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01 Februar 2006

Evangelische Kirche und Sterbehilfe

Die EKD ist gegen aktive Sterbehilfe, und das war sie schon immer. Auf ihrer Website kann man ältere Erklärungen nachlesen. Dort heißt es zum Beispiel -- aus einer gemeinsamen Erklärung der EKD und der Katholischen Bischofskonferenz von 2003 --:
Aktive Sterbehilfe ist und bleibt eine ethisch nicht vertretbare, gezielte Tötung eines Menschen in seiner letzten Lebensphase, auch wenn sie auf seinen ausdrücklichen, verzweifelten Wunsch hin erfolgt. Wir wissen, wohin es führen kann, wenn Menschen von Dritten für nicht mehr lebenswert erklärt werden, statt in ihrer Schwäche, Krankheit oder Behinderung als Menschen akzeptiert und nach ihren Bedürfnissen umsorgt zu werden.
Die derzeitige Diskussion um die aktive Sterbehilfe ist in Deutschland beeinflusst durch die Erfahrungen der Vergangenheit (Gesetzgebung und mörderische Praxis der Nazizeit), die uns sensibel machen gegen jede Form von Ausgrenzung, Aussortierung und Vernichtung anhand scheinbar objektivierbarer Kriterien. Wir wenden uns gegen alle Aussagen, die das Leben von Menschen als „nicht mehr lohnend“ oder „nicht mehr lebenswert“ abqualifizieren. Wir verweisen demgegenüber auf die Kostbarkeit jedes einzelnen Menschen und die unabdingbare Würde jeder einzelnen Person.
Man sieht leicht, dass hier überhaupt kein Argument vorliegt, sondern lediglich eine Behauptung: xy "ist und bleibt ethisch nicht vertretbar". Woher kommt diese Gewissheit?
Der Text der Erklärung offenbart, wovon die moralische Überlegung ihren Ausgang nimmt: nämlich davon, was wir tun, tun oder unterlassen sollen. Im Unterschied zu dem, was derjenige tut, der sich zu sterben wünscht. Das jemand zu sterben wünschen kann, und sogar "ausdrücklich und verzweifelt", spielt gar keine Rolle.
Nein, die Vertreter der Kirchen haben die deutsche Vergangenheit und die Euthanasiepraxis der Nazis vor Augen. Und sie blicken mit Sorge auf ökonomische Zwänge der medizinischen Versorgung. Schließlich denken sie wohl auch noch an die Schwäche der Angehörigen, für die die Sterbebegleitung beim langsamen Sterben durchaus eine Überforderung darstellen kann. Sie blicken also auf die Parteien, die etwas mit dem Sterbenden machen können, und denen wollen sie es verbieten. Das ist, finde ich, ganz in Ordnung. Die Argumentation mit der Würde desjenigen, der da sterbend liegt, auch.
Aber gerade der Bezug auf die Würde müsste doch auch die Überlegung eröffnen, ob wir nicht moralisch gefordert sind, seine Wünsche ernst zu nehmen. Und wenn jemand "ausdrücklich und verzweifelt" zu sterben wünscht, wer sind wir, dem zu widersprechen? Würde hat doch auch mit der Möglichkeit der Selbstbestimmung zu tun. Mir scheint, dass die kirchlichen Sprecher zwei Dinge miteinander in einen Topf werfen, die besser getrennt blieben. Das eine sind die gesellschaftlichen Bedingungen des Sterbens, und die sollten, natürlich, so gut wie möglich sein. Wirtschaftliche Überlegungen o.ä. sollten keine Rolle spielen. Und das andere ist die Selbstbestimmung des Betroffenen. Eine "Hilfe", wie in dem Wort "Sterbehilfe" enthalten, ist wohlverstanden schließlich immer etwas, was auf Verlangen des Geholfenen erfolgt -- ein anderes Verständnis von Hilfe entmündigt und ist zynisch. Die Kirchen wehren sich gegen die Tendenz zur Entmündigung, aber dem eigentlichen Verständnis zur Hilfe haben sie nichts beizutragen.
(Ich werde den Verdacht nicht los, dass das mit der Geschichte des Umgangs mit Schmerzen zu tun hat. Das jemand zu sterben wünscht, zum Beispiel, weil er für ihn unerträgliche Schmerzen leidet, finden die Kirchen nicht so schlimm, schließlich hat Jesus ja auch am Kreuz gelitten. Und das jemand zu sterben wünscht, solange er bei Sinnen ist, spielt gar keine Rolle -- das ist die Kehrseite eines Menschenbildes, das sich immerzu auf die "Ebenbildlichkeit" beruft, was allzu leicht rein äußerlich begriffen werden kann.)

Wie komme ich darauf? Der Gemeindebrief kam heute, darin wurde (kritiklos) aus einer ähnlichen Erklärung der EKD zitiert.

Kommentare:

  1. Hilfe, oh Gott, nein, legen Sie sie bitte wieder hin, die "Würde"... ja, genau... gaaaanz langsam... Puh, Danke.

    Die "Würde" halte ich für eine extrem gefährliche und ungesicherte Waffe. Man sollte sie wirklich nur dann anfassen, wenn wirklich NICHTS anderes mehr geht.
    Denn sobald man sie in der Hand hat, dann fällt einem zu, nein, dann steht man in der Verantwortung, zu sagen was das denn überhaupt ist: Würde. Und das HEIßT AUCH, bzw. schließt mit ein, zu sagen was Würde eben NICHT ist. Und ohne das man sich versieht, hat man dem oder derjenigen die Würde ihres/seines Lebens mirnichts dirnichts einfach so abgesprochen, obwohl man das vielleicht gar nicht wollte. Also Vorsichtig bitte, Vorsicht mit diesem Wort...

    Und hier denke ich, ist auch die Grenze der analytsichen Philosophie in der Ethik erreicht. Denn sobald man Würde zu begründen sucht, ist man schon verloren. Man kann Würde an keine noch so abstrakte Bedingung knüpfen, ohne im Wahnsinn der "Unwürdigkeit" zu enden.
    Darüber hinaus sollte im Grundgesetz zum Artikel eins der Zusatz stehen: "Das Wort "Würde" ist unantastbar".

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  2. Anonym12/5/10

    alles scheiße ;D

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