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23 September 2006

Kitcher und Nordhofen über eine Ethik mit und ohne Gott

Philip Kitcher schrieb in der ZEIT Nr. 38 vom 14.9. über eine "Ethik ohne Gott". Neu war für mich sein Ansatz: Kitcher skizziert die (mögliche) Entstehungsgeschichte von Ethik und zeigt sie dabei als eine Funktion menschlicher Gesellschaft, die ihre Entstehung und Entwicklung überhaupt ermöglicht. Dies geschieht im Vergleich mit dem Verhalten von Schimpansen in ihren Gemeinschaften. Dort kann man empathisches, d.i. einfühlendes und damit altruistisches Verhalten beobachten, aber auch, wie es oft in Konflikt gerät mit den eigenen Wünschen.
Menschlich im eigentlichen Sinne wurden wir erst, als wir Wege fanden, sozial unverträgliches Verhalten zu verhindern und altruistische Fähigkeiten zu verstärken,
schreibt Kitcher. Diese Errungenschaft sei an die Verwendung von Sprache geknüpft; Regeln müssen formuliert und mit Verhalten verglichen werden. Die Regelsysteme sind dann einem Prozess der Entwicklung ausgesetzt, der wie eine Evolution beschrieben werden kann: sie müssen sich bewähren in unterschiedlichen Umwelten; manche Regeln werden aufgegeben, andere kommen hinzu. Der Blick auf die Geschichte der kodifizierten Moral zeigt, wie unterschiedliche Gesellschaften sich unterschiedlichen Regeln unterwarfen. Kitchers Schlussfolgerung:
Dieser Blick auf die historischen Wurzeln unserer ethischen Begriffe mag für die Zukunft hilfreich sein. In Debatten über ethische Fragen kann man sich nicht darauf beschränken, Dogmen konkurrierender Traditionen auszutauschen oder unauflösliche Meinungsverschiedenheiten einfach hinzunehmen.
Kitcher erblickt hier also eine Möglichkeit, mit den Meinungsverschiedenheiten umzugehen. Das Bewusstsein davon, wie die moralischen Regelsysteme gewachsen sind, und vor allem davon, dass sie Antworten auf frühere Fragen enthalten, die nicht unbedingt dazu taugen, zukünftige moralische Probleme anzugehen, schärft den Sinn für ihre Grenzen.

Abschließend geht Kitcher auf die "unauflöslichen Meinungsverschiedenheiten" ein, die im Konflikt mit denjenigen entstehen mögen, die sich nicht der Relativität und Gewachsenheit ihrer Moral bewusst sind, z.B. religiös orientierten Gesellschaften. Entweder gelingt es, diesen den historischen, relativierenden Blick zu schärfen, oder man ist auf das vorethische, allein empathische Verhalten der Schimpansen zurückgeworfen (überspitzt gesagt).

Der Titel "Ethik ohne Gott" ist von der ZEIT deutlich polemisch gewählt, denn die religiöse Begründung von Moral spielt in Kitchers Überlegungen nur eine kleine Rolle. Trotzdem gibt sie den Kern ab für die "Replik", die Eckhard Nordhofen eine Woche später an gleicher Stelle in der ZEIT (Nr. 39) veröffentlicht, Titel: "Vom Nutzen und Nachteil des Glaubens". Man muss Nordhofens Beitrag mehrmals lesen, um seinen Punkt mitzubekommen, weil er so sehr an Kitchers Überlegungen vorbeigeht. Nordhofen stellt im Grunde fest, dass das religiöse Fundament von Moral für gläubige Menschen von Vorteil ist, weil es ihnen hilft, sich an die Regeln zu halten; sie haben, sozusagen, einen guten Grund, moralisch zu handeln. Diese These ist, finde ich, weder besonders strittig noch besonders wichtig, denn sie trägt nicht dazu bei, zukünftige moralische Fragen zu lösen: weder kann man Leuten, die nicht religiös sind, mit dieser Überlegung dazu bringen, religiös zu werden, noch kann man damit die moralischen Konflikte mit Gruppen, die anders religiös sind als man selbst, wirkungsvoll angehen. Im Untertitel heißt es bei Nordhofen: "Werte sind mehr als Spielregeln. Doch wenn Menschen sie eigenmächtig für gottgewollt erklären, taugen sie nicht viel". Jaja, möchte man sagen. Na und?

Also: Lieber nur Kitchers Aufsatz lesen, das bringt mehr!

Kommentare:

  1. Ein Votum für den Ethikrelativismus aus Ihrem Mude? Hört hört...

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  2. Nö: ganz im Gegenteil halte ich den Relativismus für inkohärent.
    Stattdessen bin ich der Meinung, dass a) die Philosophie allein keine Antwort auf ethische Fragen geben kann,
    b) eine Moraltheorie, die nicht berücksichtigt, dass man eine Motivation zum richtigen Handeln braucht, nichts taugt,
    c) eine Moraltheorie, die nicht behauptet, dass sie für alle gilt, auch nichts taugt.

    Man muss zwischen dem historischen und dem systematischen Blick unterscheiden. So kann ich historisch bewusst darauf achten, wie meine Werte zustande gekommen sind (zum Glück halten wir Sklaverei nicht mehr für richtig und die Geschlechter für gleichberechtigt), dies ist aber verträglich mit der Ansicht, dass manche Werte nicht 'weiterentwickelt' werden können (z.B. die Gleichberechtigung). Außerdem muss man unterscheiden zwischen grundlegenden Werten und deren kultureller Ausbuchstabierung. Ein Beispiel aus G. Patzigs "Ethik ohne Metaphysik": Achtung vor den Eltern kann sich darin äußern, dass man die Eltern umbringt, wenn 'ihre Zeit gekommen ist', entsprechend den Werten der Kultur, oder dass man ihre Rente zahlt, (oder was auch immer). Der grundlegende Wert ist der gleiche; er führt zu unterschiedlichen Handlungen.

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