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10 April 2007

Ästhetik, die vernachlässigte Disziplin

Welche großen Arbeiten sind da in den letzten jahren erschienen? Gibt es irgendwelche wichtigen Neuentwürfe?
Mir kommt Ästhetik immer ein bisschen toter vor als der Rest der Philosophie: kein Vergleich mit der Vitalität der Diskurse in der Ethik oder in der Erkenntnistheorie. Und wenn man der Meinung ist, dass gerade die Ethik sich gut zum Vergleich heranziehen lässt, hat sie doch auch mit Werten zu tun und damit eine gewisse Verwandtschaft, so findet man, dass auch im Feld der praktischen Wertreflexion, in Bio- und Medizinethik, Forschungsethik, Wirtschaftsethik etc. erheblich mehr passiert als in der 'praktischen Ästhetik'.
Langer Rede kurzer Sinn: umso willkommener ist das nicht gerade dünne, nicht gerade billige Buch von Henning Tegtmeyer Formbezug und Weltbezug : die Deutungsoffenheit der Kunst (Paderborn : mentis, 2006). Es ist wieder mal der Blick aufs große Ganze: historisch beschlagen, systematisch durchdacht. Tegtmeyer versucht, nicht nur die traditionellen Kern-Künste einzubeziehen, sondern entwickelt einen offenen Kunstbegriff: offen auch für zukünftige Entwicklungen (denn wir können nicht wissen, was uns übermorgen als Kunst erscheinen wird). Und er kann dabei so schreiben, dass man sich bei der Lektüre nicht langweilt.

Abtreibung und Vaterland

Es gibt vieles, was ich nicht mag. Zu den besonders unbeliebten Dingen zählen die Werbeanrufe in der Mittagszeit und die Werbebriefe, die nicht als solche zu erkennen sind. Neulich kam einer, den Robert Spaemann als Absender zeichnete. Richtig: das ist dieser etwas konservative Philosoph, der bis 1992 in München gelehrt hat und der noch 2001 den Karl Jaspers Preis der Stadt Heidelberg erhielt (Wikipedia). Spaemann also unterschreibt einen Brief der „BIRKE Schwangerschaftskonfliktberatung e.V.“; vielleicht hat er ihn gar selbst formuliert. Das wäre allerdings ein Armutszeugnis ob der argumentativen Löcher in dem Machwerk. Schon über den Betreff könnte man länger sinnieren: „Schutzengel gesucht – bitte retten Sie das Leben unschuldiger Kinder“. Ist das Leben „unschuldiger Kinder“ mehr wert als das „schuldiger“?

In dem Brief geht’s um Geld, natürlich. BIRKE möchte meines, auf dass ich teilhabe an ihren guten Werken. Diese Werke sind, im Unterschied zum Namen des Vereins, aber keine echte Schwangerschaftsberatung nach § 218, die „ergebnisoffen“ geführt werden muss. Darum kann BIRKE auch nicht den gesetzlich vorgeschriebenen Beratungsschein vergeben, denn eine Frau braucht, wenn sie abtreiben lassen möchte. Oder in Spaemanns Worten:
Der außerordentliche Erfolg der BIRKE beruht darauf, daß diese hochprofessionell betriebene Schwangerschaftsberatung im Konfliktfall die Abtreibung als Alternative überhaupt nicht ins Auge fasst.

Was das für die Frauen heißen kann, die sich zu BIRKE verirren, hat Barbara Ritter im linken Periodikum Der rechte Rand schon 1994 beschrieben (Quelle).

SPAEMANNS ARGUMENTATION
Aber zurück zum Anfang des Briefes. Die Argumentation läuft ungefähr so: Warum gibt es in Deutschland so wenige Kinder? (Wir erinnern uns: der demografische Wandel führt zur Vergreisung der Republik.) Na: weil so viele abgetrieben werden:
Ehrlich und richtig wäre zu fragen: Warum überleben in unserem Land nur so wenige Kinder die Schwangerschaft? Kinder gibt es nämlich genug. [...] Während alle über die demographische Krise diskutieren, werden jedes Jahr mitten unter uns hunderttausende Kinder noch im Mutterleibe getötet.

