blogoscoop

06 März 2006

Über Creative Commons-Lizenzen ...

ist im neuen Open Source-Jahrbuch ein bedenkenswerter Artikel. Ist wohl sinnvoll, noch einmal drüber nachzudenken, ob die "non commercial use"-Option wirklich im Sinne des Benutzers ist.

04 März 2006

Über Giordano Bruno, die Urzelle, und große Denker

Am 27.1. hatte ich mich über ein Buch aus dem Ancient Mail-Verlag lustig gemacht. Zu meinem Erstaunen wurde das mein bisher erfolgreichstes Posting, misst man den Erfolg an der Zahl der Kommentare. Das Buch heißt Giordano Bruno und die okkulte Philosophie der Renaissance, der Verfasser ist Nicolas Benzin, der Präsident der Giordano Bruno-Gesellschaft. Das Vorwort stammt von Dieter Vogl, der mit Benzin schon zusammen publiziert hat, und Vogl hat als erster auf mein Posting reagiert. Den Gehalt dieses Kommentars fasse ich sicher richtig zusammenfasse, wenn ich schreibe, dass er das Posting für eine „unsachliche und argumentationslose Schmähschrift“ hält. Darauf komme ich am Schluss noch einmal zurück. Jetzt möchte ich erst einmal das liefern, was Vogl vermisst hat: ich entfalte die impliziten Gedanken etwas ausführlicher. Achtung: Das ist ein langes Posting, und es richtet sich in erster Linie an die Kommentatoren, an Vogl, O.M. und Anonymus.


"JEDER OBJEKTIV ARBEITENDE FORSCHER"

Nun zunächst einmal zu Benzins Buch. Vogl schreibt dort gleich auf der ersten Seite, dass Brunos Gedankenwelt „überhaupt nicht im Einklang mit seiner Zeit stand“. Das müsse „jeder objektiv arbeitende Forscher“ „sehr schnell zugeben“. Ich zitiere noch einmal:

Und, was bislang nicht zu erklären ist, dass diese auf einem teleologischen, ästhetischen Pantheismus basierenden Gedanken eigentlich aus dem Hier und Heute stammen könnten. Insbesondere dann keimt diese Vermutung immer wieder auf, wenn man berücksichtigt, dass Bruno über Sachverhalte schreibt, die er gar nicht gekannt haben kann und insofern auch nicht in seine Überlegungen einbezogen haben dürfte.

Das hatte mich neugierig gemacht: Was heißt das? Welche Gedanken genau sind es? Worin unterscheiden Sie sich von denen der Zeitgenossen? Natürlich schreibt auch Vogl darüber noch etwas mehr, aber den vollen Hintergrund darf man wohl im Haupttext von Benzin erwarten.

Nun macht es mich misstrauisch, wenn jemand schreibt, dass „jeder objektiv arbeitende Forscher“ dies oder jenes zugeben wird. In so einer Aussage schwingt zweierlei mit: erstens der Appell zur Zustimmung zu den vertretenen Thesen, weil man andernfalls kein solcher Forscher ist (meint Vogl), zweitens kann ich als (bislang) Ahnungsloser erraten, dass der sensus communis der Forscher in eine andere Richtung geht.

Also: worüber?


Das Argument von der Ansteckungstheorie

Eine erste Ahnung bekommt man auf S. 31. Dort schreibt Benzin über den Arzt Girolamo Fracastoro (1478-1553); sein Wissen über ihn stammt – nach den Anmerkungen zu schließen – fast ausschließlich aus Karl Sudhoffs Kurzes Handbuch der Geschichte der Medizin; eine Primärquelle jedenfalls wird gar nicht zitiert. Fracastoro habe, so Benzin nach Sudhoff, als erster „eine zusammenhängende Darstellung der Infektionskrankheiten verfasst“ und dabei die Begriffe „Infektionsträger“ und „Infektionskeim“ eingeführt. Die Forschung führe das auf die antike atomistische Lehre zurück. Benzin meint dazu, das sei „möglicherweise die richtige Spur“, aber Lukrez’ Atome bildeten zusammen ein „totes“ Universum (S. 31-32):

Nichts weist auf die für die Verbreitung von Krankheiten verantwortlichen Mikroorganismen hin. Dahingegen entspricht das Universum des Giordano Bruno exakt den Voraussetzungen für eine Welt voll von Mikroorganismen. Alle lebendigen Organismen im biologischen Sinne sind seiner Meinung nach aus „Monaden“ aufgebaut, was wir heute als Ur- oder Stammzelle deuten können. Er unterscheidet sehr genau zwischen den verschiedenen Atomvorstellungen der Antike, wenn auch Epikur und Lukrez zu seinen Quellen gehören. Fracastoro als auch Bruno müssen noch andere gemeinsame Quellen für ihre Vorstellung von lebendigen Mikroorganismen gehabt haben.

(Es ist mir unklar, ob hier Bruno oder Fracastoro „sehr genau“ unterscheiden, aber es ist auch nicht von Belang.) Die entscheidende Feststellung ist in der zitierten Passage, dass Bruno und Fracastoro eine Vorstellung „von lebendigen Mikroorganismen“ gehabt hätten.

Benzins Argument scheint zu sein:

1. Prämisse: Ansteckungskrankheiten verbreiten sich durch Mikroorganismen. (Heutiges Wissen)

2. Prämisse Fracastoro hat das Prinzip der Ansteckungskrankheiten beschrieben. (Damalige Leistung)

Schlussfolgerung: Fracastoro ging bei seiner Beschreibung der Ansteckungskrankheiten von Mikroorganismen aus.

Zwar gibt es für diese gefolgerte These keinen weiteren historischen Beleg, wie Benzin weiß, wenn er einräumt, dass die atomistische Lehre „die richtige Spur“ sein könnte. Aber natürlich ist der Gedanke zulässig, dass Fracastoros Werk selbst der historische Beleg ist. Benzin meint außerdem noch ein anderes Indiz in der Hand zu haben, nämlich Brunos Monaden-Lehre. Er scheint nicht behaupten zu wollen, dass Bruno Fracastoros Werk gekannt habe oder umgekehrt; er postuliert darum „andere gemeinsame Quellen“. Quellen, aus denen dann diese neue Vorstellung bei beiden plausibel zu erklären wäre.


WARUM DAS ARGUMENT NICHT SCHLÜSSIG IST

Das Argument hinkt an mehreren Stellen. In der von mir oben dargestellten Form sieht man sofort, dass die Schlussfolgerung nicht aus den Prämissen folgt. Das bedeutet nicht notwendigerweise, dass sie falsch ist, es heißt erst einmal nur, dass die Prämissen sie nicht hinreichend stützen. Ich denke allerdings, dass sie falsch ist.

Dafür habe ich zwei Gründe.

  1. macht diese These Fracastoros Theorie ohne Not komplexer, als sie sein muss. Die Vorstellung von Ansteckung funktioniert auch, und gut, ohne Mikroorganismen. Diese Vorstellung verlangt schließlich nichts weiter, als dass es möglich ist, dass kleinste Teilchen krank machen, und dass es ebenso möglich ist, dass diese kleinsten Teilchen von den Kranken weitergegeben werden. Dass diese kleinsten Teilchen belebt seien, ist für die Theorie unnötig. Der methodische Punkt, den ich hier in Anschlag bringe, ist Occams Rasiermesser: auch die Entitäten einer Theorie sind nicht ohne Not zu vermehren.
  2. ist die Vorstellung von Mikroorganismen (im heutigen Sinne) für die Zeit eine ganz fremde Idee. Man kann das natürlich, wie Benzin, dadurch auflösen, dass man einfach annimmt, Fracastoro habe dieses Fremde genialerweise gedacht, und ich verstehe, dass es gerade dieser Punkt ist, der den Gedanken für Benzin (und Vogl) attraktiv macht: Die Ansteckung durch Mikroorganismen ist unsere heutige Theorie. Der Unterschied zwischen den Theorien belebter und unbelebter Ansteckung ist sozusagen der zwischen wahr und falsch. Aber auch wenn Fracastoros Theorie aus heutiger Kenntnis falsch ist, ist sie doch bedeutend besser als das, was seine Arztkollegen gedacht haben. Es ist auch so eine großartige Leistung.

Ich habe hier erst einmal übergangen, dass Benzin die von ihm gesehene Ähnlichkeit zu Brunos Vorstellungen als weiteres Indiz sieht. Nun also dazu. Wie steht es mit Brunos Monaden-Lehre? Inwiefern hat diese mit der Vorstellung eines belebten Universums oder mit Mikroorganismen zu tun?


