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21 April 2009

Olaf Breidbach sucht die Ordnung

Rezension zu Olaf Breidbach: Neue Wissensordnungen : Wie aus Informationen und Nachrichten kulturelles Wissen entsteht. - Frankfurt am Main : Suhrkamp, 2008. - (Edition Unseld ; 10)
Die Rezension erschien in Buch und Bibliothek 61 (2009) 4, S. 281-282.

Die Bücher der im letzten Jahr gestarteten „Edition Unseld“ sind dünn und billig, sie zielen damit auf ein größeres Publikum. Anspruchsvoll streben die ersten Bände der Edition danach, den Lesern die Welt zu erklären, oder kantischer noch, die Bedingungen einer solchen Welterklärung zu diskutieren.
In diese Kategorie fällt auch der Band von Olaf Breidbach über die „Neuen Wissensordnungen“, der eben nicht bestimmtes Wissen vermitteln möchte, sondern das Wissen für sich als kulturelles und historisches Phänomen in den Blick nimmt. Das lässt eigentlich – für Bibliothekare als Arbeiter an oder in der Wissensordnung zumal – interessante Lektüre erwarten. Doch dürfte es auch außerhalb unseres Berufsstandes nicht allzu viele Leser geben, die Honig aus dem Büchlein saugen können, weil der Jenaer Professor für die Geschichte der Naturwissenschaften mehr Mühe auf die Ausbreitung seines reichen Materials denn auf seine Aufbereitung verwandt hat. In welcher Form sich das bemerkbar macht, dazu komme ich gleich. Zunächst zum Inhalt.

Das Buch wird regiert von zwei Grundgedanken, die Breidbach verschiedentlich wiederholt. Der erste steckt auch im Titel: Information und Wissen sind nicht dasselbe, sondern Wissen entsteht erst aus Information, und zwar durch Interpretation und Reflexion. Wissen ist „interpretierte Information“ (S. 12, 168 u.ö.). Die zweite betrifft das Wesen der Interpretation: eine neue Information kann nur interpretiert werden, indem man sie in Beziehung setzt zu dem, was schon gewusst wird, also indem man sie in das „Netz“ seines Wissens einbezieht – und dies führt notwendig dazu, dass das Netz sich verändert. Wissensordnung muss man dynamisch verstehen, nicht statisch! Das Buch versucht zu erklären, was diese beiden Gedanken bedeuten und welche Folgen sie haben dafür, wie Wissensordnung zu modellieren wäre.
Dem ersten Gedanken nähert man sich vielleicht am einfachsten über einen Vergleich mit der platonischen Wissensauffassung, die als Diskussionsfolie auch noch die zeitgenössische Erkenntnistheorie regiert.
Für Platon bedeutet etwas zu wissen, eine „wahre, gerechtfertigte Meinung“ über etwas zu haben. „Wissen“ findet damit zwar im Kopf eines wissenden Subjekts statt, aber seine Überprüfung kann außerhalb geschehen, indem man fragt: Ist es wahr? Lässt sich eine Rechtfertigung dafür angeben? Interessanterweise impliziert diese platonische Definition auch eine bestimmte Weise, wie der Kosmos allen möglichen Wissens zusammenzudenken wäre: er kann ja nur als allen möglichen wahren Sätzen bestehen. Hätte man diese, käme es nur darauf an, sie in die rechte Beziehung zu einander zu setzen.
Breidbach nennt solche Zusammenstellung die „absolute“ Konzeption einer „Wissensordnung“, und sie hat sich voll entfaltet im wissenschaftlichen Gottvertrauen des Barock. Sie ist naiv, weil sie sich darauf verlässt, dass sich das Wissen von selbst ordnet. Dafür liegt mir das bibliothekarische Beispiel nahe: Wer Klassifikationen verwendet, weiß schon, dass dies Einordnen nicht immer klappt. Solch Einordnen von etwas ‘Gewusstem’ ist stets ein bewusster Akt, weil dafür Entscheidungen nötig sind, und diese Entscheidungen betreffen stets auch die Frage, ob das, was da gerade klassifiziert wird, überhaupt schon einen Platz in der Ordnung hat – oder ob man ihm einen neuen schaffen muss. Aus letzterem erhöbe sich gleich die nächste Frage: Muss nun vielleicht auch an anderer Stelle der Klassifikation geändert werden, um der neuen Klasse gerecht zu werden? Die eine neue zu klassifizierende Information führt also möglicherweise zu tieferen Änderungen der Klassifikation. Oder abstrakter, außerhalb meines Beispiels, formuliert: Information zu interpretieren bedeutet, sie „auf den Gesamtkontext der schon verfügbaren Informationen zu beziehen“ (S. 127). Das Neue, wird es eingeordnet, verändert die Ordnung. Nur dann kann auch die Gesamtheit des Wissens größer sein als die Summe der Einzelinformationen: weil die Interpretationsleistung hinzutritt.
Breidbach legt Wert darauf, dass das Interpretieren von Informationen seinerseits keineswegs voraussetzungsfrei ist, sondern nur angemessen verstanden werden kann als Reflex der historischen Situation und des kulturellen Umfeldes, indem es geschieht. Zudem müssen die Verfahren des Interpretierens bzw. der Bewertung von Informationen selbst als Ausdruck praktischen Wissens und damit als Teil der Wissensordnung beschrieben werden: ganz schön kompliziert!

