Ist die Erkenntnistheorie zu stark auf die Augen bezogen? Brauchen wir eine Erkenntnistheorie des Geräuschs? Des Geruchs? Des Tastsinns?
Dazu Sounds : a philosophical theory, von Casey O'Callaghan (Oxford : OUP, 2007).
Dort auch neues zum Thema: Wenn ein Baum im Wald umfällt, und niemand hört zu, welche Farbe hat der Baum?
Oder: Dürfen Raumschiffe in SF-Filmen Geräusche machen? (Siehe Ch. 4 "The argument from vacuums")
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25 November 2007
23 Juli 2007
Erkenntnistheorie der Detektion
In der Edition Suhrkamp gab es mal (1982) ein nettes Bändchen des Semiotikers Thomas A. Sebeok über die Verwandtschaft zwischen einer pragmatischen Semiotik à la Peirce und der Arbeit des Detektivs: Du kennst meine Methode : Sherlock Holmes und Charles Sanders Peirce (es NF 121). Diese Verbindung muss eine gewisse Attraktivität haben: Renato Giovannoli hat nun eine Filosofia del racconto poliziesco, erschienen 2007 in Mailand bei Medusa veröffentlicht. Der Titel: "Elementare, Wittgenstein!" Kenner der Krimiklassiker von Doyle bis Hammett werden daran ihre Freude haben -- sofern sie sich für Logik und Erkenntnistheorie interessieren...
Tags:
Erkenntnistheorie,
Krimi,
Peirce
22 April 2007
"Vorhölle abgeschafft": Religiöse Erkenntnistheorie und Wettbewerbsvorteile
via nerone
Der Papst habe "die Vorhölle abgeschafft" -- melden haufenweise Medien (hier ORF). Gemeint ist der limbus, das ist der Teil des Jenseits, in den die Kinder kommen, die ungetauft versterben, jedenfalls wenn sie noch keine Sünde begangen haben (ansonstenl können Sie ja in die Hölle). Sie konnten nicht direkt in den Himmel kommen, weil's ja die Erbsünde gab, haben sich mittelalterliche Theologen gedacht. Benedikt XVI lässt nun offiziell bekanntgeben, dass a) die Existenz eines solchen Limbus ohnehin nie Bestandteil der geltenden Lehre war und es sich nur um eine theologische "Hypothese" gehandelt habe, b) Jesus die Kinder liebe und sie darum nicht in der "Vorhölle" landen würden.
Das bedeutet natürlich nicht, dass es mal eine Vorhölle gab, die aber jetzt plötzlich leer wurde (was eigentlich "abschaffen" meint), sondern dass es nie eine gegeben hat. Woher der Sinneswandel in der offiziellen Haltung? Gibt es nun neue Erkenntnisse? Nein, die gibt es nicht. In schöner Offenheit wird die Konkurrenz der katholischen Kirche z.B. zum Islam angegeben: dort landen die toten Kindlein nämlich direkt im Paradies. Für Entwicklungsländer mit hoher Säuglingssterblichkeit erhöht also die katholische Kirche ihre Attraktivität... Als zweiten Grund nennt die Pressemeldung eben den Status des Satzes als Hypothese:
Was ist eine Hypothese? Die gängige Bedeutung es handle sich um einen Satz, der beobachtbare Phänomene erklärt , gilt ja hier ohnehin nicht. Aber die Bedeutung, es handle sich um einen Satz, bei dem nichts dagegen spricht, dass man ihn aufgibt, ist mir doch neu. Ich frage mich, was aus dem Phänomen geworden ist, um dessentwillen die Limbuslehre mal formuliert worden ist: Ist die Erbsünde nun keine Sünde mehr, d.h. der Mensch nicht von Geburt an sündig und darum der Weg frei in den Himmel? Das scheint mir die naheliegende logische Voraussetzung, welche eine "Abschaffung" der Vorhölle erst ermöglicht. Wäre ein Schritt der katholischen Kirche dahin, wo die meisten katholischen Gläubigen eh schon sind.
Der Papst habe "die Vorhölle abgeschafft" -- melden haufenweise Medien (hier ORF). Gemeint ist der limbus, das ist der Teil des Jenseits, in den die Kinder kommen, die ungetauft versterben, jedenfalls wenn sie noch keine Sünde begangen haben (ansonstenl können Sie ja in die Hölle). Sie konnten nicht direkt in den Himmel kommen, weil's ja die Erbsünde gab, haben sich mittelalterliche Theologen gedacht. Benedikt XVI lässt nun offiziell bekanntgeben, dass a) die Existenz eines solchen Limbus ohnehin nie Bestandteil der geltenden Lehre war und es sich nur um eine theologische "Hypothese" gehandelt habe, b) Jesus die Kinder liebe und sie darum nicht in der "Vorhölle" landen würden.