Die Politiker leugneten diesen Zusammenhang: das sei ein „schrecklicher Mangel an Ehrlichkeit“! Wie ehrlich ist Spaemann mit seinen Behauptungen? Wenn man sich mal fragt, welche Zahlen eigentlich hinter seinen Behauptungen stehen, findet man folgendes in frei verfügbaren Quellen. 2005 wurden etwa 120.000 Abtreibungen vorgenommen (Quelle: Wikipedia: Daten beruhen auf denen des Statistischen Bundesamtes). Im gleichen Jahr wurden 686.000 Kinder in Deutschland geboren (Quelle: FAZ.net): auf rund 6 geborene Kinder kommt also eine Abtreibung. (Das ist deutlich mehr, als ich gedacht hätte. Aber das rechtfertigt beileibe nicht die Formulierung, warum „nur so wenige Kinder die Schwangerschaft überlebten“. „Wenige“ klingt für mich so, als wenn mehr Kinder in der Schwangerschaft stürben als geboren werden.)
Würden 120.000 nicht vorgenommene Abtreibungen reichen, um die demografische Lücke zu füllen?
Die Geburtenrate ist seit Jahren um die 1,4, müsste, damit die Bevölkerungszahl konstant bleibt, aber bei 2,1 liegen. Wenn 686.000 Geburten einer Geburtenrate von 1,4 entsprechen, dann entsprechen 980.000 Geburten einer Geburtenrate von 2,1. Fehlen also rund 300.000 Geburten, nicht 120.000. Vielleicht hat ja Spaemann daran gedacht, den Rest durch Zuwanderung auszugleichen. Doch setzt sich der demografische Wandel (hier Informationen zur prognostizierten Bevölkerungsentwicklung des statistischen Bundesamtes) fort, wird die Zahl der Sterbefälle immer deutlicher die der Geburten übersteigen: a) weil immer mehr Menschen alt werden, b) weil immer weniger Frauen im mutterschaftsfähigen Alter sind. Spaemanns Rechnung wird darum in immer größerem Maße falsch sein.

MORALPHILOSOPHISCHER BLICK AUF DIE ARGUMENTE
Moralphilosophisch betrachtet ist mir die Argumentation in mehrerlei Hinsicht äußerst unsympathisch.
1. missfällt mir die Indienstnahme der Ungeborenen für das „Vaterland“ (Spaemann). Der demografische Wandel mag ein gesellschaftliches Problem sein, aber er liegt für mich in einer völlig anderen Kategorie als Leben und Tod von Individuen. Ganz sicher würdigt es diese herab, wenn sie geboren würden um den demografischen Wandel aufzuhalten.
2. Spaemann schreibt suggestiv stets von „Kindern“. Damit setzt er das Menschenbild der Katholischen Kirche voraus: die Menschwerdung ab der Empfängnis. Über dieses wird zu Recht gestritten.
3. BIRKE nimmt den betroffenen Frauen die Entscheidung aus der Hand. Die Annahme, schon zu wissen, was für andere das richtige ist, ist mir ebenfalls unsympathisch. Sie beruht hier natürlich darauf, dass das Ziel, die Ungeborenen zu „retten“ alles andere in den Schatten stellt. Das übersieht aber bewusst, dass ein geborenes Kind sicher besser lebt, wenn es ein erwünschtes ist. Und die Behauptung, BIRKE würde Frauen davor bewahren „ihr eigenes Leben für immer zu schädigen, durch die Last, die es bedeutet, ein ungeborenes Kind getötet zu haben“, fragt nicht danach, welche Last dadurch entstehen kann, ein ungewolltes Kind bekommen (und dann mit ihm leben) zu müssen.

Dafür also soll ich Geld geben. Dafür kann Spaemann auch mir etwas versprechen:
Wenn der eine oder andere dieser jungen Menschen [denen BIRKE mit meinem Geld geholfen hätte] eines Tages den Geber allen Lebens [=Gott] entdecken und ihm für sein Leben danken wird, dann wird dieser Geber den empfangenen Dank mit denen teilen, die ihm bei der Rettung dieses Lebens behilflich waren.