Brunos Monaden-Lehre und biologische Metaphorik

Im Abschnitt über Bruno in Oxford geht Benzin näher darauf ein. Bruno habe „das alte, verschüttete, wahre Wissen über das Lebendige und die Geheimnisse des Kosmos wieder an das Licht des hellen Tages“ treten lassen wollen. Dass es sich bei diesem alten, verschütteten und wahren Wissen um hermetisches und kabbalistisches Gedankengut handle, hat Benzin vorher vertreten, indem er nachzuweisen sucht, dass Bruno auf seiner Lebensreise Zugang zu hermetischen und kabbalistischen Quellen gesucht und gefunden hat. Benzins Argument (S. 52-53):

Was die fortschrittlichen Gelehrten seiner Zeit durch eigene Forschung vielleicht erahnen und was wir noch heute erst (wieder-)entdecken, das war einst bereits einer kleinen Gruppe von Eingeweihten bekannt. Offenbarungswissen – offenbart, aber durch wen? Die Überlieferungen haben sich in der alchimistisch-hermetisch-kabbalistischen Tradition bis in Brunos Zeit erhalten. [...] Doch kann man wirklich davon ausgehen, dass die Verfasser [solcher Texte] die reine Lehre für jedermann anwendbar präsentieren? Man bedenke die Zeitumstände, in denen solche Texte fixiert werden! Nein, da wird verschleiert. Zeitgenössische Allgemeinbegriffe werden verwendet, die aber eine ganz andere Bedeutung haben, als es sich die Zeitgenossen vorstellen können. So wirken die Schriften harmlos. Heutige Interpreten finden dann natürlich nur Zahlenmuster und mathematische Figuren. [...] Doch wer fragt einmal: Was haben die Autoren vergangener Zeiten mit ihren kryptischen Schriften eigentlich im Sinn gehabt? An wen richten sie sich? Nur alles Zahlenspielerei und krause „Emblematik“, sinnbildliche Darstellung? Sinnbilder für was?

Ich stimme zu, dass die Hermetiker verschleiert haben, und dass sie dabei ein Bedeutungsspiel in Gang gesetzt haben, dass für ihre unbeleckten Zeitgenossen nicht zu durchschauen war. Der Prozess wird gemeinhin „Semiose“ genannt. Das bezeichnet den Vorgang, wenn etwas als Zeichen für etwas anderes benutzt wird. So ist, ganz banal, die Schrift hier ein Zeichen für die damit verbundenen Gedanken. Damit wäre die Semiose der Schrift aber auch schon am Ende. (Bitte, Leser, lassen wir Derrida etc. außen vor.) Für die Hermetiker und das von ihnen in Gang gesetzte Bedeutungsspiel aber war die Semiose potentiell unendlich, da und indem immer neue Bedeutungen hinter den angeführten auftauchen und möglich sind. Umberto Eco hat dies eindrücklich nachgezeichnet, und Benzin scheint um eine solche Möglichkeit zu wissen (S. 47), wenn er „am Rande“ bemerkt, dass in der Alchemie dies oder jenes „je nach dem Kontext, etwas ganz anderes“ bedeute.

Ich stimme Benzin zu, dass aus der Tatsache, dass wir nicht unbedingt wissen, was die damals gemeint haben, nicht folgt, dass sie einfach nichts gemeint hätten. Aber umgekehrt folgt aus der plausiblen Annahme, dass die Hermetiker dachten, sie würden etwas Sinnvolles schreiben, nicht, dass sie tatsächlich etwas Sinnvolles geschrieben haben.



MONAS HIEROLYPHICA BEI JOHN DEE

Benzin nennt John Dee als einen Träger dieses verborgenen „Wissens“. Dee hat, so Benzin, 1563 ein Buch Monas hieroglyphica veröffentlicht: „Auf dem Titelbild des Dee-Buches befindet sich [...] die Monade aus dem Stab des Hermes Trismegistos. Das Buch soll mathematische, magische, kabbalistische und analogische Inhalte gehabt haben. Seltsam.“ Leider befindet Benzin hier „seltsam“ ohne weitere Begründung; ich kann nur vermuten, dass aus seiner Sicht das „Titelbild“ der Inhaltsangabe widerspricht. (Für die Inhaltsangabe verweist er auf die Dee-Biographie von Karl Kiesewetter, die von 1893 stammt; es scheint, als habe sich Benzin das Werk von Dee nicht selbst angesehen.) Benzin beschäftigt sich dann mit dem Titel „Monas hieroglyphica“ (das hatte ich im Ausschnitt auch schon im ursprünglichen Posting zitiert):

Wenn man Monas als den „Urgrund allen Seins“ übersetzt und hieroglyphisch mit „heiliges Zeichen darstellend“, die Abbildung mit uns heute geläufigen Symbolen vergleicht, dann kommen wir zu dem Schluss, dass es sich um eine Urzelle gehandelt haben muss. Somit liegt bereits 1564 ein Buch zur Zellbiologie vor. Eine gewagte Hypothese. Doch schauen wir uns an, was im Einzelnen von der Monas gesagt wird. Sie stellt unter anderem dar:
• ein heiliges Einheitszeichen,
• eine universelle Einheit natürlichen und göttlichen Wissens,
• ein alchimistisches Gefäß, in dem die Transmutation abläuft,
• einen Speicher, in dem sich die ganze Vielfalt des Universums verdichtet,
• sie ist für Zeugung und Tod des Lebewesens verantwortlich.
Wie anders würde man die Funktionen einer Urzelle beschreiben, wenn einem die modernen biologischen Bezeichnungen nicht geläufig wären?
Eine Zelle ist der kleinste eigenständig lebensfähige Organismus und alle höheren Lebewesen sind Mehrzeller, bauen ihre Körperstruktur aus Zellen auf. Die Zelle muss daher zu Recht als Grundeinheit, als Einheitszeichen allen Lebens bezeichnet werden. Biologen, wie der Nobelpreisträger und Mit-Entdecker der Struktur der DNS-Doppelhelix, Francis Crick, gehen davon aus, dass die Struktur der DNS im ganzen Universum identisch ist. Die DNS ist in jeder Zelle im weiteren Sinne Träger der Erbinformation. Eine universelle Einheit also. Und natürlich laufen in einer Zelle eventuell auch Vorgänge ab, die zu einer Mutation, einer Umwandlung der gewöhnlich vorhandenen Strukturen führen. Und dies beruht auf biochemischen Vorgängen innerhalb der abgegrenzten Einheit der Zelle. Nichts anderes als ein alchimistisches Gefäß, in dem eine Transmutation ablaufen kann. Wenn am Anfang der Schöpfung eine Urzelle mit dem universellen Code der DNS gestanden hat, dann sind aus ihr alle Lebensformen des Universums hervorgegangen. Die Zelle stellt so den Speicher dar, in dem sich auf geringstem Raum die ganze spätere (biologische) Vielfalt des Universums verdichtet. [...] Wenn Dr. Michael Kuper feststellt, dass viele Gelehrte aus John Dees Epoche und auch in unserer Zeit das Buch „Monas hieroglyphica“ aufgrund seines rätselhaften Charakters für „schlicht nicht verstehbar“ halten, dann können wir uns denken warum. Niemand würde auf die Idee kommen, ein 441 Jahre altes Buch mit den Erkenntnissen unserer Zeit zu interpretieren. Erst wenn man den Schlüssel „Genetisches Wissen in Altertum, Mittelalter und früher Neuzeit“ auf die alten Texte anwendet, dann beginnen sie ihre Erkenntnisse zu offenbaren. [...] Sollen wir denn glauben, dass die größten Wissenschaftler ihrer Zeit nur Unsinn und „nicht verstehbare“ Bücher verfasst hätten? Das wäre nicht nur Zeitverschwendung, sondern ziemlich teuer, wenn man an die damals zuzuschießenden Druckkosten denkt.

Ich bitte um Entschuldigung für dieses lange Zitat. Ich vermute, dass diejenigen, die gegen mein erstes Posting zum Thema protestiert haben, es für eine glänzend geschriebene Darstellung halten. Aber auch hier kann ich nur große Fragezeichen an den Rand malen.


