blogoscoop
Posts mit dem Label Buchkritik werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Buchkritik werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

01 April 2007

VDMs Nachdrucke (2)

Habe wieder herzlich über den VDM, den Verlag Dr. Müller, gelacht. Neulich hatte ich im Vorauseilenden Gehorsam eine "geschäftsschädigende" Äußerung vom Netz genommen, die eine Information enthielt, die ich nicht hätte haben dürfen, meinte VDM. Aber es kann ja nicht in diesem Sinne geschäftsschädigend sein, wenn ich hier ein paar frei verfügbare Information zusammentrage. So gibt es bei VDM einen Band von Moritz Schlick Gesammelte Aufsätze 1926-1936 (Saarbrücken 2006). Man geht nicht fehl in der Annahme, wenn man hier vermutet, dass 2006 die Werke Schlicks urheberrechtsfrei geworden sind, so dass VDM diese verwenden darf. Das stimmt auch, denn bekanntermaßen gewährt das Urheberrecht in D Schutz vor Verwertung bis 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers. Und Schlick wurde bekanntermaßen 1936 in Wien erschossen.
VDM hat auch hier eine mehr schlechte als rechte Kopie vorgelegt, mit deutlich erkennbaren Kopierstreifen am Rand, und sie haben sich nicht mal die Mühe gemacht, sich etwas zum Nachdrucken zu besorgen, was frei von Markierungen früherer Leser ist. Wenn man die Kataloge bemüht, findet man, dass die VDM-Ausgabe ein Reprint der Ausgabe Wien : Gerold, 1938 ist -- haben jedenfalls die Kollegen der Deutschen Nationalbibliothek ermittelt. Ich persönlich halte das für ein Unding, dass VDM nicht angibt, a) dass es sich überhaupt um einen Reprint handelt, b) welche Ausgabe nachgedruckt wurde.

Seltsam, dass gerade ein solcher Reprint mit so massivem Hinweis auf das Urheberrecht versehen ist. So heißt es im Buch:
Das Werk ist einschließlich aller seiner Teile urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. [...] Copyright 2006 VDM Verlag Dr. Müller e.K. und Lizenzgeber

Na, lieber Herr Dr. Müller, wer sind denn die Lizenzgeber? Vielleicht der Olms-Verlag, der dasselbe Werk, dieselbe Ausgabe schon 1969 im Reprint anbot? Der übrigens erheblich sorgfältiger gearbeitet war: und außerdem in Leinen gebunden.

06 Februar 2007

Freges Kleine Schriften im VDM-Verlag

Der Verlag Dr. Müller oder kurz VDM wirft seit einiger Zeit philosophische Werke auf den Buchmarkt, die man sich vielleicht schon mal in Neuausgaben gewünscht hat. Jüngst aufgefallen sind mir Freges Kleine Schriften und Erkenntnis und Irrtum von Ernst Mach. Was man den hier verlinkten Amazon-Buchdaten aber nicht entnehmen kann, ist, dass es sich in der Frege-Ausgabe um eine schlechte Kopie der OLMS-Ausgabe von 1967 (oder der zweiten Auflage von 1990?) handelt! Schlecht ist die Kopie, weil die Kopierstreifen noch deutlich zu sehen sind, und weil VDM, aus urheberrechtlichen Gründen, die VII Seiten Vorwort des Herausgebers der OLMS-Ausgabe weggelassen hat. Die OLMS-Ausgabe ist noch im Handel und kostet 74,- €: das ist fadengeheftet und in Leinen gebunden. Die VDM-Ausgabe ist Paperback und geleimt.

Ich weiß nicht, wie es sich bei dem Mach-Buch verhält. Das kostet bei VDM 68,- €. Es gibt aber eine gute Neuausgabe mit Seitenkonkordanz im Parerga-Verlag: für 22,80 €. Kommt Ihnen das VDM-Angebot nicht auch etwas überteuert vor?

[Nachtrag 5.3.07]
[Nachtrag 26.3.07] Im obigen Nachtrag stand was, das der VDM-Verlag als "geschäftsschädigend" betrachtet hat. Zwar hat es der Verlag nicht fertig gebracht, mir dies selbst mitzuteilen (das wäre ja über die Kommentarfunktion ganz leicht gewesen), aber ich entferne es freiwillig, denn dies ist ja nur ein kleines Philosophie-Blog, das keine wirtschaftlichen Absichten hat: schon gar nicht die, jemandes Geschäfte zu schädigen. Hier liegt mir eine Reflexion nahe, was denn "Schaden" überhaupt ist; aber die Philosophie schweigt besser, denn wie jeder weiß, sprechen, Juristen eine andere Sprache, die über die philosophische Reflexion gar nicht erreicht wird.

