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14 November 2008

Laughlins "Betrug"

Rezension zu Robert B. Laughlin: Das Verbrechen der Vernunft : Betrug an der Wissensgesellschaft. - Frankfurt am Main : Suhrkamp, 2008.
Die Rezension erschien in Buch und Bibliothek 60 (2008) 11/12, S. 830-831.

Robert B. Laughlins Streitschrift Das Verbrechen der Vernunft : Betrug an der Wissensgesellschaft verspricht interessante Lektüre für Bibliothekare: „Mitten drin“ sind wir schon in „Orwells Welt“ (S. 13), die Freiheit der Forschung schon aufgegeben. Und Laughlin müsste es wissen: der Physik-Nobelpreisträger von 1998 forscht und lehrt selbst an der Stanford University. Zum Glück hält das Buch nicht, was der Autor verspricht.

Ein wichtiges Thema packt Laughlin da an: Wir sind auf dem falschen Weg. Staat und Unternehmen schränken ein, was gewusst und geforscht werden darf, und Forscher und Bürger nehmen es hin, ohne dafür etwas zu bekommen. Daher leiht man der Warnung gern seine Aufmerksamkeit, auch um zu erfahren, was wohl dagegen zu tun wäre. Doch diese Hoffnung wird enttäuscht. Laughlin hat wenig positive Botschaften, und verliert sich in Anekdoten und Kleinigkeiten. Sein Gedankengang wirkt oft assoziativ und eher anekdotisch als argumentierend, d.h. das Vorgetragene baut nicht recht aufeinander auf. Schnell ist er mit Worten wie „Orwell“ bei der Hand, formuliert ansonsten aber recht sorglos und ungenau.(FN 1) Dafür, dass das Buch zuerst auf Deutsch erschien, nimmt der Inhalt ohnehin wenig Rücksicht auf die deutsche bzw. europäische Situation. Dabei gäbe es hier einiges anders zu bewerten; wir haben ja mit Artikel 5 GG ein Grundrecht auf Informationsfreiheit.

