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28 September 2006

Die Alligator-Geschichte

Patrick Baum berichtet in seinem Weblog Philosophus davon, wie die Figuren einer seltsamen Liebesgeschichte mit Alligatoren im Unterricht von Schülern der 12. Klasse beurteilt werden.

Dazu kommentiert Katja:
Ich glaube, das Beispiel zeigt ganz deutlich, dass die moralische Beurteilung eines anderen im Grunde unmöglich ist. Wobei es stimmt, dass wir auch in der Realität das immer wieder versuchen. Wäre es nicht eine Lösung, jeden nach den subjektiven Konsequenzen seiner Handlungen zu bewerten? Wenn Abigail z. B. das Erlebnis mit Sinbad als traumatischer als die Zurückweisung durch Gregory empfunden hat, dann ist er auch (aus ihrer Sicht) am stärksten zu verurteilen.
Weil man sich zum Kommentieren registrieren muss, ziehe ich es vor, hier darauf zu antworten:
Wirklich? In dieser Allgemeinheit? Die moralische Beurteilung eines anderen ist im Grunde unmöglich?
Was die Moral angeht, bin ich Davidsonianer, das heißt: ich glaube nicht, dass man selbst Moral haben kann, wenn man nicht auch das Verhalten anderer moralisch beurteilen kann. Wenn es also unmöglich ist, das Verhalten anderer moralisch zu beurteilen, dann ist es auch unmöglich, selbst moralisch zu sein!
Diese Folge halte ich für absurd. Aber dass das moralische Beurteilen von anderen schwierig ist und nicht immer richtig liegt, ist eine andere Sache.
Die Alligator-Geschichte war mir neu, und hier gilt, wie meist, eine Lektion von Richard Mervyn Hare: Wenn einem die Story komisch vorkommt, kann das ja daran liegen, dass sie zu wenig Details enthält. Zum Beispiel: Hat Ivan ein Boot? Könnte er Abigail so rüberfahren? Warum kann Abigail nicht warten, bis die Brücke wieder aufgebaut ist? Kennt Abigail Slug schon oder ist das eine neue Bekanntschaft? Was weiß Slug?
Usf.
Außerdem muss man sich darüber im klaren sein, dass man schnell mit unbewussten Interpretationen bei der Hand ist:
Die Geschichte behauptet, dass Abigail Gregory liebt, aber ist das eigene Konzept von Liebe verträglich mit der Bereitschaft, mit jemand anderem zu schlafen? Ist das nicht Prostitution und damit moralisch verwerflich? Ist umgekehrt Sindbad ein Erpresser (pfui), oder verkauft er nur Abigail etwas (ok)? Ist jemand, der jemand anderen auf der Grundlage von Hörensagen verprügelt, nicht ein bösartiger Schläger? Usf. Weil die Geschichte unterbestimmt ist, kann man dann natürlich auch trefflich drüber streiten, weil die Lücken unterschiedlich gefüllt werden.

Kommentare:

  1. Um das moralische Verhalten eines anderen zu beurteilen, muss man sich zunächst darauf einigen von welcher Moral wir eigentlich ausgehen. Was sind die Kriterien, die uns die Orientierung geben? Ist das die althergebrachte sexuelle Moral (dann ist Abigails Verhalten tatsächlich höchst verwerflich)? Oder sind für uns doch andere ethische Normen ausschlaggebend? Wie dem auch sei, wird es eine höchst persönliche Beurteilung, ohne eine überindividuelle Geltung. Aber dann erübrigt sich die Aufgabe von selbst, da jede Lösung richtig und falsch zugleich wäre. :)

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  2. Muss ich mich mit dem andern einigen? Oder nur mit den Leuten, mit denen ich drüber rede?
    Ich denke, dass ein moralisches Urteil mehrere Ebenen hat, und die erste ist die unwillkürliche, unreflektierte moralische Reaktion, die auf Gewohnheit und Erziehung beruht.
    Ich wollte mit meinen Bemerkungen am Ende allerdings nicht darauf aufmerksam machen, wie verschiedene Moralvorstellungen dann die Beurteilungen beeinflussen, sondern darauf, dass auch die übrigen Elemente der Geschichte unterschiedlich interpretiert werden. Ich möchte also den Hinweis auf die unterschiedlichen Liebeskonzeptionen nicht als Hinweis auf unterschiedliche Sexualmoral verstanden wissen. Wenn man der Meinung ist, dass das Konzept Liebe mit Ausschließlichkeit zu tun hat, mit 'Reinheit' etc., dann kann man aus diesem Grund zu dem Schluss kommen, dass Abigail nicht liebt oder nicht genug liebt. Wenn man der Meinung ist, dass Liebe das Geistig-Seelische vom Körperlichen trennt, kann man zu dem Schluss kommen, dass Abigails Zwischenspiel, da rein körperlich, mit ihrer Liebe nichts zu tun hat. Je nachdem, ob ihre Liebe davon berührt ist oder nicht, kann man zu unterschiedlichen moralischen Schlussfolgerungen kommen.
    Streiten kann man dann auch darüber, was Liebe ist. Es geht also nicht nur um die Handlungen als solche, wie wir Beobachter sie von außen beschreiben, sondern um das zugrundeliegende Weltbild. Erst wenn man das versteht (und zum eigenen in Beziehung gebracht hat), kann man wirklich urteilen. Aber dafür ist die Geschichte ein bisschen dünn oder 'unterbestimmt'.

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  3. Die Geschichte um die Alligatoren ist natürlich absichtsvoll so unterbestimmt.

    Der Text wird, ich hatte es ja in meinem Blog schon angemerkt, v. a. in der Mediatoren-Arbeit und -Ausbildung eingesetzt; er kursiert in verschiedenen Versionen im Internet. Die Versionen unterscheiden sich durch z. B. durch die konnotative Umbenennung von Charakteren und den Detailreichtum im Hinblick auf die Motivation; die von mir ausgewählte Version verzichtet auf allzu plakative Namen und lässt im Hinblick auf die Motivation der Figuren sehr viel Spielraum.

    Grundsätzlich zeichnet sich der Text dadurch aus, dass er ein breites Spektrum von Handlungsweisen zeigt, das so konstruiert ist, dass es sich einer eindeutigen Bewertung entzieht. Zwischen den verschiedenen Handlungen, die keine der Figuren als eindeutig sympathisch ausweisen, muss im Einzelnen abgewogen werden. Das macht den Text zu einer guten Diskussionsgrundlage, die überdies Distanzierung ermöglicht, obwohl über persönliche Überzeugungen gesprochen wird.

    Für den Unterricht in dieser Phase - bevor man sich über moralphilosophische Begründungsmuster verständigt - ist so eine holzschnittartige Vorlage sehr nützlich.

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