Das bedeutet natürlich nicht, dass es mal eine Vorhölle gab, die aber jetzt plötzlich leer wurde (was eigentlich "abschaffen" meint), sondern dass es nie eine gegeben hat. Woher der Sinneswandel in der offiziellen Haltung? Gibt es nun neue Erkenntnisse? Nein, die gibt es nicht. In schöner Offenheit wird die Konkurrenz der katholischen Kirche z.B. zum Islam angegeben: dort landen die toten Kindlein nämlich direkt im Paradies. Für Entwicklungsländer mit hoher Säuglingssterblichkeit erhöht also die katholische Kirche ihre Attraktivität... Als zweiten Grund nennt die Pressemeldung eben den Status des Satzes als Hypothese:
Laut der britischen Tageszeitung "Times" soll Papst Benedikt noch vor seiner Wahl zum Kirchenoberhaupt gesagt haben: "Ich persönlich würde es [die Limbus-Lehre] aufgeben, da es immer nur eine Hypothese war." (Quelle: Times)
Was ist eine Hypothese? Die gängige Bedeutung es handle sich um einen Satz, der beobachtbare Phänomene erklärt , gilt ja hier ohnehin nicht. Aber die Bedeutung, es handle sich um einen Satz, bei dem nichts dagegen spricht, dass man ihn aufgibt, ist mir doch neu. Ich frage mich, was aus dem Phänomen geworden ist, um dessentwillen die Limbuslehre mal formuliert worden ist: Ist die Erbsünde nun keine Sünde mehr, d.h. der Mensch nicht von Geburt an sündig und darum der Weg frei in den Himmel? Das scheint mir die naheliegende logische Voraussetzung, welche eine "Abschaffung" der Vorhölle erst ermöglicht. Wäre ein Schritt der katholischen Kirche dahin, wo die meisten katholischen Gläubigen eh schon sind.
Tags:
Erkenntnistheorie,
Religion
05 Dezember 2006
Philosophie des Geistes, 1835
John Abercrombie (1780-1844) war ein "schottischer Arzt und Philosoph": sagt die deutsche Wikipedia, ein tiefergehender Eintrag fehlt bislang. In der englischen -- man ersetze einfach das "de" in der Browserzeile durch "en" -- erfährt man ein bisschen mehr, wenn auch nicht sehr schmeichelhaftes, über die philosophische Tätigkeit:
Das erstgenannte, die Inquiries, liegt mir gerade vor, in der 5. Auflage von 1835: wirklich ein Bestseller. Auf dem Titelblatt wird Abercrombie nicht nur "M.D. F.R.S.E." genannt --was ist das bloß? --, sondern auch "fellow of the Royal College of physicians of Edinburgh, &c. and first physician to his majesty in Scotland": ein erfolgreicher Arzt. Die Inquiries finde ich deswegen bemerkenswert, weil das Inhaltsverzeichnis bestätigt, was der Verfasser im Vorwort verspricht: das hier die philosophische Untersuchung des Geistes zielt auf "useful purpose" und "application". Während also die erkenntnistheoretischen und sonstigen philosophischen Theorien im Rahmen des vom Empirismus gewöhnten sein dürften und mit vielleicht "little originality" vorgetragen werden, scheint mir die Ausweitung auf Abercrombies Erfahrung als Mediziner und die Kombination mit damals bekannten medizinischen Theorien und Fakten über Bewusstsein, spektralen Illusionen, Delirium, Erinnerung, Traum, Schlafwandelei, und geistiger Behinderung alles andere als unoriginell. Außerdem ergänzt Abercrombie seine Reflexionen zu Ursache und Wirkung für seine Mitmediziner um Regeln zur Forschung!
Alles in allem taugt das Buch, denke ich, durch seine (originelle) Kombination von Spekulation und Empirie sehr gut als Überblick über den Kenntnisstand zum Thema 'Bewusstsein' in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
He also found time for philosophical speculations, and in 1830 he published his Inquiries concerning the Intellectual Powers of Man and the Investigation of Truth, which was followed in 1833 by a sequel, The Philosophy of the Moral Feelings. Both works showed little originality of thought; they achieved wide popularity at the time of their publication, but have long been superseded.
