blogoscoop

21 November 2006

Philosophie des Geistes im Grundkurs

Es mag ein paar ältere Leute geben, die beim Stichwort "Philosophie des Geistes" an Hegel denken. Die meisten werden aber zu Recht vermuten, dass sich dahinter etwas über Bewusstsein, Identität, Person undsoweiter verbirgt. Wie groß das Gebiet dahinter ist, war bislang den des Englischen mächtigen Lesern sehr viel leichter zu erahnen gewesen; im Grunde gab es mit Bieris Analytische Philosophie des Geistes nur eine einführende deutschsprachige Textsammlung. Thomas Metzinger, der rührige Mainzer Experte auf diesem Gebiet, hat nun einen Grundkurs als einführende Textsammlung zusammengestellt, dessen erster Band (von dreien) bei mentis soeben erschienen ist. Neben der didaktischen Aufbereitung: der Einteilung in Modulen, den einführenden Bemerkungen, den Philosophenbildern, dem "Serviceteil" mit Lektüreempfehlungen in Schwierigkeitsgraden (!) ist sicher die Stärke der Konzeption, eben einen deutschsprachigen Überblick zu bieten. So treffen wir im ersten Band neben guten Bekannten, die längst auf deutsch vorliegen, wie Peter Bieris "Was macht Bewusstsein zu einem Rätsel?", Daniel Dennetts "Qualia eliminieren" oder Frank Jacksons "Epiphänomenale Qualia" auch ein paar Texte, denen ich bisher nicht auf deutsch begegnet bin, so z.B. Paul Churchlands "Die Wiederentdeckung des Lichts". Dass es gewisse Überschneidungen mit dem früheren Metzingerschen Sammelband Bewusstsein gibt, liegt auf der Hand, gilt doch dieser erste Band des Grundkurses dem "Phänomenalen Bewusstsein". Band zwei gilt dem Leib-Seele-Problem, Band drei der Intentionalität.
Metzingers Grundkurs bietet, wie ich finde, eine verdienstvolle Zusammenfassung: und vom Verlag zu einem ordentlichen Preis angeboten: unter 30,- € pro Band.

Haydn oder Auster?

You are a soul in heaven waiting to be allocated a life on Earth. It is late Friday afternoon, and you watch anxiously as the supply of available lives dwindles. When your turn comes, the angel in charge offers you a choice between two lives, that of the composer Joseph Haydn and that of an oyster. Besides composing some wonderful music and influencing the evolution of the symphony, Haydn will meet with success and honour in his own lieftime, be cheerful and popular, travel, and gain much enjoyment from field sports. The oyster's life is far less exciting. Though this is rather a sophisticated oyster, its life will consist only of mild sensual pleasure, rather like that experienced by humans when floating very drunk in a warm bath. When you request the life of Haydn, the angel sighs, "I'll never get rid of this oyster life. It's been hanging around for ages. Look, I'll offer you a special deal. Haydn will die at the age of seventy-seven. But I'll make the oyster life als long as you like."


Die Geschichte stammt von Roger Crisp, aus seinem Buch Mill on Utilitarianism, das 1997 erschien (S. 24). Er erzählt sie noch einmal in seinem neuen Buch Reasons and the good (Oxford : Clarendon, 2006, S. 112). Sie soll die Frage illustrieren, ob alles, was für ein Gutes Leben zählt, eine 'enjoyable experience' sei. Mill selbst schrieb in seinem Buch Utilitarianism, es sei besser, ein unzufriedener Sokrates zu sein als ein glückliches Schwein; zur Begründung unterschied er zwischen höheren und niederen 'pleasures'. Das wirft eine Schwierigkeit auf, weil nicht klar ist, worin sich höhere von niederen unterscheiden. Liegt der Unterschied in der Menge an pleasure, dann wäre das kein prinzipieller Unterschied und damit nicht einzusehen, warum ein glückliches Schwein weniger gut sein sollte als ein unglücklicher Sokrates. Liegt's in der Qualität, dann fragt sich, ob diese unterschiedliche Qualität nicht für sich, ohne die Menge des damit verbundenen Pleasure in Betracht zu ziehen, etwas Gutes sein könnte (womit der Utilitarimsus als Wertmonismus verwässert wäre). Crisp meint, Mill einen Ausweg aus dem Dilemma weisen zu können: indem er etwas genauer hinsieht, wie man pleasure bzw. enjoyment auszubuchstabieren hätte. Das befriedigt dann auch die Intuition, dass die sinnlichen Genüsse einer Auster mit den geistigen von Haydn nicht mithalten können.

Menschheit gentechnisch veredeln?