Doch im einzelnen: In zehn lose miteinander verbundenen Kapiteln geht Laughlin der Frage nach, in welcher Form und aus welchem Grund der ‘freie Zugang zum Wissen’ in der Gegenwart eingeschränkt ist. Im ersten Kapitel verknüpft Laughlin seine Ausgangsthese mit dem (unbegründeten) „Grundrecht des Menschen [...], Fragen zu stellen und nach Erkenntnis zu streben“ (S. 10) und nennt drei gesellschaftliche Motive für die Einschränkung dieses Grundrechts: 1. die staatliche Sicherheit (Beispiele Nukleartechnik / Biowaffen), 2. die ökonomischen Interessen von Unternehmen (Beispiel Patentwesen), 3. die Moral (Beispiel Klonen). Dies sind die Hauptanwendungsfälle für das ganze Buch, deren Reflexion Laughlin allerdings durch fragwürdige Parallelisierungen vernebelt.
Im zweiten Kapitel geht es z.B. darum, was Wissen „gefährlich“ macht und warum man sich entscheiden könnte, den Zugang dazu einzuschränken. Das ganze Kapitel krankt jedoch daran, dass Laughlin nicht unterscheidet zwischen gefährlichen Dingen (oder Handlungen) und dem Wissen davon. So schreibt er, dass das ‘Wissen um den Gebrauch von Fleischermessern’ zu tragischen Unfällen und sogar zu Mord führen könne und das Wissen um den Gebrauch von Streichhölzern „immer wieder schwere Verbrennungen oder sogar Brandstiftung zur Folge hat“ (S. 14) – dabei liegt auf der Hand, dass 1. Wissen ohne Besitz und Gebrauch des betreffenden Gegenstandes zu gar nichts führt und 2. in der Regel das Wissen um den richtigen Gebrauch eines Gegenstandes seine Handhabung sicherer macht. Folglich eignen sich diese Analogien nicht zur Illustration seiner Thesen, die damit seltsam unbegründet erscheinen.
Zwei weitere Beispiele: Laughlin unterscheidet nicht zwischen „Wissen“ und „Information“ (im informationstheoretischen Sinne) und bringt daher das Spiel ‘Stille Post’ als Beispiel, wie Wissen in der Kommunikation „verfällt“ (S. 31/32). Er setzt das Verbot des Gebrauchs und der Verbreitung von Technologien zur Umgehung des Kopierschutzes bei Musik- und Filmdateien gleich mit der ‘Kriminalisierung des für das Kopieren nötigen Wissens’ (S. 23), denn nur so taugt dies als weiterer Beleg dafür, wie wirtschaftliche Interessen erzwingen, dass der Zugang zu Wissen beschränkt wird.
Ärgerlich ist, dass Laughlin derlei Ungenauigkeiten auch dort in Kauf nimmt, wo er als Experte auftritt, nämlich im Bereich der Naturwissenschaften. Im interessantesten Kapitel seines Buches geißelt Laughlin – zu Recht – die Auswüchse des amerikanischen Patentrechts. Dabei macht er sich darüber lustig, dass der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten kürzlich entschieden habe, dass „chemische Prozesse im menschlichen Körper keine Naturgesetze seien“; dies folge nämlich daraus, dass Naturgesetze nicht patentiert werden können, Gensequenzen aber für patentfähig erklärt wurden (S. 55). Gensequenzen sind aber – wie kann man etwas anderes denken? – weder Naturgesetze noch chemische Prozesse!
Dabei ist das Anliegen insbesondere des Kapitels zum Patentrecht durchaus wichtig und bedenkenswert. Dass Patente auf Gene und Gensequenzen erteilt werden können, verhindert Forschung an diesen Genen, weil dafür Lizenzgebühren an die Patentinhaber gezahlt werden müssten oder weil Forscher sonst teure juristische Auseinandersetzungen befürchten müssen. Patente können derzeit in den USA offenbar auch auf Dinge und Verfahren erteilt werden, die nur ‘entdeckt’ (statt erfunden) worden sind, und sogar auf solche, die schon längst von anderen genutzt werden, wodurch deren Nutzung plötzlich lizenzpflichtig wird. Das Patentwesen in dieser amerikanischen Form ist also in der Tat ein Betrug an der Wissensgesellschaft, und Laughlin schlägt auch, wenngleich nicht ernst gemeint, eine Lösung vor: Patente „auf die Natur“ dürften gar nicht gewährt werden, denn das „ist offensichtlich unmoralisch“ (S. 65). „Und dasselbe gilt für Patente auf die Vernunft“, das heißt: Verfahren und Techniken, die auf der Hand liegen, dürften keinen Schutz genießen; das Urteil darüber, was als auf der Hand liegend gelten kann, müsste einer Jury aus Experten zustehen. Hier sieht Laughlin eine Aufgabe für den Gesetzgeber.
Auch die Frage, wie die Sicherheitsinteressen eines Staates oder der Staatengemeinschaft mit der Freiheit der Forschung vereinbar sind (6. Kapitel), ist wichtig. Laughlins Haltung dazu ist allerdings unentschlossen. Einerseits hält er nichts von der Strategie des Verbots, weil diese auch wichtige Forschung behindere, und erzählt ein paar einschüchternde Anekdoten von unschuldigen Wissenschaftlern, die aus öffentlichen Quellen Informationen zusammengestellt haben, die dann plötzlich als geheim eingestuft wurden, so dass die Wissenschaftler vor Gericht gestellt wurden. Andererseits hält er Sicherheitsinteressen für legitim. Einen Ausgleich sieht er nicht, sondern geht lieber zum nächsten Thema über, indem er Nukleartechnik und Virenforschung als Präzedenzfälle für den staatlichen behindernden Umgang mit Wissen ansieht. Denselben, erprobten, Umgang wähle der Staat nun beim Thema Klonen.
Die beiden Klon-Kapitel zeigen besonders deutlich, woran es dem ganzen Buch fehlt. Erstens übersieht Laughlin die moralische Dimension der Debatte um das Klonen und bringt stattdessen stets ökonomische Erklärungen. Und zweitens bringt er immer wieder abschweifende Analogien zwischen dem Klonen von Zellen und dem Kopieren von Computerprogrammen ein. So meint er nebenbei zeigen zu müssen, dass die Computerprogramme heutzutage so schlecht seien, weil sie „geklont“ würden, statt einem darwinistischen Ausleseprozess mit Mutationen zu unterliegen. Das ist sicher für sich eine diskussionswürdige These, die im Zusammenhang des „Betruges an der Wissensgesellschaft“ aber vom Thema ablenkt. Ähnliches gilt übrigens für das Kapitel über Spam (9.), in dem Laughlin darüber schreibt, wie ein Zuviel an Informationen das Wichtige zum Verschwinden bringt. Neil Postman brachte das vor Jahren schon besser auf den Nenner „wir informieren uns zu Tode“, und ohnehin hat das nichts mit Laughlins Thema zu tun.
Die Lektüre des Buches ist also, das muss man leider zusammenfassend feststellen, nur zum Teil erhellend. Laughlin gelingt es selten, das Wichtige vom Unwichtigen zu scheiden, um es in einer klaren gedanklichen Gliederung zu präsentieren. Bleibt also positiv hervorzuheben, dass Laughlin sich eines wichtigen Themas angenommen hat, wenngleich er damit eher zum eigenen Denken als zum Nach-Denken anregt.

FN1: Hier mag auch die Übersetzung an einem Teil der Missverständlichkeiten schuld sein. Das Buch ist zwar im April 2008 zuerst auf Deutsch erschienen, die englischsprachige Ausgabe erschien erst Mitte September und scheint etwas ausführlicher zu sein mit ca. 220 Seiten. Trotzdem handelt es sich um eine Übersetzung (von Michael Bischoff). Für mich liegt z.B. der Verdacht nahe, dass die Formulierung, die „Gesetze kollektiver Organisation“ seien „per definitionem abstrus“ (S. 38/39), sich dem englischen Wort „obscure“ verdankt; in der Tat geht es eher um ihre Verborgenheit im Fluss der beobachtbaren Phänomene. – Verkürzte, selbstwidersprüchlich wirkende Formulierungen wie: „Das Schicksal des Würfels ist bekannt, sobald er die Hand des Spielers verlassen hat, nur kennen wir das Schicksal nicht“ (S. 30), dürften allerdings allein auf das Konto Laughlins gehen.

