Jochum fährt erstmal die Kosten des wissenschaftlichen Bibliothekswesens auf: laut DBS für 2006 hätten die Wissenschaftlichen Bibliotheken 793 Mio Euro gekostet, davon seien 548 Mio Euro für Personal und Gebäude ausgegeben worden und die restlichen 245 Mio Euro für Medien (Jochum schreibt "Bücher und Medien", aber für mich sind Bücher auch Medien). Sieht nach viel aus?

Dem stellt Jochum die Kosten für's Digitale gegenüber. Weil er keine konkreten Zahlen hat, bemüht er sich, "plausibel abzuschätzen". Er meint, man müsste als Kostenfaktoren einbeziehen:
  1. die Kosten für die Datennetze auf nationaler, regionaler und lokaler Ebene
  2. die hard- und softwarekosten, die von den Netzteilnehmern aufzubringen sind
  3. die Kosten für die Bereitstellung der Inhalte.
Also. Wie berechnet man die Kosten für die Datennetze? Jochum rechnet: Es gab laut DBS 248 wissenschaftliche Bibliotheken in Deutschland, die wohl ebensovielen wissenschaftlichen Einrichtungen zugehören würden, die ihrerseits Rechenzentren unterhalten müssten, die die Kosten für die materielle Infrastruktur auch tragen. Diese Rechenzentren hätten, plausibel geschätzt, 30 Mitarbeiter, und 1 Mitarbeiter sei, plausibel geschätzt, 40.000 € wert. Das gäbe Personalkosten von 1,2 Mio Euro pro Rechenzentrum; und da Gesamtkosten zu 2/3 Personalkosten sind, könnte man von Gesamtkosten von 1,8 Mio € ausgehen, pro Jahr pro Rechenzentrum. Bei 248 Rechenzentren also Kosten von 446,4 Mio €.
Über die Zahlen will ich nicht rechten, obwohl sie großzügig bemessen sind: Jochum tut so, als seien 30 Mitarbeiter gering geschätzt, da Konstanz als kleine Uni 25 Mitarbeiter im Rechenzentrum habe, Köln als größte aber 55. Aber wieviele von den 248 Institutionen sind wohl überhaupt so groß wie die Uni Konstanz? Fachhochschulen, PHs, Regionalbibliotheken ... Lassen wir das.
Mich interessiert doch, warum Jochum die von ihm geschätzten Gesamtkosten der IT-Infrastruktur hier berechnet, wenn es um die Nationallizenzen geht. Er tut dasselbe bei den Hardwarekosten (Punkt 2) oben: Er schätzt, dass es 100.000 Wissenschaftler und 100.000 sonstige Rechnerbenutzer (Sekretärinnen etc.) gibt in den Institutionen, deren Rechnerausstattung mit 700,- € angesetzt wird, die daher zusammen 14 Mio € kosten würden, wenn man die Rechner alle 5 Jahre ersetzt. Soll man wirklich die Arbeitsplatzrechner so anrechnen, als würden sie ausschließlich zum Servern im Web und zur Lektüre der neuesten wissenschaftlichen Texte verwendet?
Am besten finde ich noch Jochums 3. Punkt: die Kosten für die Inhalte. Was die DFG ausgegeben hat (für die Nationallizenzen), das ist ja nur die Spitze des Eisbergs, sagt Jochum. Die TIB habe 1990 mal schätzen lassen, was die Digitalisierung ihres Bestandes kosten würde, und kam da auf 330 bis 530 Mio DM, und 13 bis 33 Mio DM jährliche laufende Kosten. Wie rechnet Jochum diese Zahlen ins Jahr 2009 hoch, um herauszubekommen, was die Digitalisierung aller konventionellen Medien aller deutschen wissenschaftlichen Bibliotheken heute kosten würde? Er rechnet die Inflation nicht rein und verzichtet dafür darauf, Rabatte und Synergieeffekte durch die größere Menge rauszurechnen. Er vermerkt, dass für eine Berechnung natürlich nur jedes Werk einmal digitalisiert werden müsste, nicht jedes Exemplar in jeder Bibliothek. Und kommt dann auf eine oberste Kostengrenze der Digitalisierung von 40 Mrd. €, wenn man das billigste Angebot (von 1990) zur Berechnung heranziehe.
So, er berücksichtigt also die Inflation nicht. Das muss der Leser wohl als Zugeständnis betrachten. Hat er berücksichtigt, dass die Preise gefallen sind seit 1990? Nein, hat er nicht.
Hat er berücksichtigt, dass diese 40 Mrd.-Summe, wenn sie stimmen würde, eine Einmalaufwendung wäre? Nein, hat er nicht. Wo er sonst Wert darauf legt zu trennen zwischen Anschaffung und laufenden Kosten. Und hat er die in Beziehung gesetzt zu den Kosten für die Medien überhaupt? Oder sagen wir, dass Digitalisierung doppelt teuer ist, weil man ja erstmal das konventionelle Medium erwerben musste?
Und hat er die Kosten in Beziehung gesetzt zum damit möglichen Fortschritt in der Forschung (Geschwindigkeit, neue Anwendungen), der auch etwas wert ist? Nein, hat er nicht. Das einzige, was er getan hat, ist ein paar Zahlen zu schätzen, als Rohmaterial in einem Fall mit eklatant veralteten Zahlen (konnte man ihm in Konstanz keine neueren geben?), deren Plausibilität zu postulieren und dann so zu tun, als hätte die Zahl was mit seiner Frage zu tun.

