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13 September 2007
Wie haben Hölderlin, Hegel und Schelling Philosophie studiert?
Ich bin ganz begeistert von dem von Michael Franz herausgegebenen Buch "... im Reiche des Wissens cavalieremente"? : Hölderlins, Hegels und Schellings Philosophiestudium an der Universität Tübingen (Tübingen : Hölderlin-Gesellschaft & Edition isele, 2005). Eigentlich druckt es nur Dokumente der Philosophie der Zeit, von Tübinger Gelehrten, die dann sorgfältig erläutert werden. Aber so entsteht ein Panorama der geistigen Einflüsse, welche die genannten ausgesetzt waren; und natürlich ist auch die Extrapolation möglich. Abgedruckt sind zudem nicht nur Beispiele philosophischer Lehre (Metaphysik und Moral), sondern auch solche der Geschichte, Naturwissenschaft, Philologie; zudem hat der Herausgeber einen Aufsatz über einen der Tübinger Dozenten, Johann Friedrich Flatt, hinzugefügt. Tolles Buch, ich ziehe meinen Hut vor Herrn Franz!
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21 August 2007
Nützt es dem Volk, betrogen zu werden?
Fragte die Preußische Akademie der Wissenschaften 1777, auf dass bis 1780 preiswürdige Antworten einträfen. Hans Adler erläutert Hintergründe und Umfeld in seiner Einleitung in die zweibändige Dokumentation der Antworten, die jüngst bei Frommann-Holzboog erschienen ist. Die beiden Wälzer sind nicht ganz billig, aber eine tolle Quelle: immerhin 42 Antworten gingen ein, und davon sind 38 handschriftlich noch erhalten und die beiden Gewinner gedruckt.
Da die Frage auf Anweisung Friedrich des Zweiten gestellt wurde, interessiert natürlich auch, ob er wohl ein Händchen in der Auswahl der Gewinner hatte (nein) -- und was die Gewinner zur Frage meinen. Die lautet übrigens vollständig "Nützt es dem Volk, betrogen zu werden, sei es, dass man es in neue Irrtümer führt oder in denen, die es unterhält, bestätigt?"
Die Antworten können wohl nur als Regierungshilfen verstanden werden, denn das Konzept der Meinungsführerschaft gab es damals noch nicht, und so ist die einzige Person, die das Volk führt, Friedrich Zwo selbst. Der hatte allerdings schon eine Meinung zu dem Thema, wie Adler kenntnisreich ausführt: Friedrich II. sah das Volk als einen von Vorurteilen bestimmten Mob, mit dem "nichts zu erreichen" sei, wie er an d'Alembert schrieb; dabei dachte er daran, ob es wohl ohne Religion gehe. "Friedrich hielt den Volksbetrug für legitim, weil unumgänglich" (S. XXXII), fasst Adler zusammen. D'Alembert widersprach: die Vernunft würde den Aberglauben überwinden. Scheint wie eine Diskussion zwischen optimistischer und pessimistischer Aufklärung, bzw. einer Aufklärung für alle und einer für die Eliten.
Da Friedrich II. seine Antwort schon hatte, hatte er auch kein großes Interessse an den beiden ausgezeichneten Antworten, sie stammen von Rudolf Zacharias Becker, der "Nein" sagt, und Friedrich Adolph Maximilian Gustav von Castillon (genannt Frédéric de Castillon). Offenbar hat die Akademie schon vor der Lektüre der eingesandten Beiträge entschieden, den Preis zu teilen für einen Beitrag, der die Frage bejaht, und einen, der sie verneint, was ihr den Vorwurf des Opportunismus einbrachte.
Einer der Juroren, teilt Adler mit, machte die Beobachtung, dass diejenigen Einsender, die von abstrakten Idealen wie Freiheit, Vollkommenheit etc. ausgegangen wären, die Frage verneinten, während diejenigen, die (empirisch) vom Volk in seiner "Unvollkommenheit" ausgingen, die Frage bejahten. (Vermultlich lässt sich der Zusammenhang auch umgekehrt darstellen: wer bejahen will, muss ja von einer Basis ausgehen, welche dieses Ergebnis zulässt.)