Leider trägt das Buch für den bibliothekarischen Leser wenig aus. Das hat damit zu tun, dass Breidbach zwar hin und wieder sich mit den ‘materiellen Repräsentanten’ einer Wissensordnung beschäftigt oder sie als Beispiele heranzieht, wie eben Klassifikation oder Enzyklopädie. Aber das eigentliche Geschehen der Wissensordnung ist für ihn abstrakt im „Erfahrungs-, Sprach- und Handlungsraum“ (S. 149) der Kultur zu suchen. Mehr als die Frage, wie die Dynamik des Wissens ihren angemessenen Niederschlag in den Werkzeugen der Wissensaufbereitung (z.B. in Datenbanken) finden könnte oder sollte, reizt ihn das Nachdenken darüber, wie sich die Dynamik des Wissens neurobiologisch, systemtheoretisch oder computertechnisch „modellieren“ lässt. Überlegungen zu solchen Modellen dürften allerdings nur für wenige Leser zum Verständnis des Gesamtthemas beitragen, zumal Breidbach sich zur Darstellung der jeweiligen Fachsprache bedient.
Ohnehin hat Breidbach es versäumt, auf die Zielgruppe der Edition Unseld – den interessierten und gebildeten Laien – Rücksicht zu nehmen. Er präsentiert einen Wildwuchs der Gedanken und Beispiele, der Theorien und Fachsprachen, in häufig assoziativ erscheinender Folge und mit Teilwiederholungen, deren Funktion sich nicht immer erschließt. So findet sich eine definitorisch klingende Formulierung wie „Wissen ist ...“ an die zwanzig Mal im Buch; es bleibt aber dem Leser überlassen, ob oder wie er die verschiedenen Formulierungen unter einen Hut bringt.
Breidbachs Inhaltsverzeichnis bietet ebenfalls keine Orientierung, sondern ist eine Liste aus wenig aussagekräftigen Einzelbegriffen: 75 Einträge bestehen aus einem Wort, 5 aus zweien, und es sind Worte wie „Beschreibungen“, „Zentrierungen“ oder „Kultivierungen“ (letzterer muss gleich für zwei Abschnitte herhalten). Hier hätte man dem Autor den Mut gewünscht, seinen Stoff für den Leser stärker zu reduzieren und aufzubereiten. Ich würde Interessierten jedenfalls eher David Weinbergers weniger anspruchsvolle, dafür ansprechendere und mehr an unserer Praxis orientierte, gut gelaunte kleine Kultur- und Handlungsgeschichte der Wissensordnung Everything is miscellaneous (in deutscher Übersetzung: Das Ende der Schublade) zur Lektüre empfehlen.

21 November 2008

Philosophische Rezensionen im Netz

Mir ist gerade aufgefallen, über die Homepage von Sven Walter, dass es mit Metapsychology eine Webseite gibt, die auch philosophische Rezensionen enthält -- man kann über "Select Topic" in der Navigationsleiste die Anzeige auf das Philosophische beschränken. Wo gibt's noch online-Rezensionen zur Philosophie?
Kritikon, natürlich, aber wir haben ja gerade erst angefangen.
Notre Dame Philosophical Review.
Sonst noch?

