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21 April 2009

Anz, Lauer und schon wieder Jochum über Open Access

Thomas Anz interviewt Gerhard Lauer zum Thema Open Access und sog. Heidelberger Appell auf www.literaturkritik.de. Habe das Interview erfreut über Lauers ruhige und differenzierte Antwort gelesen, und war auch von Anz' Fragestil ganz angetan. Und dann gesehen dass Uwe Jochum einen Leserbrief geschrieben hat. Musste ich gleich selbst einen schreiben, dessen Text ich hier wiedergebe:

Sehr geehrter Herr Anz,

vielen Dank für das Interview. Schön, dass mit Herrn Lauer mal ein Geisteswissenschaftler zu Wort kommt, der die Open Access Bewegung verstanden hat und auch zu den jüngsten Veröffentlichungen rund um den sogenannten "Heidelberger Appell" Substanzielles zu sagen weiß.

Dass Herr Jochum als Mitinitiator die Dinge anders sieht, ist ja klar. Dass er mit gezinkten Karten spielt, war zu erwarten. Nehmen Sie seine beiden Verweise auf das "Nachrechnen" mit den Links auf die beiden Texte, die zeigen sollen, dass die Open Access-Veröffentlichung nicht das billigere Publikationsmodell sei. Im "Was Open Access kostet"-Text vergleicht er die von ihm erhobenen Kosten der DVjs mit PLoS. Die DVjs ist eine geisteswissenschaftliche deutsche Zeitschrift, PLoS eine internationale aus dem STM-Bereich. Warum vergleicht er nicht mit einer renommierten OA-Veröffentlichung aus dem Geisteswissenschaftlichen Bereich? Z.B. mit "Philosopher's Imprint", eine Philosophie-Zeitschrift, die kürzlich in Brian Leiters vielgelesenem Philosophieblog Leiterreports von den Lesern unter die 10 wichtigsten Philosophie-Zeitschriften überhaupt gezählt wurde. Philosopher's Imprint nimmt keine Gebühren von den Autoren. Also: Philosopher's Imprint ist OA und -- für die UBs -- billiger als die DVjs.
Aber natürlich wählt sich jeder seine Beispiele so, wie es ihm passt, und das gilt auch für meins. Trotzdem hat Jochum geschummelt, weil er suggeriert, die Herausgeber von DVjs und PLoS würden etwa die gleichen Leistungen erbringen. Wie hoch ist z.B. die Ablehungsquote der DVjs? Wieviele Beiträge müssen redaktionell versorgt werden, um 24 Beiträge im Jahr zu veröffentlichen? BioMedCentral, ein Open Access-Anbieter im STM-Bereich, hat da mal 2007 Zahlen veröffentlicht. Die müssen schon ganz andere Mengen bewältigen.
Und Jochum hat geschummelt, wenn er so tut, als würden Autoren nichts bezahlen. Bei der DVjs vielleicht nicht, aber mit denen konkurriert PLoS ja auch nicht. Bei STM-Zeitschriften ist es durchaus üblich, dass ein Autor für die Veröffentlichung einen seitenabhängigen Preis bezahlen muss -- ohne dass danach die Zeitschrift OA zur Verfügung steht.
Also: Vergleicht man die DVjs mit mancher geisteswissenschaftlichen OA-Zeitschrift, ist sie teurer für eine UB. Vergleicht man sie mit einer biomedizinischen OA-Zeitschrift, ist der Vergleich schief.
Der zweite, "Katzengold"-genannte Text, handelt von Nationallizenzen, und er schummelt ebenfalls. Da nimmt Jochum z.B. eine Kostenschätzung von 1990 her, was die Kosten des Digitalisierens angeht, und kommt damit 2008 zum Schluss, die Gesamtdigitalisierung aller Bücher würde heute 40 Mrd. Euro kosten. Zum Vergleich: ein Digitalbild hat 2003, also 10 Jahre nach der von Jochum zitierten Schätzung, in meiner UB 5,- € gekostet, jetzt kostet es 25 Cent, also 1/20. Die anderen Zahlen in dem Artikel werden ähnlich haarsträubend berechnet; mit Open Access hat das aber nichts zu tun. Da hat Jochum bloß auf die UB Yale verwiesen, die aus dem institutionellen Abo von Biomed Central ausgestiegen ist. Jochum hat hier übrigens die Fakten falsch wiedergegeben. Die UB von Yale ist da aus der Finanzierung ausgestiegen, aber nicht die Uni; weiterhin nutzen Wissenschaftler von Yale die Publikationsmöglichkeiten von Biomed Central. Nachzulesen hier: http://blogs.openaccesscentral.com/blogs/bmcblog/entry/yale_and_open_access_publishing.

