Ich frage mich das eigentlich nie. Aber die Antworten von anderen interessieren mich schon. Hans Jörg Sandkühler hat soeben ein Suhrkamp-Taschenbuch mit neckisch invertiertem Titel Philosophie, wozu? herausgegeben. In seinem Vorwort macht er "exogene" und "endogene" Fragegründe aus. Exogen heißt, dass z.B. die Bildungspolitik daher kommt und fragt: Wozu brauchen wir Euch Philosophen eigentlich? Endogen heißt, dass die Philosophen darauf mit der Frage antworten: "Ja wozu?"
"Neu ist", meint Sandkühler, "der Außendruck, der aus der Fixierung auf vereinseitigt ökonomische Nützlichkeitsparameter entsteht". Es geht also gar nicht um die Philosophie als Tätigkeit, sondern um die Philosophie als Institution einer Gesellschaft, welche für ihren Erhalt auch der Unterstützung der Gesellschaft bedarf und daher sich im Rechtfertigungszwang sieht.
Ich habe gerade nur in den ersten Beitrag von Günter Abel reingelesen. Der scheint mir allerdings etwas vom Wunschdenken bestimmt. Er meint, dass die Philosophie eine bestimmte Aufgabe wahrnehmen muss und dass die Wahrnehmung dieser Aufgabe institutionalisiert werden muss: "[Die Philosophie] muss im öffentlichen Raum deutlich machen, dass genuin philosophische Tugenden wie konsistentes Argumentieren, Reflexionsvermögen, Kommunikations- und Diskurskompetenzen nicht nur für alle Wissenschaften, sondern für zukunftsfähige Gesellschaften grundlegend sind". Sind das nicht selbstverständliche wissenschaftliche Tugenden, sei man nun Philosoph oder nicht? Doch, meint auch Abel: "Für die besten Köpfe der universitären Lehr- und Forschungsaktivitäten ist dies ohnehin eine intellektuelle Selbstverständlichkeit".
Naja, lassen wir den Bereich soft skills. Abel meint auch, der Philosophie dankbar sein zu müssen, dass sie "lebens-, überlebens-wichtige" Fragen bearbeitet. Welche könnten das sein? Zum Beispiel: "Wie ist es zu denken, dass organische Lebewesen, wie wir es sind, über geistige Fähigkeiten, über Bewusstsein, Selbstbewusstsein, eine Innenwelt und ein subjektives Erleben verfügen? Was meinen wir mit und worin bestehen Freiheit, Rationalität, Vernunft, Gerechtigkeit? Wie kann ich 'richtig' leben? Was bedeutet und wie stellen wir uns als endliche Geister zu Tod und Sterben?"
Wenn ich diese kleine Fragensammlung so lese (Abel hat noch ein paar mehr), legen sich mir zwei Bemerkungen unausweichlich nahe: 1. Worauf bezieht sich die Kategorie "überleben"? Damit kann Abel nicht den Einzelnen meinen, dem für sein Überleben sicher herzlich egal ist, wie Bewusstsein zu denken ist. Aber ist das nicht auch der Gesellschaft egal?
2. Eine Disziplin, die davon lebt oder gar sich selbst so versteht, dass sie zu keinen endgültigen Antworten kommt, braucht vielleicht noch etwas mehr zu ihrer Rechtfertigung als die Tatsache, dass sie überhaupt bestimmte Fragen stellt. Sie muss auch deutlich machen, worin ihre vorläufigen Antworten wichtig sind. Ich sehe nämlich nicht auf Anhieb, wie eine philosophische Reflexion z.B. von Rationalität mir dabei hilft, mich in diesem oder jenem konkreten Fall zu handeln bzw. mich zu entscheiden. Oder wie irgendeine Antwort auf die Frage, wie "wir" uns als "endliche Geister" zum Sterben stellen, beim Leben hilft.
Philosophie ist für den Einzelnen vielleicht Leidenschaft, für eine Gesellschaft ist sie Luxus: nämlich das Infragestellen und Reflektieren des Bestehenden. Das ist wie mit der Ethik: deren Funktion ja eigentlich das Verbieten von Handlungen ist, für die man hinreichend durch außermoralische Gründe motiviert wäre. Eine Gesellschaft leistet sich erst dann Ethikkommissionen (und hört auf sie), wenn sie sich das Zaudern und die moralischen Skrupel ebenfalls leisten kann, nicht weil sie überhaupt eine moralische ist, sondern weil sie, genau wie reiche Leute großzügig sein können, nicht überall auf die Effizienz sehen muss.