14 November 2008

Laughlins "Betrug"

Rezension zu Robert B. Laughlin: Das Verbrechen der Vernunft : Betrug an der Wissensgesellschaft. - Frankfurt am Main : Suhrkamp, 2008.
Die Rezension erschien in Buch und Bibliothek 60 (2008) 11/12, S. 830-831.

Robert B. Laughlins Streitschrift Das Verbrechen der Vernunft : Betrug an der Wissensgesellschaft verspricht interessante Lektüre für Bibliothekare: „Mitten drin“ sind wir schon in „Orwells Welt“ (S. 13), die Freiheit der Forschung schon aufgegeben. Und Laughlin müsste es wissen: der Physik-Nobelpreisträger von 1998 forscht und lehrt selbst an der Stanford University. Zum Glück hält das Buch nicht, was der Autor verspricht.

Ein wichtiges Thema packt Laughlin da an: Wir sind auf dem falschen Weg. Staat und Unternehmen schränken ein, was gewusst und geforscht werden darf, und Forscher und Bürger nehmen es hin, ohne dafür etwas zu bekommen. Daher leiht man der Warnung gern seine Aufmerksamkeit, auch um zu erfahren, was wohl dagegen zu tun wäre. Doch diese Hoffnung wird enttäuscht. Laughlin hat wenig positive Botschaften, und verliert sich in Anekdoten und Kleinigkeiten. Sein Gedankengang wirkt oft assoziativ und eher anekdotisch als argumentierend, d.h. das Vorgetragene baut nicht recht aufeinander auf. Schnell ist er mit Worten wie „Orwell“ bei der Hand, formuliert ansonsten aber recht sorglos und ungenau.(FN 1) Dafür, dass das Buch zuerst auf Deutsch erschien, nimmt der Inhalt ohnehin wenig Rücksicht auf die deutsche bzw. europäische Situation. Dabei gäbe es hier einiges anders zu bewerten; wir haben ja mit Artikel 5 GG ein Grundrecht auf Informationsfreiheit.

