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13 September 2007

Wie haben Hölderlin, Hegel und Schelling Philosophie studiert?

Ich bin ganz begeistert von dem von Michael Franz herausgegebenen Buch "... im Reiche des Wissens cavalieremente"? : Hölderlins, Hegels und Schellings Philosophiestudium an der Universität Tübingen (Tübingen : Hölderlin-Gesellschaft & Edition isele, 2005). Eigentlich druckt es nur Dokumente der Philosophie der Zeit, von Tübinger Gelehrten, die dann sorgfältig erläutert werden. Aber so entsteht ein Panorama der geistigen Einflüsse, welche die genannten ausgesetzt waren; und natürlich ist auch die Extrapolation möglich. Abgedruckt sind zudem nicht nur Beispiele philosophischer Lehre (Metaphysik und Moral), sondern auch solche der Geschichte, Naturwissenschaft, Philologie; zudem hat der Herausgeber einen Aufsatz über einen der Tübinger Dozenten, Johann Friedrich Flatt, hinzugefügt. Tolles Buch, ich ziehe meinen Hut vor Herrn Franz!

02 Mai 2007

Frauen in der akademischen Philosophie?

Gibts Zahlen? Hier jedenfalls ein Überblick über die Verhältnisse in den USA.

27 März 2007

Wie war es, ein Philosoph zu sein?

Wie das mit dem Geld war früher für Philosophen, davon handelt das hier bereits einmal empfohlene Buch. Aber wie es ihnen überhaupt erging, das kann man nun in dem eindrucksvollen Sammelband The philosopher in early modern Europe : the nature of a contested identity, hg. von Conal Condren und anderen (Cambridge : Cambridge UP, 2006) nachlesen. Hier geht es also auch um Institutionengeschichte, um die Funktion des Philosophen in der frühneuzeitlichen Universität, z.B. in Deutschland (Ian Hunter, Robert von Friedeburg), um das Selbstverständnis als 'natural philosopher' am Ende des Barock usf. Sehr spannend! Der Ansatz ist nicht ganz so europäisch, wie der Titel verspricht; neben Deutschland und England ist noch Frankreich im Blickfeld.

06 Februar 2007

Wie studiert man Philosophie um 1900? (2)

Neulich habe ich einen Blick auf Apels "Anleitung zum Studium der Philosophie" von 1911 geworfen: finde sie interessant, weil Apel nicht bloß von Inhalten schreibt, sondern auch von den formalen Bedingungen eines solchen Studiums: Studiengebühren, Lehrangebot, praktische Tipps. Apel geht nach einigen Seiten zur Philosophiegeschichte und den wichtigsten zeitgenössischen Veröffentlichungen (auch diese Listen könnten interessant sein) auf das Thema Promotion ein. Als erstes stellt er den Lesern die Frage, ob es wohl überhaupt ratsam sei, einen Dr. phil zu erwerben.
Gewiß ist an und für sich, wie die Dinge liegen, der manchmal nicht eben allzu ruhmvoll errungene Titel eines Dr. pohil. keine Bürgschaft besonderer Gelehrsamkeit und Tühtigkeit. (S. 127)

