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20 November 2005

Performativer Selbstwiderspruch: Wie Sony kopiert

Manches Handeln drückt deutlich aus, welche Werte der Handelnde vertritt: Sony BMG (Bertelsmann Music Group) hat seinen Musik-CDs ein Progrämmle verpasst, welches verhindern sollte, dass Käufer von CDs diese auf ihrem Rechner kopieren (und das sich vom Nutzer unbemerkt auf die Festplatte schreibt). Damit werden CDs von etwas, das man gekauft hat, zu etwas, woran man bloß Nutzungsrechte erwirbt -- eine fragwürdige Veränderung, finde ich. Fein, dass sich die Musikdiktatoren nun selbst in die Nesseln gesetzt haben (Bericht des SPIEGEL): Offenbar enthält das Programm Code aus dem Open Source-Bereich, nämlich des MP3-Encoders Lame. Und dafür gelten ebenfalls Lizenzbestimmungen.

Dieses Verhalten fordert natürlich zur Reflexion heraus. Von Nicolai Hartmann wird erzählt, dass er in seinem privaten Verhalten keineswegs den hohen Maßstäben genügte, die er in seiner materialen Wertethik verkündet hatte. ""Haben Sie schon mal gesehen, dass ein Wegweiser den Weg geht, den er weist?", soll er geantwortet haben. Ich fürchte, so ist es auch mit dem unmoralischen Verhalten der Kopierschutztyrannen: Selbst wenn die sich falsch verhalten, ist darum nicht ihr Anliegen falsch.
Nein: nicht darum, sondern aus andern Gründen...

1 Kommentar:

  1. Dieses Bonmot wird, zumindest habe ich das in verschiedenen Zusammenhängen so gehört, Max Scheler zugeschrieben. Die Formulierung, die ich kenne, ist sogar noch etwas philosophisch-perfider, weil sie das Fehlverhalten sozusagen legitimiert:

    "Es liegt im Wesen des Wegweisers, daß er nicht schon da sein kann, wohin er doch erst weist."

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