Doch im einzelnen: In zehn lose miteinander verbundenen Kapiteln geht Laughlin der Frage nach, in welcher Form und aus welchem Grund der ‘freie Zugang zum Wissen’ in der Gegenwart eingeschränkt ist. Im ersten Kapitel verknüpft Laughlin seine Ausgangsthese mit dem (unbegründeten) „Grundrecht des Menschen [...], Fragen zu stellen und nach Erkenntnis zu streben“ (S. 10) und nennt drei gesellschaftliche Motive für die Einschränkung dieses Grundrechts: 1. die staatliche Sicherheit (Beispiele Nukleartechnik / Biowaffen), 2. die ökonomischen Interessen von Unternehmen (Beispiel Patentwesen), 3. die Moral (Beispiel Klonen). Dies sind die Hauptanwendungsfälle für das ganze Buch, deren Reflexion Laughlin allerdings durch fragwürdige Parallelisierungen vernebelt.
Im zweiten Kapitel geht es z.B. darum, was Wissen „gefährlich“ macht und warum man sich entscheiden könnte, den Zugang dazu einzuschränken. Das ganze Kapitel krankt jedoch daran, dass Laughlin nicht unterscheidet zwischen gefährlichen Dingen (oder Handlungen) und dem Wissen davon. So schreibt er, dass das ‘Wissen um den Gebrauch von Fleischermessern’ zu tragischen Unfällen und sogar zu Mord führen könne und das Wissen um den Gebrauch von Streichhölzern „immer wieder schwere Verbrennungen oder sogar Brandstiftung zur Folge hat“ (S. 14) – dabei liegt auf der Hand, dass 1. Wissen ohne Besitz und Gebrauch des betreffenden Gegenstandes zu gar nichts führt und 2. in der Regel das Wissen um den richtigen Gebrauch eines Gegenstandes seine Handhabung sicherer macht. Folglich eignen sich diese Analogien nicht zur Illustration seiner Thesen, die damit seltsam unbegründet erscheinen.
Zwei weitere Beispiele: Laughlin unterscheidet nicht zwischen „Wissen“ und „Information“ (im informationstheoretischen Sinne) und bringt daher das Spiel ‘Stille Post’ als Beispiel, wie Wissen in der Kommunikation „verfällt“ (S. 31/32). Er setzt das Verbot des Gebrauchs und der Verbreitung von Technologien zur Umgehung des Kopierschutzes bei Musik- und Filmdateien gleich mit der ‘Kriminalisierung des für das Kopieren nötigen Wissens’ (S. 23), denn nur so taugt dies als weiterer Beleg dafür, wie wirtschaftliche Interessen erzwingen, dass der Zugang zu Wissen beschränkt wird.
Ärgerlich ist, dass Laughlin derlei Ungenauigkeiten auch dort in Kauf nimmt, wo er als Experte auftritt, nämlich im Bereich der Naturwissenschaften. Im interessantesten Kapitel seines Buches geißelt Laughlin – zu Recht – die Auswüchse des amerikanischen Patentrechts. Dabei macht er sich darüber lustig, dass der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten kürzlich entschieden habe, dass „chemische Prozesse im menschlichen Körper keine Naturgesetze seien“; dies folge nämlich daraus, dass Naturgesetze nicht patentiert werden können, Gensequenzen aber für patentfähig erklärt wurden (S. 55). Gensequenzen sind aber – wie kann man etwas anderes denken? – weder Naturgesetze noch chemische Prozesse!
Dabei ist das Anliegen insbesondere des Kapitels zum Patentrecht durchaus wichtig und bedenkenswert. Dass Patente auf Gene und Gensequenzen erteilt werden können, verhindert Forschung an diesen Genen, weil dafür Lizenzgebühren an die Patentinhaber gezahlt werden müssten oder weil Forscher sonst teure juristische Auseinandersetzungen befürchten müssen. Patente können derzeit in den USA offenbar auch auf Dinge und Verfahren erteilt werden, die nur ‘entdeckt’ (statt erfunden) worden sind, und sogar auf solche, die schon längst von anderen genutzt werden, wodurch deren Nutzung plötzlich lizenzpflichtig wird. Das Patentwesen in dieser amerikanischen Form ist also in der Tat ein Betrug an der Wissensgesellschaft, und Laughlin schlägt auch, wenngleich nicht ernst gemeint, eine Lösung vor: Patente „auf die Natur“ dürften gar nicht gewährt werden, denn das „ist offensichtlich unmoralisch“ (S. 65). „Und dasselbe gilt für Patente auf die Vernunft“, das heißt: Verfahren und Techniken, die auf der Hand liegen, dürften keinen Schutz genießen; das Urteil darüber, was als auf der Hand liegend gelten kann, müsste einer Jury aus Experten zustehen. Hier sieht Laughlin eine Aufgabe für den Gesetzgeber.
Auch die Frage, wie die Sicherheitsinteressen eines Staates oder der Staatengemeinschaft mit der Freiheit der Forschung vereinbar sind (6. Kapitel), ist wichtig. Laughlins Haltung dazu ist allerdings unentschlossen. Einerseits hält er nichts von der Strategie des Verbots, weil diese auch wichtige Forschung behindere, und erzählt ein paar einschüchternde Anekdoten von unschuldigen Wissenschaftlern, die aus öffentlichen Quellen Informationen zusammengestellt haben, die dann plötzlich als geheim eingestuft wurden, so dass die Wissenschaftler vor Gericht gestellt wurden. Andererseits hält er Sicherheitsinteressen für legitim. Einen Ausgleich sieht er nicht, sondern geht lieber zum nächsten Thema über, indem er Nukleartechnik und Virenforschung als Präzedenzfälle für den staatlichen behindernden Umgang mit Wissen ansieht. Denselben, erprobten, Umgang wähle der Staat nun beim Thema Klonen.
Die beiden Klon-Kapitel zeigen besonders deutlich, woran es dem ganzen Buch fehlt. Erstens übersieht Laughlin die moralische Dimension der Debatte um das Klonen und bringt stattdessen stets ökonomische Erklärungen. Und zweitens bringt er immer wieder abschweifende Analogien zwischen dem Klonen von Zellen und dem Kopieren von Computerprogrammen ein. So meint er nebenbei zeigen zu müssen, dass die Computerprogramme heutzutage so schlecht seien, weil sie „geklont“ würden, statt einem darwinistischen Ausleseprozess mit Mutationen zu unterliegen. Das ist sicher für sich eine diskussionswürdige These, die im Zusammenhang des „Betruges an der Wissensgesellschaft“ aber vom Thema ablenkt. Ähnliches gilt übrigens für das Kapitel über Spam (9.), in dem Laughlin darüber schreibt, wie ein Zuviel an Informationen das Wichtige zum Verschwinden bringt. Neil Postman brachte das vor Jahren schon besser auf den Nenner „wir informieren uns zu Tode“, und ohnehin hat das nichts mit Laughlins Thema zu tun.
Die Lektüre des Buches ist also, das muss man leider zusammenfassend feststellen, nur zum Teil erhellend. Laughlin gelingt es selten, das Wichtige vom Unwichtigen zu scheiden, um es in einer klaren gedanklichen Gliederung zu präsentieren. Bleibt also positiv hervorzuheben, dass Laughlin sich eines wichtigen Themas angenommen hat, wenngleich er damit eher zum eigenen Denken als zum Nach-Denken anregt.

