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04 März 2006

Über Giordano Bruno, die Urzelle, und große Denker

Am 27.1. hatte ich mich über ein Buch aus dem Ancient Mail-Verlag lustig gemacht. Zu meinem Erstaunen wurde das mein bisher erfolgreichstes Posting, misst man den Erfolg an der Zahl der Kommentare. Das Buch heißt Giordano Bruno und die okkulte Philosophie der Renaissance, der Verfasser ist Nicolas Benzin, der Präsident der Giordano Bruno-Gesellschaft. Das Vorwort stammt von Dieter Vogl, der mit Benzin schon zusammen publiziert hat, und Vogl hat als erster auf mein Posting reagiert. Den Gehalt dieses Kommentars fasse ich sicher richtig zusammenfasse, wenn ich schreibe, dass er das Posting für eine „unsachliche und argumentationslose Schmähschrift“ hält. Darauf komme ich am Schluss noch einmal zurück. Jetzt möchte ich erst einmal das liefern, was Vogl vermisst hat: ich entfalte die impliziten Gedanken etwas ausführlicher. Achtung: Das ist ein langes Posting, und es richtet sich in erster Linie an die Kommentatoren, an Vogl, O.M. und Anonymus.


"JEDER OBJEKTIV ARBEITENDE FORSCHER"

Nun zunächst einmal zu Benzins Buch. Vogl schreibt dort gleich auf der ersten Seite, dass Brunos Gedankenwelt „überhaupt nicht im Einklang mit seiner Zeit stand“. Das müsse „jeder objektiv arbeitende Forscher“ „sehr schnell zugeben“. Ich zitiere noch einmal:

Und, was bislang nicht zu erklären ist, dass diese auf einem teleologischen, ästhetischen Pantheismus basierenden Gedanken eigentlich aus dem Hier und Heute stammen könnten. Insbesondere dann keimt diese Vermutung immer wieder auf, wenn man berücksichtigt, dass Bruno über Sachverhalte schreibt, die er gar nicht gekannt haben kann und insofern auch nicht in seine Überlegungen einbezogen haben dürfte.

Das hatte mich neugierig gemacht: Was heißt das? Welche Gedanken genau sind es? Worin unterscheiden Sie sich von denen der Zeitgenossen? Natürlich schreibt auch Vogl darüber noch etwas mehr, aber den vollen Hintergrund darf man wohl im Haupttext von Benzin erwarten.

Nun macht es mich misstrauisch, wenn jemand schreibt, dass „jeder objektiv arbeitende Forscher“ dies oder jenes zugeben wird. In so einer Aussage schwingt zweierlei mit: erstens der Appell zur Zustimmung zu den vertretenen Thesen, weil man andernfalls kein solcher Forscher ist (meint Vogl), zweitens kann ich als (bislang) Ahnungsloser erraten, dass der sensus communis der Forscher in eine andere Richtung geht.

Also: worüber?


Das Argument von der Ansteckungstheorie

Eine erste Ahnung bekommt man auf S. 31. Dort schreibt Benzin über den Arzt Girolamo Fracastoro (1478-1553); sein Wissen über ihn stammt – nach den Anmerkungen zu schließen – fast ausschließlich aus Karl Sudhoffs Kurzes Handbuch der Geschichte der Medizin; eine Primärquelle jedenfalls wird gar nicht zitiert. Fracastoro habe, so Benzin nach Sudhoff, als erster „eine zusammenhängende Darstellung der Infektionskrankheiten verfasst“ und dabei die Begriffe „Infektionsträger“ und „Infektionskeim“ eingeführt. Die Forschung führe das auf die antike atomistische Lehre zurück. Benzin meint dazu, das sei „möglicherweise die richtige Spur“, aber Lukrez’ Atome bildeten zusammen ein „totes“ Universum (S. 31-32):

Nichts weist auf die für die Verbreitung von Krankheiten verantwortlichen Mikroorganismen hin. Dahingegen entspricht das Universum des Giordano Bruno exakt den Voraussetzungen für eine Welt voll von Mikroorganismen. Alle lebendigen Organismen im biologischen Sinne sind seiner Meinung nach aus „Monaden“ aufgebaut, was wir heute als Ur- oder Stammzelle deuten können. Er unterscheidet sehr genau zwischen den verschiedenen Atomvorstellungen der Antike, wenn auch Epikur und Lukrez zu seinen Quellen gehören. Fracastoro als auch Bruno müssen noch andere gemeinsame Quellen für ihre Vorstellung von lebendigen Mikroorganismen gehabt haben.

(Es ist mir unklar, ob hier Bruno oder Fracastoro „sehr genau“ unterscheiden, aber es ist auch nicht von Belang.) Die entscheidende Feststellung ist in der zitierten Passage, dass Bruno und Fracastoro eine Vorstellung „von lebendigen Mikroorganismen“ gehabt hätten.

Benzins Argument scheint zu sein:

1. Prämisse: Ansteckungskrankheiten verbreiten sich durch Mikroorganismen. (Heutiges Wissen)

2. Prämisse Fracastoro hat das Prinzip der Ansteckungskrankheiten beschrieben. (Damalige Leistung)

Schlussfolgerung: Fracastoro ging bei seiner Beschreibung der Ansteckungskrankheiten von Mikroorganismen aus.

