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05 Februar 2007

Vom Glauben an die Evolutionstheorie

Bei Mspro habe ich den amüsierten Hinweis auf das Axonas-Blog von Julio Lambing gesehen. Lambing hatte, wie man leicht nachverfolgen kann, im November einen Vertreter des Intelligent Design-Glaubens um einen Gastbeitrag gebeten, um damit gleichzeitig Toleranz zu demonstrieren, empört über Ulrich Kutscheras (Vizeoberster Biologe in D) Äußerung, es sei "inakzeptabel, die Evolution als Faktum infrage zu stellen", und darüber, dass, wie er meint, ID-Vertreter "öffentlich nicht geduldet würden".
Tja, vielleicht wäre der Grundgedanke richtig und lobenswert, wenn sich hier in der Tat zwei Glaubenssysteme gegenüberstünden, und wenn es stimmte, dass ID sich nicht öffentlich äußern darf. Lambing tut so, als sei das der Fall, und das erstaunt schon angesichts seiner Hinweise auf deren Plattform Wort und Wissen. Andere wurden in den Kommentaren bei ihm genannt.
Lambing meint, die Reaktion der Verbandsbiologen sei symptomatisch dafür, dass die Evolutionstheorie von ihnen ebenfalls wie eine Glaubenssache vorgetragen werde (und Abweichler mit inquisitorischem Eifer verfolgt würden). Er nimmt dies parodistisch auf in seinem Glaubensbekenntnis des Evolutionsbiologen. Dass dies sein eigenes 'Glaubensbekenntnis' ist, dass er also für Toleranz und Pluralismus plädiert und einem Vertreter der anderen Seite Platz zur öffentlichen Darstellung einräumt, obwohl er selbst auf der Seite der Wissenschaft steht, das wäre bewundernswert: wenn da nicht ein paar Fragen offen blieben.
Erstens mal scheint mir der Gedanke befragenswert, ob Pluralismus und Toleranz jedenfalls richtig sind. Unsere Gesellschaftsordnung gründet darauf, dass sie es nicht sind: Extreme z.B. müssen vermieden werden. Links- und Rechtsradikalismus sind verboten. Nun ist es geschenkt, dass ID im Augenblick weit davon entfernt ist, im politischen Sinne radikal zu sein, und wer gedanklich von ID zum Gottesstaat fortschreitet, macht noch zu große Schritte. Aber dass man Unbehagen gegenüber ID spürt, das verstehe ich sehr gut, und halte es für berechtigt. ID trägt im Kern auch politische Ziele in sich.
Zweitens ist es vielleicht richtig beobachtet, dass die Rhetorik der Evolutionsbiologen in ihrer Apodiktik ihrerseits religiöse Züge trägt, oder dass die Meinungsäußerungen derjenigen, die nicht im wissenschaftlichen Diskurs drin sind, sich gut als "ich glaube an die Evolutionsbiologie" wiedergeben lassen und damit diese Position auch nicht stärker scheint als die andere. Lambing selbst will dies für sich mit dem Hinweis, er sei kein Biologe, in Anspruch nehmen: nach dem Motto: beurteilen kann ich meine eigene Position auch nicht. Aber das ist falsch. Denn in der Debatte zwischen ID und Evolutionstheorie gibt es von letzterer zwei Typen von Argumenten: solche, die die Evolutionstheorie stützen und solche, die die argumentativen Schwächen von ID aufzeigen. Selbst wenn man für sich in Anspruch nimmt, die ersteren nicht liefern zu können, kann man sich sehr wohl über die zweiten äußern.