Wieder einmal ein Blick auf ein Privatsystem der Philosophie bzw. Weltanschauung -- das Internet ist ja eine wunderbare Plattform für jeden Gedanken, und jeder findet seine Leser, irgendwann. Das 'Private Institut für Androiden und Superzivilisationsforschung' von Günter Einbeck beschäftigt sich mit der Frage, wie die Menschheit sich weiterentwickeln soll. Dass der Verfasser mit Sorge auf die Gegenwart blickt, wundert nicht. Dass er als Lösung eine von SF-Schriftstellern inspirierte Vision einer technisch veredelten Menschheit sieht, schon eher. Aber ich will hier gar nicht auf die wunderliche Mischung eingehen, sondern nur die Frage stellen, die für Einbeck schon beantwortet zu sein scheint. Angenommen, durch Gentechnik ließe sich 'das Böse' in der Menschheit ausrotten, dürften wir das dann (auch gegen den Willen der gentechnisch zu 'Veredelnden')?
Antwort: Kann man das überhaupt? Ist 'das Böse' ein genetisches Problem? Würde man mit der Entfernung 'des Bösen' womöglich den Menschen den freien Willen nehmen?
Und wie stehen wir zu den Wünschen anderer? Es ist klar, dass Einbecks Weltanschauung da keine Schwierigkeiten hat: wer böse ist, hat eben kein Recht auf seine genetische Integrität, oder: er würde selbst die Veränderung wollen, wenn er dazu klug genug wäre. Aber wir argumentieren doch nicht so?

20 November 2006

Naturwissenschaften und Moralischer Blick

In seinem neuen Buch Science and virtue (London : Ashgate, 2006) geht Louis Caruana dem Zusammenhang nach, der zwischen einer naturwissenschaftlich forschenden Tätigkeit bzw. einer 'wissenschaftlichen Mentalität' und moralischem Verhalten besteht. Dabei interessiert er sich in der Hauptsache nicht für die Frage, inwiefern der Materialismus der Naturwissenschaften Empathie und Humanität abtötet -- das wäre ja eine Lieblingskritik an der zweiten Kultur --, sondern mehr für die Frage, wie wissenschaftliche Tätigkeit bestimmte Tugenden fördert, die zum 'guten Leben' beitragen. Ihm geht es sowohl um das gute Leben des Forschers selbst als auch um das 'gute Leben' oder Blühen der Menschheit.
Caruanas Essay hat durchaus eine normative Dimension: er wünscht die Verbindung von Wissen (als dem Ziel der Wissenschaften) und Weisheit. Erst in der Suche nach Weisheit würden die Tugenden wissenschaftlicher Mentalität verantwortungsvoll gebraucht. Deutlicher gesagt: sieht Caruana durchaus die Mängel in einer ausschließlich 'wissenschaftlichen' Mentalität -- nur konzentriert er sich auf deren Stärken.

Die Tugend der Eifersucht

Der Isländer Kristján Kristjánsson schreibt in seinem Buch Justifying Emotions : Pride and Jealousy (London : Routledge u.a., 2002, 2006 als Paperback) von der Rolle, die Gefühle in der Moral spielen. Wie der Titel schon vermuten lässt, geht es ihm darum, die Gefühle gegen die Ansicht zu verteidigen, sie würden nur das moralische Urteil vernebeln und seien darum hinderlich. Kristjánsson hält hingegen Gefühle für essentiell, und das scheint mir zu stimmen: erstens um der Rolle willen, die Gefühle in der Handlungsmotivation spielen, zweitens um des Anteils der Gefühle am Charakter willen. Kristjánsson versucht außerdem zu zeigen, dass eine gefühlsmäßige Reaktion oft eine rationale Reaktion ist, dass Gefühle also die Wahrnehmung bestimmter Erfahrungen unterstützen und damit die Grundlage für moralische Entscheidungen verbessern. Vor diesem Hintergrund sind die ausführlichen Kapitel über Eifersucht und Stolz zu lesen und das Unterkapitel über "Jealousy as a virtue" (S. 161ff.).

18 November 2006

Verwirrungsfortschritt

I shall discuss what is, for me at least, an extraordinarily difficult and puzzling topic [...] I have discussed this topic on other occasions when, I regret to say, I have been even more confused than I am now. But I find that other philosophers are confused, too. I think I have made some progress. And so I fell justified, therefore, in taking up the topic once again.

Roderick Chisholm leitet so seinen Aufsatz ein über 'Problems of Identity', der 1971 in dem Sammelband Identity and Individuation, hg. von Milton K. Munitz, erschien. Sympathische Einleitung! (Das Problem, das Chisholm meint, ist das der Persistenz: der Identität durch die Zeit.)

