blogoscoop

27 März 2007

Heideggers Hütte

Adam Sharr hat einen schönen kleinen Bildband über Heideggers Hütte bei Todtnauberg gemacht: Heidegger's Hut, erschienen bei der MIT Press (Cambridge / MS, 2006) (siehe auch die Forschungsprojektbeschreibung hier). Neben Bildmaterial (z.T. neu gefertigte Fotos) von der Hütte selbst und der Umgebung enthält das Büchlein auch Grundrisse sowohl der Hütte als auch von Heideggers Haus im Rötebuckweg in Freiburg. Sharr selbst ist kein Philosoph, sondern ein Architekt: und hat damit einen erfrischenden Blick auf die sagenumwobene Stätte. (Natürlich gibt's auch ein Kapitel für die Frage, in welcher Weise der Ort des Philosophierens die Philosophie Heideggers widerspiegele.)

Wie war es, ein Philosoph zu sein?

Wie das mit dem Geld war früher für Philosophen, davon handelt das hier bereits einmal empfohlene Buch. Aber wie es ihnen überhaupt erging, das kann man nun in dem eindrucksvollen Sammelband The philosopher in early modern Europe : the nature of a contested identity, hg. von Conal Condren und anderen (Cambridge : Cambridge UP, 2006) nachlesen. Hier geht es also auch um Institutionengeschichte, um die Funktion des Philosophen in der frühneuzeitlichen Universität, z.B. in Deutschland (Ian Hunter, Robert von Friedeburg), um das Selbstverständnis als 'natural philosopher' am Ende des Barock usf. Sehr spannend! Der Ansatz ist nicht ganz so europäisch, wie der Titel verspricht; neben Deutschland und England ist noch Frankreich im Blickfeld.

26 März 2007

Philosophie in Kanada

Na, kennen Sie einen kanadischen Philosophen? Wahrscheinlich schon: so als Teil der englischsprachigen Welt. Eine Anthologie In the Agora : the public face of canadian philosophy (hg. von Andrew D Irvine und John S. Russell. - University of Toronto Press, 2006) stellt nun Beispiele der gegenwärtigen kanadischen Philosophie vor, mit gut 100 Beiträgen ein umfangreiches Bild: das sich allerdings nicht zu einem Kanadischen Diskurs rundet, es sei denn an den Stellen, wo auch über Kanada geschrieben wird: über die nationale Einheit, über Themen der praktischen und Wissenschaftsethik, über die Folgen des 11. September für das Land. Mir sind übrigens neben James Robert Brown, der schon viel über Gedankenexperimente geschrieben hat, vor allem die beiden Churchlands bekannt, oder andersherum ausgedrückt: die übrigen rund 30 Beiträger sind für mich unbeschriebene Blätter. Gibt also viel zu entdecken.

Harry Frankfurt über Wahrheit

Nach seinem Bestseller On Bullshit -- der Text war ja schon zig Jahre alt -- hat Frankfurt festgestellt, dass er dort offen gelassen hatte, warum wir uns überhaupt für Wahrheit interessieren sollten: warum die wichtig ist. Denn nur vor diesem Hintergrund ist das Bullshitting ja fragwürdig. Also schiebt er ein Büchlein nach, das On truth heißt, und das der Verlag Alfred a Knopf sich nicht schämt, in einem goldfarbenen Umschlag auf den Markt zu bringen: auf 101 Seiten aufgeblasen. Und die These? Ach: lest selbst, das hat man doch in zwei Stunden durch.

14 März 2007

Wittgensteins Schüler

Gibt es irgendwo eine Liste, wer alles mal bei Wittgenstein gehört hat?
Hier gibt's eine Rezension von Hackers Wittgenstein im Kontext der analytischen Philosophie, wo von ein paar die Rede ist. Ich habe keine gefunden; neu war mir jedenfalls der Name von M. O'C. Drury, der in seinem Buch The danger of words (London : Routledge & Kegan Paul, 1973) im Vorwort feststellt, "the author of these writings was at one time a pupil of Ludwig Wittgenstein". Darin findet sich auch diese nette Anekdote über Russell:
Someone was inclined to defend Russell's writings on marriage, sex, and 'free love'. Wittgenstein interposed by saying: 'If a person tells me he has been to the worst of places I have no right to judge him, but if he tells me it was his superior wisdom that enabled him to go there, then I know that he is a fraud.' He went on to say how absurd it was to deprive Russell of his Professorship on 'moral grounds'. 'If ever there was such a thing as an an-aphrodisiac it is Russell writing about sex!'

Beurteilt LW also eine Handlung nach ihren Folgen, nicht nach ihrer Intention...

