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29 Januar 2007

Gott kann nicht unwandelbar und nicht allwissend sein

meinte Norman Kretzmann in einem Aufsatz Omniscience and immutability im Journal of Philosophy 63 (1966) 14, 409-421. Und zwar aus logischen Gründen. Ich weiß nicht, ob diese Art der Begründung in der Religionsphilosophie mal Beachtung gefunden hat, aber ich fand sie ganz bemerkenswert. Das Argument geht so:
Gott ist allwissend, also weiß er auch immer, welche Zeit gerade ist. Ein Wesen, das immer weiß, welche Zeit gerade ist, ist nicht unwandelbar, denn: es weiß zu jedem Zeitpunkt etwas anderes, und etwas anderes zu wissen heißt, in einem anderen Zustand zu sein.

Hector-Neri Castaneda hat diese Argumentation ein Jahr später (S. 203-210, 1967) weiter ausgebaut, unter anderem mit der These, dass ein allwissendes Wesen, dass unwandelbar wäre, nicht allmächtig sein könnte, weil es keine "indexical propositions" formulieren könnte.

Kommentare:

  1. Man müsste sich den Aufbau dieses Argument genauer ansehen. Von der Grundstruktur erinnert es mich aber an dieses:

    »Wenn Gott allmächtig ist, dann kann er einen Stein erschaffen, der so schwer ist, dass er ihn nicht tragen kann.«

    Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich denke, man kann das als Spielform der Russell-Paradoxie beschreiben.

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  2. Nein, ich denke, das ist hier was anderes: die Russell-Paradoxie hat was mit Selbstreferenz zu tun, und das Stein-Beispiel auch: er kann etwas erschaffen, dass er nicht mehr ... kann.
    Kretzmanns Argument beruht ganz wesentlich auf den Indexicals, das heißt, sie formuliert keine Paradoxie, sondern entwickelt den Widerspruch tatsächlich aus den göttlichen Attributen. Es scheint mir aber den Fehler zu haben, dass Kretzmann nicht zwischen propositionalen Gehalten und deren Formulierung unterscheidet (genau wie Castaneda). D.h. für mich ergibt der Ausdruck "indexical proposition" keinen rechten Sinn.

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  3. Fällt es nicht auf, dass er stillschweigend ein bestimmtes Verständnis von Zeit voraussetzt? Wer weiß, ob die Zeit so existiert, wie wir sie wahrnehmen. Darüberhinaus beinhaltet die Formulierung schon von vorhinein die Schlußfolgerung. Es wird so formuliert, als ob Gott von der Zeit geprägt werden würde, also als ob neben dem allmächtigen Gott eine vom Gott unabgängige Instanz namens Zeit existieren würde, die Gott beeinflusst. Es ist eine geschickte Formulierung, aber keineswegs ein guter Gedanke. Vielmehr müsste man davon ausgehen, dass Gott die Zeit erst schafft, wenn er allmächtig ist. Man kann in der Tat nicht sagen, dass Gott allmächtig und zugleich unänderbar ist, wenn die Zeit unabhängig von Gott existierte. Diese Annahme ist aber sehr fragwürdig, da einfach ein "weltlicher" Begriff auf Gott übertragen wird. Man müsste vielmehr annehmen, dass Gott außerhalb der Zeit existiert, wie auch außerhalb jeder Empirie, was wiederum reinste Metaphysik ist.

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  4. Ich habe oben nur eine Form von Kretzmanns Argument gebracht: die, die mir selbst am skurrilsten erschien. Ich stimme zu, dass sie daran krankt, menschliche Vorstellungsweisen auf Gott zu übertragen. Das kann aber auch als Ziel der Argumentation verstanden werden. Castaneda folgert aus Kretzmanns Vorschlag, dass Gott nicht "personal" im Sinne der traditionellen Theologie gedacht werden könne und gleichzeitig allmächtig, allwissend. Dass man dies auch lösen kann, indem man das personale Verständnis von Gott aufgibt (eine Person ist schließlich in der Zeit etc.): stimmt. Da das personale Verständnis von Gott aber eines ist, das viele teilen, hätte man damit schonmal das Gotteskonzept von vielen widerlegt. Oder nicht?

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  5. Da stimme ich Ihnen auf jeden Fall zu.

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  6. Habe gerade gesehen, dass es offenbar eine Tradition für dieses Argument gibt; Nagasawa nimmt darauf in seinem neuen Buch Bezug. Er schreibt diesen Typ von Argumenten aber Patrick Grim (Some neglected problems of omniscience, in: American philosophical quarterly 20: 265-276) nach John Perry (1979) zu. Doch Grims de se-Argument ist wohl das, was schon Castaneda im Sinn hatte.

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  7. Habe gerade gesehen, dass es ein neues Buch zum Thema "Gottes Allwissenheit" gibt: Paul Weingartner : Omniscience : from a logical point of view. - Heusenstamm : ontos, 2008. Weingartner ist relativ gründlich und systematisch; Kretzmann und Castaneda tauchen im Literaturverzeichnis auf. Allerdings geht er nicht auf Castanedas Einwand ein, vgl. dort S. 83.

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