Zwar gibt es für diese gefolgerte These keinen weiteren historischen Beleg, wie Benzin weiß, wenn er einräumt, dass die atomistische Lehre „die richtige Spur“ sein könnte. Aber natürlich ist der Gedanke zulässig, dass Fracastoros Werk selbst der historische Beleg ist. Benzin meint außerdem noch ein anderes Indiz in der Hand zu haben, nämlich Brunos Monaden-Lehre. Er scheint nicht behaupten zu wollen, dass Bruno Fracastoros Werk gekannt habe oder umgekehrt; er postuliert darum „andere gemeinsame Quellen“. Quellen, aus denen dann diese neue Vorstellung bei beiden plausibel zu erklären wäre.


WARUM DAS ARGUMENT NICHT SCHLÜSSIG IST

Das Argument hinkt an mehreren Stellen. In der von mir oben dargestellten Form sieht man sofort, dass die Schlussfolgerung nicht aus den Prämissen folgt. Das bedeutet nicht notwendigerweise, dass sie falsch ist, es heißt erst einmal nur, dass die Prämissen sie nicht hinreichend stützen. Ich denke allerdings, dass sie falsch ist.

Dafür habe ich zwei Gründe.

  1. macht diese These Fracastoros Theorie ohne Not komplexer, als sie sein muss. Die Vorstellung von Ansteckung funktioniert auch, und gut, ohne Mikroorganismen. Diese Vorstellung verlangt schließlich nichts weiter, als dass es möglich ist, dass kleinste Teilchen krank machen, und dass es ebenso möglich ist, dass diese kleinsten Teilchen von den Kranken weitergegeben werden. Dass diese kleinsten Teilchen belebt seien, ist für die Theorie unnötig. Der methodische Punkt, den ich hier in Anschlag bringe, ist Occams Rasiermesser: auch die Entitäten einer Theorie sind nicht ohne Not zu vermehren.
  2. ist die Vorstellung von Mikroorganismen (im heutigen Sinne) für die Zeit eine ganz fremde Idee. Man kann das natürlich, wie Benzin, dadurch auflösen, dass man einfach annimmt, Fracastoro habe dieses Fremde genialerweise gedacht, und ich verstehe, dass es gerade dieser Punkt ist, der den Gedanken für Benzin (und Vogl) attraktiv macht: Die Ansteckung durch Mikroorganismen ist unsere heutige Theorie. Der Unterschied zwischen den Theorien belebter und unbelebter Ansteckung ist sozusagen der zwischen wahr und falsch. Aber auch wenn Fracastoros Theorie aus heutiger Kenntnis falsch ist, ist sie doch bedeutend besser als das, was seine Arztkollegen gedacht haben. Es ist auch so eine großartige Leistung.

Ich habe hier erst einmal übergangen, dass Benzin die von ihm gesehene Ähnlichkeit zu Brunos Vorstellungen als weiteres Indiz sieht. Nun also dazu. Wie steht es mit Brunos Monaden-Lehre? Inwiefern hat diese mit der Vorstellung eines belebten Universums oder mit Mikroorganismen zu tun?


Brunos Monaden-Lehre und biologische Metaphorik

Im Abschnitt über Bruno in Oxford geht Benzin näher darauf ein. Bruno habe „das alte, verschüttete, wahre Wissen über das Lebendige und die Geheimnisse des Kosmos wieder an das Licht des hellen Tages“ treten lassen wollen. Dass es sich bei diesem alten, verschütteten und wahren Wissen um hermetisches und kabbalistisches Gedankengut handle, hat Benzin vorher vertreten, indem er nachzuweisen sucht, dass Bruno auf seiner Lebensreise Zugang zu hermetischen und kabbalistischen Quellen gesucht und gefunden hat. Benzins Argument (S. 52-53):

Was die fortschrittlichen Gelehrten seiner Zeit durch eigene Forschung vielleicht erahnen und was wir noch heute erst (wieder-)entdecken, das war einst bereits einer kleinen Gruppe von Eingeweihten bekannt. Offenbarungswissen – offenbart, aber durch wen? Die Überlieferungen haben sich in der alchimistisch-hermetisch-kabbalistischen Tradition bis in Brunos Zeit erhalten. [...] Doch kann man wirklich davon ausgehen, dass die Verfasser [solcher Texte] die reine Lehre für jedermann anwendbar präsentieren? Man bedenke die Zeitumstände, in denen solche Texte fixiert werden! Nein, da wird verschleiert. Zeitgenössische Allgemeinbegriffe werden verwendet, die aber eine ganz andere Bedeutung haben, als es sich die Zeitgenossen vorstellen können. So wirken die Schriften harmlos. Heutige Interpreten finden dann natürlich nur Zahlenmuster und mathematische Figuren. [...] Doch wer fragt einmal: Was haben die Autoren vergangener Zeiten mit ihren kryptischen Schriften eigentlich im Sinn gehabt? An wen richten sie sich? Nur alles Zahlenspielerei und krause „Emblematik“, sinnbildliche Darstellung? Sinnbilder für was?

Ich stimme zu, dass die Hermetiker verschleiert haben, und dass sie dabei ein Bedeutungsspiel in Gang gesetzt haben, dass für ihre unbeleckten Zeitgenossen nicht zu durchschauen war. Der Prozess wird gemeinhin „Semiose“ genannt. Das bezeichnet den Vorgang, wenn etwas als Zeichen für etwas anderes benutzt wird. So ist, ganz banal, die Schrift hier ein Zeichen für die damit verbundenen Gedanken. Damit wäre die Semiose der Schrift aber auch schon am Ende. (Bitte, Leser, lassen wir Derrida etc. außen vor.) Für die Hermetiker und das von ihnen in Gang gesetzte Bedeutungsspiel aber war die Semiose potentiell unendlich, da und indem immer neue Bedeutungen hinter den angeführten auftauchen und möglich sind. Umberto Eco hat dies eindrücklich nachgezeichnet, und Benzin scheint um eine solche Möglichkeit zu wissen (S. 47), wenn er „am Rande“ bemerkt, dass in der Alchemie dies oder jenes „je nach dem Kontext, etwas ganz anderes“ bedeute.