Apel rät davon ab, sofern man nicht besondere Liebe zur wissenschaftlichen Arbeit verspüre, wenn man nicht in den Bibliotheks- oder Archivdienst wolle: das Staatsexamen sei doch hinreichend. Er sieht "erhebliche Unkosten die mit der Drucklegung der Arbeit sich wohl so um 500 Mark herum und mehr bewegen" (S. 128). Wieviel waren 500 Mark 1911 wert?
Apel begrüßt, dass es keine Promotion "in absentia" mehr gibt. Er zitiert die Promotionsordnung der Uni Berlin: "Von der Dissertation ist zu verlangen, daß sie wissenschaftlich beachtenswert ist und die Fähigkeit des Kandidaten dartut, selbständig wissenschaftlich zu arbeiten." Man muss dort vor der Promotion 3 Jahre studiert haben: dafür kriegt man heutzutage einen Bachelor. -- Die Namen für die Noten, die dort zitiert werden, sind mir neu, es gibt "1. genügend (idoneum), 2. gut (laudabile), 3. sehr gut (valde laudabile) oder 4. ausgezeichnet (eximium)". (Für das Gesamtergebnis werden die mir vertrauten Noten verwendet.) Apel notiert, dass dann zwischen 124 (Tübingen) und 300 (Kiel) Druckexemplare eingereicht werden müssten; und in Berlin muss man insgesamt 355 Mark Gebühren zahlen!
Apel erwartet, dass man an einer solchen Arbeit 1-2 Jahre schreibt, die einen Umfang von mindestens "2 Druckbögen" haben muss; gehen wir davon aus, dass dies dem heutigen Papierformat entspricht, dann also mindestens 32 Seiten.
Früher konnte man offenbar auch an manchen Unis "ohne jedes Reifezeugnis" eine Promotion ablegen; die Betroffenen sind "Immaturi", und sie müssen nur "eine als hervorragende Leistung anzusehende Dissertation einreichen (S. 136), die Uni Greifswald verlangte außerdem, dass Immaturi mindestens 3 Semester in Greifswald studiert haben. Wie haben sie das gemacht, wenn sie für die Zulassung zum Studium ein Reifezeugnis brauchten?
Apel weist noch auf ein paar weitere Schriftchen hin, die er als Ratgeber sah, die heutzutage von historischem Interesse sein könnten. So kann man 50 vorgeschlagene Examensfragen der Zeit in einem Schriftchen eines Von Brockdorf namens "Das Studium der Philosophie mit Berücksichtigung der seminarischen Vorbildung" sehen, darunter "Warum lässt Schopenhauer den Monarchen sagen: Wir, von zwei Übeln das kleinere?" "Wie dachte der Philosoph von Sanssouci über die Behandlung des Geschichtsunterrichts?" "Man gebe eine kurz Übersicht über das Wichtigste der modernen Schulhygiene". Apel gibt die Fragen wieder und hält sie für "etwas zu grotesk", da "für den Doktoranden so gut wie fürdie Professoren unbeantwortbar". (S. 139-140). Das Buch Die Philosophie in der Staatsprüfung von einem gewissen Vaihinger (der mit dem als-ob?) enthält 340 Themen für eine schriftliche Prüfung, die Apel auch fürs Mündliche geeignet sieht.
Apel über Studiendauer: Das Staatsexamen konnte man in Preußen nach mindestens 6 Semestern, in den süddeutschen Staaten nach mindestens 8 Semestern ablegen, doch auch diese "werden in den meisten Fällen nicht zulangen". So weit weg von der heutigen Regelstudienzeit ist es also nicht. Das Staatsexamen sei die unangenehmste aller Prüfungen, und man möge dem Studierenden unbedingt den Prüfer seiner Wahl gönnen, da doch in diesem Fache "die persönlichen Meinungen und Richtungen ... eine gar zu große, oft entscheidende Rolle" spielen. (S. 143) Ungünstig wirke sich auch die "Uferlosigkeit der Anforderungen, wie sie die gesetzliche Prüfungsvorschriften zeigen", aus.
Den Überblick rundet Apel mit einem Kommentar zu den Prüfungsordnungen der Länder für Staatsexamen -- Philosophie musste offenbar häufig als Nebenfach belegt werden, vor allem von zukünftigen Lehrer -- und die "philosophische Propädeutik". Sein Buch wird auch für die Dozierenden eine interessante Lektüre gewesen sein, weil es ihm nicht nur darum geht, das Studium den angehenden Studierenden durchsichtig zu machen, sondern auch Vorschläge, wie die Uni selbst das Studium besser gestalten kann, wo Standardisierung zu empfehlen ist und wo nicht etc.

Das Buch erlebte eine zweite Auflage, die im gleichen Verlag 1919 erschien. Interessanterweise ist diese in Fraktur gedruckt, die erste in Antiqua. Ansonsten scheinen mir auf den ersten Blick keine großen Anpassungen vorgenommen worden zu sein: als habe der Krieg keine Spuren hinterlassen.

22 Januar 2007

Wie studiert man Philosophie um 1900? (1)

Indem man große Worte macht. Das könnte man jedenfalls glauben bei der Lektüre der "Anleitung zum Studium und zum Selbststudium der Philosophie" (Untertitel) von "Dr. Max Apel", die Stuttgart 1911 erschien. Apel leitet ein:
Was die Sonne für die irdische Welt das bedeutet die Philosophie für den Geist des Menschen. Die Philosophie strahlt ihr helles Licht aus in die weiten Gefilde menschlichen Denkens, Fühlens, Wollens, sie belebt undbeseelt Menschentum und Menschenschicksal und umsäumt auch noch die dunklen drohenden Rätsel des Daseins mit hoffnungsfreudigem Schimmer. Und wenn auch bisweilen ihr Glanz eine Zeitlang von Gleichgültigkeit und Stumpfheit umwölkt wurde, immer wieder brach er doch sieghaft durch alle Widerstände. (S. 1)