14 November 2006

Gedanken beim Heben des Fingers

Richard Powers' erwähnt in seinem neuem Roman Das Echo der Erinnerung (The Echo Maker), in dem es unter anderem um den Zusammenhang zwischen Geist und Materie, Bewusstsein und Gehirn geht, die Experimente von B. Libet: eine der Hauptfiguren, der Neuropsychologe Gerald Weber, ruft sich diese in Erinnerung:
Willensfreiheit: Libet trug diese Vorstellung 1983 zu Grabe, sogar für das so genannte normale Gehirn. Er bat Testpersonen, mit einer Uhr, mit deren Hilfe sich zeitliche Differenzen von wenigen Mikrosekunden festhalten ließen, den exakten Zeitpunkt anzugeben, zu dem sie beschlossen, einen Finger zu heben. Durch Elektroden überwachten sie gleichtzeitig, ob ein Bereichtschaftspotential im Gehirn auf die bevorstehende Muskeltätigkeit hinwies. Dieses letztere Signal setzte in der Regel eine Drittelsekunde vor der Entscheidung zur Bewegung des Fingers ein. Folglich ist das wollende Wir nicht das Wir, für das wir es halten. Unser freier Wille ist eine klassische Komödienfigur: der Botenjunge, der glaubt, er sei der Chef.

So in Powers' Worten (S. 450). Die Darstellung stimmt ungefähr, wie man der ausführlicheren (und sozusagen wissenschaftlichen) Zusammenfassung von Stefan Straßmaier in seiner online als pdf verfügbaren Diss Willensfreiheit - oder kausale Determination von Handlungen?, S. 57ff., entnehmen kann. Ich habe mich schon seit ich das erste Mal von Libets Experimenten gelesen habe gefragt, wie es als Beleg für das taugen kann, wofür es in Anspruch genommen wird: es beweist doch nur, dass das Phänomen früher da ist, als es wahrgenommen wird. Wenn man die Wahrnehmung der Entscheidung, den Finger zu heben, mit dieser Entscheidung gleichsetzt, dann begeht man, scheint mir, einen offensichtlichen Fehlschluss. Der liegt nahe, weil er schön in eins geht mit der Idee, dass eine Entscheidung etwas Bewusstes ist und damit auch zuerst im Bewusstsein stattfinden muss, bevor sie sich auf die Materie (das Heben des Fingers) auswirkt. Mit solcher Interpretation tun sich natürlich eine Menge Fragen darüber auf, wie das Bewusstsein es schafft, auf die Materie zu wirken. Wenn man hingegen annimmt, dass Bewusstsein die eine Seite von etwas ist, dessen andere Seite das Gehirn ist, dann führt es weiter, ein gemeinsames Auftreten von materieller Veränderung (Bereitschaftspotential im Gehirn) und Bewusstseinszustand (Entscheidung) anzunehmen. Und die Selbstwahrnehmung ist eben langsamer als die der Messfühler.

[Update 14.4.2008] In Nature Neuroscience (DOI 10.1038/nn.2112) zeigen soeben Wissenschaftler ihr Experiment über den Zusammenhang von Entscheidungsfindung und deren Wahrnehmung an. Demnach soll in einigen Fällen die Entscheidung bis zu 10 Sekunden im Hirn vorbereitet worden (und damit für die Forscher wahrnehmbar bzw. vorhersagbar) gewesen sein, bevor die Testperson ihre Entscheidung selbst kannte. Ganz schön eindrucksvoll: 10 Sekunden. Allerdings ging es um das Drücken zweier Knöpfe, und die Trefferquote der Vorhersage lag bei 60%. Das ist natürlich ein bisschen besser als geraten...

[Update 16.5.2008] Habe gerade das Buch Hirnforschung und Menschenbild : Beiträge zur interdisziplinären Verständigung (Fribourg : Academic Press, 2007), hg. von Adrian Holderegger u.a., vor mir. Darin auch ein Aufsatz von Martine Nida-Rümelin (S. 91-120) Zur philosophischen Interpretation der Libet-Experimente, in dem die weitverbreitete Standarddeutung, die Willensfreiheit wäre am Ende, einer kritischen Analyse unterzogen wird.

06 November 2006

Mogeln Amerikaner mehr als Japaner? Deutsche mehr als Briten?