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10 März 2008
16 Februar 2008
Hobby-Philosophie
Als ich zur Schule ging, gabs Pirsigs Zen oder die Kunst, ein Motorrad zu warten. Nun gibts: Craig Bourne: Philosophical ridings : motorcycles and the meaning of life (Oxford : Oneworld, 2007). Klappentext: "To be a biker is to be on the road to the meaning of life". "From ethics to existentialism, motorcycling raises some of life's biggest questions. What should our attitutde be towards danger and death? Does riding shed any light on the nature of reality?"
Während mir in der Tat scheint, dass die erste Frage einem schon manchmal beim Fahrradfahren durch den Kopf gehen kann, sehe ich nicht so recht, wie das Fahren die zweite Frage motiviert. Ist aber auch egal, warum man eine Frage stellt: vielleicht kommt man ja damit immerhin der Frage näher.
Der Autor lehrt als Lecturer für Philosophie an der Uni Cambridge und fährt eine Ducati. Ride on!
Während mir in der Tat scheint, dass die erste Frage einem schon manchmal beim Fahrradfahren durch den Kopf gehen kann, sehe ich nicht so recht, wie das Fahren die zweite Frage motiviert. Ist aber auch egal, warum man eine Frage stellt: vielleicht kommt man ja damit immerhin der Frage näher.
Der Autor lehrt als Lecturer für Philosophie an der Uni Cambridge und fährt eine Ducati. Ride on!
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25 Januar 2008
Ist Science Fiction die bessere Philosophie?
Clive Thompson meint sogar, Sci-Fi sei die "letzte" große Literatur über Ideen, was Wired unter der knalligeren Überschrift präsentiert, Sci-Fi sei die "Letzte Bastion philosophischen Schreibens". Thompson meint, dass realistische Literatur ihn gelangweilt hätte, weil dort doch im wesentlichen alle Möglichkeiten probiert worden seien. Darum habe er sich der "spekulativen" Literatur zugewandt:
Und hin und wieder soll es ja auch ein Philosophie-Buch geben, dass seinem Leser Erkenntnis bringt...
Ja, ich habe auch etwas für Science Fiction und Fantasy übrig.
Alter reality -- and see what new results you get. Which is precisely what sci-fi does. Its authors rewrite one or two basic rules about society and then examine how humanity responds -- so we can learn more about ourselves. How would love change if we lived to be 500? If you could travel back in time and revise decisions, would you? What if you could confront, talk to, or kill God?Tja, das sind Fragen. Philosophische natürlich.
Thought experiments formed the foundation of Western philosophy -- from Socrates to Thomas Hobbes to Simone de Beauvoir. So, then, why does sci-fi, the inheritor of this intellectual tradition, get short shrift among serious adult readers?Ich finde das einen lustigen Gedankengang. Ja, "spekulative Literatur" in Thompsons Wortwahl beschäftigt sich mit dem "Was wäre, wenn". Aber das tut sie doch, um etwas über das "Was ist" herauszufinden. Also da, wo überhaupt ein Erkenntnisgewinn (und nicht bloß ein unterhaltsamer Zeitvertreib) dahintersteht, betrifft die Erkenntnis die wirkliche Welt.
Und hin und wieder soll es ja auch ein Philosophie-Buch geben, dass seinem Leser Erkenntnis bringt...
Ja, ich habe auch etwas für Science Fiction und Fantasy übrig.
Teenagers love to ponder such massive, brain-shaking concepts, which is precisely why they devour novels like Philip Pullman's His Dark Materials, the Narnia series, the Harry Potter books,Aber kann ernsthaft behaupten, dass Harry Potter und die Narnia-Bücher "brain-shaking concepts" zum Thema haben? Oder ist das fantastische an diesen Büchern nicht gerade das eskapistische?