FN1: Hier mag auch die Übersetzung an einem Teil der Missverständlichkeiten schuld sein. Das Buch ist zwar im April 2008 zuerst auf Deutsch erschienen, die englischsprachige Ausgabe erschien erst Mitte September und scheint etwas ausführlicher zu sein mit ca. 220 Seiten. Trotzdem handelt es sich um eine Übersetzung (von Michael Bischoff). Für mich liegt z.B. der Verdacht nahe, dass die Formulierung, die „Gesetze kollektiver Organisation“ seien „per definitionem abstrus“ (S. 38/39), sich dem englischen Wort „obscure“ verdankt; in der Tat geht es eher um ihre Verborgenheit im Fluss der beobachtbaren Phänomene. – Verkürzte, selbstwidersprüchlich wirkende Formulierungen wie: „Das Schicksal des Würfels ist bekannt, sobald er die Hand des Spielers verlassen hat, nur kennen wir das Schicksal nicht“ (S. 30), dürften allerdings allein auf das Konto Laughlins gehen.

01 Dezember 2005

Olaf Müller über das Gehirn im Tank -- eine Rezension (1. Teil)

Olaf Müller: Wirklichkeit ohne Illusionen. Paderborn: Mentis 2003.
Band 1: Hilary Putnam und der Abschied vom Skeptizismus oder Warum die Welt keine Computersimulation sein kann. 240 S. Kart. EUR (D) 36,-.
ISBN 3-89785-280-1.

Band 2: Metaphysik und semantische Stabilität oder Was es heisst, nach höheren Wirklichkeiten zu fragen. 278 S.. Kart. EUR (D) 36,-.
ISBN 3-89785-281-0.

I Gedankenexperimente sind attraktiv

Gedankenexperimente haben Konjunktur in der Philosophie. Das ist abzulesen an einer ganzen Reihe von Veröffentlichungen in jüngerer Zeit.
Auch in den Vorlesungsverzeichnissen ist das Thema, wie eine Google-Recherche leicht zeigt, vermehrt präsent. Möglicherweise liegt das daran, dass sich Gedankenexperimente für die Propädeutik, die Einführung in das philosophische Denken, gut eignen.
Eines der prominentesten Gedankenexperimente in diesem Sinne ist das vom ‘Gehirn im Tank’. Es wurde erfunden, um den Skeptizismus in ein modernes Gewand zu kleiden, ist aber erst nachgerade prominent geworden durch Hilary Putnams Versuch der Widerlegung (Hilary Putnam: Reason, truth and history. Cambridge: CUP, 1981, Kap. 1).
Putnams Argument beruhte auf der Entdeckung, dass der semantische oder Content-Externalismus, den er zuerst mit dem Twin-Earth-Gedankenexperiment in The meaning of meaning (1975) vortrug, erkenntnistheoretische Konsequenzen hat. Die Argumentation ist nicht ganz einfach, zumal Putnam seinen Kerngedanken etwas versteckte, und hat zu einer wahren Literaturflut – zustimmend wie ablehnend – geführt. Olaf L. Müller gelingt es im ersten Teil seiner zweiteiligen Habilitationsschrift Wirklichkeit ohne Illusionen, hier Klarheit zu schaffen, indem er das Argument rekonstruiert und seine Lücken abdichtet. Im zweiten Teil unternimmt er es, dem metaphysischen Unbehagen auf den Grund zu gehen, das Putnams Beweis zurücklässt.