DAS FRAGWÜRDIGE DRUCKKOSTEN-ARGUMENT

Aus der Tatsache, dass etwas gedruckt wurde, folgt nicht, dass es ein sinnvolles Werk ist (nach heutiger Erkenntnis). Auch wenn der Druck teuer war. Es lassen sich viele andere Gründe für den Druck denken. Z.B. könnte sich der Verleger einen Gewinn erwartet haben. (Gutenbergs Bibel etwa war für damalige Verhältnisse ein immens teures Werk in der Investition, aber dachte eben, dass es sich rechnen würde.) Oder diejenigen, die die Druckkosten übernommen haben, haben das Werk für sinnvoll gehalten. Man denke nur an die so zahlreichen Bücher zu Magie und Zauberei. Zwar scheint auch schon früher keiner der Zaubersprüche funktioniert zu haben; trotzdem wurden solche Bücher gedruckt.


BIOLOGIE UND ALCHEMIE -- DAS FRAGWÜRDIGE ARGUMENT AUS DEM VERGLEICH

Natürlich kann und darf man zwei Konzepte, ein altes und ein neues, nebeneinanderstellen und finden, dass sie ähnlich sind. Aber es gibt dabei zwei kritische Punkte. Erstens: Wurden die Konzepte richtig dargestellt? Zweitens: Was sagt diese Ähnlichkeit – wenn sie denn vorhanden ist – dann aus?

Ad Zweitens: Benzin scheint sagen zu wollen: die Ähnlichkeit bedeutet, dass Dee bereits etwas über Zellen (im Sinne der heutigen Biologie) wusste. Ich denke, dass diese Folgerung durch Benzins Argumente nicht gestützt wird. Als analoges Beispiel möge die atomistische Lehre Leukipps dienen. Auch da könnte man mit Benzins Methodik zu dem Schluss kommen, dass Leukipp schon von Atomen (im heutigen Sinne) wusste. Aber das tat er natürlich nicht. Begriffe und Konzepte wie Zelle und Atom funktionieren nicht isoliert, sondern in einem theoretischen, begrifflichen Rahmen. (Entschuldigung für diesen Grundkurs Wissenschaftstheorie.) Dieser begriffliche Rahmen ist für das Konzept „Atom“ die moderne Physik und Chemie (inklusive Quantenphysik, Relativitätstheorie, Thermodynamik etc.). Dass wir heute immer noch den Begriff „Atom“ benutzen, hat natürlich mit der antiken Theorie zu tun. Aber das ist in erster Linie eine kausale Verknüpfung, keine inhaltliche. Ganz analog zu diesem Beispiel denke ich, dass die Rede von Genetik, Zelle usw., wenn man über Dees und Brunos Texte spricht, irreführend ist. Denn die Begriffe sind an den theoretischen Rahmen der modernen Biologie gebunden. Auch wenn Dee über so etwas ähnliches wie eine Zelle (im modernen Sinne) nachgedacht haben sollte, dann bedeutet das nicht mehr als die atomistische Lehre Leukipps und Demokrits im Vergleich zur Atomphysik heute.

Ad erstens: Aber ich bin auch im Zweifel, ob Benzin den Vergleich zwischen Zelle und „Monas“ richtig zieht:

  • a) So würde ein Biologe ganz sicher nicht eine Zelle als „Zeichen“ bezeichnen. Eine „Grundeinheit“ und ein „Einheitszeichen“ sind (grund)verschiedenen Dinge. Ein Beispiel: Ein Ziegelstein könnte als die „Grundeinheit“ eines bestimmten Typs von Bauwerk aufgefasst werden. Aber er ist kein „Einheitszeichen“ für dieses Bauwerk oder für Bauwerke überhaupt.
  • b) Die Feststellung, dass „Biologen“, ja sogar Nobelpreisträger „davon ausgehen“, dass die „Struktur der DNS im ganzen Universum identisch ist“, ist im fraglichen Zusammenhang ziemlich nichtssagend. Ich gehe auch davon aus. Ich gehe auch davon aus, dass die Struktur von Wasser im ganzen Universum identisch ist. Das hat mit der Bedeutung des Wortes „Wasser“ zu tun; analog: „DNS“ bezeichnet einfach eine bestimmte chemische Struktur. Ich vermute, dass Benzin meint, Biologen gingen davon aus, dass die Struktur der Weitergabe von Erbinformation im ganzen Universum ähnlich ist („identisch“ ist ein zu starkes Wort). Aber das glaube ich nicht: ich glaube nicht, dass Biologen das denken, und ich glaube nicht, dass es sich so verhält. Sicher sind leicht andere Wege denkbar, Erbinformation weiterzugeben.
  • c) Benzin schreibt von einer Urzelle am Beginn der Schöpfung, mit dem universellen Code der DNS, aus der alle Lebewesen hervorgegangen seien, die Zelle „stellt so den Speicher dar, auf dem sich die ganze biologische Vielfalt des späteren Universums verdichtet“. Das ist etwa so, als würde man sagen, dass das Alphabet den „Speicher“ „darstellt“, in dem sich die ganze Vielfalt der Literatur des Universums „verdichtet“. Wer das für eine sinnvolle Feststellung hält, der wird auch mit Benzins Formulierung zufrieden sein, ich bin es nicht.
  • d) Zellen mutieren, und Alchimisten führen Transmutationen durch. Ich kenne den Begriff der „Transmutation“ im alchimistischen Sinne nicht, aber es kommt mir trotzdem schräg vor, das auf Zellen anzuwenden. Zellmutationen sind statistisch beschreibbar, alchimistische Transmutationen auch? Das sind zwei verschiedene Theorie-Rahmen (s.o.), die sich nicht ohne Verbiegungen aufeinander abbilden lassen.


Benzins textkritische Argumentation

Natürlich schreibt Benzin noch mehr. Ich möchte noch auf eine für mich bezeichnende Stelle eingehen. Auf S. 69 kommt er auf das Wort „Golem“ zu sprechen. Adam werde in der Bibel als solcher bezeichnet, das Wort komme in der Bibel nur an einer einzigen Stelle vor, und zwar in Psalm 139,16:

Nimmt man eine der gängigen Bibel-Ausgaben zur Hand und schlägt die angegebene Stelle nach, so muss man zu dem Schluss kommen, dass hier von der All-Sichtigkeit und All-Gegenwärtigkeit Gottes die Rede zu sein scheint. Das wird dann übertitelt mit Worten wie „mein Schöpfer kennt mich durch und durch“. Aber die einzelnen Übersetzungen sind recht unterschiedlich. Ja gibt es denn nicht nur eine verbindliche Text-Überlieferung, wird man vielleicht fragen? Nein, zumindest nicht außerhalb des hebräischen Urtextes. Unsere Bibel-Übersetzer sind ja in der Regel Theologen der einzelnen Konfessionen. Und da heißt Übersetzung auch gleich theologische Interpretation –- ganz nach dem jeweiligen Glaubensverständnis. Diese Art der Textausdeutung führt natürlich zu schwerwiegenden Verfälschungen der eigentlichen Aussagen.

Dann zitiert Benzin Zürcher Bibel, Gute Nachricht, Luther-Bibel, Elberfelder Bibel. Benzin kommentiert. Ich gehe auf diesen Kommentar nicht im einzelnen ein, sondern nur zu der entscheidenden Stelle. Benzin zitiert die Elberfelder Übersetzung mit den Worten „Meinen Keim (eigentl.: Knäuel, ungeformte Masse) sahen deine Augen, und in dein Buch waren (oder: wurden) sie (d.h. die Gebeine) alle eingeschrieben.“ Benzin dazu weiter (S. 73):

Sollten wir hier nicht an eine Keimzelle denken? Aber die Elberfelder Übersetzer geben auch die eigentliche Übersetzung des Wortes Golem mit „Knäuel“ oder „ungeformte Masse“ an. Hebräische Wörter können durchaus mehrere Bedeutungen haben, polysemantisch sein. Und schlägt man ein modernes Biologie-Lehrbuch auf, so trifft das Wort „Golem“ mit seinen Übersetzungen „Keim“, „Knäuel“ und „ungeformte Masse“ genau die genetischen Tatsachen.

Nämlich: es gibt Keimzellen in der Biologie; unterm Mikroskop sehen Chromosomen wie Knäuel aus. Tja, würden Sie davon sagen, dass das „genau die genetischen Tatsachen“ trifft?

Aber zu dieser Art Gedankenfigur habe ich oben schon genug geschrieben; und wer davon nicht überzeugt ist, wird durch den erneuten Aufweis der Tatsache, dass hier eine oberflächliche Ähnlichkeit, die zudem von Benzin selbst hergestellt wird – denn er wählt die Begriffe aus, wenn er Chromosomen als „Knäuel“ beschreibt – als alleiniger Beleg zu genügen scheint, sich kaum eines andern belehren lassen. Darum möchte ich nur kurz auf die Methode eingehen.


