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02 Dezember 2008

Hume und Rousseau

Auf meiner inneren geistigen Landkarte waren Rousseau und Hume bisher zwei getrennte Kontinente. Hume hat dort einen guten Platz, der sich meiner Lektüre des Treatise und der Enquiries verdankt, und auch dem Satz von Karl Hepfer, dass man sein Philosophie-Examen bestehen würde, wenn man den Treatise und die Kritik der reinen Vernunft gelesen habe. Er ist der Endpunkt der empiristischen Trias Locke-Berkeley-Hume. Dass Hume auch über die Geschichte geschrieben hat und als guter Stilist gilt, wurde glaubich mal im Proseminar erwähnt.
Rousseau kommt hingegen nur als vager Schemen eines Aufklärungsschriftstellers mit seltsamer Autobiographie ("Bekenntnisse"), weltfremder Pädagogik des Zurück zur Natur (Emile) -- bekanntermaßen hat Rousseau seine eigenen Kinder ins Waisenhaus gegeben statt sie zu erziehen -- und schließlich als Erfinder des Gesellschaftsvertrags daher. Oder als Antagonist von Hobbes, der ja meinte, dass der Mensch im Urzustand seinen Mitmenschen anfallen würde. Überschneidungen gab es also auf dieser geistigen Karte nicht.
Dass die beiden sich tatsächlich kennengelernt haben, dass Hume Rousseau sogar dabei half, in England eine Bleibe zu finden, dass schließlich daraus ein grotesker Streit wurde und dass Rousseau wohl unter Verfolgungswahn leidet -- das habe ich gerade auf höchst ergötzliche Weise im neuen Buch von David Edmonds und John Eidinow, Rousseaus Hund (DVA 2008), gelesen. Edmonds und Eidinow hatten schon über Wittgenstein, Popper und den Feuerhaken geschrieben, haben also etwas Übung in der populären Darstellung von Philosophen. In diesem neuen Buch über die beiden sehr gegensätzlichen Aufklärungsphilosophen gelingt ihnen ein schönes Sittenbild, das Einblick gewährt in die Welt der literarischen Salons in Paris und London der 1760er Jahre. Gut gefällt mir auch die Einbindung von Bildmaterial in den Text. (Die Übersetzung von Sonja Hinck ist ebenfalls gelungen.)
Hin und wieder habe ich den Eindruck, dass die beiden Autoren es vorziehen, Fundstücke mitzuteilen, statt diese auch zu bewerten, so dass vor allem im späteren Teil des Buches einige Male der Eindruck entsteht, die Erzählung gefalle sich in der Aneinanderreihung von Einzelheiten. Das ist aber zum Glück nicht oft der Fall. Für mich war das Buch jedenfalls ein Gewinn, da es doch die eingangs erwähnte geistige Karte ein bisschen umgeschrieben hat...

Kommentare:

  1. Mehr dazu findest du beispielsweise in Gerhard Stremingers großer Hume-Biografie ("David Hume - Sein Leben und sein Werk").

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  2. Danke für den Hinweis. Von STreminger hab ich sogar ein Buch über Hume -- nur noch nie reingesehen. :-( Werd ich dann mal tun...

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  3. Inzwischen habe ich auch das Rousseau-Kapitel bei Streminger gelesen. Streminger ist etwas strenger gegenüber Rousseau und fragt sich bloß, ob Hume eine Schuld trifft, weil er den Briefwechsel veröffentlicht hat. Da scheint mir sein Urteil allerdings ein bisschen an der Kultur der Öffentlichkeit vorbeizugehen. In einer Zeit,in der die Nachricht, dass Rousseau in London sein Hund entlaufen ist, den Weg in die Zeitung findet, scheint es mehr als legitim, wenn die halböffentliche Anklage Rousseaus durch Veröffentlichung von Dokumenten gekontert wird.

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