Eine Studie im Global Virtue Ethics Review 5 (2004), 4, 5-31, lief mir gerade über den Weg, in der fünf Autoren von der Roger Williams University in Bristol / Rhode Island der Frage nachgehen, wie sich das Mogelverhalten von College-Studenten in den USA und Japan unterscheidet. Eines der ERgebnisse: " ... that the moral behavior of US students is below that of their Japanese counterparts". Wie funktioniert die Studie? Die Studenten wurden befragt, ob sie schon gemogelt hatten und ob sie mogeln würden. Das erstere dient der Herstellung einer "Mogelhistorie" für den einzelnen, die Rückschlüsse darauf zulassen soll, ob, wer früher mogelt, das später eher auch tut. Wenig überraschend: dem ist so. Und übrigens in Japan häufiger als in den USA. Wie dem auch sei, die Autoren meinen, dass die "Dunkelziffer" der echten Mogler sogar noch höher sein müsse, weil es ja den bekannten Effekt des (sozial) erwünschten Verhaltens in der Öffentlichkeit gebe, der Leute daran hindern könne, über ihr tatsächliches Mogelverhalten Auskunft zu geben. Dass dieses Verhalten auch umgekehrt wirken könne: dass Leute behaupten, sie hätten gemogelt, weil sie denken, dass die Umfrager das gern hören möchten, haben Richard A. Bernadi et. alii allerdings nicht bedacht, aber vielleicht ist das auch nur ein laienhafter Einwand.

In diesem Zusammenhang ist vielleicht noch der Blick auf eine Spiegel online-Geschichte von heute interessant. Im British Journal of Criminology 46, S. 1011, berichtet Christian Stöcker, sind die Ergebnisse einer größeren vergleichenden Studie zusammengefasst, die das moralische Verhalten von Deutschen, Engländern und Walisern untersucht. Die Wissenschaftler haben auch eine Erklärung für das zunehmende unmoralische Verhalten: die Wirtschaft ist schuld. Könnte sein. Das Recht ist schuld. Könnte auch sein. Einfaches Beispiel: Die Steuererklärung zu machen ist dermaßen kompliziert, dass die meisten Privatleute davon überfordert sind. Es ist leichter, den Staat zu betrügen, als die Möglichkeiten auszuschöpfen, die der Staat vorgesehen hat. Also trägt wohl eine komplizierte Steuererklärung dazu bei, dass Leute nicht mehr im Bus Platz machen, wenn eine Mutter mit Kinderwagen einsteigen will...

05 November 2006

Wer ist der Vater der Amerikanischen Philosophie?

Na?
John Locke natürlich. Meint Morton White, im ersten Kapitel seiner Anthologie Documents in the history of American philosophy, die 1972 bei Oxford UP erschienen war. Locke "probably exerted more influence on early America thought than any other single man". Aber dann geht es im 18. Jahrhundert mit Jonathan Edwards und James Wilson los, Prediger der eine, Politiker der andere. Für das 19. Jahrhundert hält sich White weiterhin an die Idee "that philosophy in America is not merely philosophy written by Americans", und bringt Auszüge aus dem Werk Coleridges, bevor man George Ripley, Ralph Waldo Emerson und Theodore Parker lesen kann. Bis auf Emerson sind mir vor allem die Namen der Briten vertraut... Erst wenn, nach Herbert Spencer (wieder ein bekannter Engländer), John Fiske, Chauncey Wright, J. B. Stallo, endlich die Pragmatiker Peirce und James sowie der Idealist Royce genannt werden, schließlich Santayana und Dewey, kommen die mir bekannten Namen. Amerikanische Philosophie: eine unbekannte Geschichte.

[Update 6.11.] Gerade gesehen, dass White auch noch ein eigenes Buch zur Amerikanischen Philosophie veröffentlicht hat: Science and sentiment in America : philosophical thought from Jonathan Edwards to John Dewey (OUP 1972), sozusagen der Kommentar zum Reader.

02 November 2006

Parapsychologie und Philosophie

William James starb 1910. Etwa 1925 erschien ein Buch, das er post mortem diktiert haben soll: Margaret Underhill, Your infinite possibilities (London: Rider and Co, ca. 1925). Angesichts der Tatsache, dass James sich auch mit Parapsychologie beschäftigte, eine gar nicht so unplausible Geschichte...
Wie stehen Philosophie und Parapsychologie zueinander? Jan Ludwig gab 1978 einen Band bei Prometheus heraus, der die einschlägigen Aufsätze versammelte. Interessant finde ich besonders solche Fragen wie Does the concept of precognition make sense?, der sich der Psychologe C. W. K. Mundle widmet, oder C.D. Broads The philosophical implications of foreknowledge. An dessen Ende findet sich ein interessantes Gedankenexperiment, das der Frage gilt, ob Voraussicht nur dann möglich ist, wenn die Welt komplett determiniert ist: was wohl ein beliebtes Gegenargument war. Ich zitiere:
I can infer from events in the less remote past that Julius Caesar decided in the more remote past to cross the Rubicon. No one imagines for a moment that this fact shows that Caesar's decision to cross the Rubicon was completely predetermined at any previous date. Suppose now that an augur at Rome had foreseen those later events from which we infer that Caesar had decided at an earlier date to cross the Rubicon. Obviously, he could have drawn presicesly the same conclusion about Caesar's then future dedicison as we draw about his now past decision. And, if the possibility of our making this inference from these data does not require Caear's decision to be completely predetemined, why should the possibility of the augur's making the same inference from the same data require this?