Das Nette an diesem Büchlein ist, dass es auch ganz praktisch über das Philosophiestudieren handelt. Allerdings verbirgt sich die praktische Anleitung hinter weiteren Sprachschleiern. Bevor Apel daran geht, Ratschläge zum Studieren an der Uni zu geben, verliert er erst einmal ein paar Sätze über das Gefühl der Freiheit:
Freilich wird der Gedanken an die praktische Seite des Studiums dem rechten Studenten noch fern liegen. Zuerst beherrscht ihn ein großes Gefühl der Freiheit. Wie der Schmetterling aus dunkler enger Puppe in die bunte Welt hinein flattert, so der junge Student der seligen ersten Semester in die freie Luft der Universität. (S. 4)

Apel findet, man bräuchte keine Sprachkenntnisse: "man kann in alle Tiefen der Forschung eindringen, ohne das Griechische, Lateinische oder fremde neuere Sprachen erlenrt zu haben". Das kann ja nur bedeuten, dass es keine nennenswerte Forschung außerhalb der deutschen Sprache gibt -- und dass man die Philosophiegeschichte gut in Übersetzung studieren kann. Woher der Wind weht, zeigt die Feststellung, man benötige aber unbedingt Kenntnisse "auf dem mathematisch -naturwissenschaftlichen Gebiete". Apel empfiehlt für den Studienbeginn -- sofern man die Wahl hat -- eine kleinere Universität, weil dort das Zahlenverhältnis Dozent zu Student besser sei und man sich leichter Übersicht über das Lehrangebot verschaffen könne. Als Entscheidungshilfe gibt er auch gleich eine Übersicht nach den Angaben des Deutschen Universitätskalenders, der man z.B. entnehmen kann, dass im Sommersemester 1910 in Berlin 7902 Studenten immatrikuliert waren, vor München mit 6890. Es gab insgesamt 21 Unis, an denen 3474 Dozenten 54.393 Studierende unterrichteten. Studiengebühren gab es: als "Honorarbeiträge", für die man im Durchschnitt für eine Wochenstunde 4 bis 5 Mark ansetzen musste, "sodass also eine vierstündige Vorlesung sich im Semester auf 16 bis 20 Mark stellt" (S. 9). (Stundung für solche Gebühren für unbemittelte Studierende gab es offenbar.) Die Kosten für den Lebensunterhalt gibt Apel nach W. Lexis (Die deutschen Universitäten, 1903) mit 1200 bis 1500 Mark an, "wobei aber zu beachten ist, dass 5 Monate vom Jahre Ferien sind, die größenteils in der Heimat verlebt werden können" (S. 10). Stipendien gibt es, und Preisaufgaben, durch deren Lösung man vielleicht zu Geld kommt.
Der Anfänger sollte übrigens keine Zeitschriften lesen: "da die Spezialabhandlungen zumeist schon viel voraussetzen" (S. 12). Unter die 14 "wichtigsten deutschen philosophischen Zeitschriften" rechnet Apel neben bekannten Titeln wie Kantstudien oder dem Philosophischen Jahrbuch der Görres-Gesellschaft auch die Psychologische Arbeiten, die Zeitschrift für pädagogische Psychologie, Pathologie und Hygiene, das Archiv für die gesamte Psychologie.
Das Büchlein ist eine prima Quelle: seitenlang wird thematisch und nach Orten gegliedert aufgezählt, was im WS 1908/09 wo gelehrt worden ist! Apel hat seine Tabelle auch ausgezählt und stellt fest, dass Kant mit weitem Abstand der Philosoph ist, dem die meisten Veranstaltungen gelten: 54 mal wird über ihn gehandelt; der zweite ist Hume mit 15 Veranstaltungen; Hegel bekommt gerade mal 2.

Wird fortgesetzt...

30 Januar 2006

Philosophie ist gesellschaftlich relevant!