05 November 2008

Wer ist Gerhard Kahl-Furthmann?

Der Name taucht auf im Inhaltsverzeichnis des 4. Bandes der Zeitschrift für philosophische Forschung als Autor eines Artikels Descartes' Betonung seiner Unabhängigkeit von der Tradition und Leibnizens Kritik, S. 377; außerdem steht dort eine Rezension verzeichnet (S. 302ff.). Wie es damals in der ZfphF üblich ist, wird auch ein Herkunftsort des Autors angegeben: Bayreuth.
Was hat dieser Kahl-Furthmann sonst so veröffentlicht? Wenn ich Google glaube: nix. Der Doppelname scheint mir aber eher selten, und es gibt eine einigermaßen prominente Namensträgerin, die, welch Zufall, ebenfalls aus Bayreuth stammt und Philosophin ist! Nämlich Gertrud Kahl-Furthmann. Diese Autorin hat selbst einige Beiträge in der ZfphF veröffentlicht, außerdem einiges an Büchern.
These: Den Gerhard gibt es nicht. Die Autorin schrieb an die Redaktion per Hand, und ihr Vorname wurde nicht richtig gelesen. (Wie könnte man das wohl klären?)

www.Kritikon.de ist online!

Kritikon ist online, und zwar schon seit dem 1.11. Da ich daran selbst beteiligt bin (allerdings nicht inhaltlich), hätte ich da auch schon früher darauf hinweisen sollen, aber die Veröffentlichungsgeschwindigkeit hat ja noch nicht ein Tempo erreicht, welches die paar Tage Differenz als echte Verspätung erscheinen lässt. Also: Jetzt gibts endlich auch philosophische Rezensionen à la H-Soz-u-Kult oder Sehepunkte. Die Redaktion liegt in Leipzig, herausgegeben und qualitätsgeprüft wird das ganze von Pirmin Stekeler-Weithofer, der vermutlich ohnehin in Arbeit ertrinkt, und seinen Leipziger Kollegen Nikos Psarros und Thomas Kater sowie den von ihnen bestellten Gutachtern. Geld kommt von der DFG. Die UB Erlangen-Nürnberg hostet Kritikon, da es zusammen mit der Virtuellen Fachbibliothek Philosophie Sophikon konzipiert worden ist.

Toll finde ich, wenn ich hier uns mal selbst loben darf, dass die Artikel unter einer deutschen CC-BY-NC-SA 3.0-Lizenz veröffentlicht werden. Das erlaubt es Interessierten z.B., die Rezensionen anreichernd in einen Katalog einzubringen. Und die parallele Veröffentlichung als pdf-Version bietet bequemen Download und offline-Lektüre.

04 November 2008

Neues zur Philosophie des Traums

Gleich zwei Bücher sind hier zu vermelden. Christoph Türcke hat eine Philosophie des Traums bei Beck vorgelegt; Petra Gehring über Traum und Wirklichkeit bei Campus nachgedacht. Rezensionsnotizen bei Perlentaucher zum ersten und zum zweiten. Denen entnehme ich, dass derselbe Rezensent, Oliver Pfohlmann, Türckes Buch am gleichen Tag für die ZEIT und die NZZ rezensiert hat? Oder irren die sich bei Perlentaucher?

03 November 2008

Leibniz' Diss De casibus perplexis in jure (1. Teil)

Wenn man kein Leibniz-Experte ist: wie kommt man dann mit diesen zwei Fragen zurecht:
1. Existiert eigentlich eine deutsche Übersetzung für Leibniz' Dissertation De casibus perplexis in jure ?
2. Und gibt es Forschungsliteratur dazu?

Für beide Fragen kann man ja vielleicht einschlägige Bibliographien heranziehen. Für Leibniz gibt es eine Bibliographie der Forschungsliteratur, die bis 1990 in gedruckter Form und für die Zeit danach in Datenbankform erschienen ist bzw. erscheint, bearbeitet vom Leibniz-Archiv in Hannover. (Man findet sie, indem man im elektronischen Katalog der UB Erlangen-Nürnberg die Kombination der Schlagworte "Leibniz, Gottfried Wilhelm" und "Bibliographie" sucht.)

Die gedruckte ist in zwei Bänden erschienen, deren erster in der zweiten Auflage ich durchgesehen habe:

  • Leibniz-Bibliographie : die Literatur über Leibniz bis 1980 / begründet von Kurt Müller. - 2. erw. Aufl. - Frankfurt am Main : Klostermann, 1984.
  • 2. Band: Leibniz-Bibliographie : Band 2. Die Literatur über Leibniz bis 1981-1990 / begründet von Kurt Müller. - Frankfurt am Main : Klostermann, 1996.
  • www.leibniz-bibliographie.de

Dazu gleich mehr. Die Datenbank taugt auch zur Suche nach Textausgaben von Leibniz: aber leider nicht über den gesamten Zeitraum, d.h. nicht seit Leibniz' Leben bis heute. -- Über die gleiche Schlagwort-Suche im Erlanger Katalog wie oben würde man auch die von Emile Ravier gefertigte "Bibliographie des oeuvres de Leibniz" finden, welche 1937 erschien und 1966 nachgedruckt wurde: eine Bibliographie der Primärliteratur. Dass diese a) überarbeitungsbedürftig und b) auf dem Stand von 1937 ist, heißt also, dass man ihrer Auskunft, sie kenne keine deutschen oder überhaupt Übersetzungen von De casibus ... nicht unbedingt trauen kann. Immerhin kann man ihr entnehmen, in welchem Band der Leibniz-Gesamtausgabe der lateinische Text selbst enthalten ist.