Kommentare:

  1. nerone6/2/07

    Ein interessanter Einwand zu der Diskussion, die ich auch beobachte und "befrage". Ich finde Lambings Einlassungen jedoch durchaus berechtigt in Hinblick auf die Forderung nach Toleranz in solchen Diskussionen. Ich hatte zunächst den Eindruck Lambing ging es vor allem darum diffamierende Bezeichnungen und ihren Hintergrund darzustellen. Ich denke es macht Sinn über den Umgang mit - sagen wir mal: - schwierigen Theorien zu debattieren und dem Dogma des "Lückenfüllers" nicht das Dogma der wissenschaftlichen Unfehlbarkeit gegenüber zu stellen. In dieser Debatte sollten doch die Argumente, die Du ansprichst genügen mit ID, etc. umzugehen. Der Wille religiös motivierte Inhalte als Forschungsgrundlage in eine wissenschaftliche Betrachtung einfließen zu lassen ist vielleicht befremdlich aber ja nicht bedrohlich für die Wissenschaft. Die Gesellschaft wird letztlich den Spagat vollziehen müssen, sollte die Evolutionswissenschaft (nenn' ich mal so) nicht diejenigen überzeugen, die auf Grund ihrer religiösen Disposition zum ID tendieren? Das kann doch nur im Dialog geschehen und nicht mit einem arroganten Schulterzucken? Lambing hat recht wenn er auf solche Reflexe hinweist. Sie lassen die "Biologen" recht einsam erscheinen, wie sie in ihren Minaretten sitzen und die Wahrheit herab postulieren.

    ID sollte es mit beiden (behaupteten) Polen ihrer Theorie ernst meinen (Schöpferglauben-Wissenschaft). Das bedeutet doch, dass ihre Theorie (positive) belegbare Erkenntnisse liefern muss, die einer wissenschaftlichen Überprüfung stand halten. Für ID stellt sich die Frage: Was dann? Was wenn die Antwort auf die letzte Frage 42 ist? Was wenn die Schöpfungsannahme in der Evolution durch wissenschaftliche Untersuchungen der ID widerlegt wird? Ist das dann so eine Art religiöses Harakiri? Und was sage ich den Anhängern der ID?

    Der "Schöpfer" als Lückenbüßer reicht letztlich nicht aus und stellt einen gefährlichen Drahtseilakt für modernistische Bibeltreue, Spiritualisten,etc. dar. Müssen sie doch im wissenschaftlichen Milieu mit der Widerlegung ihrer Annahme rechnen. Das ist mein persönliches wesentlichstes Argument gegen ID. Ich halte die Vernetzung von Glaube und Wissen für unlauter (ist eher eine Geschmacksfrage, als dass ich das hier jetzt breit erklären könnte).

    Unabhängig von meiner eigenen Haltung zu dem Thema frage ich mich nach der Konsequenz der ID-Theorie. Letztlich widerlegt sie ja die Erkenntnisse der Betrachtung evolutionärer Prozesse in keinster Weise. Sie sekundiert sie nur mit einer Schöpferfigur (christlicher Prägung!). Physikalische und chemische Methoden belegen die Datierungen der Biologen und unterstützen die Grundzüge Evolutionstheorie (m.E.). Ich bin gespannt wie ID dieses Thema lösen wird.

    So oder ähnlich

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  2. Danke für den Kommentar. Im Prinzip stimme ich zu. Aber ID würde sich wohl auf kein Kriterium von Wissenschaftlichkeit einlassen (so z.B. Behe), und Lambing erweckt den Anschein, dass er das richtig findet. Aber damit man ins Gespräch kommen kann, braucht man eine gemeinsame Grundlage. Doch es gibt keine zwischen ID und Biologie. Daher macht es auch keinen Sinn, die Daten anders zu interpretieren, die ID interpretiert: dazu braucht man ja die eigene Theorie, die von ID nicht anerkannt wird. Auf der Wort und Wissen-Webseite fragt sich Junker z.B. (das legt Lambing als "Eingestehen eigener Schwächen") aus, wie ID es wohl schaffen werde, die Datierungen von Fossilien mithilfe der Radiologie mit der biblischen Schöfpungsgeschichte zu vereinbaren. Tja, wie soll das gehen? Genügt das nicht als Widerlegung? Nein: die Glaubensgewissheit ist dadurch nicht zu widerlegen.