Ich stimme Benzin zu, dass aus der Tatsache, dass wir nicht unbedingt wissen, was die damals gemeint haben, nicht folgt, dass sie einfach nichts gemeint hätten. Aber umgekehrt folgt aus der plausiblen Annahme, dass die Hermetiker dachten, sie würden etwas Sinnvolles schreiben, nicht, dass sie tatsächlich etwas Sinnvolles geschrieben haben.



MONAS HIEROLYPHICA BEI JOHN DEE

Benzin nennt John Dee als einen Träger dieses verborgenen „Wissens“. Dee hat, so Benzin, 1563 ein Buch Monas hieroglyphica veröffentlicht: „Auf dem Titelbild des Dee-Buches befindet sich [...] die Monade aus dem Stab des Hermes Trismegistos. Das Buch soll mathematische, magische, kabbalistische und analogische Inhalte gehabt haben. Seltsam.“ Leider befindet Benzin hier „seltsam“ ohne weitere Begründung; ich kann nur vermuten, dass aus seiner Sicht das „Titelbild“ der Inhaltsangabe widerspricht. (Für die Inhaltsangabe verweist er auf die Dee-Biographie von Karl Kiesewetter, die von 1893 stammt; es scheint, als habe sich Benzin das Werk von Dee nicht selbst angesehen.) Benzin beschäftigt sich dann mit dem Titel „Monas hieroglyphica“ (das hatte ich im Ausschnitt auch schon im ursprünglichen Posting zitiert):

Wenn man Monas als den „Urgrund allen Seins“ übersetzt und hieroglyphisch mit „heiliges Zeichen darstellend“, die Abbildung mit uns heute geläufigen Symbolen vergleicht, dann kommen wir zu dem Schluss, dass es sich um eine Urzelle gehandelt haben muss. Somit liegt bereits 1564 ein Buch zur Zellbiologie vor. Eine gewagte Hypothese. Doch schauen wir uns an, was im Einzelnen von der Monas gesagt wird. Sie stellt unter anderem dar:
• ein heiliges Einheitszeichen,
• eine universelle Einheit natürlichen und göttlichen Wissens,
• ein alchimistisches Gefäß, in dem die Transmutation abläuft,
• einen Speicher, in dem sich die ganze Vielfalt des Universums verdichtet,
• sie ist für Zeugung und Tod des Lebewesens verantwortlich.
Wie anders würde man die Funktionen einer Urzelle beschreiben, wenn einem die modernen biologischen Bezeichnungen nicht geläufig wären?
Eine Zelle ist der kleinste eigenständig lebensfähige Organismus und alle höheren Lebewesen sind Mehrzeller, bauen ihre Körperstruktur aus Zellen auf. Die Zelle muss daher zu Recht als Grundeinheit, als Einheitszeichen allen Lebens bezeichnet werden. Biologen, wie der Nobelpreisträger und Mit-Entdecker der Struktur der DNS-Doppelhelix, Francis Crick, gehen davon aus, dass die Struktur der DNS im ganzen Universum identisch ist. Die DNS ist in jeder Zelle im weiteren Sinne Träger der Erbinformation. Eine universelle Einheit also. Und natürlich laufen in einer Zelle eventuell auch Vorgänge ab, die zu einer Mutation, einer Umwandlung der gewöhnlich vorhandenen Strukturen führen. Und dies beruht auf biochemischen Vorgängen innerhalb der abgegrenzten Einheit der Zelle. Nichts anderes als ein alchimistisches Gefäß, in dem eine Transmutation ablaufen kann. Wenn am Anfang der Schöpfung eine Urzelle mit dem universellen Code der DNS gestanden hat, dann sind aus ihr alle Lebensformen des Universums hervorgegangen. Die Zelle stellt so den Speicher dar, in dem sich auf geringstem Raum die ganze spätere (biologische) Vielfalt des Universums verdichtet. [...] Wenn Dr. Michael Kuper feststellt, dass viele Gelehrte aus John Dees Epoche und auch in unserer Zeit das Buch „Monas hieroglyphica“ aufgrund seines rätselhaften Charakters für „schlicht nicht verstehbar“ halten, dann können wir uns denken warum. Niemand würde auf die Idee kommen, ein 441 Jahre altes Buch mit den Erkenntnissen unserer Zeit zu interpretieren. Erst wenn man den Schlüssel „Genetisches Wissen in Altertum, Mittelalter und früher Neuzeit“ auf die alten Texte anwendet, dann beginnen sie ihre Erkenntnisse zu offenbaren. [...] Sollen wir denn glauben, dass die größten Wissenschaftler ihrer Zeit nur Unsinn und „nicht verstehbare“ Bücher verfasst hätten? Das wäre nicht nur Zeitverschwendung, sondern ziemlich teuer, wenn man an die damals zuzuschießenden Druckkosten denkt.

Ich bitte um Entschuldigung für dieses lange Zitat. Ich vermute, dass diejenigen, die gegen mein erstes Posting zum Thema protestiert haben, es für eine glänzend geschriebene Darstellung halten. Aber auch hier kann ich nur große Fragezeichen an den Rand malen.