HEBRÄISCHER URTEXT UND ÜBERSETZUNG

Benzin kritisiert die Übersetzungen; sie seien theologisch überformt. Er übersieht dabei mehreres:

  1. Es gibt keinen hebräischen „Urtext“. Die hebräischen Fassungen des alten Testaments, die uns überliefert sind, stammen aus dem frühen bis hohen Mittelalter. Ältere Textfragmente sind durch die Funde in Qumran und am toten Meer überliefert, die bis in die vorchristliche Zeit zurückreichen. Die älteste hebräische Überlieferung des gesamten Textes (das heißt hier: mit Psalmen), die wir heute haben, stammt aber aus dem Jahr 1009, der Kodex Petropolitanus. Angesichts der Tatsache, dass die Entstehungszeit der Texte auf weit vor Christus angesetzt wird, ist das ein gehöriger Abstand, und es ist mehr als naiv anzunehmen, dass die Texte seitdem keine weiteren Änderungen erfahren haben. Es ist zudem falsch, dass alle erhaltenen hebräischen Texte des alten Testaments buchstabengenau den gleichen Text enthielten. Man hat darum heute, bei der Frage, was ursprünglich im Text gestanden haben könnte, mehrere Überlieferungstraditionen zu berücksichtigen. Die lateinischen und griechischen Übersetzungen, die wir heute von Texten des alten Testaments haben (griechisch z.B. auch aus Qumran), sind zudem älter und beruhen auf älteren, heute verlorenen hebräischen Vorlagen. Man muss also abwägen und vergleichen: Verschiedene hebräische, jüngere Textfassungen, ältere lateinische und griechische Textfassungen, die aber eben Übersetzungen sind. Interpretationsfehler entstehen nicht nur beim Übersetzen, sondern auch beim Abschreiben, denn jemand, der abschreibt, hält sich bei etwas, dass er schlecht lesen kann oder nicht genau liest, an das, was ihm vertraut ist. (Dies kann man in jeder Einleitung in das Alte Testament nachlesen.)
  2. Lustig finde ich den Vorwurf der „theologischen Interpretation“ der Übersetzung im Vergleich zum „Urtext“. Denn natürlich beruht die Überlieferung – die immer religiös war – auch jüdischerseits auf „theologischer Interpretation“, das gilt ebenso für den Entstehungs- und Bearbeitungsprozess der Texte wie für die Überlieferungsgeschichte. Theologische Interessen sind von vornherein mit im Spiel, nicht erst bei Luther und heutigen Übersetzern.
  3. Benzin vergleicht vier deutsche Übersetzungen. Warum benutzt er nicht einen der guten textkritischen Kommentare, den die Theologen gleich welcher Konfession inzwischen hervorgebracht haben? Die Bibelübersetzungen sind für den Leser, die Kommentare sind für den Wissenschaftler. Viele Kommentare enthalten eigene Übersetzungen, die wörtlicher und auch grammatisch genauer sind als die Bibelübersetzungen für den Alltag. Und sie legen Rechenschaft darüber ab, warum diese oder jene Übersetzung gewählt wurde. Textkritische Überlegungen auf der Basis der deutschen Übersetzungen sind, gelinde gesagt, unzureichend.
  4. Hätte Benzin in einen Kommentar gesehen, dann hätte er festgestellt, dass Vers 16 der in der Forschung umstrittenste Vers des ganzen Psalms ist (was den Text angeht). Die Konjekturen (d.h. die Vermutungen, was dort gestanden haben könnte) übersteigen bei weitem die Varianten (d.h. die tatsächlich und voneinander abweichend vorliegenden Formulierungen in verschiedenen Überlieferungsträgern). Das Wort, das Benzin mit „Golem“ oder „Knäuel“ oder wie auch immer übersetzen möchte, kommt im Alten Testament, wie Benzin richtig bemerkt, an keiner anderen Stelle vor, es ist sonst vor allem aus der talmudischen Literatur bekannt. Weil das Wort im alten Testament an keiner anderen Stelle vorkommt, ist seine Bedeutung auch für den Fachmann (der ich nicht bin) schwer zu entscheiden. Natürlich kann die spätere Überlieferung darüber Aufschluss geben, wie es vielleicht gemeint gewesen war. Aber das heißt nicht, dass diese Interpretation dann sicher das ist, was sich die Verfasser des Textes ursprünglich dabei gedacht haben, und zwar aus mindestens zwei Gründen. 1. Der spätere Gebrauch des Wortes (und später meint hier eine Differenz von 1000 Jahren) kann sich gewandelt haben, 2. die uns überlieferten späteren Verwendungen könnten abgeleitet und metaphorisch sein. (Wenn man sich an das hält, was der historischen Vorstellungswelt im AT entspricht, und an die im Umkreis des Wortes im Psalm verwendete Bildwelt, dann ist eine Übersetzung wie „Embryo“ einigermaßen plausibel.)

Abschließendes

Herr Vogl findet, in seinem Kommentar, dass die Forscher zu Bruno „aus dem Bereich der universitären Philosophie der Lösung des Rätsels bereits“ nah „gekommen sind, aber im Ansatz stecken bleiben mussten“, und führt dazu eine Bemerkung von Elisabeth von Samsonow an (die auch die Übersetzung von De Monade... im Meiner-Verlag besorgt hat). Samsonow schreibt in ihrem Werk über „Bruno und die okkulte Philosophie der Renaissance“, zitiert Vogl nach Benzin, dass es in den drei Frankfurter Schriften Brunos „um eine Art elementare Geometrie, eine Art geometrischer Embryologie, die die Organisationsformen der Materie herleitbar machen soll“, gehe. Vogl fragt: „Benzin spricht von Zellbiologie und die Philosophen von geometrischer Embryologie. Wo [...] liegt da der Unterschied?“


"EINE ART GEOMETRISCHE EMBRYOLOGIE" VS. "ZELLBIOLOGIE"

Mir scheint der Unterschied ganz offensichtlich und eigentlich keiner Erläuterung bedürftig. Samsonow deutet mit ihrer Einleitungsformulierung „eine Art ...“ an, dass es sich in ihren Ausdrücken um Annäherungen handelt. Das ist etwas anderes, als zu schreiben, Bruno treibe Embryologie. Und Samsonow wählt Formulierungen, die auf Konzepten beruhen, die Bruno verfügbar waren. Was Embryos sind, wusste man schon längst. Die Geometrie zählt zu den seit der Antike gepflegten Künsten. Die verknüpfende Formulierung Samsonows „geometrische Embryologie“ ist darum historisch adäquat und zeigt zugleich, in welcher Weise Bruno Bekanntes zu Neuem zu verbinden sucht in seiner Überblendung verschiedener Wissensbereiche. Die Behauptung, Bruno betreibe „Zellbiologie“, tut dies nicht.


VOGL: BRUNO IST KEIN ZEITREISENDER

Nun noch ein paar unsachliche, weil persönliche Worte. Werter Herr Vogl, es liegt mir fern, Sie zu beleidigen. Meine Rede von der Zeitreise war ein Scherz: eine satirische Überspitzung. Ich erkläre hiermit, dass Sie, nach meiner bescheidenen Kenntnis, an keiner Stelle diese These vertreten, und auch Benzin nicht. Während die Idee von der Zeitreise immerhin eine – wenn auch fragwürdige – Theorie darüber wäre, wie Bruno nach ihrer Meinung zu „Wissen“ kommt, das er „gar nicht haben konnte“, weil es von dem seiner Zeit abweicht, bieten sie darüber allerdings gar keine Theorie an. Dass Sie und Benzin nahelegen, Bruno habe dieses „Wissen“ aus älteren Überlieferungen gehabt, erklärt nichts, denn es verschiebt das Problem zeitlich nur nach vorne.


GROSSE DENKER AUF DEN SCHEITERHAUFEN?