    Mein Lieblings-pro-ID-Argument ist das Finetuning-Argument: die planvolle Erschaffung der Welt sieht man daran, wie genau alles auf die Entstehung von Leben abgestimmt ist. Würde diese oder jene Naturkonstante nur um ein winziges anders sein, dann hätte das Leben nicht entstehen können. Das beweist doch, dass es absichtsvoll geplant worden sein muss.
    Das beweist nichts dergleichen, aber dafür, wie phantasielos ID ist: da haben die nun einen allmächtigen, kräftig eingreifenden Gott, und dann trauen sie ihm nicht einmal zu, Leben zu völlig anderen Bedingungen zu schaffen (oder völlig anderes Leben)! Davon abgesehen denke ich hier an Douglas Adams' nicht ganz ernsten Beweis, dass die Durchschnittsbevölkerung des Universums Null ist: weil es nur eine endliche Zahl von bewohnten Welten, aber eine unendliche Zahl von Welten überhaupt gäbe, und jede Zahl, die man durch unendlich teile, sei gleich Null.

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  3. Ich denke, es geht beim derzeitgen Stand der Diskussion weniger um die Frage ob ID oder Nicht-ID. Es geht eher um eine wichtige wissenschaftstheoretische Frage, nämlich die des Selbstbildes der Wissenschaft, insbesondere der Naturwissenschaft.

    Wenn man sich mit den meisten Naturwissenschaftlern heute unterhält, gewinnt man ein sehr bescheidenes Bild des so genannten Fortschritts: Im Grunde, das geben eigentlich alle zu, weiß man heute vor allem besser, dass man noch gar nichts begriffen hat.

    Das öffentliche Bild entspricht dennoch heute oft dem Gegenteil dieser Einsicht. Da wird großspurig rumgepoltert und so getan, als hätte man die Weisheit mit Löffeln gefressen. Als gäbe es gar keinen Zweifel an allem bereits konstatierten, als wäre alles hieb und stichfest was da so erforscht wird. Man verweist immer gerne auf den eigenen Status der "harten" Wissenschaften und benützt gerne "Messergebnisse" und "Fakten" synonym.

    Es geht also eher um eine bestimmte Geisteshaltung, die durchaus einige unschöne Parallelen zum christlichen Dogmatismus aufscheinen lässt. Die Reaktionen auf ID sind in diesem Fall nicht mehr ein Beispiel, denn eine ernstzunehmende Alternative. ID ist zu erst einmal eine Herausforderung, eine, die auch in meinen Augen nur unzureichend bewältigt wird.

    Aber das Problem liegt meines Erachtens tiefer und betrifft in dieser Schicht nicht mehr nur die Naturwissenschaften, sondern ebenso die Geisteswissenschaften. Das Problem ist die Institutionalisierung des Bildungsbetriebs. Ein Problem, das eigentlich so schon seit Jahrhunderten existiert, aber lange nicht als Problem angesehen wurde. Ich denke aber es wird Zeit, es so zu sehen. Die Universität und die "Wissenschaft" ist ein zu starres Korsett, mit zu starken Anpassungszwängen, zu starren Regeln und zu eng gefasstem Selbstverständnis.

    Warum das alles gerade heute ein Problem sein soll? Ganz einfach: Weil heute eine andere Wissenschaft möglich wäre. Unter anderem durch das Internet: der Möglichkeit sich anders, freier auszutauschen und zu publizieren, der Möglichkeit eines Jeden daran zu partizipieren und sich entsprechend zu vernetzten. Und auch wenn man dann sicherlich "Die Wissenschaft" (die Wissenschaft sagt dies, der Stand der Forschung ist der....) als Einheit (die in Wirklichkeit immer nur illusioniert war) aufgeben muss, so ist das ein kleiner Preis dafür.