DAS FRAGWÜRDIGE DRUCKKOSTEN-ARGUMENT

Aus der Tatsache, dass etwas gedruckt wurde, folgt nicht, dass es ein sinnvolles Werk ist (nach heutiger Erkenntnis). Auch wenn der Druck teuer war. Es lassen sich viele andere Gründe für den Druck denken. Z.B. könnte sich der Verleger einen Gewinn erwartet haben. (Gutenbergs Bibel etwa war für damalige Verhältnisse ein immens teures Werk in der Investition, aber dachte eben, dass es sich rechnen würde.) Oder diejenigen, die die Druckkosten übernommen haben, haben das Werk für sinnvoll gehalten. Man denke nur an die so zahlreichen Bücher zu Magie und Zauberei. Zwar scheint auch schon früher keiner der Zaubersprüche funktioniert zu haben; trotzdem wurden solche Bücher gedruckt.


BIOLOGIE UND ALCHEMIE -- DAS FRAGWÜRDIGE ARGUMENT AUS DEM VERGLEICH

Natürlich kann und darf man zwei Konzepte, ein altes und ein neues, nebeneinanderstellen und finden, dass sie ähnlich sind. Aber es gibt dabei zwei kritische Punkte. Erstens: Wurden die Konzepte richtig dargestellt? Zweitens: Was sagt diese Ähnlichkeit – wenn sie denn vorhanden ist – dann aus?

Ad Zweitens: Benzin scheint sagen zu wollen: die Ähnlichkeit bedeutet, dass Dee bereits etwas über Zellen (im Sinne der heutigen Biologie) wusste. Ich denke, dass diese Folgerung durch Benzins Argumente nicht gestützt wird. Als analoges Beispiel möge die atomistische Lehre Leukipps dienen. Auch da könnte man mit Benzins Methodik zu dem Schluss kommen, dass Leukipp schon von Atomen (im heutigen Sinne) wusste. Aber das tat er natürlich nicht. Begriffe und Konzepte wie Zelle und Atom funktionieren nicht isoliert, sondern in einem theoretischen, begrifflichen Rahmen. (Entschuldigung für diesen Grundkurs Wissenschaftstheorie.) Dieser begriffliche Rahmen ist für das Konzept „Atom“ die moderne Physik und Chemie (inklusive Quantenphysik, Relativitätstheorie, Thermodynamik etc.). Dass wir heute immer noch den Begriff „Atom“ benutzen, hat natürlich mit der antiken Theorie zu tun. Aber das ist in erster Linie eine kausale Verknüpfung, keine inhaltliche. Ganz analog zu diesem Beispiel denke ich, dass die Rede von Genetik, Zelle usw., wenn man über Dees und Brunos Texte spricht, irreführend ist. Denn die Begriffe sind an den theoretischen Rahmen der modernen Biologie gebunden. Auch wenn Dee über so etwas ähnliches wie eine Zelle (im modernen Sinne) nachgedacht haben sollte, dann bedeutet das nicht mehr als die atomistische Lehre Leukipps und Demokrits im Vergleich zur Atomphysik heute.

Ad erstens: Aber ich bin auch im Zweifel, ob Benzin den Vergleich zwischen Zelle und „Monas“ richtig zieht:

  • a) So würde ein Biologe ganz sicher nicht eine Zelle als „Zeichen“ bezeichnen. Eine „Grundeinheit“ und ein „Einheitszeichen“ sind (grund)verschiedenen Dinge. Ein Beispiel: Ein Ziegelstein könnte als die „Grundeinheit“ eines bestimmten Typs von Bauwerk aufgefasst werden. Aber er ist kein „Einheitszeichen“ für dieses Bauwerk oder für Bauwerke überhaupt.
  • b) Die Feststellung, dass „Biologen“, ja sogar Nobelpreisträger „davon ausgehen“, dass die „Struktur der DNS im ganzen Universum identisch ist“, ist im fraglichen Zusammenhang ziemlich nichtssagend. Ich gehe auch davon aus. Ich gehe auch davon aus, dass die Struktur von Wasser im ganzen Universum identisch ist. Das hat mit der Bedeutung des Wortes „Wasser“ zu tun; analog: „DNS“ bezeichnet einfach eine bestimmte chemische Struktur. Ich vermute, dass Benzin meint, Biologen gingen davon aus, dass die Struktur der Weitergabe von Erbinformation im ganzen Universum ähnlich ist („identisch“ ist ein zu starkes Wort). Aber das glaube ich nicht: ich glaube nicht, dass Biologen das denken, und ich glaube nicht, dass es sich so verhält. Sicher sind leicht andere Wege denkbar, Erbinformation weiterzugeben.
  • c) Benzin schreibt von einer Urzelle am Beginn der Schöpfung, mit dem universellen Code der DNS, aus der alle Lebewesen hervorgegangen seien, die Zelle „stellt so den Speicher dar, auf dem sich die ganze biologische Vielfalt des späteren Universums verdichtet“. Das ist etwa so, als würde man sagen, dass das Alphabet den „Speicher“ „darstellt“, in dem sich die ganze Vielfalt der Literatur des Universums „verdichtet“. Wer das für eine sinnvolle Feststellung hält, der wird auch mit Benzins Formulierung zufrieden sein, ich bin es nicht.
  • d) Zellen mutieren, und Alchimisten führen Transmutationen durch. Ich kenne den Begriff der „Transmutation“ im alchimistischen Sinne nicht, aber es kommt mir trotzdem schräg vor, das auf Zellen anzuwenden. Zellmutationen sind statistisch beschreibbar, alchimistische Transmutationen auch? Das sind zwei verschiedene Theorie-Rahmen (s.o.), die sich nicht ohne Verbiegungen aufeinander abbilden lassen.