07 Mai 2006

Philosophische Gedankenexperimente, wie Nicholas Rescher sie sieht

Philosophische Gedankenexperimente sind eines meiner Lieblingsthemen. Die Faszination rührt ursprünglich von der schieren Phantastik und Absurdität mancher, denen ich im Laufe der Zeit begegnet bin, vor allem im Gebiet der Ethik. Das ‘Glücksmonster’ ist so ein Beispiel: erfunden, um gegen den Utilitarismus zu argumentieren.

Denken wir uns ein Wesen, dass Glück (wie auch immer definiert) sehr viel intensiver empfindet als alle anderen. Dann ist es nach dem Utilitarismus möglich, dass eine ganze Gesellschaft daraufhin zu arbeiten hätte, dass dieses Wesen seinen Glückslevel hält, weil so die Glücks-Gesamtsumme am größten ist. Aber das kommt uns ungerecht vor. Also ist der Utilitarismus falsch. (Stimmts?)

Gegen dieses Glücksmonster lässt sich natürlich ebenfalls argumentieren. Aber darum soll’s hier nicht gehen, sondern um Gedankenexperimente als solche. Es gibt inzwischen einen Haufen Literatur zum Thema, Bücher ebenso wie Aufsätze, und das ist längst unübersichtlich geworden. eine bloße Auflistung der Literatur hilft auch nicht viel weiter.
Mich interessieren eigentlich zwei Dinge:
1. Die begriffliche Seite: Was ist ein Gedankenexperiment, was macht es aus?
2. Die Vielfalt: Welche ‘klassischen’ Gedankenexperimente gibt es?
1. und 2. hängen natürlich miteinander zusammen. Denn die begriffliche Reflexion (1.) sollte möglichst nicht gedankliche Experimente ausschließen, die schon auf der Liste stehen (2.). Auf der anderen Seite sind sicher nicht alle Szenen, die in der Literatur als Gedankenexperiment genannt werden, tatsächlich welche.

Kürzlich habe ich in Nicholas Reschers What If? gelesen, der neuesten Publikation zum Thema.

Rescher, Nicholas: What if? : thought experimentation in philosophy. New Brunswick, London : Transaction Publishers, 2005.

Nicholas Rescher ist ein Vielschreiber. Man sieht das auch in diesem Buch über Gedankenexperimente in der Philosophie: gleich im Vorwort verweist er auf zig eigene Publikationen, in denen er sich dem Thema oder einem Aspekt davon schon einmal gewidmet habe. Außerdem sieht der Text aus, als sei er nicht noch einmal Korrektur gelesen worden: die Gedankenfolge wirkt manchmal etwas willkürlich und unsystematisch; es gibt einen Haufen Druck- und Schreibfehler, die zum Teil groteske Züge annehmen. Dass Rescher Roy A. Sorensen – der mit James Robert Brown Gedankenexperimente zuerst zum Thema eines eigenen Buches gemacht hat (von Brown stammt auch der Artikel thought experiment in der Stanford Encyclopedia of philosophy) – zuweilen Sorenson schreibt, ist so einer; dass er einmal auf eine Veröffentlichung von Kripke mit der Jahreszahl „19xy“ verweist ein anderer. Letzteres zeigt, dass er Kripke aus dem Gedächtnis anführt; etwas oberflächlich. Aber die Stärke des Buches liegt nicht in der sorgfältigen Bearbeitung von Forschungsliteratur; das sieht man auch daran, dass er Tamar Szabo Gendlers Buch von 2000 nicht zur Kenntnis genommen hat – die bis dahin systematischste begrifflich arbeitende Studie zum Thema.


RESCHERS THESEN

Die wichtigsten Thesen des 1. Kapitels: Gedankenexperimente sind Formen strukturierten hypothetischen Überlegens.

Ein Gedankenexperiment enthält (S. 7-8)

1. eine Annahme,
2. einen informierenden Kontext (aus Überzeugungen), in den die Annahme eingeführt wird,
3. eine Schlussfolgerung,
4. die große Frage, die das Gedankenexperiment bzw. die Schlussfolgerung beantworten soll,
5. die Argumentation für die Antwort auf die große Frage aus dem ERgebnis des Gedankenexperiments.