Dass Sie den „Disput lieben“, finde ich gut. Ich merke davon aber nichts. Sie tun nach Kräften das, was sie mir vorwerfen, nämlich ad hominem zu argumentieren, nicht ad rem. Das sei ihnen erlaubt, schließlich habe ich mir mit Ihnen auch einen Scherz erlaubt. Nur möchte ich Sie darauf aufmerksam machen, dass Sie in Ihrer Darstellung Ihre Opferrolle übertreiben. Wenn Sie gleich einleitend in ihren Kommentar feststellen, dass „schon Bruno“ sich mit Menschen herumschlagen musste, „die gegen seine Meinung waren und ständig unsachliche und argumentationslose Schmähschriften gegen diesen großen Denker verfassten. Als die nicht mehr fruchteten, wurde er gefoltert, inhaftiert und schließlich verbrannt.“ Sie stellen ganz richtig fest, dass man „uns nicht mehr verbrennen kann“, aber das verdeckt kaum die Implikation in ihrer Feststellung, dass man Sie trotzdem verbrennen wollte, wenn man könnte. Das ist lächerlich. Sie mögen sich verfolgt fühlen und nicht anerkannt von der akademischen Philosophie, das weiß ich nicht und kann es aus der Vehemenz Ihrer Antwort nur erahnen. All dies ändert aber nichts an der Tatsache, dass ihre Situation der von Bruno überhaupt nicht ähnlich ist. Niemand bedroht Sie, niemand möchte Sie zwingen, ihre Meinung zu ändern, niemand möchte Sie zwingen zu schweigen. (Lustig finde ich, dass Sie nebenbei, durch dieselbe Analogisierung, sich und Benzin zu ‘großen Denkern’ erklären.)

Sie haben also schon „viele Artikel für bekannte Zeitschriften und sehr viele Bücher geschrieben!“ und zwar „weit, weit mehr“ als ich. Nie würden Sie jemanden beleidigen. Gut! Es freut mich, dass Sie so hehre moralische Prinzipien haben. Nun habe ich noch einmal nachgesehen, wo ich Sie denn beleidigt haben könnte.


BELEIDIGT?

Ich gebe zu, dass die Formulierung „Besserwisser“-Verlag abwertend ist. Wenn Sie diese stört, dann nehme ich sie zurück. Der sachliche Gehalt bleibt der gleiche: Der Ancient Mail-Verlag behauptet auf seiner Webseite, dass er Bücher anbietet, die einem sagen, wie die Geschichte wirklich verlaufen ist, und er behauptet implizit, dass Archäologen und Historiker „uns“ über den Lauf der Geschichte betrügen wollten. Für mich sind das Thesen, die der detaillierten Begründung bedürften. Können Sie dieser Darstellung zustimmen, oder ist das für Sie immer noch beleidigend?

Oh, ich schreibe, dass der Verlagsname mich misstrauisch macht. Tja, das ist so, das ist eine sachliche Feststellung über meine Gefühle beim Lesen des Verlagsnamens. Ist das für Sie beleidigend?

Über Benzin gebe ich das wieder, was aus Klappentext und Verlagshomepage hervorgeht. Daran kann ich nichts Beleidigendes erkennen. Ich schreibe, dass der „denkende Mensch“ nichts mit ihrer These anfangen kann von der Ahistorizität der Gedanken Brunos. Das impliziert natürlich, dass Sie und Benzin nicht denken. Ich glaube, Sie haben schon dafür gesorgt, dass wir da quitt sind, denn Sie richteten ja das schöne Bruno-Zitat über die „dummen Menschen“ an mich.

„Schon Bruno kannte die Eitelkeit der Philosophen“. Ich glaube, jetzt habe ich sogar noch einen gut. „Überheblichkeit und Eitelkeit“, also wirklich, Herr Vogl! Wo sind Ihre hehren moralischen Prinzipien („ad rem, ad rem“)? Ich entschuldige mich bei Ihnen, dass ich Sie dazu brachte, Sie zu vergessen!

03 März 2006

Ist Philosophie Wissenschaft?

Dazu äußerten sich der Konstanzer Philosoph Wolfgang Spohn und sein Berliner Kollege Holm Tetens (FU) auf dem 5. internationalen Kongress der Gesellschaft für Analytische Philosophie in Bielefled, 2003. Aber erst jetzt sind die Kongressakten erschienen (hg. von Christian Nimtz und Ansgar Beckermann, Paderborn: mentis, 2005). Spohns Überlegungen, die zum "ja" tendieren, sind auch als preprint (pdf) im Web; Tetens' leider nicht. Aber da seine drei Thesen in knackiger Kürze formuliert sind (S. 98) gebe ich sie hier wieder:
1. Die Philosophie zeichnet sich durch eine hochkontroverse Pluralität aus, es gibt in ihr kein verbindliches kanonisches Lehrbuchwissen.
2. Es gibt in der Philosophie streng genommen keine Arbeitsteilung, niemand kann für andere philosophieren.
3. Der professionelle akademische Philosoph ist in erster Linie und vor allem ein Lehrer für das Philosophieren.
Stimmt das? Tja, ich denke auch, dass sich die Philosophie durch "hochkontroverse Pluralität" auszeichnet, aber das heißt nicht, dass es nicht verbindliches Lehrbuchwissen gäbe -- nämlich aus der Geschichte der Philosophie. Ich denke, wer nicht ein bisschen was über Platon und Aristoteles, Descartes, Kant und Nietzsche weiß bzw. wer deren Texte nicht ein bisschen gelesen hat, kann nicht ernsthaft mitreden. Vorbildung ist schon eine Bedingung für's Geschäft. Die Kenntnis anderer philosophischer Texte ist dann eher schulenabhängig, und in die großen Alten aus dem Mittelalter und der Neuzeit vertiefen sich wohl in erster Linie die Philosophiehistoriker. Dass Philosophiegeschichte eine Wissenschaft sei, kann man wohlgemut behaupten, schließlich unterliegt sie den gleichen Standards von Wissenschaftlichkeit wie die historisch-philologische Forschung sonst auch.
Warum gibt es in der Philosophie keine Arbeitsteilung? Ich denke, das stimmt auch nicht. Richtig ist, natürlich, dass die Konzentration auf die großen und weniger großen genialen Gestalten der Philosophiegeschichte und Gegenwart zu einem stark an Persönlichkeiten gebundenen Blick auf die Philosophie führt. Und wenn Persönlichkeit das Philosophieren ausmacht, dann kann wirklich niemand "für den anderen" philosophieren. Aber Philosophiegeschichte lässt sich auch als (Erkenntnisfortschritt und) Diskursgeschichte schreiben, oder als Entwicklung von Positionen, und in dieser Sicht ist die Person des Philosophen unerheblich. Tetens' Genieposition hat eine positive und eine negative Seite für all diejenigen, die philosophieren: die positive ist, dass die Beschäftigung mit dem Kleinklein der Alltagsprobleme (Lösen von Gettier-Beispielen auf dem Weg zum Wissensbegriff etwa) keine notwenige Bedingung für den großen philosophischen Wurf ist. Die negative ist die, dass der große philosophische Wurf von großen Philosophen kommt -- und wer möchte schon von sich sagen, dass er einer ist?
Professionelle Philosophen sind Lehrer fürs Philosophieren? Dann bräuchten sie ja keine Bücher und Aufsätze mehr zu schreiben. Ich denke, dass Philosophen zum Erkenntnisfortschritt in ihren Interessensgebieten beitragen wollen. Und Philosophieren ist. Erkenntnisfortschritt suchen. Wenn der nur individuell ist, ist das zu wenig.

28 Februar 2006

Wittgenstein und Judentum

Ranjit Chatterjee schreibt darüber in seinem neuen Buch Wittgenstein and Judaism : a triumph of concealment (Lang 2005). "This radical new reading suggests that Wittgenstein is best understood as a covert Jewish thinker in times of lethal anti-Semitism." Wittgenstein habe "talmudic and rabbinic modes of thought" internalisiert. Leider kann ich nicht beurteilen, ob der Tractatus oder die Philosophischen Untersuchungen einer talmudischen oder rabbinischen Denkweise entsprechen. Hier gibts eine Rezension von etwas berufenerer Seite.

27 Februar 2006

Möglichst breite Ansätze

Möchten Sie ein Buch lesen, dass solche verspricht? Es heißt Bunte Vertiefungen : ein geistiges Weltbild und stammt von Reinhard Wieltschnig, erschienen im Gleit Verlag. Ich zitiere aus dem Klappentext; aus Versehen habe ich das für Philosophie gehalten:
Ziel sind möglichst breite Ansätze, sei es mit Blick auf die Welt oder in der Hinwendung zu wesentlichen Fragen. Das stützt jeden, der nicht nur sein eigenes Leben ergründen will, sondern auch auf Gott, die ganz tiefe Vergangenheit, das gegenwärtige Sein und die Zukunft eingehen will. Das sichert dem Werk in der Literatur für geistiges Leben einen hervorragenden Platz. Es wird zum wertvollen Geschenk, auch an sich. Ihr Motto: Jetzt aber (wieder) einmal was ganz Feines, etwas mit Tiefgang. Ob das eine oder das andere, Sie möchten keine alltägliche Leberwurst erstehen.
In verblüffend anschaulicher Weise wird man mit sich selbst und darüber hinaus mit vielen Urgründen bekannt. Sie berühren in diesem neuen Renner tiefste Anschauungen. Die Vertrautheit mit ihnen ermöglicht es, verborgenen Zusammenänge erkennen zu können, die in ihrer Bedeutung viel wesentlicher sind, als es im ersten Augenblick erscheinen mag. Der Leser stellt dann nicht unberechtigt fest, dass mit Hilfe innerer Einstellung bei der Bewältigung von Schwierigkeiten wichtige Unterstützung erfahren ist.
Das ist der Klappentext. Ist Ihnen auch schon mal aufgefallen, dass Pseudophilosophie häufig in schlechtem Stil vorgetragen wird?