Verrät die Datenbank mehr? Hier muss man zugeben, dass die Suchsystematik und ihre Darbietung etwas eigen ist. Ruft man die Startseite auf, kann man der linken Navigationsleiste entnehmen, dass es eine Systematik gibt, die ein Leser der gedruckten Bibliographie auch schon kennt. Da diese allerdings keine Primärliteratur von Leibniz enthält, ist die Systematik der Datenbank entsprechend ungegliedert. Im Bild kann man mit dem Klick auf die "2" der Systematik die Forschungsliteratur weiter aufblättern, landet aber bei der Primärliteratur direkt bei den 466 Treffern.



Deren Anzeige ist übrigens alles andere als geglückt: warum da kein automatischer Zeilenumbruch für den Browser (Firefox und IE ausprobiert) stattfindet, bleibt wohl ein Geheimnis der Hannoverschen Kollegen.
Für die Suche nach "De casibus" kann man nun die Systematik zur Einschränkung nutzen, d.h. man gibt in die Zeile G der Suchmaske "1" ein und in die Titelstichwortzeile z.B. "casibus". Leider geht aus der Datenbankbeschreibung, soweit ich sehen konnte, nicht hervor, ob die Datenbank Übersetzungen auch unter dem Titel des übersetzten Werks verzeichnet, oder ob man bereits die Formulierung der Übersetzung kennen muss. Das ist nämlich bei den Casibus perplexis nicht ganz einfach. Eine mögliche Übersetzung lautet "Über verwirrende Fälle" oder "Über verzwickte Fälle". Es geht nämlich wohl um Rechtsfälle, bei denen schon die Exposition einen Widerspruch enthält. -- Jedenfalls will auch die Datenbank keine Übersetzung kennen, wenn wir davon ausgehen, dass man mit dem Einheitssachtitel suchen kann. Schade.

WYSIWYG bei Blogger

Was ist das hier?



Das ist der Mist, den Blogger in den HTML-Code schreibt, wenn man aus einer Word-Datei etwas herauskopiert, um es in den Blogger-Editor reinzukopieren. Der Text, den ich herauskopiert habe, in der vorletzten Zeile. Wozu das? Warum kein "Ohne Formatierung reinkopieren"-Button?

22 Oktober 2008

"5. Auflage, unveränderter Nachdruck"

Es handelt sich um Paul Natorp, Philosophie -- ihr Problem und ihre Probleme : Einführung in den kritischen Idealismus, hg. und mit einer Einleitung von Karl-Heinz Lembeck. - Göttingen, Edition Ruprecht, 2008.
Natorp ist einer der Philosophen der Marburger Schule des Neukantianismus -- eine philosophiegeschichtliche Episode Anfang des 20. Jahrhunderts, die vielleicht nicht ganz unwichtig war, aber deren Ausstrahlung auf die Gegenwart doch eher gering ist. Trotzdem hat jetzt Frau Reinhilde Ruprecht das Werk in ihrer Edition Ruprecht neu zugänglich gemacht. Ich hatte bisher angenommen, dass die Edition Ruprecht was mit Vandenhoeck und Ruprecht zu tun habe, so wie die edition suhrkamp mit Suhrkamp, aber das ist wohl ein Irrtum, auch wenn Edition Ruprecht aus Göttingen kommt wie V&R.
Was erwartet man bei einem "unveränderten Nachdruck"? Dass das original Druckbild gleich bleibt und auch die Seitenzahlen, dass also der alte Satz komplett übernommen wurde. Tatsächlich wurde aber wohl der alte Text gescannt und mit OCR erfasst und dann neu aufs Papier gebracht, wie man auch an den hässlichen künstlichen Kursiven sehen kann -- d.h. es ist keine "unveränderte" Neuauflage, sondern eine Neuausgabe. Aber immerhin haben die sich die Mühe gemacht, die alten Seitenzahlen und Seitenumbrüche mit anzugeben, so dass man also diese Neuausgabe wie die alte benutzen kann.
Ohnehin frage ich mich, welche Wirkung mit der Mitteilung "5. Auflage" beabsichtigt ist -- die 4. stammt von 1929 (und erschien bei Vandenhoeck und Ruprecht -- gibt es also doch eine Verbindung zwischen den beiden Verlagen?). Kaufen wir das jetzt, weil das ja ein so erfolgreicher Titel ist?