II Die Ziele von Müllers Studie (1): Putnams Beweis wird wasserdicht

Müller hat in Göttingen und Los Angeles Philosophie und Mathematik studiert und dann unter anderem in Göttingen, Harvard und München unterrichtet; seit 2003 lehrt er Wissenschaftstheorie an der Humboldt-Universität in Berlin. Bereits in seiner Dissertation hatte er sich mit dem Skeptizismus beschäftigt, und zwar in der Gestalt von Quines semantischer Formulierung (Olaf Müller: Synonymie und Analytizität : zwei sinnvolle Begriffe. Paderborn: Schöningh 1998).
Sein Interesse am Gehirn im Tank und Putnams Gegenargument geht auf eine persönliche Begegnung beim 1. Göttinger philosophischen Kolloquium 1994 zurück. Auf zwei Ziele arbeitet Müller hin:
1. Der erkenntnistheoretische Skeptizismus lässt sich nicht halten.
2. Das Unbehagen, das zurückbleibt, wenn der Skeptizismus widerlegt ist, ist ein metaphysisches Unbehagen, welches die Philosophie ernst nehmen und dem sie zum Ausdruck verhelfen muss.
Im Groben sind diesen beiden Zielen die beiden Bände der Untersuchung gewidmet. Doch im einzelnen: Im ersten Band beschäftigt sich Müller vor allem mit Putnams Gegenargument gegen den Skeptizismus (in der Fassung von Crispin Wright, 1,75). Bekanntermaßen läuft die Argumentation etwa so:
A. In meiner Sprache bezeichnet das Wort „Tiger“ die Tiger.
B. In der Sprache eines Gehirns im Tank bezeichnet das Wort „Tiger“ nicht die Tiger.
C. Also unterscheidet sich meine Sprache von der eines Gehirns im Tank.
D. Also bin ich kein Gehirn im Tank.
Müllers Aufmerksamkeit gilt zwei Lücken dieses Beweises.
1. Der Beweis beruht darauf, dass sich „meine“ Sprache von der eines Gehirns im Tank unterscheidet. Die externalistische Begründung dafür: die Sprachen unterscheiden sich, weil das gleiche Wort sich auf Unterschiedliches bezieht. Doch das allein, ist einzuwenden, ist kein hinreichendes Unterscheidungsmerkmal; es gilt ja z.B. für indexikalische Ausdrücke auch (1, S. 147). Immerhin: der Beweis braucht den Rekurs auf verschiedene Sprachen gar nicht – die Unterscheidung z.B. der Äußerungskontexte genügt. Befindet man sich nicht im gleichen Kontext wie ein Gehirn im Tank, wenn man „Tiger“ sagt (egal was man damit sagt), dann ist man auch kein Gehirn im Tank (1, S. 158).
2. Der Beweis setzt in den Prämissen A und B voraus, dass es Tiger gibt. Statt Tiger verwende man das Wort „Gehirn“ und beginne mit der Fallunterscheidung: Entweder gibt es Gehirne oder nicht. Falls es Gehirne gibt, gilt der Beweis, falls es keine gibt, kann man auch kein Gehirn im Tank sein (1, S. 181). Damit ist Putnams Beweis „wasserdicht“, sofern der Externalismus wahr ist – eine für Müller nicht allzugroße Hypothek. Sein Plädoyer für den Externalismus als Theorie der Bedeutung führt zugleich in dessen Konsequenzen ein (Hilary Putnam, Tyler Burge u.a., 1, S. 106ff.)

Exkurs: Der semantische Externalismus ist eine Theorie, die durch Gedankenexperimente bekannt geworden ist – neben Hilary Putnams Twin Earth (s.o.) vor allem durch Tyler Burges Arthritis-Gedankenexperiment in Individualism and the mental (1979). Vgl. dazu Mark Rowland: Externalism : putting mind and world back together again. Chesham: Acumen 2003, S. 97-122. — Müllers Einführung ist auf die Kernelemente beschränkt; er streift nur am Rande den Zusammenhang von Erster Person und Externalismus (2, S. 5 f.), vgl. dazu die gesammelten Aufsätze in: Susana Nuccetelli (Hg.): New essays on semantic externalism and self-knowledge. Cambridge, Mass.: MIT Press 2003. Ende Exkurs.

Weiter zu Teil 2.