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14 April 2008
Die andern und ich
Peter Rühmkorfs Verlag nannte eines seiner Bücher "Walther von der Vogelweide, Klopstock und ich". Rühmkorf selbst sah als Titel vor: Walther von der Vogelweide, Klopstock und "ich". Ja, das letztere klingt nicht so spannend, das erstere ist aber Etikettenschwindel: der gleiche wie oben in der Überschrift. In dem Buch Identität und Alterität (Berlin : Kulturverlag Kadmos, 2007) geht es Nicolas Dobra darum, wie man für sich die andern entwirft, geht es um die Verschiedenheit der Menschen und wie der einzelne diese für sich konstruiert. Das ist gar nicht so einfach, denn man hat ja, um sich die fremden Psychen auszumalen, nur die eigene als Urbild. Wie können sie also überhaupt zu anderen werden?
04 April 2007
Fremdheit, was ist das?
Bei der Gewerkschaft ein paar Straßen weiter hängt ein Plakat im Fenster mit der wesentlichen Botschaft "Jeder ist ein Fremder -- fast überall". Darüber stehen ein paar Sprüche, die mir vage bekannt vorkommen, beginnend mit "Dein Christus ein Jude / Dein Auto ein Japaner"... Das Haus der Geschichte hat eine Ausstellung zu "Jeder ist ein Fremder" gemacht, und den Ursprung der Sprüche zu ermitteln versucht: sie kamen bis 1993. Die Standardversion lautet wohl so:
Dies unter dem Motto "Jeder ist ein Fremder -- fast überall": was soll die Sprüchesammlung zeigen? Gelingt es ihr? Auf den ersten Blick scheint sie zu sagen, dass man keine 'eigene' Identität habe, die ohne 'Fremdes' auskommt. Das scheint sowohl für so etwas simples wie Konsumgüter zu gelten als auch für das Innere der Kultur: Verfassungsform, Schrift, Religion. Man sollte also das 'Fremde' der eigenen Kultur bewusst erkennen. Und wenn man das tut, kann man dem Fremden im Nachbarn nicht mehr mit der Geringschätzung begegnen, die aus der in diesem Zusammenhang achtlosen -- nämlich nicht auf dessen Individualität achtenden -- Bezeichung "Ausländer" spricht.
Das ist ja eine ganz ehrenwerte Botschaft. Nur scheint mir nicht zu stimmen, wie sie rübergebracht wird. Erstens sind die vordem aufgezählten Güter angeeignete. Unsere Demokratie ist eben keine 'griechische' Verfassungsform: keine fremde. Unsere Zahlen sind nicht in der Weise 'arabisch', wie arabische Schriftzeichen 'arabisch' sind. Vom Auto ganz zu schweigen (was ist denn das Japanische am japanischen Auto?). Wenn wir (d.h. in diesem Fall die abendländische Kultur) also fähig sind, uns etwas anzueignen und vertraut zu machen, das mal woanders enstanden ist: sollen wir so mit dem Fremden umgehen, welches der Nachbar darstellt? Aneignen? Seine Fremdheit quasi auflösen?
Das zweite, was ich weniger auffällig, aber nicht weniger bedenklich finde, ist das Konzept von Fremdheit, das aus "Dein Christus ein Jude" spricht. Eigentlich wird "Jude" heutzutage im Sinne der Religionszugehörigkeit verwendet, nicht im Sinne einer Ethnie oder eines Staates. Aber im Kontext der anderen Sprüche, die wesentlich andere Staaten meinen, und im Kontext der Pointe mit dem "Ausländer"-Nachbarn, kommt man wie selbstverständlich zu der Schlussfolgerung, wer Jude ist, ist Ausländer. Bin ich nicht mit einverstanden. Da scheint mir der Satz gerade ein besonders fragwürdiges Konzept von 'Fremdheit' performativ zu wiederholen, das er gerade aufzulösen helfen will.