Neues Angebot philosophischer E-Journals

George Leaman vom Philosophy Documentation Center hat mich auf deren neues Angebot Philosophyonline www.philosophyonline.org hingewiesen. Man kann sich dort ohne weiteres einen simplen Testlogin erstellen und hat dann 7 Tage Zeit das Angebot zu prüfen. Laut Testinfo soll das Volltextangebot auf 3 bestimmte Zeitschriften beschränkt sein, das war bei mir aber nicht der Fall: die Volltextsuche durchsuchte anscheinend alle im Volltext angebotenen Zeitschriften, und ich hatte auch vollen Zugriff auf jeden Artikel, der mich interessierte. Ich schrieb Leaman dazu:

I just tried your new site with the personal trial access -- I am impressed by the fastness and searchability of the presentation of content. The html view is good enough for me; the printout looks fine.

I tried to export some citations to my citation manager. I suggest that two formats should be added, RIS and BibTeX. (They are quite common.) I wondered why the URL of the available articles is not part of the exported data -- this would be an improvement.

I'm curious about pricing of the service -- do you have any plans about that? What factors will influence the cost?
Viele der Aufsätze werden nur als HTML geboten, nicht als pdf (wie man das sonst von JSTOR oder anderen kennt), aber die HTML-Präsentation ist, jedenfalls was ich gesehen habe, voll seitenkonkordant.

Das Angebot wird in Erfurt auf dem Bibliothekartag vorgestellt.

07 Mai 2009

Management by Sokrates

Die Werbung spricht davon, dass Philosophie und Wirtschaft ins Gespräch gebracht würde, aber es dürfte eher darauf hinauslaufen, dass Philosophie der Wirtschaft dient: Michael Niehaus, Roger Wisniewski: Management by Sokrates, Cornelsen Skriptor.

06 Mai 2009

Die Philosophie in Italien -- im Spiegel ihrer Zeitschriften

Piero Di Giovanni hat bei FrancoAngeli eine dreibändige Aufsatzsammlung namens La Cultura Filosofia Italiana attraverso le Riviste 1945-2000 herausgegeben; ich habe hier gerade den zweiten Band (Mailand 2008). Der erste Band erschien wohl schon 2006. Ich wünschte, so etwas würde es für Deutschland geben: die ganze Zeitgeschichte der Philosophie wird darin lebendig.

05 Mai 2009

Pascal's Wette



Veröffentlicht von Andrès Diplotti hier in seinem Cartoon-Weblog Flea Snobbery unter einer Creative Commons Attribution-Noncomercial-Share Alike 3.0 Unported License.

Neu: Philosopher’s Digest

http://www.philosophersdigest.com/
Zusammenfassung von Aufsätzen und Auseinandersetzung mit deren Argumenten aus einigen englischsprachigen Philosophie-Zeitschriften: tolles Ding!
Das beste daran: in Blog-Form, daher mit den Blog-Bequemlichkeiten wie Kommentarmöglichkeit und RSS, um auf dem Laufenden zu bleiben.