29 Oktober 2006

Höffe, Kant und das Urheberrecht

Der Tübinger Philosoph und Kantkenner Otfried Höffe gehört zu den Erstunterzeichnern eines Schreibens an die Bundesjustizministerin (hier als pdf), in der 500 Vertreter der Wissenschaft Protest einlegen gegen die geplante Änderung des Urheberrechts. In der FR hat er am 28. Oktober seinen Protest begründet. Dabei scheint ihn am meisten der geplante Paragraph 52b zu kratzen:
Vermutlich noch einschneidender ist das Vorhaben, den Eigentumsschutz bei der Terminalnutzung in Bibliotheken enden zu lassen: Öffentliche Bibliotheken, Museen und Archive sollen künftig jedes Werk aus ihren Beständen, selbst ein kostenlos überlassenes Pflichtstück, an beliebig vielen elektronischen Leseplätzen zugänglich machen. Es ist keine Panikmache der wissenschaftlichen Verlage, dass ein Gutteil von ihnen dadurch in ihrer Existenz bedroht wird. Mitbedroht sind Autoren und Buchhändler.

Harte Worte. Und Kant ist natürlich gewährsmann:
Bücher sind geistiges Eigentum, in erster Linie des Autors, danach, wegen der subsidiären Leistung, des Verlegers. Gegen dieses gestufte Eigentumsrecht verstößt schon bei Kant der Büchernachdruck. Weil er den rechtmäßigen Besitzern deren rechtmäßigen Vorteil entzieht, macht er sich eines klaren Rechtsbruchs schuldig. Er begeht Kant zufolge ein Verbrechen. Dabei bleibt es sich gleich, ob ein klassisches Druckwerk vorliegt, das man in die Hand nimmt, oder ein auf dem Bildschirm gelesener Text.

Also: Auch wenn der Staat die "Terminalnutzung" erlauben würde, wären die Nutzer Verbrecher? Aber im Ernst.
Ehrlich, liebe Leser, würden Sie auf die Anschaffung eines Brockhaus verzichten, weil sie die Artikel digital in der Bibliothek an einem speziellen Leseplatz lesen dürften? Nur um es klarzustellen: der Entwurf erlaubt weder das Ausdrucken noch das Abspeichern auf einem mitgebrachten Speichermedium. Und die Rede von "speziellen Leseplätzen" verstehe ich als Laie so, dass diese Leseplätze zu keinem anderen Zweck genutzt werden dürften. Ich habe daher große Zweifel, dass Höffes Thesen überhaupt stimmen. Die wichtigste ist natürlcih die folgende:
Es liegt auf der Hand, dass die Verbreitung durch die Bibliotheken mittels Bildschirmen die Verkäufe der entsprechenden Bücher und Zeitschriften erheblich einschränken wird.
Ja, liegt das auf der Hand? Ich bin Bibliothekar, also kann ich begründet einschätzen, wie sich das Kaufverhalten der Bibliotheken ändern wird. -- Man muss an dieser Stelle hinzufügen, dass der Gesetzesentwurf sprachlich offenlässt, ob das Werk im Bestand der Bibliothek sein muss, was der Börsenverein weidlich für seine Propaganda ausgenutzt hat. In der endgültigen Fassung wird das aber sicher wieder drinstehen, und Höffe scheint auch davon auszugehen, dass die Bibliotheken auf speziellen Leseplätzen digitale Versionen von Büchern anbieten würden, die sie bereits besitzen, für die sie also in der Regel bezahlt haben. Dann ergeben sich folgende Fragen:

1. Werden wissenschaftliche Bibliotheken weniger Fachbücher kaufen, weil sie diese digitalisieren und zum Lesen am Bildschirm anbieten dürfen? Ich glaube nicht: denn wissenschaftliche Bibliotheken kaufen in der Regel ohnehin bloß 1 oder 2 Exemplare. Für Lehrbuchsammlungen werden Mehrfachexemplare angeschafft, aber dafür wird immer noch Bedarf bestehen, weil ja an den Leseplätzen weder abgespeichert noch ausgedruckt werden darf. Wenn die Bibliotheksbenutzer ein Werk länger nutzen wollen, müssten sie es immer noch ausleihen.
2. Werden öffentliche Bibliotheken weniger Bücher kaufen, weil ...? Ich glaube nicht: denn deren Kunden wollen ja den neuen Harry Potter nicht am Bildschirm in der Bibliothek lesen.
3. Werden die Bibliotheksbenutzer Bücher nicht kaufen, weil sie diese für sie kostenlos in der Bibliothek lesen können? Ich glaube nicht: eher glaube ich, dass sie das Buch nicht kaufen, weil sie es dort ausleihen (und auch privat kopieren) können.