Da die Frage auf Anweisung Friedrich des Zweiten gestellt wurde, interessiert natürlich auch, ob er wohl ein Händchen in der Auswahl der Gewinner hatte (nein) -- und was die Gewinner zur Frage meinen. Die lautet übrigens vollständig "Nützt es dem Volk, betrogen zu werden, sei es, dass man es in neue Irrtümer führt oder in denen, die es unterhält, bestätigt?"
Die Antworten können wohl nur als Regierungshilfen verstanden werden, denn das Konzept der Meinungsführerschaft gab es damals noch nicht, und so ist die einzige Person, die das Volk führt, Friedrich Zwo selbst. Der hatte allerdings schon eine Meinung zu dem Thema, wie Adler kenntnisreich ausführt: Friedrich II. sah das Volk als einen von Vorurteilen bestimmten Mob, mit dem "nichts zu erreichen" sei, wie er an d'Alembert schrieb; dabei dachte er daran, ob es wohl ohne Religion gehe. "Friedrich hielt den Volksbetrug für legitim, weil unumgänglich" (S. XXXII), fasst Adler zusammen. D'Alembert widersprach: die Vernunft würde den Aberglauben überwinden. Scheint wie eine Diskussion zwischen optimistischer und pessimistischer Aufklärung, bzw. einer Aufklärung für alle und einer für die Eliten.
Da Friedrich II. seine Antwort schon hatte, hatte er auch kein großes Interessse an den beiden ausgezeichneten Antworten, sie stammen von Rudolf Zacharias Becker, der "Nein" sagt, und Friedrich Adolph Maximilian Gustav von Castillon (genannt Frédéric de Castillon). Offenbar hat die Akademie schon vor der Lektüre der eingesandten Beiträge entschieden, den Preis zu teilen für einen Beitrag, der die Frage bejaht, und einen, der sie verneint, was ihr den Vorwurf des Opportunismus einbrachte.
Einer der Juroren, teilt Adler mit, machte die Beobachtung, dass diejenigen Einsender, die von abstrakten Idealen wie Freiheit, Vollkommenheit etc. ausgegangen wären, die Frage verneinten, während diejenigen, die (empirisch) vom Volk in seiner "Unvollkommenheit" ausgingen, die Frage bejahten. (Vermultlich lässt sich der Zusammenhang auch umgekehrt darstellen: wer bejahen will, muss ja von einer Basis ausgehen, welche dieses Ergebnis zulässt.)
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15 Januar 2007
Auf der Suche nach einem spanischen Philosophen des 18. Jahrhunderts
Wer mehr Sprachen kann, lebt besser: auf die Gefahr hin, den Kennern nichts Neues zu sagen, möchte ich das Scholasticon als großartige philosophische Netzressource angeben. Gerade war ich auf der Suche nach Informationen über den spanischen Philosophen Juan de Nájera, den Brockhaus, Meyer und Wikipedia nicht kennen, von dem ich nichts weiß, außer dass er so heißt, wie er heißt. Das Scholasticon, eine französische Webseite, die an der freien Universität Brüssel erstellt wurde, kennt immerhin eines der Werke von Nájera und dessen Erscheinungsdatum: 1720 und Ort, so dass ich ihn zeitlich etwas eingrenzen kann. Die spanische Nationalbibliothek kennt den Namen auch und weitere Veröffentlichungen:
Desengaños filosoficos (Sevilla 1737). Maignanus redivivus (1720).
Wo erfährt man mehr? In einer Geschichte der spanischen Philosophie, sicher, wenn man eine zur Hand hat. Vielleicht im World Biographical Information System (Saur / Thomson Gale), das dank der DFG in jeder deutschen wissenschaftlichen Bibliothek zur Verfügung steht. Dort findet man einen Juan Jacint0 de Nájera, von dem der Eintrag weiß, dass es ein Sevillanischer Schriftsteller gewesen sei, mit einem Werktitel von 1728 (der Eintrag stammt aus einem Lexikon spanischer Schriftsteller von 1923). Schließlich führt Google auf die Online-Diss (pdf) eines Julián López Chruchet von 2001, die sich Nájera widmet und in deren Literaturverzeichnis man weitere Angaben zur Primärliteratur findet: und keine Reprints. Lebensdaten haben wir damit nicht, aber auf dem Wege noch erfahren, dass er wohl Franziskaner war.