18 Oktober 2008

Was Philosophiestudierte können

Gibt es sowas eigentlich auch auf deutsch? Eine Zusammenstellung der Dinge, die man gelernt hat bzw. haben sollte, wenn man Philosophie studiert hat -- vom Arbeitsmarkt aus betrachtet? Eine Zusammenstellung der Quality Assurance Agency for Higher Education. Wenn man das liest, kann es eigentlich kein besseres Fach als Philosophie geben! Da ist man dann bestens gerüstet für den Arbeitsmarkt, auch wenn man hin und wieder "non-vocatonal courses" besucht hat. Den Ausdruck habe ich übrigens aus einem andern englischen Highlight, nämlich der Broschüre "Where next? Unlocking the potential of your philosophy degree" (pdf). Die sagt genau, worauf es ankommt: "There are plenty of career opportunities for philosophy graduates, but often in roles that bear no obvious relation to the study of philosophy, so you need to be able to demonstrate sound personal transferable skills, which emplyers value." Das ganze klingt wunderbar positiv. So gibt es z.B. zum Thema Fähigkeiten der "Business and / or organisation awareness" den Hinweis: "Although this set of skills seems to be purely related to work experience, as a philosophy student you are very well equipped to build up this type of knowledge". Soll heißen: "Weiste zwar nicht nach nem Philosophiestudium, musste dann eben so rauskriegen. Aber bist ja nicht doof."

16 Oktober 2008

Pflanzen, moralphilosophisch betrachtet

Sollte man Pflanzen als Subjekte in seine moralischen Überlegungen mit einbeziehen? Viele Auseinandersetzungen z.B. mit Umweltzerstörung haben den Menschen im Mittelpunkt und beziehen sich auf ihn. Die Argumentation läuft dann so: Wir sollten die Umwelt nicht zerstören, weil wir /unsere Kinder etc. dann zukünftig in einer zerstörten Umwelt leben müssen.
Bei Tieren hat sich inzwischen, scheint mir, nicht nur dank der unermüdlichen Tätigkeit von Tierrechtsaktivisten, die Ansicht durchgesetzt, dass sie an sich und als Selbstzweck moralische Faktoren sind. Aber wie ist das mit Pflanzen? Man möchte zunächst erst mal wissen, mit Thomas Nagel: How is it like to be a plant? Wenn wir z.B. Leidensfähigkeit als Ausgangspunkt moralischer Überlegungen nehmen, dann wird es schwierig mit Pflanzen, weil einerseits zwar sich Schaden und Zerstörung bei ihnen genau aufzeigen lassen, andererseits ein Leiden aber nicht. Zu sagen, dass eine Pflanze "leidet" oder Schmerzen hat, scheint mir Anthropologisierung in hohem Maße. Kommt man aus dieser Falle heraus?

In der Schweiz hat die "Eidgenössische Ethikkommission für die Biotechnologie im Außerhumanbereich" über das Thema nachgedacht und einen Bericht verfasst, hier als pdf. Sie gehen von der Betrachtung der Pflanzen um ihrer Selbst willen aus. Das ist mit großer Ernsthaftigkeit vorgetragen und in den 20 Seiten der Broschüre mit bunten Bildern attraktiv veröffentlicht. Da finden sich Zitate wie dieses aus den "Schlussfolgerungen":

Die Kommissionsmitglieder halten einen willkürlich schädigenden Umgang mit Pflanzen einstimmig für moralisch unzulässig. Zu einem solchen Umgang zählt z.B. das Köpfen von Wildblumen am Wegrand ohne vernünftigen Grund.

Was ist ein vernünftiger Grund? Kind mit Stock schlägt Blume den "Kopf" ab, aus Spaß: vernünftiger Grund? Ist nicht überhaupt das Reden von einem Kopf eine unzulässige Anthropologisierung, weil der Begriff "Köpfen" ja vorgibt zu wissen, wie es ist, eine Pflanze zu sein?
Interessant an dem Bericht, dass er Mehrheits- und Minderheitsmeinung in der Kommission gleichermaßen festhält und weitergibt.

14 Oktober 2008

Braucht die Philosophie Open Access?

Auf jeden Fall braucht sie bei uns etwas mehr Bewusstsein davon, was Open Access ist und wo man sinnvollerweise so veröffentlichen kann. Heute ist Open-Access-Tag, initiiert von SPARC, Students for Free Culture und PLoS. Und wo kann eine Philosophin, ein Philosoph sinnvollerweise ...? Tja, auf den Hochschulschriftenservern. In der einen oder anderen OA-Zeitschrift. Bei de Gruyter kann man OA veröffentlichen z.B. in den Kant-Studien, wenn man ein erkleckliches Sümmchen dafür bezahlt. Und sonst? Denn dass man seine Texte selbst online stellt, ist lobenswert, hilft aber nicht beim Gefunden- und Gelesenwerden. Brauchen wir also einen Philosophie- OA-Server?

[Update] Mehr zu Open Access im Allgemeinen bei Archivalias Beitrag zum OA-Tag.

10 Oktober 2008

Die Wahrheit über Heidegger

Nee, Heidegger über die Wahrheit. Christoph Martel hat mit Heideggers Wahrheiten : Wahrheit, Referenz und Personalität in Sein und Zeit. - Berlin u.a. : de Gruyter, 2008 (Quellen und Studien zur Philosophie ; 87) ein sehr gut lesbares Buch über das im Untertitel genannte Thema vorgelegt. Ich war dabei, als Christoph zum ersten Mal seine Ideen zum Thema vortrug, 1999 in Prof. Carls Kolloquium in Göttingen, und freue mich nun zu sehen, dass so ein ansehnliches Buch daraus geworden ist. Christoph zeigt, was an Erkenntnisgewinn dabei herauskommt, wenn jemand mit analytischer Schulung und der Vermutung, dass der behandelte Philosoph auch etwas Sinnvolles zu sagen hat, sich dem Inbegriff der Kontinentalphilosophie annimmt -- sozusagen das Gegenteil von Russells berühmter Nichtachtung der Heideggerschen Philosophie. Anders ausgedrückt: Man kann durchaus Heidegger lesen und verstehen. Und braucht das Ziel nicht aufzugeben, ihn ohne Heideggerismen zu interpretieren. Daher denke ich, dass auch solche, die mit Heidegger nichts anfangen können, das Buch mit Gewinn lesen werden!