Also: Was soll an der Nutzung am Bildschirm für den Umsatz eines Buches schlimmer sein als das, was Bibliotheken bereits tun, nämlich Bücher verleihen? Ich möchte noch, auch als Bibliothekar, hinzufügen, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass wir viele derartige Leseplätze einrichten. Allein für das Digitalisieren hätten wir weder Zeit noch Geld (da gibt es wichtigere Objekte!). Auch für die übrige Infrastruktur hätten wir kein Geld: Extraleseplätze. Netzwerkserver. Usf.

Höffe nimmt auch ein Lieblingsbeispiel der Verlage auf, das sogenannte "Pflichtstück", an das manche Bibliotheken kostenlos gelangen. Ja, tatsächlich ist es so, dass es ein nationales Gesetz und dann bundeslandspezifische Regelungen gibt. Tatsächlich muss jemand, der ein Buch publiziert (d.h. in der Regel der Verleger) 2 Exemplare kostenlos an die Deutsche Nationalbibliothek in Frankfurt schicken, die dann ein Exemplar davon dann in der Zweigstelle Deutsche Bücherei in Leipzig aufstellt. Diese Bücher dürfen dort ohnehin nur im Lesesaal eingesehen werden -- was unterscheidet das von der 'Terminalnutzung', die ja auch im Lesesaal stattfände? In den Bundesländern ist es im allgemeinen so, dass die Staats- und Landesbibliotheken ebenfalls 2 Pflichtstücke erhalten, in Baden-Württemberg z.B. geht eins an die Badische Landesbibliothek, eins an die Württembergische Landesbibliothek, wobei dort das zweite von den Bibliotheken gekauft wird. In Bayern geht ein Exemplar an die Bayerische Staatsbibliothek, eines an eine regional zuständige Bibliothek. Diese Bibliotheken in den Bundesländern können die Bücher verleihen und tun dies auch. Inwiefern sollte hier die Möglichkeit, die Bücher digital an Terminals (und nur dort) zugänglich zu machen, den Umsatz der Verlage einschränken?
Die Verlage -- und nun auch Höffe und andere -- haben hier eine Menge Behauptungen aufgestellt, die einer empirischen Überprüfung nicht standhalten würden. Reine Propaganda, die Höffe mit Kant adelt. Die kundigeren Vertreter der Wissenschaft unterstützen das Urheberrechtsbündnis, dass die Bundesregierung an ihr Versprechen aus dem Koalitionsvertrag erinnert, ein wissenschaftsfreundliches Urheberrecht zu schaffen. Dokumente über die verschiedenen Entwürfe und den Stand der Diskussion gibt es hier. Die Verlagspropaganda findet man nun gut zusammengefasst auf der Selbstdarstellungseite des Börsenvereins zum sogenannten 'Zweiten Korb' des Urheberrechts (audiatur bla bla et alterae partis).

25 Oktober 2006

Was ist Methodischer Kulturalismus?

Alles darüber im soeben ausgezeichneten Wikipedia-Artikel! Schnell lesen, bevor der verändert wird...

24 Oktober 2006

Philosophie-Suche mit Google ausprobiert



Das Philoskop ist ein Experiment mit einem neuen Dienst von Google. Benutzen Sie die Suchbox auf der rechten Seite oder klicken Sie auf das 'Logo'. Ich habe vor, nach und nach den Zielraum der Suche zu ergänzen. Wird wohl einige Zeit dauern, bis da gute 'Antworten' rauskommen, zumal ich mit einer Liste englischer Philosophie-Blogs angefangen habe...

22 Oktober 2006

Warum moralisch sein?

Ich habe gerade den Hinweis auf Marc D. Hausers Forschung gefunden. Der Psychologe aus Harvard beschäftigt sich u.a. mit der Frage, welchen empirischen Hintergrund altruistisches Verhalten hat -- bei nichtmenschlichen Spezies. Die Antwort auf seine Frage "Why be nice?" ist nicht überraschend: "Cooperation sometimes pays off". Oder anders ausgedrückt: Es gibt einen egoistischen Grund, altruistisch zu sein, jedenfalls für Tiere. Dabei stoßen Tiere, im Unterschied zu Menschen, auch schnell an Grenzen. Oder in Hausers Worten, aus seiner Zusammenfassung:
We argue, however, that most instances of animal cooperation can be attributed to either selfish or indirect benefits via mutualism and helping kin. We suggest that reciprocal altruism among unrelated indi-viduals is rare if not absent among animals, despite its ubiquity in humans. In cases where it occurs in the lab, it is unclear whether the patterns observed would generalize to more natural and less controlled situations. We propose that cognitive constraints on temporal discounting, numeri-cal discrimination, learning and memory, and other com-ponents limit the ability of many species to implement and maintain reciprocally altruistic strategies. If correct, then comparative research must illuminate which components are shared with other animals, which are unique to hu-mans, and why certain components evolved in our species and no other.