Auch das ist mir unsympathisch: dass sich die gute Tat gleich auszahlt. Und schließlich: die Bereitschaft, mit der Spaemann einen Zusammenhang zwischen Abtreibung und Vaterland herstellt, ist vermutlich dieselbe, die ihn dazu veranlasst hat, der Jungen Freiheit ein Interview zu geben, übrigens eines, das auch auf den Webseiten der BIRKE zu lesen ist. Die Junge Freiheit ist ein Blatt, das, wie Wikipedia geschickt formuliert, „einzelne Politologen ... als Sprachrohr der sogenannten Neuen Rechten [bezeichnen], das eine Scharnierfunktion zwischen demokratischem Konservativismus und extremer Rechte einnehme“.

09 April 2007

"Alles ist relativ" ist falsch, aber ...

"alles was wahr ist, ist nur relativ wahr" ist es vielleicht nicht. Der erste Satz ist falsch, weil er absolut formuliert ist und sich damit selbst widerspricht: und dieses Argument stellt das beliebteste gegen den Relativismus dar, natürlich auch gegen den moralischen. Von daher hatte der Relativismus in der Analytischen Philosophie nie gute Karten. Dass nun Steven D. Hales in seinem Buch Relativism and the foundations of philosophy (Cambridge / MA : MIT, 2006) unternimmt, eine Version des Relativismus zu verteidigen, die zumindest schon einmal nicht selbstwiderlegend ist, wirkt daher erfrischend auf mich. Seine Formulierung des Relativistischen Prinzips ist jedenfalls nicht selbstwiderlegend!

Phänomenologische Kausalität

Eine weitere Intuition der Phänomenologie zu Beginn besteht darin, dass das Erscheinen wesentlicher als das Sein ist: nur weil eine Sache erscheint, ist sie auch in der Lage zu sein.
So steht's auf Lebensphaenomenologie.at, in einem Aufsatz von Michel Henry. Ich muss zugeben, dass ich dies nicht verstehe. Entweder hat die Phänomenologie nur die Erscheinungen, die alles sind vom Sein: dann ist das eine nicht wesentlicher als das andere. Oder, wenn ein Weg vom "Sein" zu den Erscheinungen führt, geht er andersrum. Oder wie muss ich das "weil" verstehen? (Aber vielleicht ist das ja auch einfach schlecht übersetzt?)

04 April 2007

Fremdheit, was ist das?

Bei der Gewerkschaft ein paar Straßen weiter hängt ein Plakat im Fenster mit der wesentlichen Botschaft "Jeder ist ein Fremder -- fast überall". Darüber stehen ein paar Sprüche, die mir vage bekannt vorkommen, beginnend mit "Dein Christus ein Jude / Dein Auto ein Japaner"... Das Haus der Geschichte hat eine Ausstellung zu "Jeder ist ein Fremder" gemacht, und den Ursprung der Sprüche zu ermitteln versucht: sie kamen bis 1993. Die Standardversion lautet wohl so:
Dein Christus ein Jude
dein Auto ein Japaner
deine Pizza italienisch
deine Demokratie griechisch
dein Kaffee brasilianisch
dein Urlaub türkisch
deine Zahlen arabisch
deine Schrift lateinisch.
Dein Nachbar: nur ein Ausländer?