08 Oktober 2008

Honeckers Traumergebnis

Ferdinand von Bismarck hat sicher nicht nur mir einen Brief geschrieben darüber, wie sehr er in Sorge ist, weil Deutschland "nach links driftet". Seltsame Sätze stehen in dem Brief. So meint er, die SED-Nachfolgepartei erziele "in ganz Deutschland Wahlergebnisse, von denen Honecker & Co niemals auch nur zu träumen gewagt hätten". Hhm, mal vergleichen. Bei der letzten Bundestagswahl 8,7%, bei der letzten Landtagswahl in einem ostdeutschen Bundesland 25,2% in Sachsen-Anhalt. In der DDR gab es bekanntlich eine Einheitsliste, wo man nur mit Ja stimmen konnte. Das taten 1986 z.B. 99,4%, bei einer Wahlbeteiligung von 99,74%. Also: von so einem schlechten Wahlergebnis wie in den letzten Jahren für die Linke könnten Honecker und Co natürlich nur alpträumen, lebten sie noch.
Aber ernsthaft. Von Bismarck argumentiert in seinem Werbebrief, dass D nach links drifte, weil die Jugend nicht gut genug politisch informiert sei; er schreibt vom "PISA-Elend in Politik und Geschichte". Im Unterricht würden nämlich "der Terror kommunisticher Gewaltherrschaft verschwiegen und verharmlost", während der des 3. Reichs erläutert würde, und aus dieser Asymmetrie können die Linken "politisches Kapital schlagen". "Dazu dürfen wir nicht länger schweigen".
Aber von Bismarck will gar nicht, dass ich selbst dazu was sage. Er will nur, dass ich mich "informiere", indem ich die bekannte rechte Wochenzeitschrift Junge Dingsbums probelese -- denkt er, ich wäre einer der unbedarften Jugendlichen, die laut einer von ihm zitierten Umfrage von 2006 Adenauer für einen DDR-Politiker hielten? Und wie kann das Probelesen ein "wichtiger Beitrag" sein gegen die politische Entwicklung? Wie verhindere ich mit dem Probelesen, dass da die Linken "die Diskurshoheit in unserem Vaterland" bekommen?
Da ich diese Argumentation nicht nachvollziehen kann, mag ich auch nicht zur geforderten Handlung schreiten. Allerdings frage ich mich, woher die Rechten meine Adresse haben. Vielleicht hat Robert Spaemann sie ihnen gegeben? Oder T-Mobile?

01 Oktober 2008

Welche Philosophiezeitschriften sind die wichtigsten?

Immerhin hätte ich jetzt eine Antwort auf die Frage, welche Zeitschriften die Australasian Association of Philosophy (AAP) für die wichtigsten hält. Ausgangspunkt ist offenbar, wenn ich den vorsichtigen Brief des Geschäftsführers richtig verstehe, die Aufforderung des Australian Research Council, ein solches Ranking zu erstellen, was dann vermutlich Ausgangspunkt sein dürfte für verschiedene institutionelle Folgen: z.B. Beurteilung der Forschungsleistung, Vergabe von Geldern etc.
Die AAP hat die Zeitschriften in 4 Kategorien eingeteilt: A*, A, B, C. Außerdem gibt's noch nicht gewertete, weil die Begutachter nicht alle Zeitschriften kennen.

Von den 31 A* eingestuften Zeitschriften ist nur eine aus dem deutschsprachigen Raum:
Kant-Studien

Von den 94 A eingestuften Zeitschriften sind 11 aus dem deutschsprachigen Raum -- wenn ich mich nicht verzählt habe:
Archiv für Geschichte der Philosophie
Facta philosophica
Fichte-Studien
Grazer philosophische Studien
Heidegger-Studien
Nietzsche-Studien
Neue Zeitschrift für Systematische Theologie und Religionsphilosophie
Philosophische Rundschau
Studia Leibnitiana
Theologie und Philosophie
Zeitschrift für Philosophische Forschung

Ist das die Creme der deutschsprachigen Zeitschriften?

Hm. Wo ist die AZP? Wo DZPhil? Ich vermisse auch das Archiv für Begriffsgeschichte und Philosophia naturalis. Dafür wundere ich mich ein bisschen über die Facta philosophica in dieser Liste und die Neue Zeitschrift ... Naja. Klar muss sich meine Innenansicht etwas vom australischen Blick auf die Verhältnisse unterscheiden, oder?

Den Hinweis auf das Ranking fand ich bei The Brooks Blog. Andern Links folgend sah ich, dass die European Science Foundation offenbar schon vor zwei Jahren mal ein solches Ranking vorgenommen hatte, beschrieben von Gualtiero Piccinini. Allerdings sind die Links nicht mehr zugänglich.