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  4. Dem ersten Teil stimme ich zu: öffentliche Präsentation und interne Selbstreflexion gehen auseinander. Beim zweiten bin ich mir nicht sicher, ob ich ihn richtig verstanden habe: Inwiefern ist die Institutionalisierung des Bildungsbetriebs ein Problem? Worin liegt das Problem genau? Dass man Bildung in einer Institution bekommen kann, ist doch erst mal eine sehr gute Sache, die auch mit Verlässlichkeit zu tun hat. Bildung hat ja schließlich die Eigenschaft, nur so gut zu sein wie die Quelle verlässlich ist. Und das gilt auch für Wissen: manches Wissen erarbeite ich mir selbst, und für dieses habe ich also jederzeit den Weg der Rechtfertigung vor Augen. Aber das "Wissen", was ich von anderen erhalte, für das brauche ich etwas mehr als meine Medienkompetenz in der Beurteilung des Kanals, auf dem ich es bekomme, und eine institutionelle Garantie ist da keine schlechte Sache. (Soll nicht heißen, dass es nicht andere Möglichkeiten gibt, Wissen zu kommunizieren etc.) Oder übersehe ich da was?

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  5. Ich denke, es ist ein altes Missverständnis, dass es einen Unterschied zwischen dem selbsterarbeiteten und dem fremdauferlegtem Wissen gibt. Jedes Wissen ist selbsterarbeitet und gleichzeitig vom anderen aufgenommen.

    Die Institution hat während ihrer Existenz nur den Eindruck entstehen lassen, dass Wissensaufnahme ohne eigenes Erarbeiten möglich sei. Das Erarbeiten ist nämlich vor allem das Erarbeiten von Vertrauen. Die Institution ist nichts anderes als ein Ersatz für dieses Vertrauen. Aber nur Scheinbar.

    Dementsprechend glaube ich nicht an das blinde unkritische Aufnehmen einer anonymen Quelle, wie es die Apokalyptiker unter den Internetskeptikern vorhersehen. Man macht immer einen (selbsterarbeiteten) Prozess durch, bevor man einer Quelle glaubt. Zudem glaubt man auch immer unter Vorbehalt. Das kann man natürlich Medienkompetenz nennen, aber ich denke, dass diese Vorgehensweise sehr viel älter ist und über alle so genannten Medien hinausgeht.

    Diese Prozesse wurden durch die Institutionen scheinbar vereinfacht, wenn nicht ersetzt. Die Vertrauensarbeit wurde dem Lernenden abgenommen, damit der sich sozusagen auf den "reinen Inhalt" konzentrieren kann. Die Folge ist ein eifersüchtiges Wachen an der grenze der Wahrheit. Dogmatismus und das Ersticken von Diskursen. Mangelnde Offenheit gegenüber neuen Ideen. Selbstgerechte Verwaltung der eigenen Macht und Wissenschaft als Elfenbeinturm.

    Die Forderung wäre also heute: Macht euch selbst ein Bild. Denn das ist tatsächlich heute möglich. Anstelle von Institutionen sehe ich also viel mehr lose Vertrauensnetzwerke treten, die einerseits sehr viel offener sind, aber auch pluraler. Vertrauen wird sich also wieder an Personen knüpfen, nicht mehr an Titel oder ähnlichem. Und zwar ganz einfach deswegen, weil es möglich ist.

    Und das sehe ich durchaus als Forderung an, denn angesichts der neuen Möglichkeiten wirken die Systeme der Institutionen beinahe reaktionär.

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  6. Julio Lambing8/2/07

    Hallo,

    Danke für das Aufgreifen des Themas. Es freut mich auch, dass JGE festgestellt hat, daß ich wohl kein Kreationist bin und auch kein Evolutionskritiker. Mir geht es in der Tat um Toleranz und auch um den Umstand, mit welchen Methoden eine bestimmte Gruppe an Wissenschaftler die Evolutionstheorie vor deren deutschen Kritiker schützen möchte. Diese Methode nehme ich in erster Linie aufs Korn.