04 Mai 2009

Kierkegaard-Rezeption in Deutschland

Wer sich für Kierkegaard interessiert, wird die bei Ashgate erschienene Sammlung zur Kierkegaard-Rezeption begrüßen: Kierkegaard's International Reception, hg. von Jon Stewart, 3 Bände. Der 1. Band behandelt Northern and Western Europe und enthält folgerichtig einen umfangreichen (über 100 Seiten!) Artikel über die Rezeption in Deutschland (und Österreich) von Heiko Schulz. Der ist damit fast so lang wie der Artikel über die Rezeption in Dänemark. Inhaltsverzeichnis (pdf) hier.

29 April 2009

Blütenlese

"Mit der vorliegenden Arbeit vertrete ich die These, dass es sich in Platons Parmenides vor allem um das Nichtseiende handelt."
Finde nur ich das witzig?

21 April 2009

Olaf Breidbach sucht die Ordnung

Rezension zu Olaf Breidbach: Neue Wissensordnungen : Wie aus Informationen und Nachrichten kulturelles Wissen entsteht. - Frankfurt am Main : Suhrkamp, 2008. - (Edition Unseld ; 10)
Die Rezension erschien in Buch und Bibliothek 61 (2009) 4, S. 281-282.

Die Bücher der im letzten Jahr gestarteten „Edition Unseld“ sind dünn und billig, sie zielen damit auf ein größeres Publikum. Anspruchsvoll streben die ersten Bände der Edition danach, den Lesern die Welt zu erklären, oder kantischer noch, die Bedingungen einer solchen Welterklärung zu diskutieren.
In diese Kategorie fällt auch der Band von Olaf Breidbach über die „Neuen Wissensordnungen“, der eben nicht bestimmtes Wissen vermitteln möchte, sondern das Wissen für sich als kulturelles und historisches Phänomen in den Blick nimmt. Das lässt eigentlich – für Bibliothekare als Arbeiter an oder in der Wissensordnung zumal – interessante Lektüre erwarten. Doch dürfte es auch außerhalb unseres Berufsstandes nicht allzu viele Leser geben, die Honig aus dem Büchlein saugen können, weil der Jenaer Professor für die Geschichte der Naturwissenschaften mehr Mühe auf die Ausbreitung seines reichen Materials denn auf seine Aufbereitung verwandt hat. In welcher Form sich das bemerkbar macht, dazu komme ich gleich. Zunächst zum Inhalt.

Das Buch wird regiert von zwei Grundgedanken, die Breidbach verschiedentlich wiederholt. Der erste steckt auch im Titel: Information und Wissen sind nicht dasselbe, sondern Wissen entsteht erst aus Information, und zwar durch Interpretation und Reflexion. Wissen ist „interpretierte Information“ (S. 12, 168 u.ö.). Die zweite betrifft das Wesen der Interpretation: eine neue Information kann nur interpretiert werden, indem man sie in Beziehung setzt zu dem, was schon gewusst wird, also indem man sie in das „Netz“ seines Wissens einbezieht – und dies führt notwendig dazu, dass das Netz sich verändert. Wissensordnung muss man dynamisch verstehen, nicht statisch! Das Buch versucht zu erklären, was diese beiden Gedanken bedeuten und welche Folgen sie haben dafür, wie Wissensordnung zu modellieren wäre.
Dem ersten Gedanken nähert man sich vielleicht am einfachsten über einen Vergleich mit der platonischen Wissensauffassung, die als Diskussionsfolie auch noch die zeitgenössische Erkenntnistheorie regiert.
Für Platon bedeutet etwas zu wissen, eine „wahre, gerechtfertigte Meinung“ über etwas zu haben. „Wissen“ findet damit zwar im Kopf eines wissenden Subjekts statt, aber seine Überprüfung kann außerhalb geschehen, indem man fragt: Ist es wahr? Lässt sich eine Rechtfertigung dafür angeben? Interessanterweise impliziert diese platonische Definition auch eine bestimmte Weise, wie der Kosmos allen möglichen Wissens zusammenzudenken wäre: er kann ja nur als allen möglichen wahren Sätzen bestehen. Hätte man diese, käme es nur darauf an, sie in die rechte Beziehung zu einander zu setzen.
Breidbach nennt solche Zusammenstellung die „absolute“ Konzeption einer „Wissensordnung“, und sie hat sich voll entfaltet im wissenschaftlichen Gottvertrauen des Barock. Sie ist naiv, weil sie sich darauf verlässt, dass sich das Wissen von selbst ordnet. Dafür liegt mir das bibliothekarische Beispiel nahe: Wer Klassifikationen verwendet, weiß schon, dass dies Einordnen nicht immer klappt. Solch Einordnen von etwas ‘Gewusstem’ ist stets ein bewusster Akt, weil dafür Entscheidungen nötig sind, und diese Entscheidungen betreffen stets auch die Frage, ob das, was da gerade klassifiziert wird, überhaupt schon einen Platz in der Ordnung hat – oder ob man ihm einen neuen schaffen muss. Aus letzterem erhöbe sich gleich die nächste Frage: Muss nun vielleicht auch an anderer Stelle der Klassifikation geändert werden, um der neuen Klasse gerecht zu werden? Die eine neue zu klassifizierende Information führt also möglicherweise zu tieferen Änderungen der Klassifikation. Oder abstrakter, außerhalb meines Beispiels, formuliert: Information zu interpretieren bedeutet, sie „auf den Gesamtkontext der schon verfügbaren Informationen zu beziehen“ (S. 127). Das Neue, wird es eingeordnet, verändert die Ordnung. Nur dann kann auch die Gesamtheit des Wissens größer sein als die Summe der Einzelinformationen: weil die Interpretationsleistung hinzutritt.
Breidbach legt Wert darauf, dass das Interpretieren von Informationen seinerseits keineswegs voraussetzungsfrei ist, sondern nur angemessen verstanden werden kann als Reflex der historischen Situation und des kulturellen Umfeldes, indem es geschieht. Zudem müssen die Verfahren des Interpretierens bzw. der Bewertung von Informationen selbst als Ausdruck praktischen Wissens und damit als Teil der Wissensordnung beschrieben werden: ganz schön kompliziert!