26 September 2008

Philosophiedidaktik und Wissenschaftstheorie

Martin Euringer vollzieht "metatheoretische Analysen zur Fachdidaktik Philosophie" in seinem neuen Buch Vernunft und Argumentation (seine Habil). Erschienen bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft, Darmstadt 2008. -- Metatheorie klingt für mich ein bisschen abschreckend, wenn man an der Praxis interessiert ist, aber der Klappentext versichert, wer die Didaktiken besser verstehe, könne sie dann auch verbessern. Hilft einem das Buch also dabei, ein besserer Philosophielehrer zu werden? Vielleicht gibts einen Philosophielehrer, der dies mal prüfen will?

22 September 2008

Populäre Irrtümer

Der Stern online bietet ein kleines Quiz zum Durchklicken an: Populärer Irrtümer der Kultur. Ich falle immer wieder auf so etwas herein.
Frage 7: Gibt es Einhörner?
Multiple Choice Antworten:

Laut Stern ist die richtige Antwort D!

Dann hätte ich eigentlich abbrechen sollen, habe aber noch Frage 8 angesehen.

Michelangelo verstand sich in erster Linie als:


Habe, eingedenk der Bauten in Florenz, C) angeklickt.

Stern aber meint:

Ihre Antwort "C: ...Architekt." war leider falsch.

Die richtige Antwort ist "B: ...Bildhauer".

Michelangelo Buonarroti (1475-1564) war Maler, Bildhauer, Architekt und Dichter. Er selbst verstand sich vor allem als Maler.
Kommentar überflüssig.

Aber nochmal zurück zum Einhorn. Die richtige Antwort ist D), weil man früher mal etwas gefunden hat, was man für Überbleibsel von Einhörnern gehalten hat? Oder meinen die: es gibt Einhörner, aber was man früher für die Hörner von Einhörnern gehalten hat, sind keine, so dass Stern aufgrund ganz neuer eigener wissenschaftlicher Erkenntnisse vermelden kann, es gab doch welche?

21 September 2008

Das Zwei-Götter-Argument

Müssen Meinungen propositionalen Gehalt haben? David Lewis versucht dies mit dem folgenden Beispiel zu widerlegen:
Stellen wir uns zwei Götter vor. Sie bewohnen eine bestimmte mögliche Welt, und sie wissen genau, welche Welt das ist. Daher wissen sie jede Proposition, die wahr ist in dieser Welt. In dem Sinne, dass Wissen eine propositionale Einstellung ist, sind sie allwissend. Trotzdem kann ich mir vorstellen, dass sie in einem bestimmten Punkt unwissend sind: keiner von beiden weiß, welcher Gott er ist. Sie sind nicht exakt gleich. Einer lebt auf dem höchsten Berg und wirft mit Manna, der andere lebt auf dem kältesten Berg und schmeißt mit Blitzen. Keiner von beiden weiß, ob er auf dem kältesten oder dem höchsten Berg lebt und ob er mit Manna oder mit Blitzen wirft.
(D. Lewis, Attitudes De Dicto and De Se. Philosophical Review 87, 513-545).

Inwiefern ist das ein Argument dafür, dass es Meinungen ohne propositionalen Gehalt gibt? Der Gedanke verläuft ungefähr so: Die Götter wissen jede Proposition. Sie könnten aber noch mehr wissen, nämlich wer sie sind, bzw. ob sie auf dem höchsten Berg leben. Über diesen Sachverhalt haben sie vielleicht eine Meinung. Diese kann dann keinen propositionalen Gehalt haben, weil alle Propositionen ja gewusst werden.
Wirkt auf mich zirkulär...
Mehr darüber in Neil Feit: Belief about the Self : a defense of the property theory of content. Oxford : Oxford University Press, 2008. Das Szenario und eine Diskussion darin S. 34ff.

18 September 2008

Philosophie in D

Neulich hat Marion Hartig im Spiegel Online unter dem reißerischen Titel Gehen Deutschland die Denker aus? ein paar interessante Dinge niedergeschrieben; ein Kollege machte mich darauf aufmerksam.
Ich habe aus dem Artikel einiges gelernt. Nida-Rümelin etwa wird zitiert mit der Feststellung, "kein Fach" sei "so stark am Puls der Zeit" wie die Philosophie. Als Beleg werden dann drei Fragen angeführt: ist Folterandrohung in der Verbrechensbekämpfung erlaubt? Stammzellenforschung? Sterbehilfe? Glaubt man dem, besteht die Aktualität der Philosophie in der praktischen Ethik.
Carl Friedrich Gethmann, zur Zeit Präsident der DGPhil, wird ebenfalls befragt, und er findet, dass die deutschen Philosophen mit den Briten und Amerikanern "auf Augenhöhe" seien. Dies ist sicher eine Qualitätsbeurteilung; ich läse das gern mal umgemünzt in eine bibliometrische Untersuchung über die jeweilige Rezeption!
Gethmann heißt gut, dass sich das Fach neu orientiert habe. In den 60er Jahren seien "60% der Lehrstühle auf die Geschichte der Philosophie ausgerichtet" gewesen, "heute nur noch 20" (Prozent). Heißt das, dass eine systematische Unterrichtung der Studierenden in historischen Themen nur an philosophischen Seminaren stattfindet, die mindestens fünf Lehrstühle haben?
An deutschen Hochschulen gebe es etwa 150 Lehrstühle, wenn davon 20% historisch gewidmet sind, dann sind das 30 Lehrstühle für Philosophiegeschichte. Vielleicht meinte Gethmann aber auch nicht Lehrstühle, sondern Professuren, deren es etwa 330 gibt (sagt der Artikel). Und während in den letzten 12 Jahren die Studierendenzahlen von 24.000 auf 15.000 gesunken seien, sei die Zahl der Professoren nicht zurückgegangen. Was folgern wir aus diesen Zahlen?
Hat sich das Betreuungsverhältnis gebessert?
Auch die Zahlen selbst wirken etwas merkwürdig. Der Wissenschaftsrat hat in seiner Erhebung zur Lage der Geisteswissenschaften (pdf) in Deutschland, die ich schon mal kommentierte, zwischen 1990 und 2003 ein Schwanken um 20.000 Studierende zu verzeichnen (statistischer Anhang). Das "Wissenschaftliche Personal" ist zwischen 1997 und 2003 sogar leicht gestiegen, von 1097 auf 1127 (S. 138), Professuren gibt 1997 und 2003 299.

