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14 November 2005

Die Nietzsche-Enttäuschung

Es mag einige geben, denen es beim Nietzsche-Lesen so geht wie mir: die Aura des Namens scheint durch die Texte nicht gerechtfertigt. Nachgerade grotesk wirkt dann die Selbstbeweihräucherung Nietzsches in den späten Briefen und im Ecce homo. Nehmen wir z.B. "Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn", wo Nietzsche die These aufstellt, das Sprache lügt, weil die Begriffe abgehalfterte Metaphern sind, die den Gegenständen gar nicht entsprechen, einmal grob ausgedrückt. Hier ein Zitat:
Nur durch die Vergesslichkeit kann der Mensch je dazu kommen zu wähnen, er besitze eine »Wahrheit« in dem eben bezeichneten Grade. Wenn er sich nicht mit der Wahrheit in der Form der Tautologie, das heißt mit leeren Hülsen begnügen will, so wird er ewig Illusionen für Wahrheiten einhandeln. Was ist ein Wort? Die Abbildung eines Nervenreizes in Lauten. Von dem Nervenreiz aber Weiterzuschließen auf eine Ursache außer uns, ist bereits das Resultat einer falschen und unberechtigten Anwendung des Satzes vom Grunde. Wie dürften wir, wenn die Wahrheit bei der Genesis der Sprache, der Gesichtspunkt der Gewissheit bei den Bezeichnungen allein entscheidend gewesen wäre, wie dürften wir doch sagen: der Stein ist hart: als ob uns »hart« noch sonst bekannt wäre, und nicht nur als eine ganz subjektive Reizung! Wir teilen die Dinge nach Geschlechtern ein, wir bezeichnen den Baum als männlich, die Pflanze als weiblich: welche willkürlichen Übertragungen! Wie weit hinausgeflogen über den Kanon der Gewissheit!
Ja und, möchte man sagen? Ist das nicht vielleicht ein kleiner Irrtum darüber, was sprachliche Konventionen sind? Und müsste man nicht ein wenig mehr über "hart" sagen, als dass es nicht "sonst bekannt" ist?
So geht es mir mit allen Äußerungen, die ich von Nietzsche zu Themen der Erkenntnistheorie gelesen habe, und mit vielem, was er zur Moralphilosophie schreibt. Es passt nicht zu dem, was man erwartet, wenn man sich die großartige Wirkung seiner Philosophie ansieht: auf Schriftsteller, auf Philosophen. Vielleicht Zeit für ein Buch, das sich einer ähnlichen Enttäuschung widmet: Nickolas Pappas vom City College of New York schreibt über The Nietzsche Disappointment, mein heutiger Buchtipp. Es geht um Nietzsches Zeitphilosophie, bzw. den Widerspruch zwischen seiner Zeitphilosophie (Stillstand!) und dem, was Nietzsche von der Zukunft erwartete (Umbruch!). Wie geht das zusammen?

3 Kommentare:

  1. Anonym15/11/05

    Vielen Dank erstmal, für ihre für mich sehr schmeichelhafte Bezugnahme.

    Aber ich denke doch, man sollte diesen Nietzschetext als das lesen was er ist: eine Polemik. Der Schluss, der schließlich auf die beiden verschiedenen Menschentypen hinausläuft, einerseits der oberkorrekte Spießer und anderseits der verrückte Künstler, sind schließlich die entscheidenden Schlussfolgerungen, die diese Polemik gegen die "Konvention" der Sprache verdeutlichen soll. Der Text endet sozusagen in dem Appell: „Nehmt diese „willkürlichen“ Begriffe doch nicht so verdammt erst, sondern fangt an, mit ihnen kreativ zu spielen, erweitert den Kanon anstatt ihn nur nachzubeten.“

    Das mit dem "Stillstand" ist mir neu, oder meinten sie etwa die "ewige Wiederkehr des Gleichen"? Trotz der, jedenfalls aus heutiger Sicht etwas abwegigen Begründung, ein durchaus revolutionärer Gedanke, wie ich finde.

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  2. Vielen Dank, mspro, für den Kommentar. Die ewige Wiederkehr des Gleichen ist Stillstand, begriffen als das Gegenteil von Entwicklung, das kann man denke ich so zusammenfassen.
    Übrigens hat seinerzeit Georg Simmel mit einem Gedankenexperiment gezeigt, dass die ewige Wiederkehr des Gleichen nicht möglich ist, selbst bei ganz beschränkten Ausgangsbedingungen -- damit schoss er sicher auch zielsicher an Nietzsches Ziel vorbei.
    Sicher, Sie haben Recht: man sollte den Texten mit dem "Kunstgriff der Liebe", das heißt, mit Wohlwollen begegnen. Die Interpretation lohnt sich mehr, wenn man fragt, wo das hinsollte, und nicht, wo das tatsächlich hinführt. Für mich gilt trotzdem, dass Nietzsche mich enttäuscht hat...

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  3. Anonym16/11/05

    Oh, da schließe ich mich an und muss auch gestehen, dass ich oft auch mit wenig Wohlwollen manche Philosophen lese, was schade ist, denn man hat definitiv weniger davon.

    Ich hingegen kann leicht Nietzsches These der Wiederkehr beweisen: Heute ist der 16. November, weder das erste und noch das letzte mal ;-)

    Nein, im Erst. Das Datum, als Beispiel für die notwendige Iterierbarkeit gewisser Entitäten, als Bedingung ihrer Lesbarkeit ist kein zu unterschätzender Gedanke. Klar, er hat das anders formuliert und wohl auch gedacht, dennoch ließe sich diese Grundbedingung der Bedeutung schon aus Nietzsches Wiederkehr herausarbeiten.

    BTW: Warum Nietzsche so populär ist? Ganz einfach: er ist einfach Rock'n Roll. ;-)

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