Dies unter dem Motto "Jeder ist ein Fremder -- fast überall": was soll die Sprüchesammlung zeigen? Gelingt es ihr? Auf den ersten Blick scheint sie zu sagen, dass man keine 'eigene' Identität habe, die ohne 'Fremdes' auskommt. Das scheint sowohl für so etwas simples wie Konsumgüter zu gelten als auch für das Innere der Kultur: Verfassungsform, Schrift, Religion. Man sollte also das 'Fremde' der eigenen Kultur bewusst erkennen. Und wenn man das tut, kann man dem Fremden im Nachbarn nicht mehr mit der Geringschätzung begegnen, die aus der in diesem Zusammenhang achtlosen -- nämlich nicht auf dessen Individualität achtenden -- Bezeichung "Ausländer" spricht.
Das ist ja eine ganz ehrenwerte Botschaft. Nur scheint mir nicht zu stimmen, wie sie rübergebracht wird. Erstens sind die vordem aufgezählten Güter angeeignete. Unsere Demokratie ist eben keine 'griechische' Verfassungsform: keine fremde. Unsere Zahlen sind nicht in der Weise 'arabisch', wie arabische Schriftzeichen 'arabisch' sind. Vom Auto ganz zu schweigen (was ist denn das Japanische am japanischen Auto?). Wenn wir (d.h. in diesem Fall die abendländische Kultur) also fähig sind, uns etwas anzueignen und vertraut zu machen, das mal woanders enstanden ist: sollen wir so mit dem Fremden umgehen, welches der Nachbar darstellt? Aneignen? Seine Fremdheit quasi auflösen?
Das zweite, was ich weniger auffällig, aber nicht weniger bedenklich finde, ist das Konzept von Fremdheit, das aus "Dein Christus ein Jude" spricht. Eigentlich wird "Jude" heutzutage im Sinne der Religionszugehörigkeit verwendet, nicht im Sinne einer Ethnie oder eines Staates. Aber im Kontext der anderen Sprüche, die wesentlich andere Staaten meinen, und im Kontext der Pointe mit dem "Ausländer"-Nachbarn, kommt man wie selbstverständlich zu der Schlussfolgerung, wer Jude ist, ist Ausländer. Bin ich nicht mit einverstanden. Da scheint mir der Satz gerade ein besonders fragwürdiges Konzept von 'Fremdheit' performativ zu wiederholen, das er gerade aufzulösen helfen will.



03 April 2007

Philosophische Literatur finden

Bücher über Philosophie gibt's viele, Bücher über Philosophiebücher eher wenig. Bei uns ist leicht der sehr brauchbare Band von Norbert Retlich, Literatur für das Philosophiestudium (Stuttgart : Metzler, 1998) zu bekommen: deutlich veraltet, was die Datenbanken angeht, und das Internet kommt gar nicht vor. Aber ansonsten brauchbar: falls jemand noch den altmodischen Weg zu einem philosophischen Thema wählt, den der umfassenden Literaturrecherche.
Ebenfalls erwähnenswert ist der von Theodor Ebert kommentierte Erlanger Literaturführer Philosophie, der zwar in Erlangen im Selbstverlag erschien (die letzte Ausgabe ist von 2002, glaube ich), zu dem es aber Ableger gibt, z.B. in Bielefeld.
Wer's da noch gründlicher mag, sollte zu Hans E. Bynagle: Philosophy : a guide to the reference literature, 3. Aufl. 2006, greifen: eine sehr aktuelle, kommentierte und thematisch organisierte Auflistung der einschlägigen Literatur: inklusive Datenbanken und Internetressourcen. Außerdem gibt's einen ausführlichen 'Subject Index' als Abkürzung. Man sollte mal reingesehen haben, um zu wissen, was es überhaupt so gibt, bevor man wieder in sein Kämmerchen zurückkehrt und vor sich hin philosophiert.

Philosopher's Magazine bloggt

Julian Baggini und Jeremy Stangroom, die Herausgeber des Philosopher's Magazine, bloggen nun auch: unterhaltsam wie TPM, aber ein bisschen onanistisch noch: immer die gleichen Kommentatoren. Sage ich mal als Leser, nicht als Schreiber :-).

01 April 2007

VDMs Nachdrucke (2)

Habe wieder herzlich über den VDM, den Verlag Dr. Müller, gelacht. Neulich hatte ich im Vorauseilenden Gehorsam eine "geschäftsschädigende" Äußerung vom Netz genommen, die eine Information enthielt, die ich nicht hätte haben dürfen, meinte VDM. Aber es kann ja nicht in diesem Sinne geschäftsschädigend sein, wenn ich hier ein paar frei verfügbare Information zusammentrage. So gibt es bei VDM einen Band von Moritz Schlick Gesammelte Aufsätze 1926-1936 (Saarbrücken 2006). Man geht nicht fehl in der Annahme, wenn man hier vermutet, dass 2006 die Werke Schlicks urheberrechtsfrei geworden sind, so dass VDM diese verwenden darf. Das stimmt auch, denn bekanntermaßen gewährt das Urheberrecht in D Schutz vor Verwertung bis 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers. Und Schlick wurde bekanntermaßen 1936 in Wien erschossen.
VDM hat auch hier eine mehr schlechte als rechte Kopie vorgelegt, mit deutlich erkennbaren Kopierstreifen am Rand, und sie haben sich nicht mal die Mühe gemacht, sich etwas zum Nachdrucken zu besorgen, was frei von Markierungen früherer Leser ist. Wenn man die Kataloge bemüht, findet man, dass die VDM-Ausgabe ein Reprint der Ausgabe Wien : Gerold, 1938 ist -- haben jedenfalls die Kollegen der Deutschen Nationalbibliothek ermittelt. Ich persönlich halte das für ein Unding, dass VDM nicht angibt, a) dass es sich überhaupt um einen Reprint handelt, b) welche Ausgabe nachgedruckt wurde.