13 März 2007

Google Books: Philosophische Klassiker finden

Kürzlich habe ich erst gelernt, nach viel zu langen Krankentagen, dass man bei Google Books die gefundenen Bücher auch downloaden kann: sofern Google sie als urheberrechtsfrei betrachtet. Urheberrechtsfreie Bücher sind solche, die man in der "Vollansicht" sehen kann, und da die Suche auf diese beschränkt werden kann, ist es kein Problem, welche zu finden.
Google Books, für alle, die es nicht wissen, ist ein jüngerer Streich in der Google Produktfamilie: ein gigantisches Digitalisierungsprogramm in Zusammenarbeit mit zunächst 5 großen amerikanischen Universitätsbibliotheken, neuerdings auch ein paar Europäern. Zuletzt, am 6.3.07, gab die Bayerische Staatsbibliothek in München bekannt, dass sie ihren Urheberrechtsfreien Bestand in Google Books einbringen will: Google trägt die Kosten für das Herstellen der elektronischen Versionen und bringt dafür seinen Schriftzug auf den Bildern an.
(Google betrachtet übrigens in Europa solche Bücher als urheberrechtsfrei, die vor 1864 veröffentlicht wurden. In den USA sind sie da großzügiger.) Gerade diese Ankündigung brachte mich darauf, Google Books (oder GBS) mal wieder anzusehen.
Ein bestimmtes Buch zu finden ist nicht so einfach: weil ja im wesentlichen die "Volltexte" durchsucht werden, während man z.B. in einem Bibliothekskatalog in Feldern mit Bezeichnungen sucht, und weil auch in der "erweiterten Suche", wo man tatsächlich nach Autorennamen und Buchtiteln suchen kann, die Schreibungen nicht normiert sind. Und was durchsuchbar ist, beruht auf Texterkennung, die bei Fraktur noch stark zu wünschen übrig lässt. Immerhin findet man z.B. von Kants Critik der reinen Vernunft eine 7. Auflage.

Übrigens kann man, wie ich es hier getan habe, gezielt auf einzelne Titel verlinken. Man bekommt als Resultat der Suche vielleicht eine URL wie die folgende, hier aus Layoutgründen in zwei Zeilen geschriebene:
http://books.google.de/books?vid=OCLC02188115&id=cJOFM46ISTAC
&dq=intitle:critik+intitle:der+intitle:reinen+intitle:vernunft&as_brr=1

Von dieser nimmt man neben dem Start
http://books.google.de/books?

nur den Bestandteil
id=cJOFM46ISTAC

oder was immer da gerade steht, so dass man
http://books.google.de/books?id=cJOFM46ISTAC

erhält. Fertig ist der konstante Link. Wer möchte kann dahinter noch ein "=de" oder "=en" hinzufügen: aus unerfindlichen Gründen sieht man nur in der englischen Version, aus welcher Bibliothek das Buch stammt, das Google digitalisiert hat.

05 März 2007

Kollektive Verantwortung beim Handeln?

Die Midwest Studies in Philosophy widmen dem Thema ein ganzes Heft. Und der Verlag Blackwell Synergy ist so nett, einen der Beiträge auch frei zur Verfügung zu stellen: Janna Thompson über Collective Responsibility for Historic Injustices (Midwest Studies 30 (2006), 1, 154-167) (Text als pdf oder html). Als Deutscher denke ich da gleich an die historische Verantwortung der Deutschen: die ich nicht hinterfragen würde, für die mich aber schon interessiert, wie ein Moralphilosoph das methodisch angeht. Thompsons Lösung führt über die Verpflichtung einer Gruppe, generationenübergreifende moralische Institutionen zu schaffen: das klingt für mich wie eine Analogie zum Recht und dem Konstrukt des Rechtsnachfolgers. Wie hätte dann der Einzelne mit der Kollektiven Verantwortung umzugehen? Thompsons Antwort ist eine realistische, scheint mir: er hätte nur insofern besonders zu handeln, als er im Auftrag der Gruppe handelt, also z.B. indem er ein Amt ausübt. Was dabei außen vor bleibt, ist das Gefühl der Verantwortung, dass Gruppenmitglieder empfinden mögen und dass mir wertvoll genug erscheint.

04 März 2007

Philosophen mit Literaturnobelpreis

Im vorherigen Posting hätte beinahe gestanden, dass Kazantzakis Literaturnobelpreisträger war, daran meinte ich mich nämlich zu erinnern. Das scheint aber nicht zu stimmen, glaube ich der Wikipedia-Liste. Dafür fielen mir dort zwei deutschbeflaggte Herren auf, die mir als Preisträger noch nicht geläufig waren: Paul Heyse (1910, naja) und Rudolf Eucken (1908). Und letzterer ist ein nicht ganz unbekannter, auch nicht wirklich bekannter, Philosoph. Eucken setzt damit die Tradition Mommsens fort, der als zweiter überhaupt, 1902, den Preis bekommen hatte, u.a. für seine Römische Geschichte: dass Wissenschaftler für wissenschaftliche Prosa mit einem Literaturpreis ausgezeichnet werden. Ich möchte noch anmerken: so ein erfolgreiches Jahrzehnt gab es natürlich nie wieder für die deutsche Literatur. :-)