Nicht viel: aber besser als nix.
Desengaños filosoficos (Sevilla 1737). Maignanus redivivus (1720).
Wo erfährt man mehr? In einer Geschichte der spanischen Philosophie, sicher, wenn man eine zur Hand hat. Vielleicht im World Biographical Information System (Saur / Thomson Gale), das dank der DFG in jeder deutschen wissenschaftlichen Bibliothek zur Verfügung steht. Dort findet man einen Juan Jacint0 de Nájera, von dem der Eintrag weiß, dass es ein Sevillanischer Schriftsteller gewesen sei, mit einem Werktitel von 1728 (der Eintrag stammt aus einem Lexikon spanischer Schriftsteller von 1923). Schließlich führt Google auf die Online-Diss (pdf) eines Julián López Chruchet von 2001, die sich Nájera widmet und in deren Literaturverzeichnis man weitere Angaben zur Primärliteratur findet: und keine Reprints. Lebensdaten haben wir damit nicht, aber auf dem Wege noch erfahren, dass er wohl Franziskaner war.
Nicht viel: aber besser als nix.
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04 Juli 2006
Wovon lebten Philosophen im 18. Jahrhundert?
Für die Aufklärungszeit beantwortet diese Frage Edward G. Andrew in Patrons of enlightenment (Toronto u.a. : University of Toronto Press, 2006). Ergibt das einen Widerspruch, wenn die Denker der Autonomie selbst in Abhängigkeit von Gönnern stehen? Wie ging es Voltaire, wie Rousseau oder Samuel Johnson?
Edwards erfreut mich außerdem mit zwei Kapiteln zu "Patronage of Philosophy" und "Enlightenment and Print Culture": Philosophie, in der Alltagsgeschichte geerdet.
Edwards erfreut mich außerdem mit zwei Kapiteln zu "Patronage of Philosophy" und "Enlightenment and Print Culture": Philosophie, in der Alltagsgeschichte geerdet.
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03 Oktober 2005
Die Kunst der Analyse von "Denkräumen"
"Konstellationsforschung ist eine von Dieter Henrich entwickelte Methode, in der Theorieentwicklung und kreative Impulse untersucht werden, die aus dem Zusammenwirken von unterschiedlichen Denkern in einem gemeinsamen "Denkraum" entstehen."
So leiten die Herausgeber Martin Mulsow und Marcelo Stamm in den neuen Sammelband "Konstellationsforschung" ein, der grad bei Suhrkamp als Taschenbuch erschienen ist. Was Konstellationsforschung sein soll, hatte Henrich in seinem Grundlegung aus dem Ich: Untersuchungen zur Vorgeschichte des Idealismus. Tübingen - Jena [1790- 1794] beispielhaft vorgemacht. Ich fühle mich an die Diskursanalyse einerseits, an den New Historicism andererseits erinnert. Von der Diskursanalyse unterscheidet die Konstellationsforschung das Ausgehen von Personen, vom New Historicism, dass es um Philosophie geht :-).
Der Sammelband bietet neben Anwendungsfällen auch eine Schärfung des theoretischen Programms der Konstellationsforschung: also eine willkommene Anregung dafür, was Philosophiegeschichte auch sein kann.
So leiten die Herausgeber Martin Mulsow und Marcelo Stamm in den neuen Sammelband "Konstellationsforschung" ein, der grad bei Suhrkamp als Taschenbuch erschienen ist. Was Konstellationsforschung sein soll, hatte Henrich in seinem Grundlegung aus dem Ich: Untersuchungen zur Vorgeschichte des Idealismus. Tübingen - Jena [1790- 1794] beispielhaft vorgemacht. Ich fühle mich an die Diskursanalyse einerseits, an den New Historicism andererseits erinnert. Von der Diskursanalyse unterscheidet die Konstellationsforschung das Ausgehen von Personen, vom New Historicism, dass es um Philosophie geht :-).
Der Sammelband bietet neben Anwendungsfällen auch eine Schärfung des theoretischen Programms der Konstellationsforschung: also eine willkommene Anregung dafür, was Philosophiegeschichte auch sein kann.
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