Das erstgenannte, die Inquiries, liegt mir gerade vor, in der 5. Auflage von 1835: wirklich ein Bestseller. Auf dem Titelblatt wird Abercrombie nicht nur "M.D. F.R.S.E." genannt --was ist das bloß? --, sondern auch "fellow of the Royal College of physicians of Edinburgh, &c. and first physician to his majesty in Scotland": ein erfolgreicher Arzt. Die Inquiries finde ich deswegen bemerkenswert, weil das Inhaltsverzeichnis bestätigt, was der Verfasser im Vorwort verspricht: das hier die philosophische Untersuchung des Geistes zielt auf "useful purpose" und "application". Während also die erkenntnistheoretischen und sonstigen philosophischen Theorien im Rahmen des vom Empirismus gewöhnten sein dürften und mit vielleicht "little originality" vorgetragen werden, scheint mir die Ausweitung auf Abercrombies Erfahrung als Mediziner und die Kombination mit damals bekannten medizinischen Theorien und Fakten über Bewusstsein, spektralen Illusionen, Delirium, Erinnerung, Traum, Schlafwandelei, und geistiger Behinderung alles andere als unoriginell. Außerdem ergänzt Abercrombie seine Reflexionen zu Ursache und Wirkung für seine Mitmediziner um Regeln zur Forschung!
Alles in allem taugt das Buch, denke ich, durch seine (originelle) Kombination von Spekulation und Empirie sehr gut als Überblick über den Kenntnisstand zum Thema 'Bewusstsein' in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
10 Oktober 2006
Wer ist hinter Ihnen her?
Vor ein paar Jahren gab's einen Film mit Mel Gibson und Julia Roberts, Fletchers Visionen. Der Bösewicht wurde von Patrick 'Picard' Stewart gespielt, und es ging um einen entflohenen Profikiller, der sein Gedächtnis verloren hat und nun seine ihm eingebrannten üblen Erfahrungen und die fehlende Vergangenheit mit einem Haufen Verschwörungstheorien kompensiert, die er an die Leute zu bringen sucht. Ich hatte damals nach einem kurzen Verleser die Hoffnung, es werde ein postmoderner Thriller: Fletchers Versionen. In der Tat erzählt Fletcher ja, indem er Zeitungsmeldungen durch seine Brille neu interpretiert, auch einen Teil der täglichen Ereignisse neu.
Verschwörungstheorien lohnen kaum die Diskussion, da sie meist immun gegen Korrekturen sind, wenn sie nicht gerade auf nachprüfbar falschen Annahmen aufbauen. Trotzdem gibt es eine kleine philosophische Debatte darüber, und die hat David Coady in einem jüngst bei Ashgate (Aldershot, 2006) erschienenen Sammelband Conspiracy theories : the philosophical debate zusammengefasst. Hauptfokus ist, sozusagen, die Erkenntnistheorie der Verschwörung, oder die Frage, ob das Konzept 'Verschwörungstheorie' für sich schon fehlerhaft ist. Und vielleicht auch die Pragmatik, frei nach Wittgenstein: man kann sich nicht allein verschwören.
Blick auf die Webseite von Ashgate hat mir gerade gezeigt, dass es dort noch eine weitere Publikation zum Thema gibt: Conspiracy theories in early modern Europe, von 2004.
Verschwörungstheorien lohnen kaum die Diskussion, da sie meist immun gegen Korrekturen sind, wenn sie nicht gerade auf nachprüfbar falschen Annahmen aufbauen. Trotzdem gibt es eine kleine philosophische Debatte darüber, und die hat David Coady in einem jüngst bei Ashgate (Aldershot, 2006) erschienenen Sammelband Conspiracy theories : the philosophical debate zusammengefasst. Hauptfokus ist, sozusagen, die Erkenntnistheorie der Verschwörung, oder die Frage, ob das Konzept 'Verschwörungstheorie' für sich schon fehlerhaft ist. Und vielleicht auch die Pragmatik, frei nach Wittgenstein: man kann sich nicht allein verschwören.
Blick auf die Webseite von Ashgate hat mir gerade gezeigt, dass es dort noch eine weitere Publikation zum Thema gibt: Conspiracy theories in early modern Europe, von 2004.
13 Oktober 2005
Um 1900 feiern Literatur und Erkenntnistheorie Hochzeit
Thomas Mann, Hermann Broch, Robert Musil und andere Schriftsteller nehmen die Erkenntnistheorie ihrer Zeit zur Kenntnis und verwandeln sie in etwas Neues. Musil, der bekanntlich über Ernst Mach promoviert hat, ist dabei vielleicht das prominenteste und auch besterforschte Beispiel. Jetzt geht ein Sammelband, hg. von Christine Maillard (Littérature et théorie de la connaissance 1890-1935, Strasburg: Presses universitaires de Strasbourg, 2004), in insgesamt 20 Beiträgen dem Zusammenspiel von Literatur und Erkenntnistheorie um 1900 nach. Die Aufsätze sind deutsch und französisch; neben Germanisten haben hier auch Philosophen mitgewirkt. Die Münchnerin Verena Mayer z.B. sucht "Konstitutionsbeziehungen in der Philosophie um 1900" auf; Christine Maillard schreibt über die erkenntnistheoretischen Ansichten Alfred Döblins; Armin Westerhoff begreift Musils Poetologie als Erkenntnistheorie. Eine feine Sache!
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