    Was ich meine lässt sich vielleicht illustrieren: Vor kurzem erst berichtete mir ein durchaus qualifzierter Naturwissenschaftler, der von einer universitären Institution eingeladen wurde, Grundgedanken des "Intelligent Design" vorzustellen, was für ein institutioneller Druck gemacht wurde, ihn wieder auszuladen. Er war von einem anderen qualifizierten Fachwissenschaftler eingeladen worden, der ebenfalls kein Kreationist war, aber sich für eine offene Debatte und ungehinderten Diskurs einsetzte.

    Kreationisten berichten immer wieder von institutionellem Druck, den sie ausgesetzt sind, von Diffamierungen, Ausladungen von Diskussionsveranstaltungen etc.

    Die Medien spielen dabei keine rühmliche Rolle, sie setzen auf die Multiplikation von Klischees. Wer stellt sich denn nach der ganzen Berichterstattung über religiöse Fanatiker und fanatisierte Pseudowissenschaftler unter der Bezeichnung Kreationist einen deutschen Professor für Mikrobiologie vor?
    Wer weiß, dass einer der ThinkTanks der deutschen Kreationisten vom Ausbildungsstandard seiner Mitarbeiter jetzt auch nicht gerade so wirkt, als wären das alle nur durchgeknallte Jesus-Freaks? Stattdessen werden die Mitarbeiter von "Wort und Wissen" durch reisserische Reportagen in die Nähe von Sektenmitglieder gestellt.

    In Hessen entstand eine regelrechte Hysterie, weil dort zwei Schullehrer im Verdacht standen, Kreationisten zu sein - ausgelöst durch eine fragwürdigen Fernsehbericht.

    Der SPIEGEL veröffentlicht daraufhin einen Artikel, der ein schauerliches Eingeständnis der Angst vor freier Forschung beinhaltet. Wie oft haben solchen Medien in den letzten Monaten alarmiert auf das Thema hingewiesen - ganz so, als ob unsere Unis kurz vor einer Überflutung durch Kreationisten stehen. Auch die Kritiklosigkeit war in der Vergangenheit bezeichend: Der Satz, der da oben Ulrich Kutschera in den Mund gelegt wird (es ist gar nicht klar, ob der so gefallen ist) wurde vielfach in Medien wiederholt, weitgehend unwidersprochen. Und nur wenige scheinen sich im deutschsprachigen Raum daran zu stören, wenn die Kritik an der Evolutionstheorie mit der Leugnung des Holocausts gleichgesetzt wird.

    In diese Stimmung hinein habe ich einen Akteur, der von vielen als "Leitmedium" im Umgang mit Kreationisten beschrieben wird, provoziert. Und das Resultat ist ein ganz merkwürdiges Verhalten, von dem man schon sagen kann, dass es Indizien über die Gesinnung und Strategien dieses Akteurs liefert: Weil es ins Klischee passt, wurde ich per offizieller Website erst zum "Evolutionsgegner" erklärt. Als man merkt, daß mir ein christlicher Hintergrund fehlt, daß also das Feindbild nicht stimmt, macht man einen Rückzieher und versuchte es mit einer anderen Stigmatisierung.

    Und um noch einen draufzusetzen, versuchte der Geschäftsführer der AG Evolutionsbiologie unter dem Titel "Pain in the Ass" ein anonymes Posting bei mir abzusetzen, in dem mal so richtig vom Leder gezogen und die Sau rausgelassen wird und auf sehr berechenbare Art stigmatisierende Klischees und Stereotypen benutzt werden, um an billige Ressentiments und Vorurteile zu appellieren.

    Sein Pech, daß es drei Klicks dauerte um seine Identität festzustellen. Man sollte nicht aus dem Uni-Netz schreiben, wenn man anonym bleiben will.

    Wenn so etwas von einem Wissenschaftsfunktionär (hier dreht es sich ja nicht um eine Privatperson) möglich ist, scheine ich mit meiner Kritik hinsichtlich der zweifelhaften Methoden ja nicht ganz falsch zu liegen.


    Zu allem anderen:

    1) Ja, die Vertreter von ID gehören in der Regel einer Weltanschauung an, der man nicht sehr weit trauen sollte, wenn es um Freiheit in unserer Kultur geht.