Den ganzen Aufsatz hier als pdf.

21 Oktober 2006

Ihre unsterbliche Seele

Haben Sie eine? Na, wenn, dann hab ich auch eine. Das gilt allerdings nicht für die Überzeugung, eine unsterbliche Seele zu haben: sind Sie überzeugt? Na, ich bin es noch lange nicht.
Das ändert auch Béla Weissmahrs (1929-2005) neues Buch Die Wirklichkeit des Geistes (Stuttgart : Kohlhammer, 2006) nicht. Weissmahr hat in München an der Hochschule für Philosophie gelehrt; das ist ja eine jesuitische Hochschule: man darf also wohl eine gewisse Voreingenommenheit beim Verfasser vermuten.

Weissmahrs Argument:
Es gibt ein 'reines' oder 'transzendentales Ich'. Das ist "jene Instanz, die niemals ein ausdrücklich erfassbares Objekt einer auf sie direkt gerichteten Erkenntnis werden kann, weil sie genau dasjenige ist, das selbst den Akt des Erkennens (und des sich Bestimmens) vollzieht". Außerdem kann das reine Ich von niemand anderem außer ihm selbst erkannt werden. Das ist also nichtempirisch, meint Weissmahr, und damit über die Empirie hinausgehend. Das 'reine Ich' besitzt damit einen 'absoluten Standpunkt'. Das alles lässt sich summieren zu der These, "dass die Seele [=der Part mit dem 'reinen Ich'] des Menschen eine in sich begründete Eigenständigkeit bzw. eine wesentliche Überlegenheit hinsichtlich des Physikalisch-Materiellen zukommt, woraus sich dann ihre todüberdauernde Existenz ergibt". (S. 171)

Diese Argumentation hat schon eine schräge innere Logik: Tod ist was empirisches, die Seele isses nicht, also kann sie nicht sterben. Nun kann man allerdings ganz analog argumentieren: Das Leben ist was empirisches, die Seele isses nicht, also kann sie nicht geboren werden. Hat es Ihre Seele, sprich: Ihr 'reines Ich' demnach schon immer gegeben, Sie aber nicht? Der Tod ist doch nur die eine Seite der Medaille! (Weissmahr sagt aber explizit, dass die Seele einen Anfang hat, S. 199)

Weissmahr geht aber noch einen Schritt weiter: er meint, es muss möglich sein, etwas über die Art und Weise der "postmortalen Existenz der menschlichen Person" zu sagen. Argument:
Könnte man nämlich über das Wie der Weiterexistenz der menschlichen Person nach dem Tode überhaupt nichts sagen, dann wäre auch dei Behauptung, "dass" der konrete Mensch selbst nach seinem Tode weiterlebt, eine vollkommen inhaltsleere Aussage.
Ähm, ja. Weissmahr ist ja schon tot, insofern hat er nun darüber Auskunft aus erster Hand. In seinem Buch meint er nur, dass dort "Räumlichkeit und Zeitlichkeit" " nicht so gegeben" seien, "wie wir sie jetzt erfahren". Und die Seele müsse "für sich gang gegenwärtig" sein.

Weissmahr hat am Schluss noch ein Wort für den Skeptiker. Bei der Frage, wie überzeugend seine Ausführungen seien, schreibt er:
Alles hängt davon ab, ob jemand fähig /bzw. willlens ist, die auf die unbedingte und damit auch geistige Dimension der Wirklichkeit hinweisenden Momente als solche wahrzunehmen und ihnen zuzustimmen. ... Um die dargelegten Gedankengänge mitvollziehen zu können, muss man das Zeugnis der Subjektivität und darin vor allem des moralischen Gewissens seiner ontologischen Bedeutung nach erfasst haben. Wenn das der Fall ist, dann dürften die dargelegten Gedankengänge als zustimmungswürdig erscheinen. Wo das aber nicht zutrifft, dort dürften die vorgelegten Überlegungen höchstens ein herablassend gütiges Kopfschütteln hervorbringen.

In der Tat.