Seltsam, dass gerade ein solcher Reprint mit so massivem Hinweis auf das Urheberrecht versehen ist. So heißt es im Buch:
Das Werk ist einschließlich aller seiner Teile urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. [...] Copyright 2006 VDM Verlag Dr. Müller e.K. und Lizenzgeber

Na, lieber Herr Dr. Müller, wer sind denn die Lizenzgeber? Vielleicht der Olms-Verlag, der dasselbe Werk, dieselbe Ausgabe schon 1969 im Reprint anbot? Der übrigens erheblich sorgfältiger gearbeitet war: und außerdem in Leinen gebunden.

Aristoteles' Medientheorie

Frank Haase, PD an der Uni Stuttgart (wofür?) hat ein Buch über die Aristotelische Philosophie der Medien geschrieben (München : kopaed. 2006). Hatte Aristoteles schon eine Medientheorie? Naja, jedenfalls Medien gab's schon damals: also ist ja denkbar, dass sich in seinen Schriften was findet, was auch bei verantwortlicher Interpretation zu einer Medientheorie gerundet werden kann. Bin also nicht von vornherein gegen einen solchen Anachronismus. Aber wie steht's mit diesem Klappentext?
Dass das abendländisch-metaphysische Denken ein genuin mediales ist, benennt den theoretischen Standpunkt, von welchem aus die Aristotelischen Schriften betrachtet werden. Die Anfänge medialen Denkens liegen bei Hesiod und Platon. Ihrem Denken liegt eine mediale Struktur zugrunde, die im Aristotelischen Philosophieren ihre Universalisierung und Ontologisierung erfährt. Dies hat zur Folge, dass auch der Medienbegriff erweitert wird. Medien sind dann nicht mehr nur Zahl, Maß, Laut, Schrift und Denken – Medien sind dann auch verantwortlich für sämtliche Hervorbringungen der ganzen Natur. In diesem Sinne begreift Aristoteles den Kosmos als Medienverbund, der der medialen Struktur gehorcht.

Tja: da habe ich meine Schwierigkeiten mit. Wenn irgendwie alles medial ist, welchen Wert hat dann der "Medien"-Begriff überhaupt? Und was bedeutet es, wie der Klappentext ebenfalls mitteilt, dass wenn der Kosmos in dieser Weise "medial" gedacht ist, Gott nur "a-medial und als radikale Andersheit von Medien und Medialität" gedacht werden kann (laut Haase)? Oje.
(Und auch die "Medien" vor der Erweiterung ihres Begriffs, "Zahl", "Maß", "Laut" etc. finde ich nicht sonderlich einleuchtend bestimmt.)

27 März 2007

Heideggers Hütte

Adam Sharr hat einen schönen kleinen Bildband über Heideggers Hütte bei Todtnauberg gemacht: Heidegger's Hut, erschienen bei der MIT Press (Cambridge / MS, 2006) (siehe auch die Forschungsprojektbeschreibung hier). Neben Bildmaterial (z.T. neu gefertigte Fotos) von der Hütte selbst und der Umgebung enthält das Büchlein auch Grundrisse sowohl der Hütte als auch von Heideggers Haus im Rötebuckweg in Freiburg. Sharr selbst ist kein Philosoph, sondern ein Architekt: und hat damit einen erfrischenden Blick auf die sagenumwobene Stätte. (Natürlich gibt's auch ein Kapitel für die Frage, in welcher Weise der Ort des Philosophierens die Philosophie Heideggers widerspiegele.)

Wie war es, ein Philosoph zu sein?