Auch beim zweiten Punkt möchte man Matth. 7,3 zitieren, wenn Jochum den "autoritativen Sprachgestus" der Entgegnung der Wissenschaftsförderinstitutionen beklagt, während er und Reuß in schon einigen Feuilletonveröffentlichungen über "Enteignung" reden; Reuß kann man zitieren mit dem Wort vom "staatsmonopolistischen Verwertungskreislauf", den er heraufdräuen sieht, zugleich mit der wissenschaftspolitischen "Machtergreifung". Meine Herren, geht's nicht ein bisschen weniger aufgeregt?
Jochum hat offenbar auch das Google Books Settlement nicht zur Kenntnis genommen oder nicht verstanden, denn nur so kann er schreiben, dass Google sich "Inhalte umstandslos aneignen" würden. Das stimmt schlicht nicht. Ja, die haben erst gescannt und dann gefragt. Verwerflich. Stimme ich zu. Aber auf dem Stand sind wir nicht mehr. Bitte genauer hinsehen.
Bemerkenswert finde ich auch die oft wiederholte Klage, die Anzeige von Büchern bei Google Books würde die Autoren hindern, weiteren Nutzen aus ihren Werken zu ziehen, insbesondere wenn es sich um lange vergriffene Werke handelt, für deren Nachdruck sich kein Verlag interessiert. Wer gelesen werden möchte, dem hilft das Google Books Programm, überhaupt gefunden zu werden! Wobei ich selbstverständlich der Meinung bin, dass jeder selbst wählen können soll, ob er gefunden werden möchte oder nicht. Aber wer, wie Jochum ja vielleicht, seine Nutzungsrechte am eigenen Buch komplett an einen Verlag übergeben hat, der muss ohnehin es diesem überlassen, sich darum zu kümmern.

Auch das Lux-Interview hat Jochum nicht richtig gelesen. Lux sagt, dort, "unsere Kunden wollen nichts bezahlen" -- damit sind die Kunden der Bibliotheken gemeint. Und dass Bibliotheken im besten Fall ihre Leistungen kostenlos zur Verfügung stellen, darin sind wir uns wohl einig! Der Interviewer übersetzt das aber in "Free Culture - dann können die Verleger doch einpacken". Das heißt, er antwortet so, als habe Frau Lux gesagt: Wir wollen alles umsonst. Ich will Jochum da keinen bösen Willen unterstellen; die Kommentare im Börsenblatt zeigen, dass auch die mitlesenden Verlagsvertreter und Buchinteressierten das großenteils erstmal so verstanden haben. Aber von einem Philologen, einem Freund des Wortes, wird man etwas genauere Lektüre -- und auch genaueres Denken! -- erwarten dürfen.

Freundliche Grüße,
...

Eigentlich müsste man den Jochumschen Behauptungen wieder genauer nachgehen. Insbesondere irritierend finde ich diese "Rechenbeispiele", wo also die Kosten der DVjs mit denen eines PLoS-Journals verglichen werden.

Kommentare:

  1. Anonym22/4/09

    Danke für den klaren Kommentar! Jochum betreibt ja schon systematischen Faktenschwindel. Schade, als Ex-Konstanzer hatte ich ihn als besonnenen und intelligenten UB-Referenten kennen gelernt. Warum er sich inzwischen derart ereifert und in einer derart schwülstigen und selbstgefälligen Manufactum-Prosa suhlt (heute kam das Sommerheft, die schreiben auch so ;-), kann ich nicht verstehen. Dass Reuss einfach wg. der DFG beleidigt ist, okay. Und wie er als Beamter (der er wohl ist?) seinem Dienstherren derart in den Rücken fallen kann ... .

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  2. Ich habe Jochum im Rahmen der bibliothekarischen Ausbildung in Konstanz mal kennengelernt. Da hat er das Hohelied auf das wissenschaftsnahe Fachreferat gesungen und darüber geredet, wie wichtig es sei, als Bibliothekar selbst Wissenschaftler zu sein, um ernst genommen zu werden von den Gesprächspartnern. Dies vor dem Hintergrund, dass vor einiger Zeit die Bibliothekare auch des Höheren Dienstes (sprich: die Fachreferenten) in Ba-Wü vom Wissenschaftlichen zum Verwaltungsdienst umgebucht worden waren. Das heißt, Jochum ist ohnehin in der Absetzbewegung, gerade in Konstanz, wo die UB einen guten Ruf als Servicezentrum hat, soweit ich weiß. (Nicht, dass ich hier "Service" und Wissenschaft gegeneinander ausspielen wollte.)
    Seine Bibliotheksgeschichte ist eigentlich auch nicht schlecht, nur etwas theorieverliebt, -- das letzte Kapitel der neuen Auflage, auf dass er sich im Leserbrief bezieht, kenne ich allerdings nicht.

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