    2) Nein es stimmt nicht, daß ich meine Position zu dieser Frage nicht beurteilen kann oder mag. Es gibt für mich hinreichend rationale Gründe anzunehmen, dass die Evolutionsbiologie die derzeit einzige ernstzunehmende Erklärung zur Entstehung der Arten ist.

    3) Ja ich finde, daß man soviel, wie es nur möglich ist, an den wissenschaftlichen Ergebnissen, die "Intelligent Design"- Forschungsansätze produzieren, kritisieren sollten - wenn sie denn hinreichend interessante Egebnisse produzieren.

    4) Nein ich finde nicht, dass sich "Intelligent Design" darum drücken kann und darf, Forschungsergebnisse zu präsentieren, deren Zustandenkommen dem sonstigen Standard an wissenschaftlicher Forschung in der Biologie entspricht.

    5) Ja ich finde, daß jene Sorte von Kritik, wie sie mspro am Kreationismus geäussert hat, viel zu wenig Berücksichtigung in der Diskussion finden. Und hätten wir davon mehr, würden vielleicht auch kulturwissenschaftliche Dekonstruktionen von Kernmotiven der Evolutionstheorie mehr Gehör finden. Das fände ich auch gut.

    Vielleicht hilft das zur Klärung.

    Julio Lambing

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  7. @Lambing -- Danke für die Zusammenfassung. Sie lassen die Frage offen, wie weit Toleranz gehen sollte, sondern begnügen sich mit der in Ihrem Handeln sichtbaren positiven Antwort, dass sie jedenfalls gegenüber den ID-Vertretern geboten sei. Meine Toleranz gegenüber ID-Vertretern hat genau den Umfang, den sie gegenüber Andersgläubigen hat: weil ich das, was als Vortrag von Forschungsergebnissen etikettiert wird, als Mission wahrnehme. Wir wollen doch nicht vergessen, dass die Grundidee von ID der Gottesbeweis ist, denn die Welt und ihre planvolle Anlage kann man ja sehen, Gott nicht...

    Ich stimme Ihnen völlig zu, dass das Verhalten des erwähnten Biologen grotesk ist. Das würde mich wohl auch zum Widerspruch reizen.


    @mspro -- ich halte die Diagnose für falsch. Institutionen vermitteln ein Wissen, das eine gute Grundlage für jede weitere Diskussion ist: auch für das Infragestellen der Institution. Institutionen garantieren (es gibt Ausnahmen) ein gewisses Niveau des Gesprächs. Wer sich Wissen erarbeitet und dabei allein auf sich selbst angewiesen ist, kommt in den seltensten Fällen weit. Ganz sicher kommt er nicht dazu, das Erarbeitete weiterzugeben. Das sehe ich ja an den Privatphilosophiesystemen, die ich hier und hier schon mal erwähnt habe.

    Die These, dass Wissen in jedem Fall erarbeitet und überkommen sei, halte ich für ein bisschen zu schwammig, um aussagekräftig zu sein. Als analytisch geprägter Philosoph habe ich natürlich erstmal Beispiele von Wissen in Einzelsätzen vor Augen wie "Ich habe heute eine Eintrittskarte gekauft, die sich jetzt in meiner Tasche befindet". Ist klar, dass wir hier nicht über so etwas reden, nicht über Alltagswissen, sondern über das altmodisch Erkenntnis genannte, den Wissensfortschritt. Natürlich geschieht der auf der Grundlage von überkommenen, und dafür werden auch Werkzeuge benutzt, die überkommen sind, usf. Aber das heißt ja nicht, dass es nicht sinnvoll wäre, einen Unterschied zu machen zwischen dem, was ich selbst herausgefunden habe, und dem, was ich einfach weiß, weil es mir jemand beigebracht hat.

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  8. Nur zu einem Punkt:

    Ich denke, es gibt eine bessere Qualitätskontrolle als Institutionen: und zwar Diversifizierung/Segmentierung.

