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13 August 2007

Adornos Rattenkönig

Gerade habe ich Adornos Vorlesung zur Einleitung in die Erkenntnistheorie vorliegen. Die hat er im Wintersemester 1957/58 in Frankfurt gehalten, und der Frankfurter Verlag Junius-Drucke hat sie 1958 herausgebracht. Bei einem kurzen Blick in die erste Vorlesung, in der Adorno natürlich entwickelt, wie schwierig die Materie ist, die "Erkenntnis der Erkenntnis" bestimmen zu wollen, bleibe ich an einer seltsamen Formulierung hängen; Adorno schreibt nämlich genau, dass man "in einen ganzen Rattenkönig von Schwierigkeiten" gerate.

Rattenkönig?

Druckfehler? Aber wenn man den "Rattenkönig von Schwierigkeiten" googelt, dann gerät man immerhin an ein pdf, Erich Wollenberg: Münchhausen schreibt ein Stalin-Buch, in der dieselbe Formulierung verwendet wird.
Über die Wikipedia habe ich außerdem gelernt, dass es "Rattenkönige" gibt: so eine Art Gordischer Knoten der Ratten. Aber wo kommt die Redewendung her (falls es eine ist)?

Kommentare:

  1. hmm, sehr rätselhaft. Wenn der "Rattenkönig" ein Gordischer Knoten, also eine zentrale Sammel- und Verbindungsstelle ist, dann ist es ja sozusagen das genaue Gegenteil vom "Rattenschwanz".

    Aber Adorno scheint den Begriff ja zumindest synonym zu verwenden, oder sehe ich das falsch?

    Übrigens. Ich find das Blog auch "nice" ;-)

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  2. Vielleicht ist das eine besonders esoterische Version, gefunden irgendwo in einem Tagebuch von Kierkegaard, oder einer Komposition von Schönberg oder einem altgriechischen Einkaufszettel von Hegel - von zentraler Bedeutung für die Analyse der Aporien der warenförmigen Kulturmaschinerie.
    Oder ein Versehen.

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  3. @mspro Danke für's "auch". AngesichtneIhres Hinweises auf die Blogwerbemaschine beunruhigt mich dieses allererste Auftauchen von Kommentarspam hier... Aber jetzt kann ichs nicht löschen, weil Sie drauf bezugnehmen :-)

    Der Gordische Knoten ist als "zentrale Sammel- und Verbindungsstelle" allzusehr ins positive gewendet. Ich zitiere mal den Adorno im Zusammenhang:

    "[...] also Erkenntnistheorie wäre die Erkenntnis von der Erkenntnis nach Analogie zu derberühmt-antiken Formel, von der noesis noeseos, von dem Wissen des Wisens. Aber ich brauche Ihnenbloß diese zunächst also äußerst simple Bestimmung zu geben und Sie dazu zu ermutigen, eine Sekunde lang darüber nachzudenken, und Sie werde sogleich merken, daß man da in einen ganzen Rattenkönig von Schwierigkeiten hereingerät. Die allerhandgreiflichste dieser Schwierigkeiten ist die, ob Erkenntnis, wenn wir auf sie reflektieren, überhaupt noch dieselbe Erkenntnis ist, die wir haben, ob sich nicht die Erkenntnis also durch die Reflexion auf sie verändert."

    "Gordischer Knoten" habe ich dann dazu gesagt angesichts des Bildes im Wikipedia-Artikel von einer Rattenkönig-Mumie.

    Inzwischen habe ich festgestellt, dass im Deutschen Sprichwörter-Lexikon von Wander die Redewendung "Sie hängen aneinander wie ein Rattenkönig" nachgewiesen ist. Das Wörterbuch der Deutschen Umgangssprache hält fest, dass sich der "Rattenschwanz" "verdeutlichend" aus "Rattenkönig" entwickelt habe. Dort wird im Eintrag "Rattenkönig" festgestellt, die übertragene Bedeutung sei "im späten 18. Jahrhundert aufgekommen". Diese Erklärungen auch bei Röhrich, Lexikon der deutschen Redensarten: "Rattenkönig heißt eigentlich die Erscheinung, wenn mehrere Ratten, mit den Schwänzen verfilzt, aneinanderhängen; bildlich: eine ganze Menge von Fehlern, Mißverständnissen und dergleichen, die sonst nur vereinzelt auftreten."
    Insofern ist Adornos Gebrauch eigentlich 'doppelt gemoppelt'. Allerdings habe ich -- ein Hoch auf die Volltextsuchmöglichkeiten moderner Datenbankwerke -- auch Formulierungen gefunden wie die folgende in einem Gedicht von Arno Holz:
    "Mir im Schädel rasselt kreuz und quer /
    ein ganzer Rattenkönig von Gedichten, /
    ein Reim- und Rhythmenungetüm umher." (vgl. Holz-Zeit, S. 27)

    Und in Geibels Junius-Liedern heißt es: "Auch hätt' ich willig dir von hundert Torheiten /
    Erzählt, wie mir im schwangern Haupte buntfarbig /
    Ein ganzer Rattenkönig sitzt von Lustspielen."
    (vgl. Geibel-Werke Bd. 1, S. 316)

    Also: von heute an zählt das Wort zum aktiven Wortschatz...

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  4. Bildlich ist fein gesprochen ...
    (mehr oder weniger über cellar.org)

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