Dein Christus ein Jude
dein Auto ein Japaner
deine Pizza italienisch
deine Demokratie griechisch
dein Kaffee brasilianisch
dein Urlaub türkisch
deine Zahlen arabisch
deine Schrift lateinisch.
Dein Nachbar: nur ein Ausländer?
Dies unter dem Motto "Jeder ist ein Fremder -- fast überall": was soll die Sprüchesammlung zeigen? Gelingt es ihr? Auf den ersten Blick scheint sie zu sagen, dass man keine 'eigene' Identität habe, die ohne 'Fremdes' auskommt. Das scheint sowohl für so etwas simples wie Konsumgüter zu gelten als auch für das Innere der Kultur: Verfassungsform, Schrift, Religion. Man sollte also das 'Fremde' der eigenen Kultur bewusst erkennen. Und wenn man das tut, kann man dem Fremden im Nachbarn nicht mehr mit der Geringschätzung begegnen, die aus der in diesem Zusammenhang achtlosen -- nämlich nicht auf dessen Individualität achtenden -- Bezeichung "Ausländer" spricht.
Das ist ja eine ganz ehrenwerte Botschaft. Nur scheint mir nicht zu stimmen, wie sie rübergebracht wird. Erstens sind die vordem aufgezählten Güter angeeignete. Unsere Demokratie ist eben keine 'griechische' Verfassungsform: keine fremde. Unsere Zahlen sind nicht in der Weise 'arabisch', wie arabische Schriftzeichen 'arabisch' sind. Vom Auto ganz zu schweigen (was ist denn das Japanische am japanischen Auto?). Wenn wir (d.h. in diesem Fall die abendländische Kultur) also fähig sind, uns etwas anzueignen und vertraut zu machen, das mal woanders enstanden ist: sollen wir so mit dem Fremden umgehen, welches der Nachbar darstellt? Aneignen? Seine Fremdheit quasi auflösen?
Das zweite, was ich weniger auffällig, aber nicht weniger bedenklich finde, ist das Konzept von Fremdheit, das aus "Dein Christus ein Jude" spricht. Eigentlich wird "Jude" heutzutage im Sinne der Religionszugehörigkeit verwendet, nicht im Sinne einer Ethnie oder eines Staates. Aber im Kontext der anderen Sprüche, die wesentlich andere Staaten meinen, und im Kontext der Pointe mit dem "Ausländer"-Nachbarn, kommt man wie selbstverständlich zu der Schlussfolgerung, wer Jude ist, ist Ausländer. Bin ich nicht mit einverstanden. Da scheint mir der Satz gerade ein besonders fragwürdiges Konzept von 'Fremdheit' performativ zu wiederholen, das er gerade aufzulösen helfen will.
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Fremdheit
17 Januar 2006
Wie fremd ist "fremd"?
Diese Frage könnte man natürlich feuilletonistisch angehen. Oder akademisch. Stephan Schmidt untersucht in Die Herausforderung des Fremden die Fremdheit der konfuzianischen Philosophie im Vergleich oder in Beziehung zu europäischen Denkmodellen. Dabei werden diese europäischen Denkmodelle zunächst expliziert, mithilfe des sozialwissenschaftlichen Identitätsbegriffs, mit Charles Taylor, Heidegger und Ricoeur. Nach einem ausführlichen Blick auf die konfuzianische Philosophie skizziert Schmidt dann im dritten Teil Möglichkeiten interkultureller Verständigung.
Mir scheint dieser begriffs- oder konzeptorientierte Zugang zur Frage der Fremdheit ein interessanterer Weg denn der gewöhnlich wertorientierte, wie etwa bei einem Projekt Weltethos. Also eins von den Büchern, die man läse, wenn man Zeit hätte...
Mir scheint dieser begriffs- oder konzeptorientierte Zugang zur Frage der Fremdheit ein interessanterer Weg denn der gewöhnlich wertorientierte, wie etwa bei einem Projekt Weltethos. Also eins von den Büchern, die man läse, wenn man Zeit hätte...
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