    Ein völlig anderes Beispiel: Es gibt einen Club in HH, der keine Türsteher hat. Nicht drinnen nicht draußen. Die Tür ist offen, jeder der rein will, kann rein. Und das mitten in der Großstadt. Man sollte meinen, dass das nicht möglich wäre. Da gibts' doch nur Zoff, Krawall und Schlägereien. Nix. Alles ruhig, alles gesittet.

    Das liegt an der Ausrichtung und an der Größe des Clubs: Teilweise sehr spezielle, relativ experimentelle Musik wird da gespielt, und das entsprechende Publikum verteilt sich dann auf etwa 120qm. Krawallmacher und Stressmacher haben kein Interesse an dem Club. Punkt. Das wars. So einfach ist das.

    Ähnlich funktionieren Blogs. Es sind kleine spezielle Foren, die aber vernetzt sind. Man findet sich durch die Vernetzung mittlerweise relativ gut und in Zukunft immer besser. Es entwickeln sich Mikrozirkel, die sich allein durch die Interessenlage, die jeweilge thematische Richtung oder schlichte Sympathie finden. Und es entwickelt sich ein Diskurs, der freier, vielseitiger, ungezwungener und undogmatischer ist, als es ihn eine Institution zustande bringen kann.

    Wer, und das ist die Frage die ich darauf hin stelle, braucht da noch Institutionen, wie wir sie kennen? Also Wenn man diese Entwicklung konsequent weiterdenkt und auf alle Lebensbereiche anwendet?

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  9. Julio Lambing8/2/07

    @JGE:

    Das ein Forschungsprogramm (mehr scheint es ja ersteinmal nicht bei den Vertretern des ID zu sein) durch eine Weltanschauung stimuliert wird, und dieser Weltanschauung zusätzliche Plausibilität verleiht, spricht nicht gegen das Forschungsprogramm. Und es ist in der Geschichte der Wissenschaft ja auch nichts neues, dass Forschung weltanschaulich stimuliert wird.

    Ist die Evolutionstheorie wirklich in einem luftleeren Raum entstanden, als Darwin das Buch schrieb:

    "On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life"

    Ein Unterschied besteht allerdings: Die IDler geben ihren Stimulus unumwunden zu. Nun mag ich diesen Stimulus nicht leiden können oder auch der Ansicht sein, dass er nicht dem menschlichen Gedeihen dient. Aber das spricht nach landläufiger Meinung noch nicht gegen die von ihm inspirierten oder noch zu produzierenden Forschungsergebnisse - so wie dies ja auch bei der Evolutionstheorie gehandhabt wird.

    Gehen wir aber davon aus, dass der weltanschauliche Background zur Beantwortung auf die Frage, ob wir solche Forschung akzeptieren, relevant ist, weil sie in einer empirisch unterbestimmten Theorienwelt die Formulierung der Theorie mitbestimmt, dann hätten wir eine feine Diskussion. Dann könnten wir nämlich auch über die Evolutionstheorie ganz anders nachdenken - vielleicht auch über deren kulturelle Folgen. Auch dann wäre es wieder ausgewogen.

    Ach und noch was: Wer sagt denn (ausser den Christen), dass es nur einen intelligenten Designer geben muss? Marsmännchen, Xenus Schergen, altägyptische Gentechniker, sie alle sind doch auch noch da?

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  10. Julio Lambing8/2/07

    @mspro:
    Die erste Frage, die ich mir bei deiner Idee stelle, ist die nach der Finanzierung der Forschung und ihrer demokratischen Kontrolle (ich weiß, dass ist da auch eigentlich eine Lachnummer), wenn sie nicht über Institutionen läuft. Ist irgendwie ähnlich wie bei der Finanzierung der Presse oder der von Musikern.

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  11. nerone9/2/07

    Was ist mit den Wuppertalern, Julio?

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  12. Julio9/2/07

    Sicher, die Wuppertaler sind ein bemerkenswerter Beitrag zur Evolution. Allerdings würde ich das jetzt nicht so mit Intelligent Design in Verbindung bringen.

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