Benzins textkritische Argumentation

Natürlich schreibt Benzin noch mehr. Ich möchte noch auf eine für mich bezeichnende Stelle eingehen. Auf S. 69 kommt er auf das Wort „Golem“ zu sprechen. Adam werde in der Bibel als solcher bezeichnet, das Wort komme in der Bibel nur an einer einzigen Stelle vor, und zwar in Psalm 139,16:

Nimmt man eine der gängigen Bibel-Ausgaben zur Hand und schlägt die angegebene Stelle nach, so muss man zu dem Schluss kommen, dass hier von der All-Sichtigkeit und All-Gegenwärtigkeit Gottes die Rede zu sein scheint. Das wird dann übertitelt mit Worten wie „mein Schöpfer kennt mich durch und durch“. Aber die einzelnen Übersetzungen sind recht unterschiedlich. Ja gibt es denn nicht nur eine verbindliche Text-Überlieferung, wird man vielleicht fragen? Nein, zumindest nicht außerhalb des hebräischen Urtextes. Unsere Bibel-Übersetzer sind ja in der Regel Theologen der einzelnen Konfessionen. Und da heißt Übersetzung auch gleich theologische Interpretation –- ganz nach dem jeweiligen Glaubensverständnis. Diese Art der Textausdeutung führt natürlich zu schwerwiegenden Verfälschungen der eigentlichen Aussagen.

Dann zitiert Benzin Zürcher Bibel, Gute Nachricht, Luther-Bibel, Elberfelder Bibel. Benzin kommentiert. Ich gehe auf diesen Kommentar nicht im einzelnen ein, sondern nur zu der entscheidenden Stelle. Benzin zitiert die Elberfelder Übersetzung mit den Worten „Meinen Keim (eigentl.: Knäuel, ungeformte Masse) sahen deine Augen, und in dein Buch waren (oder: wurden) sie (d.h. die Gebeine) alle eingeschrieben.“ Benzin dazu weiter (S. 73):

Sollten wir hier nicht an eine Keimzelle denken? Aber die Elberfelder Übersetzer geben auch die eigentliche Übersetzung des Wortes Golem mit „Knäuel“ oder „ungeformte Masse“ an. Hebräische Wörter können durchaus mehrere Bedeutungen haben, polysemantisch sein. Und schlägt man ein modernes Biologie-Lehrbuch auf, so trifft das Wort „Golem“ mit seinen Übersetzungen „Keim“, „Knäuel“ und „ungeformte Masse“ genau die genetischen Tatsachen.

Nämlich: es gibt Keimzellen in der Biologie; unterm Mikroskop sehen Chromosomen wie Knäuel aus. Tja, würden Sie davon sagen, dass das „genau die genetischen Tatsachen“ trifft?

Aber zu dieser Art Gedankenfigur habe ich oben schon genug geschrieben; und wer davon nicht überzeugt ist, wird durch den erneuten Aufweis der Tatsache, dass hier eine oberflächliche Ähnlichkeit, die zudem von Benzin selbst hergestellt wird – denn er wählt die Begriffe aus, wenn er Chromosomen als „Knäuel“ beschreibt – als alleiniger Beleg zu genügen scheint, sich kaum eines andern belehren lassen. Darum möchte ich nur kurz auf die Methode eingehen.


HEBRÄISCHER URTEXT UND ÜBERSETZUNG

Benzin kritisiert die Übersetzungen; sie seien theologisch überformt. Er übersieht dabei mehreres:

  1. Es gibt keinen hebräischen „Urtext“. Die hebräischen Fassungen des alten Testaments, die uns überliefert sind, stammen aus dem frühen bis hohen Mittelalter. Ältere Textfragmente sind durch die Funde in Qumran und am toten Meer überliefert, die bis in die vorchristliche Zeit zurückreichen. Die älteste hebräische Überlieferung des gesamten Textes (das heißt hier: mit Psalmen), die wir heute haben, stammt aber aus dem Jahr 1009, der Kodex Petropolitanus. Angesichts der Tatsache, dass die Entstehungszeit der Texte auf weit vor Christus angesetzt wird, ist das ein gehöriger Abstand, und es ist mehr als naiv anzunehmen, dass die Texte seitdem keine weiteren Änderungen erfahren haben. Es ist zudem falsch, dass alle erhaltenen hebräischen Texte des alten Testaments buchstabengenau den gleichen Text enthielten. Man hat darum heute, bei der Frage, was ursprünglich im Text gestanden haben könnte, mehrere Überlieferungstraditionen zu berücksichtigen. Die lateinischen und griechischen Übersetzungen, die wir heute von Texten des alten Testaments haben (griechisch z.B. auch aus Qumran), sind zudem älter und beruhen auf älteren, heute verlorenen hebräischen Vorlagen. Man muss also abwägen und vergleichen: Verschiedene hebräische, jüngere Textfassungen, ältere lateinische und griechische Textfassungen, die aber eben Übersetzungen sind. Interpretationsfehler entstehen nicht nur beim Übersetzen, sondern auch beim Abschreiben, denn jemand, der abschreibt, hält sich bei etwas, dass er schlecht lesen kann oder nicht genau liest, an das, was ihm vertraut ist. (Dies kann man in jeder Einleitung in das Alte Testament nachlesen.)
  2. Lustig finde ich den Vorwurf der „theologischen Interpretation“ der Übersetzung im Vergleich zum „Urtext“. Denn natürlich beruht die Überlieferung – die immer religiös war – auch jüdischerseits auf „theologischer Interpretation“, das gilt ebenso für den Entstehungs- und Bearbeitungsprozess der Texte wie für die Überlieferungsgeschichte. Theologische Interessen sind von vornherein mit im Spiel, nicht erst bei Luther und heutigen Übersetzern.
  3. Benzin vergleicht vier deutsche Übersetzungen. Warum benutzt er nicht einen der guten textkritischen Kommentare, den die Theologen gleich welcher Konfession inzwischen hervorgebracht haben? Die Bibelübersetzungen sind für den Leser, die Kommentare sind für den Wissenschaftler. Viele Kommentare enthalten eigene Übersetzungen, die wörtlicher und auch grammatisch genauer sind als die Bibelübersetzungen für den Alltag. Und sie legen Rechenschaft darüber ab, warum diese oder jene Übersetzung gewählt wurde. Textkritische Überlegungen auf der Basis der deutschen Übersetzungen sind, gelinde gesagt, unzureichend.
  4. Hätte Benzin in einen Kommentar gesehen, dann hätte er festgestellt, dass Vers 16 der in der Forschung umstrittenste Vers des ganzen Psalms ist (was den Text angeht). Die Konjekturen (d.h. die Vermutungen, was dort gestanden haben könnte) übersteigen bei weitem die Varianten (d.h. die tatsächlich und voneinander abweichend vorliegenden Formulierungen in verschiedenen Überlieferungsträgern). Das Wort, das Benzin mit „Golem“ oder „Knäuel“ oder wie auch immer übersetzen möchte, kommt im Alten Testament, wie Benzin richtig bemerkt, an keiner anderen Stelle vor, es ist sonst vor allem aus der talmudischen Literatur bekannt. Weil das Wort im alten Testament an keiner anderen Stelle vorkommt, ist seine Bedeutung auch für den Fachmann (der ich nicht bin) schwer zu entscheiden. Natürlich kann die spätere Überlieferung darüber Aufschluss geben, wie es vielleicht gemeint gewesen war. Aber das heißt nicht, dass diese Interpretation dann sicher das ist, was sich die Verfasser des Textes ursprünglich dabei gedacht haben, und zwar aus mindestens zwei Gründen. 1. Der spätere Gebrauch des Wortes (und später meint hier eine Differenz von 1000 Jahren) kann sich gewandelt haben, 2. die uns überlieferten späteren Verwendungen könnten abgeleitet und metaphorisch sein. (Wenn man sich an das hält, was der historischen Vorstellungswelt im AT entspricht, und an die im Umkreis des Wortes im Psalm verwendete Bildwelt, dann ist eine Übersetzung wie „Embryo“ einigermaßen plausibel.)

Abschließendes

Herr Vogl findet, in seinem Kommentar, dass die Forscher zu Bruno „aus dem Bereich der universitären Philosophie der Lösung des Rätsels bereits“ nah „gekommen sind, aber im Ansatz stecken bleiben mussten“, und führt dazu eine Bemerkung von Elisabeth von Samsonow an (die auch die Übersetzung von De Monade... im Meiner-Verlag besorgt hat). Samsonow schreibt in ihrem Werk über „Bruno und die okkulte Philosophie der Renaissance“, zitiert Vogl nach Benzin, dass es in den drei Frankfurter Schriften Brunos „um eine Art elementare Geometrie, eine Art geometrischer Embryologie, die die Organisationsformen der Materie herleitbar machen soll“, gehe. Vogl fragt: „Benzin spricht von Zellbiologie und die Philosophen von geometrischer Embryologie. Wo [...] liegt da der Unterschied?“


"EINE ART GEOMETRISCHE EMBRYOLOGIE" VS. "ZELLBIOLOGIE"

Mir scheint der Unterschied ganz offensichtlich und eigentlich keiner Erläuterung bedürftig. Samsonow deutet mit ihrer Einleitungsformulierung „eine Art ...“ an, dass es sich in ihren Ausdrücken um Annäherungen handelt. Das ist etwas anderes, als zu schreiben, Bruno treibe Embryologie. Und Samsonow wählt Formulierungen, die auf Konzepten beruhen, die Bruno verfügbar waren. Was Embryos sind, wusste man schon längst. Die Geometrie zählt zu den seit der Antike gepflegten Künsten. Die verknüpfende Formulierung Samsonows „geometrische Embryologie“ ist darum historisch adäquat und zeigt zugleich, in welcher Weise Bruno Bekanntes zu Neuem zu verbinden sucht in seiner Überblendung verschiedener Wissensbereiche. Die Behauptung, Bruno betreibe „Zellbiologie“, tut dies nicht.