Entsprechend, meint Rescher, läuft ein Gedankenexperiment in 5 Phasen ab: Annehmen, Kontext spezifizieren, Schlussfolgerung ziehen, Lektion lernen, einfügen.

Diese Gliederung scheint mir recht überzeugend auf den ersten Blick. Reschers wichtigste Folgerung: ein Gedankenexperiment ist kein echtes Experiment (das wird in der Literatur immer wieder diskutiert). Denn ein echtes Experiment beobachtet Ereignisse, ein Gedankenexperiment besteht hingegen nicht aus Beobachtung: man sieht sich nicht beim gedanklichen Anordnen der Prämissen zu. Sondern es besteht aus Schlussfolgern und Reflektieren. Entsprechend kann ein echtes Experiment neues Wissen erzeugen, ein Gedankenexperiment aber nicht (S. 12).

WEITERE UNTERSCHEIDUNGEN
Über das Annehmen: Rescher unterscheidet „suppositional reasoning“ und „counterfactual reasoning“. Suppositional reasoning ist solches, wo die Annahme, die das Gedankenexperiment beginnt, eine ist, von der wir nicht wissen, ob sie richtig oder falsch ist, die aber unseren übrigen Überzeugungen (dem Kontext) nicht widerspricht. Rescher spricht auch von „agnostic thought experiments“ oder davon, dass sie „belief supplemental“ seien. Counterfactual reasoning geht von einer Annahme aus, die sich im Widerspruch zu unseren Überzeugungen befindet, entsprechend ist es „belief conflicting“. Bsp.: ‘Nehmen wir an, der Mond wäre aus grünem Käse.’
Über den Kontext: Ohne Kontext und ohne ergänzenden Rahmen von Überzeugungen („the background of relevant information“, S. 11) haben Gedankenexperimente keine Bedeutung. Wie bedeutsam der Kontext ist, macht Rescher daran deutlich, was passiert, wenn die Schlussfolgerung (das 3. Element oben) allein aus der Annahme (1. Element) folgt. Bsp. ‘Angenommen, es sind 50 Leute im Raum. Dann sind jedenfalls mehr als 40 Leute da.’ Das ist total wahr und total uninteressant. – Rescher ist hier etwas unscharf; die „relevanten Informationen“ umfassen sowohl Überzeugungen, die nur das experimentierende Subjekt haben kann, als auch geteilte Überzeugungen. Sein Beispiel: ‘Wenn Johnny härter gearbeitet hätte’ ist die Annahme. Der Experimentator denkt, dass Johnny durchaus ein fähiger Mensch ist und kommt zur Schlussfolgerung: ‘dann hätte er das Examen geschafft.’ Mit einer anderen Überzeugung wie ‘Johnny ist unfähig’ würde seine Schlussfolgerung aber lauten: ‘selbst dann hätte er das Examen nicht geschafft’. (Reschers Bemerkung zur wissenserhaltenden Natur von Gedankenexperimenten hat auch mit dem Kontext zu tun – es kann sein, dass Gedankenexperimente helfen, stille Annahmen des Kontextes hervorzuheben und damit diskutabel zu machen.) Rescher vertritt also: Nihil informatio ex nihilo. :-) Entsprechend kann man ein Gedankenexperiment auch nicht wirklich „durchführen“, sondern nur durchdenken. Die Beziehung zwischen Annahme und Schlussfolgerung ist schließlich eine logische. Und weil diese eine logische ist, hängt das Ergebnis auch nicht vom Experimentator ab; Rescher will darum das gedankliche Experimentieren nicht als Introspektion verstanden wissen (S. 18). Es diene auch nicht dazu, unsere Intuitionen (z.B. in entlegenen Fällen) abzufragen (S. 19). Da wird Rescher sogar fordernd: „something which it ought not to be“.


Rescher bemerkt noch, dass es ein paar weitere Gliederungsmöglichkeiten für Gedankenexperimente gibt: a) inhaltlich (Philosophie, Wirtschaft, Naturwissenschaft etc.); b) nach der Art, wie man zur Schlussfolgerung kommt (deduktiv, probabilistisch ...), c) nach dem Zweck: zur Unterstützung einer These, zur Widerlegung (als reductio ad absurdum).
Rescher schließt mit einigen Überlegungen darüber, wie Gedankenexperimente fehlschlagen können; die wichtigste Fehlerquelle ist natürlich, dass der Kontext nicht genug spezifiziert ist.