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22 Januar 2007
Wie studiert man Philosophie um 1900? (1)
Indem man große Worte macht. Das könnte man jedenfalls glauben bei der Lektüre der "Anleitung zum Studium und zum Selbststudium der Philosophie" (Untertitel) von "Dr. Max Apel", die Stuttgart 1911 erschien. Apel leitet ein:
Das Nette an diesem Büchlein ist, dass es auch ganz praktisch über das Philosophiestudieren handelt. Allerdings verbirgt sich die praktische Anleitung hinter weiteren Sprachschleiern. Bevor Apel daran geht, Ratschläge zum Studieren an der Uni zu geben, verliert er erst einmal ein paar Sätze über das Gefühl der Freiheit:
Apel findet, man bräuchte keine Sprachkenntnisse: "man kann in alle Tiefen der Forschung eindringen, ohne das Griechische, Lateinische oder fremde neuere Sprachen erlenrt zu haben". Das kann ja nur bedeuten, dass es keine nennenswerte Forschung außerhalb der deutschen Sprache gibt -- und dass man die Philosophiegeschichte gut in Übersetzung studieren kann. Woher der Wind weht, zeigt die Feststellung, man benötige aber unbedingt Kenntnisse "auf dem mathematisch -naturwissenschaftlichen Gebiete". Apel empfiehlt für den Studienbeginn -- sofern man die Wahl hat -- eine kleinere Universität, weil dort das Zahlenverhältnis Dozent zu Student besser sei und man sich leichter Übersicht über das Lehrangebot verschaffen könne. Als Entscheidungshilfe gibt er auch gleich eine Übersicht nach den Angaben des Deutschen Universitätskalenders, der man z.B. entnehmen kann, dass im Sommersemester 1910 in Berlin 7902 Studenten immatrikuliert waren, vor München mit 6890. Es gab insgesamt 21 Unis, an denen 3474 Dozenten 54.393 Studierende unterrichteten. Studiengebühren gab es: als "Honorarbeiträge", für die man im Durchschnitt für eine Wochenstunde 4 bis 5 Mark ansetzen musste, "sodass also eine vierstündige Vorlesung sich im Semester auf 16 bis 20 Mark stellt" (S. 9). (Stundung für solche Gebühren für unbemittelte Studierende gab es offenbar.) Die Kosten für den Lebensunterhalt gibt Apel nach W. Lexis (Die deutschen Universitäten, 1903) mit 1200 bis 1500 Mark an, "wobei aber zu beachten ist, dass 5 Monate vom Jahre Ferien sind, die größenteils in der Heimat verlebt werden können" (S. 10). Stipendien gibt es, und Preisaufgaben, durch deren Lösung man vielleicht zu Geld kommt.
Der Anfänger sollte übrigens keine Zeitschriften lesen: "da die Spezialabhandlungen zumeist schon viel voraussetzen" (S. 12). Unter die 14 "wichtigsten deutschen philosophischen Zeitschriften" rechnet Apel neben bekannten Titeln wie Kantstudien oder dem Philosophischen Jahrbuch der Görres-Gesellschaft auch die Psychologische Arbeiten, die Zeitschrift für pädagogische Psychologie, Pathologie und Hygiene, das Archiv für die gesamte Psychologie.
Das Büchlein ist eine prima Quelle: seitenlang wird thematisch und nach Orten gegliedert aufgezählt, was im WS 1908/09 wo gelehrt worden ist! Apel hat seine Tabelle auch ausgezählt und stellt fest, dass Kant mit weitem Abstand der Philosoph ist, dem die meisten Veranstaltungen gelten: 54 mal wird über ihn gehandelt; der zweite ist Hume mit 15 Veranstaltungen; Hegel bekommt gerade mal 2.
Wird fortgesetzt...
Was die Sonne für die irdische Welt das bedeutet die Philosophie für den Geist des Menschen. Die Philosophie strahlt ihr helles Licht aus in die weiten Gefilde menschlichen Denkens, Fühlens, Wollens, sie belebt undbeseelt Menschentum und Menschenschicksal und umsäumt auch noch die dunklen drohenden Rätsel des Daseins mit hoffnungsfreudigem Schimmer. Und wenn auch bisweilen ihr Glanz eine Zeitlang von Gleichgültigkeit und Stumpfheit umwölkt wurde, immer wieder brach er doch sieghaft durch alle Widerstände. (S. 1)
Das Nette an diesem Büchlein ist, dass es auch ganz praktisch über das Philosophiestudieren handelt. Allerdings verbirgt sich die praktische Anleitung hinter weiteren Sprachschleiern. Bevor Apel daran geht, Ratschläge zum Studieren an der Uni zu geben, verliert er erst einmal ein paar Sätze über das Gefühl der Freiheit:
Freilich wird der Gedanken an die praktische Seite des Studiums dem rechten Studenten noch fern liegen. Zuerst beherrscht ihn ein großes Gefühl der Freiheit. Wie der Schmetterling aus dunkler enger Puppe in die bunte Welt hinein flattert, so der junge Student der seligen ersten Semester in die freie Luft der Universität. (S. 4)
Apel findet, man bräuchte keine Sprachkenntnisse: "man kann in alle Tiefen der Forschung eindringen, ohne das Griechische, Lateinische oder fremde neuere Sprachen erlenrt zu haben". Das kann ja nur bedeuten, dass es keine nennenswerte Forschung außerhalb der deutschen Sprache gibt -- und dass man die Philosophiegeschichte gut in Übersetzung studieren kann. Woher der Wind weht, zeigt die Feststellung, man benötige aber unbedingt Kenntnisse "auf dem mathematisch -naturwissenschaftlichen Gebiete". Apel empfiehlt für den Studienbeginn -- sofern man die Wahl hat -- eine kleinere Universität, weil dort das Zahlenverhältnis Dozent zu Student besser sei und man sich leichter Übersicht über das Lehrangebot verschaffen könne. Als Entscheidungshilfe gibt er auch gleich eine Übersicht nach den Angaben des Deutschen Universitätskalenders, der man z.B. entnehmen kann, dass im Sommersemester 1910 in Berlin 7902 Studenten immatrikuliert waren, vor München mit 6890. Es gab insgesamt 21 Unis, an denen 3474 Dozenten 54.393 Studierende unterrichteten. Studiengebühren gab es: als "Honorarbeiträge", für die man im Durchschnitt für eine Wochenstunde 4 bis 5 Mark ansetzen musste, "sodass also eine vierstündige Vorlesung sich im Semester auf 16 bis 20 Mark stellt" (S. 9). (Stundung für solche Gebühren für unbemittelte Studierende gab es offenbar.) Die Kosten für den Lebensunterhalt gibt Apel nach W. Lexis (Die deutschen Universitäten, 1903) mit 1200 bis 1500 Mark an, "wobei aber zu beachten ist, dass 5 Monate vom Jahre Ferien sind, die größenteils in der Heimat verlebt werden können" (S. 10). Stipendien gibt es, und Preisaufgaben, durch deren Lösung man vielleicht zu Geld kommt.
Der Anfänger sollte übrigens keine Zeitschriften lesen: "da die Spezialabhandlungen zumeist schon viel voraussetzen" (S. 12). Unter die 14 "wichtigsten deutschen philosophischen Zeitschriften" rechnet Apel neben bekannten Titeln wie Kantstudien oder dem Philosophischen Jahrbuch der Görres-Gesellschaft auch die Psychologische Arbeiten, die Zeitschrift für pädagogische Psychologie, Pathologie und Hygiene, das Archiv für die gesamte Psychologie.
Das Büchlein ist eine prima Quelle: seitenlang wird thematisch und nach Orten gegliedert aufgezählt, was im WS 1908/09 wo gelehrt worden ist! Apel hat seine Tabelle auch ausgezählt und stellt fest, dass Kant mit weitem Abstand der Philosoph ist, dem die meisten Veranstaltungen gelten: 54 mal wird über ihn gehandelt; der zweite ist Hume mit 15 Veranstaltungen; Hegel bekommt gerade mal 2.
Wird fortgesetzt...
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06 Januar 2007
Noesis is back
Es gab mal eine Philosophie-Suchmaschine namens Noesis, die an der Universität Evansville von Antony Beavers betreut wurde. 2003 stellte die ihren Betrieb ein: zu aufwendig war der Betrieb geworden. Nun sind sie zurück, mit einem Konzept, das von mir sein könnte: mit Googles Custom search engine. Und im Unterschied zum Philoskop mit eigener Webadresse und Ausgabe der Suchergebnisse auf den eigenen Seiten.
Aber es gibt auch ein paar inhaltliche Unterschiede, und die beruhen natürlich im wesentlichen auf der großen systematischen Schaffenskraft, mit der man dort ans Werk gegangen ist. Und dem Fokus: auf die amerikanische Unilandschaft. Tolles Ding!
Aber es gibt auch ein paar inhaltliche Unterschiede, und die beruhen natürlich im wesentlichen auf der großen systematischen Schaffenskraft, mit der man dort ans Werk gegangen ist. Und dem Fokus: auf die amerikanische Unilandschaft. Tolles Ding!
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22 Juni 2006
Deutsch als Sprache der Philosophie
L'esperienza Nietzsche di Heidegger tra nichilismo e Seinsfrage. Buch von Rita Casale.
The Gedankenexperiment method of ethics. Aufsatz von M. W. Jackson im Journal of Value Inquiry 1992, 525-535.