26 Februar 2006

Wie altruistisch ist die Welt?

Zumindest für US-Amerikaner gibts jetzt eine empirische Studie (pdf). Tom W. Smith von der Universität in Chicago stellt die Ergebnisse vor.
The survey found wide support for altruistic love on a number of items, and also noted that there was a significant connection between altruistic behavior and romantic love. Additionally, the report noted that religion plays a role in promoting altruism. Some of the other findings of the study included the observations that women have a greater feeling of empathy than men and that financial status had very little to do with feelings of altruism or empathy.
So fasst der Scout Report dieser Woche das Ergebnis zusammen. Es fragt sich noch, wie der Zusammenhang zwischen dem "Gefühl" des Altruismus und der altruistischen Handlung ist. Obs da auch einen Zusammenhang gibt mit der Religion, oder mit dem eigenen Einkommen?

25 Februar 2006

Tagging, Schlagworte und anderes

Entschuldigung, mspro, dass ich Ihr Posting in TIEF nicht mehr wiedergefunden hab, der mich auf Clay Shirkys Ontology is overrated brachte. Shirky vertritt dort die These, dass für die Ordnung im Web das Tagging der klassischen sachlichen Erschließung durch Schlagwörter (kontrolliertes Vokabular) und Klassifikation (hierarchischer Zugang) überlegen sei. Yahoos Directory ist ein Beispiel für einen solchen klassifikatorischen Zugang. Shirky bemängelt, dass man dort den Eindruck habe, die Yahoo-Leute wüssten immer besser, wo eine bestimmte Sache hingehört, also in welchen Zusammenhang. Und dass die Klassifikationsentscheidungen in vielen Systemen fragwürdig seien, etwa wenn in Dewey die Christliche Religion 8 von 9 der oberen Kategorien bekommt, die übrigen quetschen sich in "other religions". Gegenüber den kontrollierten Vokabularen von Schlagwörtern und Thesauri meint er, dass semantische Unterschiede verwischt würden. "Film", "Cinema": wenn unterschiedliche Leute diese Begriffe verwenden würden, dann würden sie auch damit etwas unterschiedliches meinen.
Aus bibliothekarischer Perspektive hat Shirky zum Teil recht. Die Kritik an den Klassifikationen ist richtig, und das wird ja auch bei denjenigen, die sie benutzen, selbst so gesehen. Und es stimmt, dass die Dewey Decimal Classification entwickelt wurde, um Bücher im Regal aufzustellen. Eine Klassifikation für Medien im Web bräuchte darauf ja keine Rücksicht zu nehmen. Was die Überlegenheit des Tagging vor dem Verschlagworten angeht, so kann man das natürlich nur ernsthaft vertreten, wenn auch bei den jeweils individuellen Tagging-Varianten die Treffermenge noch so gr0ß ist, dass damit ein Nutzer weiterkommt. Tags begegnet man ja in zwei Varianten. Auf einer individuellen Webseite, mit den individuellen Tags des Seitenbesitzers, hat man keine Mühe, aus der Liste der Tags auch deren Bedeutung abzuleiten. Die ergibt sich einfach aus ihrer Nachbarschaft. In Kontexten wie den allgemeinen Seiten von del.icio.us, wo man nur die Tags sieht und durch Anklicken eine Liste der Seiten bekommt, auf denen sie verwendet werden, scheint mir das eine ziemlich nutzlose Sache zu sein. Da wünsche ich mir ein kontrolliertes Vokabular (und die Verwendungsregeln), weil es eine größere Genauigkeit ermöglicht. Ich halte es zwar für möglich, dass bei verwandten Begriffen die Wahl des einen oder anderen als Tag etwas über die Präferenzen des Taggenden aussagt; aber wahrscheinlicher hat es andere Gründe, kann z.B. daran liegen, dass die sprachlichen Fertigkeiten des Nutzers beschränkt sind (etwa weil er englisch taggt, um mehr Publikum zu erreichen, aber eine andere Muttersprache hat). Tagging ist eine Art der Erschließung, die besser ist als gar keine. Sie kann die Suche per -Maschine ergänzen, indem sie Begriffe hervorhebt, die auf der fraglichen Seite vorkommen, oder neue ins Spiel bringt. Sie eignet sich vor allem da, wo es nicht so sehr auf die Qualität der getaggten Links ankommt, oder wo die individuelle Verwendung von Tags nachvollziebar ist.

22 Februar 2006

Die hässlichen Empfindungen

Friedhelm Decher nimmt in schöner Regelmäßigkeit Themen unter die philosophische Lupe, die jedem bekannt sind und gerade darum der Reflexion bedürfen. Das neueste Werk -- nach solchen zur Langeweile, zur Verzweiflung oder zum Selbstmord -- gilt dem Neid, von Decher "das gelbe Monster" genannt. Neben der philosophiehistorisch beschlagenen Geschichte des Nachdenkens über den Neid bietet Decher auch -- praktischer Philosoph, der er ist -- etwas für die Frage, wie man mit ihm zurechtkommen könnte.

21 Februar 2006

Geschichten der spanischen Philosophie ...

gibt es nicht so viele; ein "Panorama" derselben im 20. Jahrhundert bietet Armando Savignano in seinem neuen Buch Panorama della filosopfia spagnola del novecento (Marietti, 2005). Die Kapitel gelten Machado, Unamuno, der katalanischen Philosophie, Santayana, Ruibal und anderen; natürlich kommt auch Zubiri drin vor. Ein besonderes Kapitel ist der Philosophie zu Francos Zeit gewidmet. Jedes Kapitel ist um bibliographische Angaben ergänzt. Auf deutsch scheint's was ähnliches nicht zu geben, also muss man schon auf einem anderen Teller sein, um über den Tellerrand zu blicken?

20 Februar 2006

Bild und Wissenschaft

Es gibt ja die Zeitschrift Bild der Wissenschaft, wobei ich mir nicht helfen kann; ich muss unwillkürlich an "Bild dir deine Meinung" denken. Auf die will ich aber nicht hinweisen, sondern auf den interessanten, von Martina Heßler herausgegebenen Sammelband Konstruierte Sichtbarkeiten : Wissenschafts- und Technikbilder seit der Frühen Neuzeit. Und weil Bernd Blaschke dazu schon eine Rezension verfasst hat, brauche ich hier weiter nichts zu sagen, außer, dass das Buch aufwendig gemacht ist, mit gutem Papier für die Bilder, und dass die 'Bilder', um die es geht, nicht nur beschrieben werden, sondern auch und vor allem die Bildindienstnahme bedacht wird. Ein letzter Aufsatz widmet sich zudem der Kritik an den Bildern von wissenschaftlicher Seite.

16 Februar 2006

Giordano Bruno und die Urzelle

Da habe ich mich über das Buch im Ancient Mail Verlag lustig gemacht und damit gleich einen neuen Leser gewonnen! Weil Dieter Vogls Kommentar zu meinem Posting vermutlich sonst von niemandem gelesen würde, weise ich hier noch einmal extra darauf hin: achten Sie auf den Kommentar :-)!

15 Februar 2006

Moral und Politik: Dürfen von Terroristen gekaperte Flugzeuge abgeschossen werden?