16 September 2008

Beabsichtigte Nebeneffekte

Bin über das Buch Experimental philosophy, hg. von Joshua Knobe und Shaun Nichols (Oxford : Oxford University Press) auf einen interessanten Aufsatz gestoßen. Auf die Webseite zur experimentellen Philosophie hatte ich hier schon hingewiesen.
Joshua Knobe veröffentlichte 2003 in Analysis 63, 190-193 einen Aufsatz (hier als pdf online) mit dem Titel Intentional action and side-effects in ordinary language. Darin beschäftigte er sich nicht mit der Frage, wie er den wohl Nebeneffekte von Handlungen beurteilen würde, sondern, mit den Methoden der experimentellen Psychologie, wie andere darauf reagieren. Er präsentierte seinen Probanden jeweils eines der beiden Szenarien:
A) ein Geschäftsmann entscheidet sich für eine bestimmte Handlung. Er weiß, dass diese Handlung zwei Folgen hat. 1. er wird ganz viel Geld verdienen, 2. die Handlung wird der Umwelt schaden. Doch während 1. ihm wichtig ist, ist 2. ihm egal.
B) ein Geschäftsmann entscheidet sich für eine bestimmte Handlung. Er weiß, dass diese Handlung zwei Folgen hat. 1. er wird ganz viel Geld verdienen, 2. die Handlung wird die Umweltbedingungen verbessern. Doch während 1. ihm wichtig ist, ist 2. ihm egal.
Die Probanden sollten entscheiden, ob der Nebeneffekt "2." jeweils absichtlich herbeigeführt worden war. Dabei zeigte sich für die Mehrheit der Antworten eine Asymmetrie: In Szenario A wurde überwiegend der Nebeneffekt des Schadens als absichtlich beurteilt, in Szenario B der Nebeneffekt des Nutzens überwiegend nicht. Woran liegts?
Die offensichtliche Antwort ist, dass schlechte (Neben-)Folgen stärker in Betracht gezogen werden als gute. Das scheint mir ohnehin auf der Hand zu liegen, weil wir auch ein asymmetrisches moralisches Vokabular haben. Man kann nämlich über schlechte Folgen sagen, dass man sie "in Kauf genommen" hat, während es bei guten keinen entsprechenden Ausdruck gibt. Vorausgesehene schlechte Folgen führen immer dazu, dass bei der Handlungsbegründung ein "obwohl" stehen muss: "Ich wollte dies, obwohl ..." Bei guten Folgen ist das gleichgültig, weil überhaupt kein moralisches Urteil der Handlung gefragt ist.

12 September 2008

Neue Reprints

Bisher ist mir der Adlibri-Verlag nicht aufgefallen. Eine kurze Googelei findet nur die Einträge in den Branchenverzeichnissen; eine Webpräsenz scheint es nicht zu geben.

Adlibri veröffentlicht neuerdings Reprints von philosophischen Titeln. Angekündigt sind z.B. Max Müller, Philosophische Anthropologie (war mal bei Alber in den 70er Jahren), oder Wilhelm Perpeet: Ästhetik im Mittelalter (war auch mal bei Alber), oder Otto F. Bollnow, Studien zur Hermeneutik 1 (war auch mal bei Alber).

[Update 13.10.] Titel des Postings geändert, klang zu negativ. -- Inzwischen habe ich erfahren, dass Adlibri eine Lizenzvereinbarung mit Alber hat über die Veröffentlichung von ein paar Titeln getroffen hat (wobei die Rechte an Perpeets Werk wieder bei der Erbin liegen). Adlibri ist dabei wohl auf Alber zugekommen.

10 September 2008

Darf man Wikipedia zitieren?

Natürlich darf man, auch als Wissenschaftler/in. Die Frage ist a), was man damit sagen will und b), ob man richtig zitiert. B) lasse ich hier mal weg; dass es Versionen von Artikeln gibt, gilt ja auch für die Stanford Encyclopedia. Und für die Frage a) weise ich auf Lisa Spiros Untersuchung, wo wie oft Wikipedia tatsächlich zitiert wird.