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26 September 2006

20.000 Seiten eines eigenen Philosophie-Systems

Schon mal was von Hans Pochmann gehört oder gelesen? Das ist ein österreichischer (?) Diplom-Psychologe, der sich selbst auch Philosoph nennt, und nun ein "Pochmann-Lexikon" vorgelegt hat, im Selbstverlag. Untertitel: "Lexikon und System der wesentlichen Begriffe des philosophisch-wissenschaftlichen Gesamtwerks von Hans Pochmann - etwa 200 Bände mit etwa 20.000 Seiten". War es nicht Marx, der feststellte, dass Quantität irgendwann in Qualität umschlägt? Er muss sich geirrt haben; Pochmann liefert den Beweis.
Beim genannten Umfang ist man natürlich froh, wenn es eine Abkürzung gibt (und man die Absicht gehabt haben sollte, das Werk Pochmanns zu studieren). Das Lexikon ist nur 52 Seiten stark, also knappe 2,5 Promille des Gesamtwerks. Es herrscht ein etwas wirres Gliederungsprinzip: So erfolgen Querverweise auf Begriffe, geordnet ist das ganze aber nach Artikelnummern.

Kleines Beispiel für die Argumentation. Pochmann ist Anhänger des "Hylozoismus", der Weltanschauung, dass
nichtzellige Naturgebilde als substantielle, ganzheitliche, manches erlebende (psychische), lebende, Ziele anstrebende und erwirkende Wesen angesehen werden, die je eigenen Sinn haben.
Zu Anhängern dieser These zählt er auch Diderot, Bruno, Goethe, Nietzsche, Klages. Das Nietzsche-Zitat als Beleg zeigt aber, dass hier ein experimenteller Gedanke Nietzsches a) für dessen Meinung ausgegeben und b) leicht missverstanden worden ist.
Und gibt's Argumente? Ja, gleich 4:
1. Wenn alle kleinsten Teilchen "völlig leblos und sinnlos wären, könnte ihre noch so komplizierte Zusammensetzung kein lebend-erlebendes, eigenen Sinn habendes Lebewesen ergeben".
2. Die Entstehung des Lebens auf der Erde lässt sich "nur-physikalisch nicht erklären, hylozoistisch lebt bereits aller Stoff des Weltalls und auch die kleinsten Substanzteilchen vor Entstehung der Zellen".
3. "Es wäre völlig uneinsichtig, wie aus einem Gehirn als einem Haufen lebloser, sinnloser Atome psychische Leistungen hervorgehen könnten".
4. "Die Ordnungen der Galaxien wie der Atome und Kristalle blieben unerklärbar".

Ehrlich: alle 4 Argumente sind Mist, und außerdem sind 1 bis 3 dasselbe Argument: den Übergang vom Unbelebten zum Belebten kann Pochmann so nicht verstehen. Aber wie ein Lebewesen entstehen soll, wenn man haufenweise Teilchen mit eigenen Leben und Sinn zusammensetzt, ist mir auch schleierhaft.
Dass Pochmann für alles ein völlig eigenes System hat, braucht wohl nicht gesagt zu werden. Es ist der Mühe nicht wert, sich da reinzudenken, auch wenn man ein Freund von Systemen ist (was ich nicht bin). Immerhin: was für eine immense Arbeitsleistung, allein 20.000 Seiten zu verfassen!

Ich frage mich, warum mich die verqueren Gedanken anderer manchmal mehr interessieren als die geraden? Ich vermute, es ist eine Art Faszination am intellektuellen Varieté, das ja nicht nur Akrobatik und Zauberkunst ausstellt, sondern auch zur Besichtigung des Abnormen einlädt.

Kommentare:

  1. Ich muss sagen, ich empfinde diese Vorliebe als einen sehr sympathischen Zug. Gerade aus den abwegigsten Gedanken lassen sich oft sehr interessante Ansichten generieren. Mein Lieblingsbeispiel dafür ist immer wieder Benjamin. In all dem metaphysischen Stuss, den er schrieb findet man häufig sehr innovative Gedankengänge, die man auf einer Metaebene durchaus sehr fruchtbar machen kann, wenn man sich darauf einlässt.

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  2. Anonym3/6/09

    Zusatz vom Verfasser der rund 200 philosophischen und wissenschaftlichen Werke, die "Mist" seinen, zu dem Beurteiler: - Ein Buch ist wie ein Spiegel, wenn ein Affe hineinschaut, kann kein Genie herausschauen.- (frei nach Lichtenberg)

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  3. Hallo Verfasser.

    Ich schrieb nicht, dass die Werke alle Mist seien -- nur, dass die von mir zitierten Argumente das sind. Wenn sie allerdings ein repräsentativer Ausschnitt aus den Werken sind (das können Sie sicher besser als ich beurteilen), dann sind auch die Werke Mist. Danke, dass Sie mir zu der Einsicht verholfen haben.

    Jaja, zitieren Sie nur den Lichtenberg. Aber Sie hätten sich größere Freiheit dabei gewähren sollen. "Manche Bücher sind wie ein Spiegel". Gehört Ihres dazu? Ich habe allerdings darin keinen Affen gesehen!

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