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10 Oktober 2006

Mittelalterliche Skepsis

Dominik Perler, exzellenter Kenner der mittelalterlichen Philosophie, geht in seinem neuen Buch Zweifel und Gewissheit (Frankfurt am Main : Klostermann, 2006) den "skeptischen Debatten im Mittelalter" nach. Interessant der Aufbau seines Buches: systematisch, orientiert daran, woran gezweifelt wurde: so dass die Debatten als Folge von Argumenten in ihrer Entwicklung dargestellt werden können. Perler schreibt sehr lesbar, auch für diejenigen, die wie ich nicht so im Mittelalter zu Hause sind. Das buch wurde in der FAZ rezensiert, und der Verlag hat es sich nicht nehmen lassen, die Lobesworte von Pawlik auf seiner Homepage zu zitieren.

10 Dezember 2005

Skeptizismus lebt!

Theorien wie der Kontextualismus (hier Willascheks Zusammenfassung für das Kontextualismus-Sonderheft der Deutschen Zeitschrift für Philosophie) gehen mit der skeptischen Herausforderung um, indem sie ihr einen Sonderstatus zuweisen. Das klappt umso besser, je weiter weg von der Alltagserfahrung sich die skeptische Frage positioniert, als Dämon oder Gehirn im Tank etwa. Umso interessanter muss daher ein Skeptizismus erscheinen, der das schlichte Ausweichen nicht zulässt. Bryan Frances zeigt in Scepticism comes alive (Oxford : Clarendon, 2005), wie das aussehen könnte. Das skeptische Argument, in der Fassung seines Vorworts:
In order to know P, one must be able to rule out some nonP possibilities. For instance, in order to know that the tree is a fir, one has to rule out the possibility that it's a spruce or a hemlock. At least, one has to rule out those possibilities provided they are real, scientifically respectable, 'live' hypotheses; one is aware that they have such respect; and one si perfectly aware that those hypotheses conflict with one's belief that the tree is a fir. For instance, you came across the tree while taking a stroll through a forest with a tree expert. You said the tree was a fir, but she said that it's quite hard to tell from this vantage-point because spruces and hemlocks look the same and there are lots of them around here. Those nonP possibilities are 'relevant alternatives', as it is often said. Perhaps the brain-in-a-vat possibility doesn't need to be ruled out; but the spruce and hemlock possibilities do need to be ruled out. Assuming I can't rule out the spruce possibility, I don't know that the tree is a fir -- even if the tree is a fir. At least, I don't know it's a fir tree once I'm aware of the live status of the spruce and hemlock possibilities.
But now here's the kicker: there are several real, scientifically respectable, 'live' hypotheses that can be used in the very same argument template as in the previous paragraph.
Was für Hypothesen könnten das sein? Hier eine Online-Zusammenfassung als Nous-Artikel aus Frances' eigener Feder.

06 September 2005

Grundzüge des Jenaer Skepticismus

Als Jena noch eine Haupststadt der deutschen Philosophie war, das waren noch Zeiten! Weil ich nicht allzuviel darüber weiß -- natürlich kennt man die großen Namen des Hegel, Fichte, Schiller und die Jenaer Romantiker --, bin ich sehr angetan von der mit zahlreichen weiteren Dokumenten und Erklärungen versehenen Wiederveröffentlichung der kleinen Schrift Grundzüge des neuesten Skepticismus (1802) von Johann Friedrich Ernst Kirsten. Das Bändchen, eine Frucht des SFB Ereignis Weimar-Jena. Kultur um 1800, erfreut mit seiner ausführlichen historischen Einführung und dem gründlichen Kommentar. Man erfährt etwas über den historischen Ort des von Kirsten nach Schulze -- wer war das bloß? -- vertretenen Skeptizismus und seinen Beitrag zum Skeptizismus-Streit 1800-1806. Herausgegeben von Brady Bowman und Klaus Vieweg, München: Fink 2005.

05 September 2005

Kontextualismus besiegt Skeptizismus durch technischen K.O.

Können wir etwas über die Welt wissen? Der Skeptiker sagt "Nein", denn um etwas zu wissen, müssten wir sicher sein, dass wir nicht träumen (Descartes) oder Gehirne im Tank sind (Putnam). Der Mooreaner sagt: "Ja", denn Skeptizismus ist sinnlos. Der Kontextualist sagt "Jein".
Kontextualismus ist eine neuere unter den Theorien von Wissen und Wahrheit, und sie wird einflussreicher. Vor ein paar Jahren noch schien die Idee, dass die Standards dessen, was Wissen ausmacht, vom Kontext abhängen sollten, in dem Wissen gefragt ist, etwas sehr relativistisch zu sein. Inzwischen gewinnt diese Konzeption Anhänger. Die neuesten Ideen und Standpunkte sind nun zusammengefasst im aktuellen Band der Grazer Philosophischen Studien 69 (2005) (Inhaltsverzeichnis). Man begegnet alten Bekannten in Igour Douvens A contextualist solution to the Gettier problem und findet möglicherweise neue Freunde in Tim Blacks und Peter Murphys Avoiding the dogmatic commitments of contextualism (hier online als Preprint-PDF). Wer darin Keith DeRose vermisst, den ich zumindest als seit Jahren eifrigen Vertreter des Kontextualismus schon kannte, findet hier seine neuesten Arbeiten als Preprints.