The Gedankenexperiment method of ethics. Aufsatz von M. W. Jackson im Journal of Value Inquiry 1992, 525-535.
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27 April 2006
Was ist Philosophie?
Vielleicht reicht's ja, notwenige und hinreichende Bedingungen dafür anzuführen, wann etwas Philosophie ist? :-) Oder wir definieren ostensiv (ideal im Hyperspace: der Link taugt dafür bestens): also dieses Stück Text dort ist jedenfalls Philosophie (aber doch nicht der Text, doch die Gedanken, ich höre förmlich Wittgenstein sagen: "Versuche auf den Gedanken zu zeigen").
Reclam (Stuttgart) hat ein kleines Büchlein rausgebracht, dass, nein, nicht Antworten sammelt, aber Textauszüge, die sich als Antworten interpretieren lassen. Es heißt Was ist Philosophie? : Programmatische Texte von Platon bis Derrida, Rolf Elberfeld ist der Herausgeber. Natürlich geht es nur um unsere, die westliche Philosophie, natürlich fängt die bei den alten Griechen an, nicht ganz so natürlich hat Derrida das letzte Wort. Die Analytiker kommen darin übrigens kaum zu Wort, wenn man mal von Carnap und Russell absieht, der ja -- ein anderes Thema -- 1950 den Nobelpreis für Literatur bekommen hat und damit vielleicht ein Kandidat zumindest für den Posten des höchstgeehrten philosophischen Stilisten ist.
Der Sammelband verrät einem nicht, was Philosophie ist -- da die Texte nicht dazu geschrieben wurden, diese Frage zu beantworten. So ist hier von Popper ein Textle aus der Logik der Forschung zitiert, bei dem man den Eindruck gewinnen könnte, für Popper ist Philosophie über die Fragen bestimmt, die sie zu beantworten versucht, und für ihn ist nur die "Kosmologie" eine interessante Frage. Woraus stracks folgt, dass die Logik der Forschung selbst keine Philosophie ist...
Reclam (Stuttgart) hat ein kleines Büchlein rausgebracht, dass, nein, nicht Antworten sammelt, aber Textauszüge, die sich als Antworten interpretieren lassen. Es heißt Was ist Philosophie? : Programmatische Texte von Platon bis Derrida, Rolf Elberfeld ist der Herausgeber. Natürlich geht es nur um unsere, die westliche Philosophie, natürlich fängt die bei den alten Griechen an, nicht ganz so natürlich hat Derrida das letzte Wort. Die Analytiker kommen darin übrigens kaum zu Wort, wenn man mal von Carnap und Russell absieht, der ja -- ein anderes Thema -- 1950 den Nobelpreis für Literatur bekommen hat und damit vielleicht ein Kandidat zumindest für den Posten des höchstgeehrten philosophischen Stilisten ist.
Der Sammelband verrät einem nicht, was Philosophie ist -- da die Texte nicht dazu geschrieben wurden, diese Frage zu beantworten. So ist hier von Popper ein Textle aus der Logik der Forschung zitiert, bei dem man den Eindruck gewinnen könnte, für Popper ist Philosophie über die Fragen bestimmt, die sie zu beantworten versucht, und für ihn ist nur die "Kosmologie" eine interessante Frage. Woraus stracks folgt, dass die Logik der Forschung selbst keine Philosophie ist...
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30 Januar 2006
Philosophie ist gesellschaftlich relevant!
Jawohl! Und weil das so ist, sagt es auch der Wissenschaftsrat. Der hat in einer kürzlich (27.1.) verabschiedeten Erklärung zur Situation der Geisteswissenschaften in Deutschland (pdf) festgestellt, dass diese eigentlich auf gutem Niveau gepflegt werden, die "stellenweise noch gepflegte Krisenrhetorik" sei "deplaziert und ungeeignet", zu Verbesserungen zu führen.
Unis, an denen Geisteswissenschaften überhaupt gelehrt werden, sollten fünf Kernbereiche pflegen, deren 4. nennt der WR "Erkenntnis / Ethik / Religion". Da verstecken sich die großen Fragen drin. Übrigens haben die Geisteswissenschaften innerhalb der Uni ihren originären institutionellen Rahmen, darum kann der WR auch keine Ausweitung der Forschung außerhalb der Uni empfehlen. Das ist wohl der alte Humboldtsche Bildungsgedanke. Wenn die Orientierungswissenschaften schon Orientierung geben, dann sollen sie sie bitteschön auch gleich weitergeben. Temporär dürfen Unimitarbeiter aber von der Lehre entlastet werden, und von Verwaltungsaufgaben auch.