VOGL: BRUNO IST KEIN ZEITREISENDER

Nun noch ein paar unsachliche, weil persönliche Worte. Werter Herr Vogl, es liegt mir fern, Sie zu beleidigen. Meine Rede von der Zeitreise war ein Scherz: eine satirische Überspitzung. Ich erkläre hiermit, dass Sie, nach meiner bescheidenen Kenntnis, an keiner Stelle diese These vertreten, und auch Benzin nicht. Während die Idee von der Zeitreise immerhin eine – wenn auch fragwürdige – Theorie darüber wäre, wie Bruno nach ihrer Meinung zu „Wissen“ kommt, das er „gar nicht haben konnte“, weil es von dem seiner Zeit abweicht, bieten sie darüber allerdings gar keine Theorie an. Dass Sie und Benzin nahelegen, Bruno habe dieses „Wissen“ aus älteren Überlieferungen gehabt, erklärt nichts, denn es verschiebt das Problem zeitlich nur nach vorne.


GROSSE DENKER AUF DEN SCHEITERHAUFEN?

Dass Sie den „Disput lieben“, finde ich gut. Ich merke davon aber nichts. Sie tun nach Kräften das, was sie mir vorwerfen, nämlich ad hominem zu argumentieren, nicht ad rem. Das sei ihnen erlaubt, schließlich habe ich mir mit Ihnen auch einen Scherz erlaubt. Nur möchte ich Sie darauf aufmerksam machen, dass Sie in Ihrer Darstellung Ihre Opferrolle übertreiben. Wenn Sie gleich einleitend in ihren Kommentar feststellen, dass „schon Bruno“ sich mit Menschen herumschlagen musste, „die gegen seine Meinung waren und ständig unsachliche und argumentationslose Schmähschriften gegen diesen großen Denker verfassten. Als die nicht mehr fruchteten, wurde er gefoltert, inhaftiert und schließlich verbrannt.“ Sie stellen ganz richtig fest, dass man „uns nicht mehr verbrennen kann“, aber das verdeckt kaum die Implikation in ihrer Feststellung, dass man Sie trotzdem verbrennen wollte, wenn man könnte. Das ist lächerlich. Sie mögen sich verfolgt fühlen und nicht anerkannt von der akademischen Philosophie, das weiß ich nicht und kann es aus der Vehemenz Ihrer Antwort nur erahnen. All dies ändert aber nichts an der Tatsache, dass ihre Situation der von Bruno überhaupt nicht ähnlich ist. Niemand bedroht Sie, niemand möchte Sie zwingen, ihre Meinung zu ändern, niemand möchte Sie zwingen zu schweigen. (Lustig finde ich, dass Sie nebenbei, durch dieselbe Analogisierung, sich und Benzin zu ‘großen Denkern’ erklären.)

Sie haben also schon „viele Artikel für bekannte Zeitschriften und sehr viele Bücher geschrieben!“ und zwar „weit, weit mehr“ als ich. Nie würden Sie jemanden beleidigen. Gut! Es freut mich, dass Sie so hehre moralische Prinzipien haben. Nun habe ich noch einmal nachgesehen, wo ich Sie denn beleidigt haben könnte.


BELEIDIGT?

Ich gebe zu, dass die Formulierung „Besserwisser“-Verlag abwertend ist. Wenn Sie diese stört, dann nehme ich sie zurück. Der sachliche Gehalt bleibt der gleiche: Der Ancient Mail-Verlag behauptet auf seiner Webseite, dass er Bücher anbietet, die einem sagen, wie die Geschichte wirklich verlaufen ist, und er behauptet implizit, dass Archäologen und Historiker „uns“ über den Lauf der Geschichte betrügen wollten. Für mich sind das Thesen, die der detaillierten Begründung bedürften. Können Sie dieser Darstellung zustimmen, oder ist das für Sie immer noch beleidigend?

Oh, ich schreibe, dass der Verlagsname mich misstrauisch macht. Tja, das ist so, das ist eine sachliche Feststellung über meine Gefühle beim Lesen des Verlagsnamens. Ist das für Sie beleidigend?

Über Benzin gebe ich das wieder, was aus Klappentext und Verlagshomepage hervorgeht. Daran kann ich nichts Beleidigendes erkennen. Ich schreibe, dass der „denkende Mensch“ nichts mit ihrer These anfangen kann von der Ahistorizität der Gedanken Brunos. Das impliziert natürlich, dass Sie und Benzin nicht denken. Ich glaube, Sie haben schon dafür gesorgt, dass wir da quitt sind, denn Sie richteten ja das schöne Bruno-Zitat über die „dummen Menschen“ an mich.

„Schon Bruno kannte die Eitelkeit der Philosophen“. Ich glaube, jetzt habe ich sogar noch einen gut. „Überheblichkeit und Eitelkeit“, also wirklich, Herr Vogl! Wo sind Ihre hehren moralischen Prinzipien („ad rem, ad rem“)? Ich entschuldige mich bei Ihnen, dass ich Sie dazu brachte, Sie zu vergessen!

Kommentare:

  1. Anonym9/3/06

    Nun auch ein paar Worte von mir an JGE

    zu Ihrem Statement:
    „Während die Idee von der Zeitreise immerhin eine – wenn auch fragwürdige – Theorie darüber wäre, wie Bruno nach ihrer Meinung zu „Wissen“ kommt, das er „gar nicht haben konnte“, weil es von dem seiner Zeit abweicht, bieten sie darüber allerdings gar keine Theorie an. Dass Sie und Benzin nahelegen, Bruno habe dieses „Wissen“ aus älteren Überlieferungen gehabt, erklärt nichts, denn es verschiebt das Problem zeitlich nur nach vorne.“

    Wieso dieses?
    Angenommen, Wissen häuft sich nicht für alle Menschen stetig an, sondern geht auch für viele immer wieder verloren und es wird nur von einigen wenigen an andere ausgewählte Personen weitergegeben (aus welchen Gründen auch immer), so kann eine Person, die an einige solch ausgewählte Personen gerät, welche noch im Besitz des weitergegebenen Wissens sind, naturgemäß mehr wissen, als viele der anderen, denen das Basiswissen verloren ging .
    Hier besteht überhaupt keine zeitliche Verschiebung eines Problems nach vorne.