16 Oktober 2006

Der Tollste

Der Autor von Wahrheit und Methode gilt heute international als der bedeutendste deutsche Philosoph in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, ja schon als Klassiker der Philosophie
behauptet Günter Figal eingangs seines neuen Buches Gegenständlichkeit (Tübingen : Mohr Siebeck, 2006). "Als Beleg", meint er, "mag in der wachsenden Forschungsliteratur der von Robert J. Dostal herausgegebene Cambridge Companion to Gadamer (2002) ebenso gelten wie der von L. E. Hahn herausgegebene Band The Philosophy of Hans-Georg Gadamer in der Library of Living Philosophers."
Gilt also die Beschäftigung der Übrigen mit einem als Beleg für seine Bedeutung? Die Zeitschrift Information Philosophie hat ja in jedem Erscheinen eine Hitliste deutscher Philosophen. Ich meine, da stände immer Habermas an erster Stelle (oder liegt das daran, dass Gadamer schon tot ist?) Kleiner Check im Netz (gern hätte ich noch die Zahl der Ehrendoktoren hinzugefügt, aber das ließ sich auf die schnelle nicht eruieren):



















GadamerHabermas
Google371.0001.230.000
Forschungsliteratur184356
Google Scholar43.600
160.000

PS Forschungsliteratur ist ermittelt durch Schlagworteingabe im elektronischen Katalog der SSG-Bibliothek für Philosophie, der UB Erlangen.

Descartes sux, Locke too, said Berkeley

"Exclusively electronic operation" für Nous und PPR

Blackwell Publishing ruft ein Moratorium aus für seine -- wichtigen -- Zeitschriften Nous und Philosophy and Phenomenological Research. Ab übermorgen, 18.10., will Blackwell 6 Monate lang keine Einreichungen von Aufsätzen mehr akzeptieren. Die Zeit braucht man offenbar, um auf "electronic operation" umzustellen. Was bedeutet das: die Zeitschriften gleich online? Das sicher auch, aber vor allem: dass Schreibende ihre Texte nurmehr bereits elektronisch einreichen dürfen, und nicht mehr in Papierform. Davon verspricht sich Blackwell
to reduce greatly the deplorable time lags that philosophy journals presently suffer, both in disposition of submissions and also in span from acceptance to publication
Mal sehen, ob das so klappt, oder ob man weiter zwei Jahre pro Aufsatz beim Publizieren zusehen kann.

10 Oktober 2006

Wer ist hinter Ihnen her?

Vor ein paar Jahren gab's einen Film mit Mel Gibson und Julia Roberts, Fletchers Visionen. Der Bösewicht wurde von Patrick 'Picard' Stewart gespielt, und es ging um einen entflohenen Profikiller, der sein Gedächtnis verloren hat und nun seine ihm eingebrannten üblen Erfahrungen und die fehlende Vergangenheit mit einem Haufen Verschwörungstheorien kompensiert, die er an die Leute zu bringen sucht. Ich hatte damals nach einem kurzen Verleser die Hoffnung, es werde ein postmoderner Thriller: Fletchers Versionen. In der Tat erzählt Fletcher ja, indem er Zeitungsmeldungen durch seine Brille neu interpretiert, auch einen Teil der täglichen Ereignisse neu.
Verschwörungstheorien lohnen kaum die Diskussion, da sie meist immun gegen Korrekturen sind, wenn sie nicht gerade auf nachprüfbar falschen Annahmen aufbauen. Trotzdem gibt es eine kleine philosophische Debatte darüber, und die hat David Coady in einem jüngst bei Ashgate (Aldershot, 2006) erschienenen Sammelband Conspiracy theories : the philosophical debate zusammengefasst. Hauptfokus ist, sozusagen, die Erkenntnistheorie der Verschwörung, oder die Frage, ob das Konzept 'Verschwörungstheorie' für sich schon fehlerhaft ist. Und vielleicht auch die Pragmatik, frei nach Wittgenstein: man kann sich nicht allein verschwören.

Blick auf die Webseite von Ashgate hat mir gerade gezeigt, dass es dort noch eine weitere Publikation zum Thema gibt: Conspiracy theories in early modern Europe, von 2004.

Mittelalterliche Skepsis

Dominik Perler, exzellenter Kenner der mittelalterlichen Philosophie, geht in seinem neuen Buch Zweifel und Gewissheit (Frankfurt am Main : Klostermann, 2006) den "skeptischen Debatten im Mittelalter" nach. Interessant der Aufbau seines Buches: systematisch, orientiert daran, woran gezweifelt wurde: so dass die Debatten als Folge von Argumenten in ihrer Entwicklung dargestellt werden können. Perler schreibt sehr lesbar, auch für diejenigen, die wie ich nicht so im Mittelalter zu Hause sind. Das buch wurde in der FAZ rezensiert, und der Verlag hat es sich nicht nehmen lassen, die Lobesworte von Pawlik auf seiner Homepage zu zitieren.