Wie das mit dem Geld war früher für Philosophen, davon handelt das hier bereits einmal empfohlene Buch. Aber wie es ihnen überhaupt erging, das kann man nun in dem eindrucksvollen Sammelband The philosopher in early modern Europe : the nature of a contested identity, hg. von Conal Condren und anderen (Cambridge : Cambridge UP, 2006) nachlesen. Hier geht es also auch um Institutionengeschichte, um die Funktion des Philosophen in der frühneuzeitlichen Universität, z.B. in Deutschland (Ian Hunter, Robert von Friedeburg), um das Selbstverständnis als 'natural philosopher' am Ende des Barock usf. Sehr spannend! Der Ansatz ist nicht ganz so europäisch, wie der Titel verspricht; neben Deutschland und England ist noch Frankreich im Blickfeld.

26 März 2007

Philosophie in Kanada

Na, kennen Sie einen kanadischen Philosophen? Wahrscheinlich schon: so als Teil der englischsprachigen Welt. Eine Anthologie In the Agora : the public face of canadian philosophy (hg. von Andrew D Irvine und John S. Russell. - University of Toronto Press, 2006) stellt nun Beispiele der gegenwärtigen kanadischen Philosophie vor, mit gut 100 Beiträgen ein umfangreiches Bild: das sich allerdings nicht zu einem Kanadischen Diskurs rundet, es sei denn an den Stellen, wo auch über Kanada geschrieben wird: über die nationale Einheit, über Themen der praktischen und Wissenschaftsethik, über die Folgen des 11. September für das Land. Mir sind übrigens neben James Robert Brown, der schon viel über Gedankenexperimente geschrieben hat, vor allem die beiden Churchlands bekannt, oder andersherum ausgedrückt: die übrigen rund 30 Beiträger sind für mich unbeschriebene Blätter. Gibt also viel zu entdecken.

Harry Frankfurt über Wahrheit

Nach seinem Bestseller On Bullshit -- der Text war ja schon zig Jahre alt -- hat Frankfurt festgestellt, dass er dort offen gelassen hatte, warum wir uns überhaupt für Wahrheit interessieren sollten: warum die wichtig ist. Denn nur vor diesem Hintergrund ist das Bullshitting ja fragwürdig. Also schiebt er ein Büchlein nach, das On truth heißt, und das der Verlag Alfred a Knopf sich nicht schämt, in einem goldfarbenen Umschlag auf den Markt zu bringen: auf 101 Seiten aufgeblasen. Und die These? Ach: lest selbst, das hat man doch in zwei Stunden durch.

14 März 2007

Wittgensteins Schüler

Gibt es irgendwo eine Liste, wer alles mal bei Wittgenstein gehört hat?
Hier gibt's eine Rezension von Hackers Wittgenstein im Kontext der analytischen Philosophie, wo von ein paar die Rede ist. Ich habe keine gefunden; neu war mir jedenfalls der Name von M. O'C. Drury, der in seinem Buch The danger of words (London : Routledge & Kegan Paul, 1973) im Vorwort feststellt, "the author of these writings was at one time a pupil of Ludwig Wittgenstein". Darin findet sich auch diese nette Anekdote über Russell:
Someone was inclined to defend Russell's writings on marriage, sex, and 'free love'. Wittgenstein interposed by saying: 'If a person tells me he has been to the worst of places I have no right to judge him, but if he tells me it was his superior wisdom that enabled him to go there, then I know that he is a fraud.' He went on to say how absurd it was to deprive Russell of his Professorship on 'moral grounds'. 'If ever there was such a thing as an an-aphrodisiac it is Russell writing about sex!'

Beurteilt LW also eine Handlung nach ihren Folgen, nicht nach ihrer Intention...