Leider trägt das Buch für den bibliothekarischen Leser wenig aus. Das hat damit zu tun, dass Breidbach zwar hin und wieder sich mit den ‘materiellen Repräsentanten’ einer Wissensordnung beschäftigt oder sie als Beispiele heranzieht, wie eben Klassifikation oder Enzyklopädie. Aber das eigentliche Geschehen der Wissensordnung ist für ihn abstrakt im „Erfahrungs-, Sprach- und Handlungsraum“ (S. 149) der Kultur zu suchen. Mehr als die Frage, wie die Dynamik des Wissens ihren angemessenen Niederschlag in den Werkzeugen der Wissensaufbereitung (z.B. in Datenbanken) finden könnte oder sollte, reizt ihn das Nachdenken darüber, wie sich die Dynamik des Wissens neurobiologisch, systemtheoretisch oder computertechnisch „modellieren“ lässt. Überlegungen zu solchen Modellen dürften allerdings nur für wenige Leser zum Verständnis des Gesamtthemas beitragen, zumal Breidbach sich zur Darstellung der jeweiligen Fachsprache bedient.
Ohnehin hat Breidbach es versäumt, auf die Zielgruppe der Edition Unseld – den interessierten und gebildeten Laien – Rücksicht zu nehmen. Er präsentiert einen Wildwuchs der Gedanken und Beispiele, der Theorien und Fachsprachen, in häufig assoziativ erscheinender Folge und mit Teilwiederholungen, deren Funktion sich nicht immer erschließt. So findet sich eine definitorisch klingende Formulierung wie „Wissen ist ...“ an die zwanzig Mal im Buch; es bleibt aber dem Leser überlassen, ob oder wie er die verschiedenen Formulierungen unter einen Hut bringt.
Breidbachs Inhaltsverzeichnis bietet ebenfalls keine Orientierung, sondern ist eine Liste aus wenig aussagekräftigen Einzelbegriffen: 75 Einträge bestehen aus einem Wort, 5 aus zweien, und es sind Worte wie „Beschreibungen“, „Zentrierungen“ oder „Kultivierungen“ (letzterer muss gleich für zwei Abschnitte herhalten). Hier hätte man dem Autor den Mut gewünscht, seinen Stoff für den Leser stärker zu reduzieren und aufzubereiten. Ich würde Interessierten jedenfalls eher David Weinbergers weniger anspruchsvolle, dafür ansprechendere und mehr an unserer Praxis orientierte, gut gelaunte kleine Kultur- und Handlungsgeschichte der Wissensordnung Everything is miscellaneous (in deutscher Übersetzung: Das Ende der Schublade) zur Lektüre empfehlen.