Der Arbeitsmarkt bietet übrigens "gute Chancen", weil 5 Jahre nach Abschluss immerhin 73% der Absolventen eine feste Stelle haben. Bei den übrigen Fächern sind es 89%, und das betrachtet der WR als "Annäherung".
Die Philosophie gehört zu den Disziplinen, die der WR exemplarisch mit untersucht. Einige Feststellungen im Bericht können schon verblüffen. So meint der WR, dass, auch wenn Englisch die herausragende Wissenschaftssprache geworden ist, in der Philosophie wie in der Germanistik "herausragende Forschung ohne Kenntnis der deutschsprachigen Forschungsliteratur nicht betrieben werden kann". Das liege, im Unterschied zu den Altertumswissenschaften, wo es etwas mit der Geschichte der Disziplin zu tun habe, "in der Natur der Gegenstände" (S. 16). Tja, das leuchtet ein für die Germanistik, wo die Gegenstände ja auch auf Deutsch sind, aber in der Philosophie? Oder wird hier bloß das Bild der Philosophiegeschichte als Stärke der deutschen Universitätsphilosophie wiederholt?
Der WR meint, dass man Veröffentlichungen nicht einfach auf englisch abliefern könne, die deutsche Sprache sei "ein Konstituens von Denkstilen und damit Voraussetzung von intellektueller Vielfalt". Ich stelle mir vor, dass eine solche These einer Überprüfung zugänglich ist; und die würde mich auch sehr interessieren!
EIN PAAR ZAHLEN
Interessant ist auch der statistische Anhang. Daraus geht hervor, dass die Zahl der Studierenden des Faches von 1990 bis 2003 etwa so um 20.000 geschwankt hat. Dabei ist die Zahl der Studierenden der Geisteswissenschaften aber von 260.000 auf 360.000 gestiegen. Entsprechend sank der prozentuale Anteil von 7,7% auf 5,5%. Am meisten zugelegt haben Germanistik und Anglistik von den großen Fächern und die Bibliothekswissenschaft / Publizistik von den kleinen. -- Hätten Sie gedacht, dass es mehr Musikwissenschaftler als Philosophen (unter den Studierenden) gibt?
Die Zahl der Studienanfänger ist in der Philosophie allerdings nach anfänglichem Rückgang wieder gestiegen, von rd. 2350 (1990) auf 2.000 (1993) bis 2.900 (2003). Da könnte man, wenn man die Studiendauer nicht berücksichtigt, auf die Idee kommen, dass die Zahl der Abbrecher zugenommen haben muss... Aber das kann nicht stimmen, denn die Zahl der Abschlüsse hat auch zugenommen, von 315 (1990) auf 830 (2003). -- Bei einer angenommenen durchschnittlichen Studienzeit von, seien wir großzügig, zwölf Semestern, müsste man ja aus der Zahl der Studienbeginner und derjenigen der Abschließer die Abbruchquote ausrechnen können.
A propos Studienabbruch. Die Schwundbilanz der Sprach- und Kulturwissenschaften (unter diese ist in der Tabelle die Philosophie mit gefasst) spricht für sich. Abbruch und Studienplatzwechsel sind mit "Zuwanderung" verrechnet, die Schwundbilanz beträgt trotzdem 47% (2002), schon gesunken gegenüber 1999 (55%). Wenn also von den übriggebliebenen 53% nach 5 Jahren 73% der Absolventen eine feste Stelle haben, dann heißt das, dass 38% von denjenigen, die mal ein geisteswissenschaftliches Studium begonnen haben, schließlich auf einer festen Stelle landen (dabei bleiben jetzt die unberücksichtigt, die ihr Studium abbrechen, weil ihnen eine feste Stelle angeboten worden ist). Bei den Naturwissenschaften beträgt die Schwundbilanz 39%, so dass sich als gleicher Wert (feste Stelle nach begonnenem Studium) etwas über 50% ergibt. Die Medizin hat 2003 die tollste Schwundquote, nämlich 0%.