13 März 2007

Google Books: Philosophische Klassiker finden

Kürzlich habe ich erst gelernt, nach viel zu langen Krankentagen, dass man bei Google Books die gefundenen Bücher auch downloaden kann: sofern Google sie als urheberrechtsfrei betrachtet. Urheberrechtsfreie Bücher sind solche, die man in der "Vollansicht" sehen kann, und da die Suche auf diese beschränkt werden kann, ist es kein Problem, welche zu finden.
Google Books, für alle, die es nicht wissen, ist ein jüngerer Streich in der Google Produktfamilie: ein gigantisches Digitalisierungsprogramm in Zusammenarbeit mit zunächst 5 großen amerikanischen Universitätsbibliotheken, neuerdings auch ein paar Europäern. Zuletzt, am 6.3.07, gab die Bayerische Staatsbibliothek in München bekannt, dass sie ihren Urheberrechtsfreien Bestand in Google Books einbringen will: Google trägt die Kosten für das Herstellen der elektronischen Versionen und bringt dafür seinen Schriftzug auf den Bildern an.
(Google betrachtet übrigens in Europa solche Bücher als urheberrechtsfrei, die vor 1864 veröffentlicht wurden. In den USA sind sie da großzügiger.) Gerade diese Ankündigung brachte mich darauf, Google Books (oder GBS) mal wieder anzusehen.
Ein bestimmtes Buch zu finden ist nicht so einfach: weil ja im wesentlichen die "Volltexte" durchsucht werden, während man z.B. in einem Bibliothekskatalog in Feldern mit Bezeichnungen sucht, und weil auch in der "erweiterten Suche", wo man tatsächlich nach Autorennamen und Buchtiteln suchen kann, die Schreibungen nicht normiert sind. Und was durchsuchbar ist, beruht auf Texterkennung, die bei Fraktur noch stark zu wünschen übrig lässt. Immerhin findet man z.B. von Kants Critik der reinen Vernunft eine 7. Auflage.

Übrigens kann man, wie ich es hier getan habe, gezielt auf einzelne Titel verlinken. Man bekommt als Resultat der Suche vielleicht eine URL wie die folgende, hier aus Layoutgründen in zwei Zeilen geschriebene:
http://books.google.de/books?vid=OCLC02188115&id=cJOFM46ISTAC
&dq=intitle:critik+intitle:der+intitle:reinen+intitle:vernunft&as_brr=1

Von dieser nimmt man neben dem Start
http://books.google.de/books?

nur den Bestandteil
id=cJOFM46ISTAC

oder was immer da gerade steht, so dass man
http://books.google.de/books?id=cJOFM46ISTAC

erhält. Fertig ist der konstante Link. Wer möchte kann dahinter noch ein "=de" oder "=en" hinzufügen: aus unerfindlichen Gründen sieht man nur in der englischen Version, aus welcher Bibliothek das Buch stammt, das Google digitalisiert hat.

05 März 2007

Kollektive Verantwortung beim Handeln?

Die Midwest Studies in Philosophy widmen dem Thema ein ganzes Heft. Und der Verlag Blackwell Synergy ist so nett, einen der Beiträge auch frei zur Verfügung zu stellen: Janna Thompson über Collective Responsibility for Historic Injustices (Midwest Studies 30 (2006), 1, 154-167) (Text als pdf oder html). Als Deutscher denke ich da gleich an die historische Verantwortung der Deutschen: die ich nicht hinterfragen würde, für die mich aber schon interessiert, wie ein Moralphilosoph das methodisch angeht. Thompsons Lösung führt über die Verpflichtung einer Gruppe, generationenübergreifende moralische Institutionen zu schaffen: das klingt für mich wie eine Analogie zum Recht und dem Konstrukt des Rechtsnachfolgers. Wie hätte dann der Einzelne mit der Kollektiven Verantwortung umzugehen? Thompsons Antwort ist eine realistische, scheint mir: er hätte nur insofern besonders zu handeln, als er im Auftrag der Gruppe handelt, also z.B. indem er ein Amt ausübt. Was dabei außen vor bleibt, ist das Gefühl der Verantwortung, dass Gruppenmitglieder empfinden mögen und dass mir wertvoll genug erscheint.