Das Verfassungsgericht sagt, das Gesetz von 2005 sei verfassungswidrig, berichtet Spiegel Online heute. Und zwar, weil das gegen das Gebot verstößt, dass die Bundeswehr nicht im Innern zum Einsatz kommen dürfe (außer im Katastrophenfall). Außerdem hat es auch was mit der Menschenwürde zu tun: Menschen, die zur Rettung anderer getötet würden, würden "verdinglicht und entrechtlicht".
Politiker reagieren auf die Begründung Bundeswehreinsatz mit der Forderung nach einer Grundgesetzänderung, schließlich will man die Bundeswehr am liebsten auch zur Fußballweltmeisterschaft im Innern einsetzen. Grundgesetzänderung in 3 Monaten?
Was die Frage angeht, wie das Abwägen der Leben einzelner gegen viele zu behandeln ist, so ist die Frage verwandt mit der nach der Erlaubtheit von Folter zur Terror-Abwehr. Interessant ist hier für mich die Frage, ob Recht und Moral verschiedene Wege gehen müssen. Es erinnert auch an das alte Gedankenexperiment von Philippa Foot, das "Trolley Problem" und Judith Jarvis Thomsons Ergänzungen dazu über die Schwierigkeit, Töten und Sterben lassen zu unterscheiden.

09 Februar 2006

Philosophie des Lehrens und Lernens

Ich hoffe, dass auch der eine oder andere Philosophie-Lehrer hin und wieder einen Blick in diese Seiten wirft... Gerade liegt mir das Mai-Heft des Journal of Philosophy of Education vor; es ist eine Sonderausgabe, die ganz das Werk Philosophy of the Teacher von Nigel Tubbs enthält. Ich zitiere aus der Einleitung:
But let me ask finally: who will want a philosophy of the teacher as it is presented here? The answer, I hope, is any teacher who feels, deep down, that there are educational truths in what they are doing that remain unrecognised not only within their schools, colleges or universities, but also within the theoretical perspectives that are designed to serve such work. I know now that, when I was training to be a teacher, I needed a philosophy of the teacher that could speak from within my own difficulties with theory and practice, with control and authority, and with the teacher–student relationship—the kinds of anxieties that, at some time, are common to all teachers. But in educational work on the teacher I found no real philosophy (that is, no real speculative philosophy, as I shall come to explain), and in philosophy there was very little interest in education in general or in the teacher in particular. Perhaps this book will find others now who are searching for the same thing, even if, as yet, they do not know it quite in this way.

Gesamte Inhaltsangabe hier.

Und wenn man schon mal dabei ist, kann man auch noch auf den Aufsatz von Wilfried Carr im gleichen Journal, Februar 2004 hinweisen: Philosophy and Education. Der Abstract:
This paper argues that the anxieties being expressed in the UK and elsewhere about the lack of impact that philosophy now has on education are nothing other than the inevitable manifestation of a fundamental intellectual disorder deeply rooted in our contemporary understanding of the philosophy of education. In trying to substantiate this claim, the paper offers an historically informed philosophical analysis of how philosophy is related to education and education to philosophy that concludes by clarifying how any debates about the current problems and future development of the philosophy of education ought to proceed.

Heilmittel gegen Akrasie gefunden!

Anzeige als pdf -- vertrauen Sie Dr. Sorensen.

Grad gefunden -- eine nette Version von Gideons Paradox (das ist beschrieben in Marion Ledwigs Dissertation über Newcombs Paradox, S. 83 (pdf)). Auch abgedruckt im grad erschienenen Sammelband Willensschwäche, herausgegeben von Thomas Spitzley bei mentis.

08 Februar 2006

Kampf der Kulturen?

Die Auseinandersetzungum die Mohammed-Karikaturen in einer dänischen Tageszeitung und deren Nachdrucke "aus Solidarität" in weiteren Zeitungen und Zeitschriften könnte eine ganze Reihe von bedenkenwerten Fragen aufwerfen:
Gelten islamische Gebote auch für uns? Können die von uns verlangen, dass wir uns an ihre Gebote halten? -- Dies vor dem Hintergrund, dass es nicht nur (aber auch) um die Verletzung religiöser Gefühle zu gehen scheint. Letzteres ist eine verständliche, kaum zu kritisierende Vorstellung, für die man sich, um sich an die eigene Nase zu fassen, hier nur an die Debatten um Scorseses Die letzte Versuchung oder früher Monty Pythons Das Leben des Brian zu erinnern braucht. Da stören dann nur mehr die mit diesem Gefühl begründeten angedrohten Handlungen. Aber es scheint auch die schlichte Verletzung eines religiösen Gebots in der Argumentation eine Rolle zu spielen. Also: Gelten deren Gebote auch für uns? Könnte ein Moslem konsistenterweise darüber wütend sein, dass ein Christ Mohammed malt? Wie verträgt sich das islamische Bilderverbot mit der Tatsache, dass es haufenweise islamische Abbildungen Mohammeds gibt? Im Netz sind schöne Beispielsammlungen zu finden. In dieser hier sieht man zudem, dass Christen das Gebot schon früher verletzt haben. So könnte man auf die Idee kommen zu fragen, wie gerade jetzt etwas verboten sein kann, was wir immer schon gemacht haben (Gewohnheitsrecht!). So gibt es zahlreiche italienische Kirchen, die das Programm ihrer Fresken Dantes Göttlicher Komödie entnehmen, deshalb auch einige, wo zu sehen ist, wie Mohammed als "falscher Prophet" in der Hölle von Teufeln gequält wird. Dass wir im Umgang mit einem solchen Bilderverbot wenig sensibel sind, ist klar, wir halten uns ja nicht mal an das eigene (vgl. die Erschaffung Adams in der Sixtinischen Kapelle).
In der oben zitierten Bildersammlung ist auch ein Bild eines islamischen "Künstlers" vom jungen Mohammed; offenbar zugelassen von einem moslemischen Geistlichen, weil es den Propheten vor seiner Berufung darstellt. (Mit solchen Argumentationsformen haben wir auch Erfahrung; nicht umsonst spricht man von "jesuitischen " Argumenten.)
Geht es bei uns um die Meinungs(äußerungs)freiheit, die von der dänischen Tageszeitung ins Feld geführt wurde? Oder um die Freiheit der Kunst? Oder um die Gestaltung des säkularen Staats? Vielleicht geht es auch bloß um die politische Indienstnahme des Unmuts durch Medien und Meinungsführer. Kennen wir nicht?

Unsere liebe Bildzeitung titelte neulich, Sabine Christiansen und ihr Lebenspartner hätten sich getrennt. Am nächsten Tag titelte Bild "Das ist seine Neue". Der unbedarfte Leser könnte auf die Idee kommen, dass Christiansens Ex-Freund, ein Tag, nachdem die sich getrennt haben, schon wieder eine neue Freundin hat. Promiskuität! Unmoralisch! OK, das ist keine politische Indienstnahme, nur eine ökonomische.

07 Februar 2006

Foltern um zu retten? Der argumentative Gebrauch von Gedankenexperimenten

Wie überzeugend sind Gedankenexperimente in der Ethik? Aus mehr oder weniger aktuellem Anlass schrieb Michael Kinsley in Slate Mitte Dezember eine durchdachte Auseinandersetzung mit Charles Krauthammers Wiederbelebung des "Folter einen, rette viele"-Gedankenexperiments (gefunden via Patrick Baums Weblog Philosophus). Die moralische Frage ist hier im Zusammenhang eines möglichen US-Gesetzes zu sehen, es geht also eigentlich darum, ob ein Gesetz Folter verbieten oder erlauben oder mit welchen Restriktionen erlauben sollte. Kinsleys Schlussgedanke begegnet auch in der Auseinandersetzung mit ethischen Gedankenexperimenten, nämlich: Spezielle Fälle sind kein guter Ratgeber beim Test unser moralischen Intuitionen, und sie zeigen nicht, dass das jeweilge moralische System fehlerhaft ist, wenn es damit nicht klarkommt. Kinsley im O-Ton:

There is yet another law-school bromide: "Hard cases make bad law." It means that divining a general policy from statistical oddballs is a mistake. Better to have a policy that works generally and just live with a troublesome result in the oddball case. And we do this in many situations. For example, criminals go free every day because of trial rules and civil liberties designed to protect the innocent. We live with it.

Of course a million deaths is hard to shrug off as a price worth paying for the principle that we don't torture people. But college dorm what-ifs like this one share a flaw: They posit certainty (about what you know and what will happen if you do this or that). And uncertainty is not only much more common in real life: It is the generally unspoken assumption behind civil liberties, rules of criminal procedure, and much else that conservatives find sentimental and irritating.

Sure, if we could know the present and predict the future with certainty, we could torture only people who deserve it. Not just that: We could go door-to-door killing people before they kill others. We could lock up innocent people who would otherwise be involved in fatal traffic accidents. Civil libertarians like to believe that criminals get their Miranda warnings and dissidents enjoy freedom of speech because human rights are universal. But if we knew for sure that a newspaper column by Charles Krauthammer would lead—even by a chain of events he never intended and bore no responsibility for—to World War II, wouldn't we be nuts not to censor it? Universal human rights would make no sense in a world where everything was known and certain.