Unis, an denen Geisteswissenschaften überhaupt gelehrt werden, sollten fünf Kernbereiche pflegen, deren 4. nennt der WR "Erkenntnis / Ethik / Religion". Da verstecken sich die großen Fragen drin. Übrigens haben die Geisteswissenschaften innerhalb der Uni ihren originären institutionellen Rahmen, darum kann der WR auch keine Ausweitung der Forschung außerhalb der Uni empfehlen. Das ist wohl der alte Humboldtsche Bildungsgedanke. Wenn die Orientierungswissenschaften schon Orientierung geben, dann sollen sie sie bitteschön auch gleich weitergeben. Temporär dürfen Unimitarbeiter aber von der Lehre entlastet werden, und von Verwaltungsaufgaben auch.
Der Arbeitsmarkt bietet übrigens "gute Chancen", weil 5 Jahre nach Abschluss immerhin 73% der Absolventen eine feste Stelle haben. Bei den übrigen Fächern sind es 89%, und das betrachtet der WR als "Annäherung".
Die Philosophie gehört zu den Disziplinen, die der WR exemplarisch mit untersucht. Einige Feststellungen im Bericht können schon verblüffen. So meint der WR, dass, auch wenn Englisch die herausragende Wissenschaftssprache geworden ist, in der Philosophie wie in der Germanistik "herausragende Forschung ohne Kenntnis der deutschsprachigen Forschungsliteratur nicht betrieben werden kann". Das liege, im Unterschied zu den Altertumswissenschaften, wo es etwas mit der Geschichte der Disziplin zu tun habe, "in der Natur der Gegenstände" (S. 16). Tja, das leuchtet ein für die Germanistik, wo die Gegenstände ja auch auf Deutsch sind, aber in der Philosophie? Oder wird hier bloß das Bild der Philosophiegeschichte als Stärke der deutschen Universitätsphilosophie wiederholt?
Der WR meint, dass man Veröffentlichungen nicht einfach auf englisch abliefern könne, die deutsche Sprache sei "ein Konstituens von Denkstilen und damit Voraussetzung von intellektueller Vielfalt". Ich stelle mir vor, dass eine solche These einer Überprüfung zugänglich ist; und die würde mich auch sehr interessieren!
EIN PAAR ZAHLEN
Interessant ist auch der statistische Anhang. Daraus geht hervor, dass die Zahl der Studierenden des Faches von 1990 bis 2003 etwa so um 20.000 geschwankt hat. Dabei ist die Zahl der Studierenden der Geisteswissenschaften aber von 260.000 auf 360.000 gestiegen. Entsprechend sank der prozentuale Anteil von 7,7% auf 5,5%. Am meisten zugelegt haben Germanistik und Anglistik von den großen Fächern und die Bibliothekswissenschaft / Publizistik von den kleinen. -- Hätten Sie gedacht, dass es mehr Musikwissenschaftler als Philosophen (unter den Studierenden) gibt?
Die Zahl der Studienanfänger ist in der Philosophie allerdings nach anfänglichem Rückgang wieder gestiegen, von rd. 2350 (1990) auf 2.000 (1993) bis 2.900 (2003). Da könnte man, wenn man die Studiendauer nicht berücksichtigt, auf die Idee kommen, dass die Zahl der Abbrecher zugenommen haben muss... Aber das kann nicht stimmen, denn die Zahl der Abschlüsse hat auch zugenommen, von 315 (1990) auf 830 (2003). -- Bei einer angenommenen durchschnittlichen Studienzeit von, seien wir großzügig, zwölf Semestern, müsste man ja aus der Zahl der Studienbeginner und derjenigen der Abschließer die Abbruchquote ausrechnen können.
A propos Studienabbruch. Die Schwundbilanz der Sprach- und Kulturwissenschaften (unter diese ist in der Tabelle die Philosophie mit gefasst) spricht für sich. Abbruch und Studienplatzwechsel sind mit "Zuwanderung" verrechnet, die Schwundbilanz beträgt trotzdem 47% (2002), schon gesunken gegenüber 1999 (55%). Wenn also von den übriggebliebenen 53% nach 5 Jahren 73% der Absolventen eine feste Stelle haben, dann heißt das, dass 38% von denjenigen, die mal ein geisteswissenschaftliches Studium begonnen haben, schließlich auf einer festen Stelle landen (dabei bleiben jetzt die unberücksichtigt, die ihr Studium abbrechen, weil ihnen eine feste Stelle angeboten worden ist). Bei den Naturwissenschaften beträgt die Schwundbilanz 39%, so dass sich als gleicher Wert (feste Stelle nach begonnenem Studium) etwas über 50% ergibt. Die Medizin hat 2003 die tollste Schwundquote, nämlich 0%.
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22 November 2005
Was läuft philosophisch in anderen europäischen Ländern?