Anz, Lauer und schon wieder Jochum über Open Access

Thomas Anz interviewt Gerhard Lauer zum Thema Open Access und sog. Heidelberger Appell auf www.literaturkritik.de. Habe das Interview erfreut über Lauers ruhige und differenzierte Antwort gelesen, und war auch von Anz' Fragestil ganz angetan. Und dann gesehen dass Uwe Jochum einen Leserbrief geschrieben hat. Musste ich gleich selbst einen schreiben, dessen Text ich hier wiedergebe:

Sehr geehrter Herr Anz,

vielen Dank für das Interview. Schön, dass mit Herrn Lauer mal ein Geisteswissenschaftler zu Wort kommt, der die Open Access Bewegung verstanden hat und auch zu den jüngsten Veröffentlichungen rund um den sogenannten "Heidelberger Appell" Substanzielles zu sagen weiß.

Dass Herr Jochum als Mitinitiator die Dinge anders sieht, ist ja klar. Dass er mit gezinkten Karten spielt, war zu erwarten. Nehmen Sie seine beiden Verweise auf das "Nachrechnen" mit den Links auf die beiden Texte, die zeigen sollen, dass die Open Access-Veröffentlichung nicht das billigere Publikationsmodell sei. Im "Was Open Access kostet"-Text vergleicht er die von ihm erhobenen Kosten der DVjs mit PLoS. Die DVjs ist eine geisteswissenschaftliche deutsche Zeitschrift, PLoS eine internationale aus dem STM-Bereich. Warum vergleicht er nicht mit einer renommierten OA-Veröffentlichung aus dem Geisteswissenschaftlichen Bereich? Z.B. mit "Philosopher's Imprint", eine Philosophie-Zeitschrift, die kürzlich in Brian Leiters vielgelesenem Philosophieblog Leiterreports von den Lesern unter die 10 wichtigsten Philosophie-Zeitschriften überhaupt gezählt wurde. Philosopher's Imprint nimmt keine Gebühren von den Autoren. Also: Philosopher's Imprint ist OA und -- für die UBs -- billiger als die DVjs.
Aber natürlich wählt sich jeder seine Beispiele so, wie es ihm passt, und das gilt auch für meins. Trotzdem hat Jochum geschummelt, weil er suggeriert, die Herausgeber von DVjs und PLoS würden etwa die gleichen Leistungen erbringen. Wie hoch ist z.B. die Ablehungsquote der DVjs? Wieviele Beiträge müssen redaktionell versorgt werden, um 24 Beiträge im Jahr zu veröffentlichen? BioMedCentral, ein Open Access-Anbieter im STM-Bereich, hat da mal 2007 Zahlen veröffentlicht. Die müssen schon ganz andere Mengen bewältigen.
Und Jochum hat geschummelt, wenn er so tut, als würden Autoren nichts bezahlen. Bei der DVjs vielleicht nicht, aber mit denen konkurriert PLoS ja auch nicht. Bei STM-Zeitschriften ist es durchaus üblich, dass ein Autor für die Veröffentlichung einen seitenabhängigen Preis bezahlen muss -- ohne dass danach die Zeitschrift OA zur Verfügung steht.
Also: Vergleicht man die DVjs mit mancher geisteswissenschaftlichen OA-Zeitschrift, ist sie teurer für eine UB. Vergleicht man sie mit einer biomedizinischen OA-Zeitschrift, ist der Vergleich schief.
Der zweite, "Katzengold"-genannte Text, handelt von Nationallizenzen, und er schummelt ebenfalls. Da nimmt Jochum z.B. eine Kostenschätzung von 1990 her, was die Kosten des Digitalisierens angeht, und kommt damit 2008 zum Schluss, die Gesamtdigitalisierung aller Bücher würde heute 40 Mrd. Euro kosten. Zum Vergleich: ein Digitalbild hat 2003, also 10 Jahre nach der von Jochum zitierten Schätzung, in meiner UB 5,- € gekostet, jetzt kostet es 25 Cent, also 1/20. Die anderen Zahlen in dem Artikel werden ähnlich haarsträubend berechnet; mit Open Access hat das aber nichts zu tun. Da hat Jochum bloß auf die UB Yale verwiesen, die aus dem institutionellen Abo von Biomed Central ausgestiegen ist. Jochum hat hier übrigens die Fakten falsch wiedergegeben. Die UB von Yale ist da aus der Finanzierung ausgestiegen, aber nicht die Uni; weiterhin nutzen Wissenschaftler von Yale die Publikationsmöglichkeiten von Biomed Central. Nachzulesen hier: http://blogs.openaccesscentral.com/blogs/bmcblog/entry/yale_and_open_access_publishing.