    Vielmehr ist es dann theoretisch möglich, dass auch das momentane allgemeine Wissen einem an ausgewählte Personen weitergegebenen Wissen noch hinterherhinkt.

    (Aus Einfachheitsgründen erspare ich mir hier die graphisch Darstellung auf einer Zeitachse, die sich jeder erfolgreiche Schulabgänger selbst erstellen kann.)

    KW (Diplom-Geophysikerin und Diplom-Finanzwirtin)

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  2. Dieter Vogl12/3/06

    KW schreibt: "Angenommen, Wissen häuft sich nicht für alle Menschen stetig an, sondern geht auch für viele immer wieder verloren..."

    Dies ist nicht nur ein recht gutes Argument, sondern auch noch ein teffendes, denn es ist gerade in unserer Zeit nachzuvollziehen. Immer mehr Firmen gehen dazu über Ihren Bestand an Personal immer mehr zu verjüngen. Menschen über 50 Jahren werden gar nicht mehr eingestellt. Und damit geht unweigerlich innerbetriebliches Wissen (Erfahrung) verloren. Ganze Abteilungen müssen deshalb umstrukturiert und neu aufgebaut werden.
    Es gibt aber noch ein viel besseres Beispiel. Die NASA hat, nachdem das Mond-Programm abgesetzt wurde, die Baupläne für die Saturn 5 archiviert. Dabei gingen, wie auch immer, 2/3 der Pläne verloren. Niemand kann heute mehr die Saturn 5 nachbauen.

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  3. Eine erste Replik habe ich hier hinterlassen: http://philobar.blogspot.com/2006/01/wer-kennt-den-ancient-mail-verlag.html

    Nicolas Benzin

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  4. Sieht so aus, als hätte ich das letzte Wort gehabt? Keine zweite Replik von Herrn Benzin? Auch Herr Vogl geht nicht auf die oben vorgetragenen Argumente ein? Zur Methodischen Kritik fällt Ihnen nichts ein?

    @KW. Vielen Dank für das Posting. Ich stimme ihnen darin zu, dass es möglich ist, dass Wissen verlorengeht, und dass es ebenso möglich ist, dass einige Wissen von älteren Überlieferungen übernehmen, dass ihren Zeitgenossen nicht zur Verfügung steht, weil diese kein Zugang zu solchem Wissen haben. Zu zeigen wäre aber auch, dass es sich bei Bruno so verhält.
    Das Problem verschiebt sich nach vorne, weil plausibel gemacht werden müsste, wie diejenigen an das Wissen gelangt sind, die es zuerst gewonnen hatten. Je weiter das von heute weg ist, desto unwahrscheinlicher, dass sie von selbst darauf kamen.
    Ich weiß, dass das für Benzin und Vogl kein Problem ist, weil -- wie man an ihren Webseiten leicht ablesen kann -- sie der Auffassung sind, dass Außerirdische vor 5000 Jahren (oder wann auch immer) auf der Erde dieses Wissen an ausgewählte Personen weitergegeben haben. Ich habe mich ein wenig auf den Webseiten der Anhänger dieser These umgesehen. Da wird zum Beispiel vorgeschlagen, dass Außerirdische auf der Erde Nahrungsreplikatoren hinterlassen hätten; die Spuren fänden sich in Mythen aller Völker, z.B. im Gralsmythos. Das ist ein Musterbeispiel für den Typ von Argumentation, den ich fragwürdig finde. Dass ein solches Muster nach deren Interpretation in vielen Überlieferungen unabhängig voneinander auftaucht, kann viele verschiedene Gründe haben. Ein logisch möglicher Grund ist, dass es auf konkrete Artefakte zurückgeht, die vielen Kulturen bekannt waren. Ist aber nicht sehr wahrscheinlich: denn es gibt keine anderen Zeugnisse außer 'mythischen' überlieferungen. Keine seltsamen Metallfragmente, unbekannte Legierungen, irgendein archäologisch verwertbarer Hinweis. Aus der Existenz von Texten auf die Existenz des Betexteten zu schließen -- und, nebenbei, wenn man dabei Märchen, Epen und Mythen verschiedener Kulturen in einen Topf wirft, verwischt man natürlich auch die deutlichen konzeptionellen Unterschiede in diesen Texten --, das ist so wie Anselms ontologischer Gottesbeweis: Dass ich Gott denken kann impliziert, dass er wirklich ist.
    Eine andere, viel näherliegende weil viel weniger aufwendige These, die das Vorkommen ähnlicher Überlieferungen begründet, ist die, dass Nahrungssuche für viele Kulturen ein tägliches Thema war und darum viele Geschichten diese zum Thema gemacht haben. Die Gemeinsamkeit der Kulturen ist dann eines des Alltags bzw. der menschlichen Psychologie. Von den Paläo-SETI-Anhängern wird die eine These bevorzugt und die andere nicht einmal bedacht. Natürlich bevorzugen sie die eine These: die passt ja voll in ihr Weltbild. Man kann aber auch sagen, dass das Weltbild immun gegen Kritik ist. Sie dürfen raten, ob ich das für eine Stärke oder eine Schwäche halte.

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