Gestern habe ich auf das Buch eines spanischen Philosophen hingewiesen. Sicher hätte man es hier nicht wahrgenommen oder der Übersetzung für wert befunden, wenn es kein Bestseller gewesen wäre. Und das ist doch schade, denn aus dem philosophischen Spanien dringt nicht viel zu uns, genausowenig wie aus Italien -- von Agamben und Eco mal abgesehen --, aus den Niederlanden und Belgien, aus den skandinavischen Ländern, von Osteuropa ganz zu schweigen. So ist man häufig darauf angewiesen: entweder die Sprache zu sprechen, oder sich mit dem zu begnügen, was auf englisch erscheint. Aber selbst wenn man das tut, bleibt noch die Schwierigkeit, auf entsprechende Veröffentlichungen aufmerksam zu werden.
Gerade ist auf meinem Schreibtisch ein englischer Proceedings-Band einer Konferenz in Genua 2001, erschienen 2004: Logic and metaphysics, hg. von Michele Marsonet und Margherita Benzi. Darin kann man erahnen, dass es eine kleine Szene analytischer Philosophie in Italien gibt, und was sie beschäftigt. Daneben enthält das Bändchen einen bislang anderswo nicht veröffentlichten Aufsatz von Michael Dummett, Relative truth sowie Aufsätze von Anthony Grayling und Michael Devitt.
Aus Italien kommen Evandro Agazzi, Paolo Parrini, Ettore Casari und Michele Marsonet zu Wort. Parrini z.B. widmet sich der Frage, ob man gut fünfzig Jahre nach Quines Attacke auf die analytisch-synthetisch-Unterscheidung wirklich darauf verzichten kann. Agazzi geht es um den Zusammenhang von Logik und Metaphysik; Casari untersucht die Logik von ontologischen Relationen; Marsonet versucht einen pragmatischen Blickwinkel auf das Thema zu eröffnen.
Parrini verweist übrigens gleich anfangs auf einen Vortrag eines polnischen Logikers, der über 60 verschiedene Bedeutungen von "analytisch" unterscheidet: J. Wolenski, Kinds of analytical sentences, vorgetragen in Pittsburgh 2000. Vielleicht gibt es ja so viele Bedeutungen auf polnisch?
Gerade ist auf meinem Schreibtisch ein englischer Proceedings-Band einer Konferenz in Genua 2001, erschienen 2004: Logic and metaphysics, hg. von Michele Marsonet und Margherita Benzi. Darin kann man erahnen, dass es eine kleine Szene analytischer Philosophie in Italien gibt, und was sie beschäftigt. Daneben enthält das Bändchen einen bislang anderswo nicht veröffentlichten Aufsatz von Michael Dummett, Relative truth sowie Aufsätze von Anthony Grayling und Michael Devitt.
Aus Italien kommen Evandro Agazzi, Paolo Parrini, Ettore Casari und Michele Marsonet zu Wort. Parrini z.B. widmet sich der Frage, ob man gut fünfzig Jahre nach Quines Attacke auf die analytisch-synthetisch-Unterscheidung wirklich darauf verzichten kann. Agazzi geht es um den Zusammenhang von Logik und Metaphysik; Casari untersucht die Logik von ontologischen Relationen; Marsonet versucht einen pragmatischen Blickwinkel auf das Thema zu eröffnen.
Parrini verweist übrigens gleich anfangs auf einen Vortrag eines polnischen Logikers, der über 60 verschiedene Bedeutungen von "analytisch" unterscheidet: J. Wolenski, Kinds of analytical sentences, vorgetragen in Pittsburgh 2000. Vielleicht gibt es ja so viele Bedeutungen auf polnisch?
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04 Oktober 2005
Wer hat zuerst von "Philosophie" gesprochen?
Wo kommt das Wort "Philosophie" her? Platon kannte es schon, und davor? Christopher Riedweg in seinem Buch Pythagoras (München : Beck, 2002 -- hier eine Rezension von Charlotte Schubert) meint, dass Pythagoras (ca. 570-480 v. Chr.) es erfunden -- und auf sich selbst bezogen -- hat. Die Forschung zuvor hatte die entsprechende Überlieferung bei Herakleides als Teil der üblichen Legenden und damit als wenig glaubwürdig eingestuft.
Riedwegs Buch ist nun auch in englischer Übersetzung zu haben: mein Anlass für diesen Post.
Riedwegs Buch ist nun auch in englischer Übersetzung zu haben: mein Anlass für diesen Post.
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