Fazit: Obwohl unübersichtlich vorgetragen, deutlich strukturierter gedacht als Sorensens Buch, wie ich das im Gedächtnis habe. Muss wohl dort mal wieder reinlesen.

30 September 2005

Die ganze Philosophie in einem Band?

Für mich als Fachphilosophen ist eher die interessante Frage, ob der Brockhaus Philosophie den anderen einbändigen Nachschlagewerken Konkurrenz machen kann. Dabei muss man sich im klaren sein, dass er eine andere Zielgruppe hat: er richtet sich eher an den gebildeten Laien, und er ist kein reines Sach- sondern ein kombiniertes Sach- und Personenlexikon. Über die reine alphabetische Ordnung hinaus bietet er „Infokästen“ zu „Hauptwerken“, und zwölf „doppelseitige, reich illustrierte Sonderartikel“ zu „brisanten Themen der Philosophie.

Was ist brisant? Dass man zu Bioethik Streitbares sagen könnte, ist klar, aber zum „linguistic turn“, zum „Philosophieren“, zum „Wissen“? Der Artikel zum Wissen, illustriert mit zwei Bildern aus einem Labor (schwarzweiß, ein Foto, ein Stich) und dem bekannten Bild vom Kopf aus der Welthalbkugel in den Sternenhimmel), deren Nutzen nicht ersichtlich ist, beschäftigt sich nach einem Verweis auf Sokrates’ „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ –– die pseudogelehrte Fassung des Brockhaus „Eins weiß ich, dass ich nichts weiß“ möchte man gleich ins Arno Schmidtsche übersetzen: „1 weiß ich“ -- tatsächlich mit der aktuellen Frage, unter welchen Bedingungen man von Wissen sprechen darf. Es kommen sogar Gettier-Fälle, wenn auch nicht als solche kenntlich gemacht, vor: also ein Teil der (nicht mehr ganz aktuellen) Diskussion. Bedauerlicherweise endet der Artikel mit der Feststellung, Wissen sei „eine Haltung zur Welt, ein Modus des Für-wahr-Haltens -- und der Inbegriff der Erkenntnis überhaupt“. Damit ist zu wenig gesagt, und auch das Falsche, denn der Begriff unterscheidet sich ja gerade vom Für-wahr-Halten, doch worin?

Es gibt leider keinen Artikel zum Kontextualismus, der einem vielleicht beim Thema Wissen einfällt, es gibt keinen Artikel zum „Kognitivismus“ als Teilgebiet der Ethik, obwohl im Artikel zu MacIntyre von ihm die Rede ist. Die letztere Beobachtung lässt sich verallgemeinern: viele Artikel verwenden Begriffe, die man ihrerseits gern erläutert sähe, nach denen man aber vergeblich sucht. Damit ist das Lexikon nicht sehr geeignet für den philosophischen Laien. In der Tiefe und Genauigkeit der Artikel aber ist es anderen, z.B. meinem Favoriten unter den deutschsprachigen einbändigen Philosophielexika, dem Metzler Philosophie Lexikon, deutlich unterlegen. Die Infokästen sind meist Schnickschnack, die Illustrationen schön bunt, aber nichtssagend -- sehen Sie sich nur mal an, wie „Macht“ illustriert ist. Und muss man „Humanismus“ mit da Vincis Proportionenstudie bebildern?

Ein letztes, auch beim Blättern gefunden: Zum Internalismus gibts einen Infokasten mit dem Gedankenexperiment vom Gehirn im Tank -- einem meiner Lieblingsthemen. Es steht dazu darin, dass Hilary Putnam mit diesem Experiment „den radikalen Externalismus ad absurdum zu führen“ versuchte. In einer Quizshow wäre Brockhaus damit ausgeschieden: denn Putnam versucht mit dem Gedankenexperiment den semantischen -- was „radikaler E.“ ist, kann Brockhaus auch nicht beantworten -- Externalismus (The meaning just ain’t in the head) gerade plausibel zu machen!

PS Auf der Umschlagseite wird eine "ständig aktualisierte Liste mit den wichtigsten Internetlinks" versprochen. Die Liste ist nicht nur nicht besonders gut, es stimmt nicht einmal die auf dem Umschlag angegebene URL -- dass so ein renommierter Verlag keine anständige Weiterleitung hinbekommt, ist schon bedauerlich.