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27 März 2006

Geld macht nicht glücklich?

Richard A. Easterlin habe schon 1974 einen Aufsatz veröffentlicht, in dem er aufzeige, dass es keine notwendige Verbindung zwischen dem Besitz, den jemand hat, und seinem Wohlergehen / Glück gebe. Im Spiegel Online macht Hasnain Kazim sich über Harald Willenbrocks neues Buch Das Dagobert-Dilemma Gedanken. Ein paar mehr hätten es aber schon sein können.
Es ist sicher richtig, dass das, was man besitzt, auch Einfluss darauf hat, was man sich wünscht. Einfach darum, weil man sich das nicht mehr wünscht, was man schon hat. Wenn man Glück als die Abwesenheit weiterer Wünsche definiert, dann ist leicht zu sehen, dass man nicht einfach dadurch glücklich wird, dass man Geld hat, denn damit lassen sich ja beileibe nicht alle Wünsche erfüllen. Und es mögen eine ganze Reihe von Wünschen hinzukommen, die man hat aber nicht hätte, wenn man weniger Geld hätte, weil man gar nicht daran denkt, an sie zu denken. First things first.
Durch derlei Überlegungen wird aber keineswegs die Umkehrung gerechtfertigt, dass man etwa leichter glücklich würde, wenn man kein Geld hätte. In meinen Ohren klingt die Feststellung, dass auch arme Leute glücklich sind, ein bisschen wie die Feststellung, dass man dann ja nichts mehr zur Verbesserung ihres Zustands beitragen könnte. (Das mag für einen Hardcore-Utilitaristen sogar eine halbwegs überzeugende Überlegung sein.) Ich halte mich aber lieber an Aristoteles, der in seiner Nikomachischen Ethik feststellt, dass a) gutes Leben davon abhängt, dass man tugendhaft ist, b) tugendhaft aber nur sein kann, wer auch einen gewissen Wohlstand mitbringt. Leicht zu sehen ist das bei der Tugend der Großzügigkeit: ist schwer, großzügig zu sein, wenn man nix zum Teilen und Abgeben besitzt. Und weil Aristoteles außerdem vertritt, dass, wer eine Tugend hat, auch alle anderen hat, folgt wohl, dass wer eine Tugend nicht hat, auch alle anderen nicht hat. Und daraus folgt: wer nicht wohlhabend ist, kann a) nicht tugendhaft und b) nicht glücklich sein.
Das ist Philosophie in Hemdsärmeln, ich weiß. Aber wenn Geld nicht glücklich macht: die Abwesenheit von Geld sicher auch nicht!

Kommentare:

  1. Sagt Aristoteles wirklich, dass man mit einer Tugend auch alle anderen hat, was umgekehrt bedeutet, dass man, wenn einem eine Tugend fehlt, auch keine anderen hat? Das hoert sich in meinen Ohren geradezu absurd an!(Ich kenn mich aber mit A. nicht aus, von daher gibt es vielleicht ueberzeugende Argumente?)

    Der einzige Zusammenhang zwischen Wohlstand und Glueck, der mir spontan einfaellt, ist typisch deutsch: Wenn man genug Geld hat, muss man sich ueber sein Ueberleben weniger sorgen machen. Das gilt natuerlich nur in Gesellschaften, wo Geld das allgemeine Zahlungsmittel ist. Ich glaube, dass es einem schon das alltaegliche Glueck ganz gut vermiesen kann, wenn man sich dauernd fragen muss, wie man denn jetzt den naechsten Monat ueberleben soll.

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  2. Warum, wer eine Tugend hat, alle hat: hier.
    Was das Geld zum Glück angeht: Sicher eine Folge der protestantischen Wertethik, dass der Gedanke, Geld mache nicht glücklich, so vertraut ist: weil Arbeit das ja tut, und Glück sowieso im Jenseits, nicht im Diesseits zu suchen ist. Aber ich stimme demgegenüber völlig zu, dass Geld a) Sicherheit gibt (wenn man so viel hat, dass man gut leben kann, aber nicht so viel, dass man Angst vor denen hat, die es einem wegnehmen könnten), b) Freiheit -- denn mit Geld kann man sich auch die Zeit kaufen, die man braucht, um schöne Dinge zu tun (ein Sabbatjahr etwa muss man sich leisten können).
    "Geld macht nicht glücklich", da höre ich das biblische "Du Narr" im Hintergrund, nachdem der Reiche gesagt hat, dass Scheuer und Speicher voll seien und seine Seele Ruhe habe. Aber es heißt ja vielleicht auch nur: häng dein Herz nicht an den Besitz, damit sein Verlust nicht schmerzt. Das heißt aber nicht: genieß deinen Besitz nicht. Spenden z.B. ist was Tolles und lässt einen sich gut fühlen. Aber leichten Herzens spendet nur, wer was übrig hat.

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