Auch beim zweiten Punkt möchte man Matth. 7,3 zitieren, wenn Jochum den "autoritativen Sprachgestus" der Entgegnung der Wissenschaftsförderinstitutionen beklagt, während er und Reuß in schon einigen Feuilletonveröffentlichungen über "Enteignung" reden; Reuß kann man zitieren mit dem Wort vom "staatsmonopolistischen Verwertungskreislauf", den er heraufdräuen sieht, zugleich mit der wissenschaftspolitischen "Machtergreifung". Meine Herren, geht's nicht ein bisschen weniger aufgeregt?
Jochum hat offenbar auch das Google Books Settlement nicht zur Kenntnis genommen oder nicht verstanden, denn nur so kann er schreiben, dass Google sich "Inhalte umstandslos aneignen" würden. Das stimmt schlicht nicht. Ja, die haben erst gescannt und dann gefragt. Verwerflich. Stimme ich zu. Aber auf dem Stand sind wir nicht mehr. Bitte genauer hinsehen.
Bemerkenswert finde ich auch die oft wiederholte Klage, die Anzeige von Büchern bei Google Books würde die Autoren hindern, weiteren Nutzen aus ihren Werken zu ziehen, insbesondere wenn es sich um lange vergriffene Werke handelt, für deren Nachdruck sich kein Verlag interessiert. Wer gelesen werden möchte, dem hilft das Google Books Programm, überhaupt gefunden zu werden! Wobei ich selbstverständlich der Meinung bin, dass jeder selbst wählen können soll, ob er gefunden werden möchte oder nicht. Aber wer, wie Jochum ja vielleicht, seine Nutzungsrechte am eigenen Buch komplett an einen Verlag übergeben hat, der muss ohnehin es diesem überlassen, sich darum zu kümmern.

Auch das Lux-Interview hat Jochum nicht richtig gelesen. Lux sagt, dort, "unsere Kunden wollen nichts bezahlen" -- damit sind die Kunden der Bibliotheken gemeint. Und dass Bibliotheken im besten Fall ihre Leistungen kostenlos zur Verfügung stellen, darin sind wir uns wohl einig! Der Interviewer übersetzt das aber in "Free Culture - dann können die Verleger doch einpacken". Das heißt, er antwortet so, als habe Frau Lux gesagt: Wir wollen alles umsonst. Ich will Jochum da keinen bösen Willen unterstellen; die Kommentare im Börsenblatt zeigen, dass auch die mitlesenden Verlagsvertreter und Buchinteressierten das großenteils erstmal so verstanden haben. Aber von einem Philologen, einem Freund des Wortes, wird man etwas genauere Lektüre -- und auch genaueres Denken! -- erwarten dürfen.

Freundliche Grüße,
...

Eigentlich müsste man den Jochumschen Behauptungen wieder genauer nachgehen. Insbesondere irritierend finde ich diese "Rechenbeispiele", wo also die Kosten der DVjs mit denen eines PLoS-Journals verglichen werden.

16 April 2009

Schopenhauer-Kierkegaard-Symposion in Kopenhagen

und zwar am 24.-26. April 2009, im Kierkegaard Research Centre, Kopenhagen, Vartov, Farvergade 27. Programm hier. Vielleicht ein bisschen kurzfristig, die Einladung :-). Für die Teilnahme am Essaywettbewerb der Gesellschaft reicht's aber noch; 1.500,- € Preisgeld für die besten 20 oder weniger Seiten zum Thema "Schopenhauers Einfluss auf die bildenden Künste", bis zum 30. September 2009. Hinweise auf der gleichen oben verlinkten Seite der Schopenhauer-Gesellschaft.