blogoscoop

30 März 2006

Relativität des Todes

Manche Philosophen sind toter als andere. Das hat nicht nur mit ihrem Werk zu tun, sondern auch mit ihren Bildern. Sokrates und Aristoteles z.B. haben es auch zu prominenten Büsten gebracht, die vielen vertraut sind, zu schweigen von Raphaels Philosophie-Bild, dem man kaum entgehen kann in der philosophischen Publizistik, so viele Titelbilder und Schutzumschläge sind daraus gemacht worden. Manchmal frage ich mich, ob Nietzsches Schnurrbart nicht größer ist als seine Philosophie; und manches Gemälde eines Fürsten der Aufklärung kann ich nicht ansehen, ohne Descartes (Schnurrbart, Frisur) darin zu erkennen.
Jeremy Bentham hat schon zu Lebzeiten dafür Sorge getragen, dass sich die Nachwelt ein bestimmtes Bild von ihm macht. Und weil die Sache selbst besser als ihr Abbild ist, hat Bentham beides vermischt: in seinem Konzept eines "Auto-Icon": eine Statue, zu fertigen aus dem Material seines Körpers, nach Sektion und wissenschaftlicher Untersuchung mumifiziert. Ich entnehme dies dem Ausstellungskatalog The old radical : Representations of Jeremy Bentham, hg. von Catherine Fuller. Die Ausstellung war 1998 im University College in London, wo auch das Bentham Project beheimatet ist. Das Auto-Icon wurde, nach Benthams testamentarisch ausgesprochenem Willen, aus seinem Körper gemacht: eine sitzende Statue, angekleidet, mit Stab. Es ist hier (gif) zu sehen, die näheren Umstände erläutern die Webseite und ein Aufsatz. Wie dieses Auto-Icon das Glück der Menschheit stärker befördert als sein Fehlen, hat Bentham, Erfinder des Utilitarismus, sicher auch ausführlich begründet ...

Kommentare:

  1. Man könnte meinen, eine normale Statue hätte gereicht. Durch die körpereigene Materialität wird schlicht versucht, das mimetische Moment, das der Staue an sich ja eigen ist, zu überschreiten. Vielleicht mit Blick auf eine "Simulation", die zu dieser Zeit noch allzu ontologisch gedacht wurde. Das ganze Vorhaben scheint mir zutiefst ontologisch zu sein.
    Währenddessen ist auch der utilitaristische Aspekt dieser Allegorie interessant: Wenn der Tod im Denken des Utilitarismus schlicht die Nutzlosigkeit des körperlichen Seins bedeutet, so ist das sicher ein Versuch der Lebensverlängerung.
    Fasst man aber diese Auto-Ikonographie trotz allem als Repräsentation auf, so ist sie ja nur von Nöten, wenn sie anstelle des Philosophen den Philosophen repräsentiert, also seine Abwesenheit anzeigt.
    Obwohl Bentham weiterhin anwesend sein will, trotz seiner Abwesenheit verstärkt die Statue den Tod des Philosophen noch, weil sie gar nicht hätte entstehen können, ohne dessen Tod. Der Tod war ja die Vorraussetzung für das Entstehen der Statue.
    In der utilitaristischen, mimetischen und ontologischen Anwesenheit des Philosophen ist seine absolute Abwesenheit herauszulesen. Das – nehme ich an – hat er sicher nicht bedacht.

    AntwortenLöschen
  2. Interessanter Gedanke: das mit der Lebensverlängerung. Überzeugt mich. Die Anwesenheits-/Abwesenheitsdialektik allerdings weniger: Wenn etwas absolut abwesend ist, ist dann nicht spürbar die Lücke anwesend, der Umriss? Abgesehen von der realen Anwesenheit der Statue, die einen vielleicht darauf stößt, dass Bentham tot ist, die aber seinen Anhängern auch ermöglicht, an ihn zu denken. zumal Bentham offenbar testamentarisch verfügt hat, dass sein Auto-Icon auch für Zusammenkünfte seiner Freunde und Bewunderer verfügbar sein sollte.

    AntwortenLöschen