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10 April 2006

Wer eine Tugend hat, hat alle: ein paar Bemerkungen zur Nikomachischen Ethik

Eva Schmid hat hier im Kommentar gefragt:
Sagt Aristoteles wirklich, dass man mit einer Tugend auch alle anderen hat, was umgekehrt bedeutet, dass man, wenn einem eine Tugend fehlt, auch keine anderen hat? Das hoert sich in meinen Ohren geradezu absurd an!

Als ich eben in der Nikomachischen Ethik blätterte, ging mir auf, dass es schon länger als 10 Jahre her ist, dass ich mich ernsthaft damit beschäftigt hätte! Aber manche Dinge bleiben so hängen, und dazu gehört diese These, dass eine Tugend zu haben bedeutet, auch alle anderen zu haben. Dass dies nicht ganz sinnvoll oder stimmig klingt für heutige Ohren, ist klar, aber leicht möglich, denn so ganz vergleichbar sind ja Menschenbild und Kultur damals und heute nicht. Aber nun im einzelnen, soweit ich mich erinnere.
Die fragliche These hat Voraussetzungen in mehreren Bestandteilen in Aristoteles' Theorie. Ein Bestandteil ist die Eudaimonia-Lehre im ersten Buch. Die bedeutet grob gesagt, dass alles Handeln auf einen einzigen Endzweck zielt. In der Hierarchie aller Ziele ganz oben steht die "Eudaimonia" oder "Glückseligkeit". Alles Handeln, was nicht direkt auf sie zielt, zielt indirekt auf sie.
Eine Tugend zu haben bedeutet nach Aristoteles zwei Dinge: 1. disponiert zu sein zur tugendgemäßen Handlung, 2. tugendgemäß Handeln. (2. und 3. Buch). Eine tugendgemäße Handlung allein genügt nicht, weil die Tugend gerade im regelnäßigen, wiederholten Vollziehen solcher Handlungen sich äußert. Die wird sichergestellt durch die innere Einstellung dazu, die Gewöhnung zum tugendgemäßen Verhalten. -- Das entspricht auch dem heutigen Tugendbegriff.
Um tugendhaft zu handeln, braucht man Klugheit (Phronesis). (6. Buch) Das ist eine bei Aristoteles ganz eigentümliche Verknüpfung von inhaltlicher Bestimmung (Qualität des Ziels) und formaler, denn für die Fähigkeit, zu einem beliebigen Ziel das rechte Mittel zu finden, gibt es einen eigenen Namen, den Gigon mit "Gewandtheit" übersetzt, und an mindestens einer Stelle ist genau dies auch die Bestimmung der Klugheit.
Dann heißt es am Ende des 6. Buches, zitiert in der Übersetzung von Gigon:
Es ergibt sich also aus dem Gesagten, dass man nicht in einem wesentlichen Sinne gut sein kann ohne die Klugheit, noch klug ohne die ethische Tugend.
Auf diese Weise werden auch die Argumente widerlegt, mit denen man vielleicht beweisen möchte, dass die Tugenden voneinander getrennt sind; es könne nämlich nicht derselbe gleich begabt zu allen Tugenden sein, und so werde er die eine bereits erworben haben, die andere dagegen noch nicht.
Dies ist bei den natürlichen Tugenden möglich, nicht aber bei den anderen, auf Grund deren man schlechthin tugendhaft heißt. Denn wenn man die Eine Klugheit besitzt, wird man zugleich alle Tugenden besitzen. (1144 b31ff)

Man kann nicht gut sein ohne Klugheit, weil man ohne Klugheit nicht zum guten Ziel käme; erst die Klugheit verrät einem den Weg dahin. Man kann aber auch nicht klug sein ohne Tugend, weil man ohne Tugend das Ziel nicht kennte -- das ist die oben erwähnte eigentümliche Verquickung (sicher keine Stärke der Theorie). Ich habe jetzt auf die Schnelle nicht mehr herausbringen können, was "schlechthinnige" Tugendhaftigkeit von "natürlicher" unterscheidet; bleibt aber trotzdem deutlich die These, dass, wer tugendhaft ist, auch klug ist, und wer klug ist, alle Tugenden hat.

1 Kommentar:

  1. Ich finde die Diskussion um eine etwaige Anwendbarkeit des aristotelischen Tugendbegriffs auf das heutige Verständnis leicht merkwürdig, auch wenn ich nachvollziehen kann, dass es faszinierend ist, sich bsw. in der Nikomachischen Ethik zu versenken. Doch sollte man bei aller Begeisterung nicht vergessen, dass es sich dabei um Texte von vor etwa 2350 Jahren handelt, eine Zeit in der die Griechen einen für uns heute nicht nachvollziehbaren Tugendbegriff hatten: Arète. Und dem allgemeinen Streben zur Erfüllung oblag dann auch die Einheit von Körper und Geist, dem oblag dann auch die eine oder andere für uns unreal klingende Überzeugung - ich möchte daran erinnern, dass in einer Zeit, in der man Sophisten häufig als Scharlatane abtat, in der die große Zeit der Naturphilosophen vorbei war, die zugleich die Kyniker und die Epikureer hervorbringen konnte, der Anspruch eines Universalgenies wie Aristoteles, der jawohl letztendlich seine größten Errungenschaften doch in der Biologie hatte und sich parallel als Dichter eher blamierte, ein ich-bezogener war. Vielleicht hat er versucht universell für alle ein erstrebsames Tugendkonzept zu erstellen, aber die Nikomachische Ethik ist, wie der Titel schon sagt, an seinen Sohn Nikomachos gerichtet, hier belehrt ein Vater seinen Sohn (und wir wissen ja, wie das selbst heute noch aussieht).
    Zudem, um auf den Arete-Begriff zurückzukommen, hinkt eine Übersetzung einem Original auch im Verständnis immer nach. Ich bezweifle, dass wir jemls fähig sein werden, wirklich nachzuvollziehen, was die kulturelle Identität und damit auch solche Äußerungen tatsächlich meinen, wir können nur uns selbst erforschen, ob Aristoteles Worte irgendetwas in uns anrühren, ob wir Verständnis mehr spüren als verstehen, denn wir sind trotz body/mind dualism immernoch doch so emotionsabhängig (und benennen das auch als Herzschmerz)wie diese Menschen (sogar Genies) vor 2350 Jahren...

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