This is not to say that Krauthammer's killer hypothetical could never happen. It is to say that morality does not require us to build a general policy on torture around a situation that is not merely unlikely in real life, but different in kind from the situations we are likely to face in real life. What we would do or should do if this situation actually arose is an interesting question for bull sessions in the dorm, but not a pressing issue for the nation.

02 Februar 2006

Neues aus der alten Welt

Georgi Kapriev hat eine Philosophie in Byzanz verfasst. Das ist an sich schon bemerkenswert, weil es keinen umfassenden Überblick über diesen Raum gibt, der ist bislang philosophiegeschichtlich tote Hose. Und es ist bemerkenswert, weil ein gutes Buch daraus geworden ist, das das Überlappen von Philosophie und Theologie bis 1453, dem Ende von Byzanz, beleuchtet.

01 Februar 2006

Evangelische Kirche und Sterbehilfe

Die EKD ist gegen aktive Sterbehilfe, und das war sie schon immer. Auf ihrer Website kann man ältere Erklärungen nachlesen. Dort heißt es zum Beispiel -- aus einer gemeinsamen Erklärung der EKD und der Katholischen Bischofskonferenz von 2003 --:
Aktive Sterbehilfe ist und bleibt eine ethisch nicht vertretbare, gezielte Tötung eines Menschen in seiner letzten Lebensphase, auch wenn sie auf seinen ausdrücklichen, verzweifelten Wunsch hin erfolgt. Wir wissen, wohin es führen kann, wenn Menschen von Dritten für nicht mehr lebenswert erklärt werden, statt in ihrer Schwäche, Krankheit oder Behinderung als Menschen akzeptiert und nach ihren Bedürfnissen umsorgt zu werden.
Die derzeitige Diskussion um die aktive Sterbehilfe ist in Deutschland beeinflusst durch die Erfahrungen der Vergangenheit (Gesetzgebung und mörderische Praxis der Nazizeit), die uns sensibel machen gegen jede Form von Ausgrenzung, Aussortierung und Vernichtung anhand scheinbar objektivierbarer Kriterien. Wir wenden uns gegen alle Aussagen, die das Leben von Menschen als „nicht mehr lohnend“ oder „nicht mehr lebenswert“ abqualifizieren. Wir verweisen demgegenüber auf die Kostbarkeit jedes einzelnen Menschen und die unabdingbare Würde jeder einzelnen Person.
Man sieht leicht, dass hier überhaupt kein Argument vorliegt, sondern lediglich eine Behauptung: xy "ist und bleibt ethisch nicht vertretbar". Woher kommt diese Gewissheit?
Der Text der Erklärung offenbart, wovon die moralische Überlegung ihren Ausgang nimmt: nämlich davon, was wir tun, tun oder unterlassen sollen. Im Unterschied zu dem, was derjenige tut, der sich zu sterben wünscht. Das jemand zu sterben wünschen kann, und sogar "ausdrücklich und verzweifelt", spielt gar keine Rolle.
Nein, die Vertreter der Kirchen haben die deutsche Vergangenheit und die Euthanasiepraxis der Nazis vor Augen. Und sie blicken mit Sorge auf ökonomische Zwänge der medizinischen Versorgung. Schließlich denken sie wohl auch noch an die Schwäche der Angehörigen, für die die Sterbebegleitung beim langsamen Sterben durchaus eine Überforderung darstellen kann. Sie blicken also auf die Parteien, die etwas mit dem Sterbenden machen können, und denen wollen sie es verbieten. Das ist, finde ich, ganz in Ordnung. Die Argumentation mit der Würde desjenigen, der da sterbend liegt, auch.
Aber gerade der Bezug auf die Würde müsste doch auch die Überlegung eröffnen, ob wir nicht moralisch gefordert sind, seine Wünsche ernst zu nehmen. Und wenn jemand "ausdrücklich und verzweifelt" zu sterben wünscht, wer sind wir, dem zu widersprechen? Würde hat doch auch mit der Möglichkeit der Selbstbestimmung zu tun. Mir scheint, dass die kirchlichen Sprecher zwei Dinge miteinander in einen Topf werfen, die besser getrennt blieben. Das eine sind die gesellschaftlichen Bedingungen des Sterbens, und die sollten, natürlich, so gut wie möglich sein. Wirtschaftliche Überlegungen o.ä. sollten keine Rolle spielen. Und das andere ist die Selbstbestimmung des Betroffenen. Eine "Hilfe", wie in dem Wort "Sterbehilfe" enthalten, ist wohlverstanden schließlich immer etwas, was auf Verlangen des Geholfenen erfolgt -- ein anderes Verständnis von Hilfe entmündigt und ist zynisch. Die Kirchen wehren sich gegen die Tendenz zur Entmündigung, aber dem eigentlichen Verständnis zur Hilfe haben sie nichts beizutragen.
(Ich werde den Verdacht nicht los, dass das mit der Geschichte des Umgangs mit Schmerzen zu tun hat. Das jemand zu sterben wünscht, zum Beispiel, weil er für ihn unerträgliche Schmerzen leidet, finden die Kirchen nicht so schlimm, schließlich hat Jesus ja auch am Kreuz gelitten. Und das jemand zu sterben wünscht, solange er bei Sinnen ist, spielt gar keine Rolle -- das ist die Kehrseite eines Menschenbildes, das sich immerzu auf die "Ebenbildlichkeit" beruft, was allzu leicht rein äußerlich begriffen werden kann.)

Wie komme ich darauf? Der Gemeindebrief kam heute, darin wurde (kritiklos) aus einer ähnlichen Erklärung der EKD zitiert.

Do Kant yourself

Böhlau bei UTB verwöhnt uns mit einer neuen Buchreihe, sie heißt "leicht gemacht". Mir liegt derade vor Kant leicht gemacht von Georg Römpp. So erfreulich das Aufnehmen eines "besonderen didaktischen Konzepts" ist, das einen "neuen Zugang zu den Denkwelten" des Philosophen ermöglicht, so bedenklich finde ich den Titel. Grammatisch passt zu "leicht gemacht" ein Verb. Wir sind eingeladen zu "kanten"! Das ist die neue Erkantnistheorie von UTB...

Und die neue Didaktik? Eine berechtigte Frage. Ich habe schon den Eindruck, dass Römpp sich Zeit nimmt für einzelne Themen und sich bemüht, diese verständlich darzustellen. Dass Bildchen und Fettdruck dabei ins Auge springen, muss ja kein Nachteil sein. Wie sehr er den echten Kant trifft, sollen andere entscheiden. Immerhin deckt das Buch Das Wahre, Das Gute und Das Schöne im Werk Kants ab, und damit alles, was ein Philosoph braucht.

Sex von A bis Z

Hat Philosophie was dazu zu sagen? Oh ja, natürlich. Und ohne dass die sexuellen Vorlieben von Philosophen ins Spiel kommen müssen (da frage ich mich schon manchmal, ob zukünftige Diskursarchäologen nicht auf merkwürdige Zusammenhänge kommen werden).
Und, wie tun es Philosophen? Philosophers do it deeper, philosophers do it a priori, usw. A posteriori ist hier eine zweibändige Philosophical Encyclopedia anzuzeigen, die Alan Soble herausgegeben hat, und deren Haupttitel lautet Sex from Plato to Paglia. Mit den erwartbaren Einträgen zu Sachen, Konzepten und Personen, etwa Pornography, Bisexuality oder Freud musste man rechnen, aber natürlich wird auch die Frage beantwortet, wer Paglia ist: Camille Paglia, *1947, "a leading culture critic and feminist dissident". Das Wort "Enzyklopädie" im Untertitel ist kein Zufall, die Einträge sind essayistisch und umfangreich -- die Zahl der Stichworte in der Folge geringer als in einem Wörterbuch.
In der Zielgruppe des Werks sind nicht nur Philosophen, sondern auch Theologen, Psychologen, Gender studies, "Arts & humanities in general". Das Buch enthält eine Beiträgerliste, aus der neben Informationen über deren Forschungsinteressen -- die Interessen der Beiträger sind so breit gestreut wie die der Zielgruppe -- hervorgeht, welche Artikel sie verfasst haben. Name und subject index helfen dabei, sich zurechtzufinden.
Alles in allem: sicher ein nützliches Werk. Wieviele werden davon wohl in Deutschland verkauft werden?