04 März 2007

Philosophen mit Literaturnobelpreis

Im vorherigen Posting hätte beinahe gestanden, dass Kazantzakis Literaturnobelpreisträger war, daran meinte ich mich nämlich zu erinnern. Das scheint aber nicht zu stimmen, glaube ich der Wikipedia-Liste. Dafür fielen mir dort zwei deutschbeflaggte Herren auf, die mir als Preisträger noch nicht geläufig waren: Paul Heyse (1910, naja) und Rudolf Eucken (1908). Und letzterer ist ein nicht ganz unbekannter, auch nicht wirklich bekannter, Philosoph. Eucken setzt damit die Tradition Mommsens fort, der als zweiter überhaupt, 1902, den Preis bekommen hatte, u.a. für seine Römische Geschichte: dass Wissenschaftler für wissenschaftliche Prosa mit einem Literaturpreis ausgezeichnet werden. Ich möchte noch anmerken: so ein erfolgreiches Jahrzehnt gab es natürlich nie wieder für die deutsche Literatur. :-)

Gibt's noch mehr Philosophen unter den Preisträgern? Jawollja, da muss einem natürlich Lord Russell (1950) einfallen: gelobt als "Vorkämpfer der Humanität", und die beiden Franzosen, Camus (1957) und Sartre (1964), wobei Sartre den Preis nicht annahm. In Wikipedia ist auch Henri Bergson (1927) aufgeführt: trägt seine Ideen so sprachmächtig vor. (Auf den wär ich nie gekommen.)

Schriftsteller mit Philosophie-Diss

Bei Ingeborg Bachmann ist es eine Pest gewesen: die Verweise der Forschung auf den Einfluss Heideggers, schließlich habe sie ja über den promoviert. Das wurde auch nicht besser, nachdem vermehrt Bachmanns eigener Interviewsatz, sie habe "gegen Heidegger" geschrieben, angeführt wurde: das ändert ja nur den Fokus. Ich frage mich, ob es wohl den Gelehrten mit Nikos Kazantzakis genauso geht. Dessen Diss über Nietzsche Friedrich Nietzsche on the Philosophy of Right and the State wurde nämlich gerade bei der SUNY Press ins Englische übersetzt. Kazantzakis: ist für mindestens zwei Bücher bei uns bekannt: für Alexis Sorbas und für Die letzte Versuchung Christi, beide mit prominenten Verfilmungen. Da seh ich doch gleich im Sorbas einen Zarathustra-Schüler...

03 März 2007

Körperdenken

Gabor Csepregi hat sich nach eigenem Bekunden schon länger gewundert, warum Philosophy of body nicht so eine Disziplin ist wie Philosophy of mind. Mit seinem The clever body (Calgary : University of Calgary Press, 2006) hat er nun zumindest ein Fundament gelegt. Sieht man den Körper als Werkzeug und ausführendes Organ des bewussten Willens, dann gibt es nicht so viel über ihn zu sagen. Csepregi interessiert sich vor allem da, wo die eigene 'Intelligenz' des Körpers sichtbar wird.
Der Klappentext des Buches teilt nicht nur mit, dass Csepregi am Dominikanischen College in Ottawa lehrt, sondern auch, dass er über Erziehung, Musik und Sport gearbeitet habe: klingt nach einer guten Qualifikation für das Thema Körper, einmal nicht von der Phänomenologie à la Merleau-Ponty ausgehend (da habe ich in letzter Zeit einige Titel über die 'Leiblichkeit' gesehen).

01 März 2007

"Experimentelle Philosophie"

... ist ein netter Ausdruck, und hier wird erklärt, was er bedeutet:

Experimental philosophy is the name for a recent movement whose participants use the methods of experimental psychology to probe the way people make judgments that bear on debates in philosophy. Although the movement has a name, it includes a variety of projects driven by different interests, assumptions, and goals. Just in the past few years philosophers have carried out experimental work in areas as diverse as epistemology, action theory, free will and moral responsibility, the philosophy of language, ethics, the philosophy of law, and the philosophy of science. Given that "experimental philosophy" is perhaps best viewed as a family resemblance term, the boundaries are admittedly vague.

But the following two questions nevertheless help shed light on what it means to be an experimental philosopher: First, do you run controlled and systematic studies and use the resultant data to shed light on philosophical problems? Second, do you sometimes address the tension that exists between what philosophers say about intuition and human cognition, on the one hand, and what researchers are discovering about these things, on the other hand?


Zitiert nach dem programmatischen Blog Experimental philosophy, von Thomas Nadelhoffer und anderen. Für mich liegt die Frage nahe: Wie verändert eine solche Anbindung ans Empirische die Methode des Gedankenexperiments? Funktioniert das nun besser oder schlechter: als Appell an die Intuition vieler, nicht des einzelnen?