Jawohl! Und weil das so ist, sagt es auch der Wissenschaftsrat. Der hat in einer kürzlich (27.1.) verabschiedeten Erklärung zur Situation der Geisteswissenschaften in Deutschland (pdf) festgestellt, dass diese eigentlich auf gutem Niveau gepflegt werden, die "stellenweise noch gepflegte Krisenrhetorik" sei "deplaziert und ungeeignet", zu Verbesserungen zu führen.
Unis, an denen Geisteswissenschaften überhaupt gelehrt werden, sollten fünf Kernbereiche pflegen, deren 4. nennt der WR "Erkenntnis / Ethik / Religion". Da verstecken sich die großen Fragen drin. Übrigens haben die Geisteswissenschaften innerhalb der Uni ihren originären institutionellen Rahmen, darum kann der WR auch keine Ausweitung der Forschung außerhalb der Uni empfehlen. Das ist wohl der alte Humboldtsche Bildungsgedanke. Wenn die Orientierungswissenschaften schon Orientierung geben, dann sollen sie sie bitteschön auch gleich weitergeben. Temporär dürfen Unimitarbeiter aber von der Lehre entlastet werden, und von Verwaltungsaufgaben auch.
Der Arbeitsmarkt bietet übrigens "gute Chancen", weil 5 Jahre nach Abschluss immerhin 73% der Absolventen eine feste Stelle haben. Bei den übrigen Fächern sind es 89%, und das betrachtet der WR als "Annäherung".
Die Philosophie gehört zu den Disziplinen, die der WR exemplarisch mit untersucht. Einige Feststellungen im Bericht können schon verblüffen. So meint der WR, dass, auch wenn Englisch die herausragende Wissenschaftssprache geworden ist, in der Philosophie wie in der Germanistik "herausragende Forschung ohne Kenntnis der deutschsprachigen Forschungsliteratur nicht betrieben werden kann". Das liege, im Unterschied zu den Altertumswissenschaften, wo es etwas mit der Geschichte der Disziplin zu tun habe, "in der Natur der Gegenstände" (S. 16). Tja, das leuchtet ein für die Germanistik, wo die Gegenstände ja auch auf Deutsch sind, aber in der Philosophie? Oder wird hier bloß das Bild der Philosophiegeschichte als Stärke der deutschen Universitätsphilosophie wiederholt?
Der WR meint, dass man Veröffentlichungen nicht einfach auf englisch abliefern könne, die deutsche Sprache sei "ein Konstituens von Denkstilen und damit Voraussetzung von intellektueller Vielfalt". Ich stelle mir vor, dass eine solche These einer Überprüfung zugänglich ist; und die würde mich auch sehr interessieren!

EIN PAAR ZAHLEN
Interessant ist auch der statistische Anhang. Daraus geht hervor, dass die Zahl der Studierenden des Faches von 1990 bis 2003 etwa so um 20.000 geschwankt hat. Dabei ist die Zahl der Studierenden der Geisteswissenschaften aber von 260.000 auf 360.000 gestiegen. Entsprechend sank der prozentuale Anteil von 7,7% auf 5,5%. Am meisten zugelegt haben Germanistik und Anglistik von den großen Fächern und die Bibliothekswissenschaft / Publizistik von den kleinen. -- Hätten Sie gedacht, dass es mehr Musikwissenschaftler als Philosophen (unter den Studierenden) gibt?
Die Zahl der Studienanfänger ist in der Philosophie allerdings nach anfänglichem Rückgang wieder gestiegen, von rd. 2350 (1990) auf 2.000 (1993) bis 2.900 (2003). Da könnte man, wenn man die Studiendauer nicht berücksichtigt, auf die Idee kommen, dass die Zahl der Abbrecher zugenommen haben muss... Aber das kann nicht stimmen, denn die Zahl der Abschlüsse hat auch zugenommen, von 315 (1990) auf 830 (2003). -- Bei einer angenommenen durchschnittlichen Studienzeit von, seien wir großzügig, zwölf Semestern, müsste man ja aus der Zahl der Studienbeginner und derjenigen der Abschließer die Abbruchquote ausrechnen können.
A propos Studienabbruch. Die Schwundbilanz der Sprach- und Kulturwissenschaften (unter diese ist in der Tabelle die Philosophie mit gefasst) spricht für sich. Abbruch und Studienplatzwechsel sind mit "Zuwanderung" verrechnet, die Schwundbilanz beträgt trotzdem 47% (2002), schon gesunken gegenüber 1999 (55%). Wenn also von den übriggebliebenen 53% nach 5 Jahren 73% der Absolventen eine feste Stelle haben, dann heißt das, dass 38% von denjenigen, die mal ein geisteswissenschaftliches Studium begonnen haben, schließlich auf einer festen Stelle landen (dabei bleiben jetzt die unberücksichtigt, die ihr Studium abbrechen, weil ihnen eine feste Stelle angeboten worden ist). Bei den Naturwissenschaften beträgt die Schwundbilanz 39%, so dass sich als gleicher Wert (feste Stelle nach begonnenem Studium) etwas über 50% ergibt. Die Medizin hat 2003 die tollste Schwundquote, nämlich 0%.