Gibt's noch mehr Philosophen unter den Preisträgern? Jawollja, da muss einem natürlich Lord Russell (1950) einfallen: gelobt als "Vorkämpfer der Humanität", und die beiden Franzosen, Camus (1957) und Sartre (1964), wobei Sartre den Preis nicht annahm. In Wikipedia ist auch Henri Bergson (1927) aufgeführt: trägt seine Ideen so sprachmächtig vor. (Auf den wär ich nie gekommen.)

Schriftsteller mit Philosophie-Diss

Bei Ingeborg Bachmann ist es eine Pest gewesen: die Verweise der Forschung auf den Einfluss Heideggers, schließlich habe sie ja über den promoviert. Das wurde auch nicht besser, nachdem vermehrt Bachmanns eigener Interviewsatz, sie habe "gegen Heidegger" geschrieben, angeführt wurde: das ändert ja nur den Fokus. Ich frage mich, ob es wohl den Gelehrten mit Nikos Kazantzakis genauso geht. Dessen Diss über Nietzsche Friedrich Nietzsche on the Philosophy of Right and the State wurde nämlich gerade bei der SUNY Press ins Englische übersetzt. Kazantzakis: ist für mindestens zwei Bücher bei uns bekannt: für Alexis Sorbas und für Die letzte Versuchung Christi, beide mit prominenten Verfilmungen. Da seh ich doch gleich im Sorbas einen Zarathustra-Schüler...

03 März 2007

Körperdenken

Gabor Csepregi hat sich nach eigenem Bekunden schon länger gewundert, warum Philosophy of body nicht so eine Disziplin ist wie Philosophy of mind. Mit seinem The clever body (Calgary : University of Calgary Press, 2006) hat er nun zumindest ein Fundament gelegt. Sieht man den Körper als Werkzeug und ausführendes Organ des bewussten Willens, dann gibt es nicht so viel über ihn zu sagen. Csepregi interessiert sich vor allem da, wo die eigene 'Intelligenz' des Körpers sichtbar wird.
Der Klappentext des Buches teilt nicht nur mit, dass Csepregi am Dominikanischen College in Ottawa lehrt, sondern auch, dass er über Erziehung, Musik und Sport gearbeitet habe: klingt nach einer guten Qualifikation für das Thema Körper, einmal nicht von der Phänomenologie à la Merleau-Ponty ausgehend (da habe ich in letzter Zeit einige Titel über die 'Leiblichkeit' gesehen).

01 März 2007

"Experimentelle Philosophie"

... ist ein netter Ausdruck, und hier wird erklärt, was er bedeutet:

Experimental philosophy is the name for a recent movement whose participants use the methods of experimental psychology to probe the way people make judgments that bear on debates in philosophy. Although the movement has a name, it includes a variety of projects driven by different interests, assumptions, and goals. Just in the past few years philosophers have carried out experimental work in areas as diverse as epistemology, action theory, free will and moral responsibility, the philosophy of language, ethics, the philosophy of law, and the philosophy of science. Given that "experimental philosophy" is perhaps best viewed as a family resemblance term, the boundaries are admittedly vague.

But the following two questions nevertheless help shed light on what it means to be an experimental philosopher: First, do you run controlled and systematic studies and use the resultant data to shed light on philosophical problems? Second, do you sometimes address the tension that exists between what philosophers say about intuition and human cognition, on the one hand, and what researchers are discovering about these things, on the other hand?


Zitiert nach dem programmatischen Blog Experimental philosophy, von Thomas Nadelhoffer und anderen. Für mich liegt die Frage nahe: Wie verändert eine solche Anbindung ans Empirische die Methode des Gedankenexperiments? Funktioniert das nun besser oder schlechter: als Appell an die Intuition vieler, nicht des einzelnen?

28 Februar 2007

Der Sinn des Lebens?

Yuval Lurie hat es gewagt, ein Buch darüber zu schreiben. Es beginnt mit der Beobachtung, dass a) diese Frage einen persönlichen wie einen überpersönlichen Sinn hat und b) der traditionellen Antworten im 20. Jahrhundert zwei sind: die eine ist phänomenologisch und beginnt mit der Umformulierung der Frage, etwa zum "Sinn der Existenz" oder des "Daseins". Die Phänomenologen
then formulate their intricate answers to the question by means of s specialized, weighty, and complicated philosophical jargon, one stage after another, as though engaged in careful and meticulous archaeological excavation that is meant to uncover, layer by layer, an ancient structure that has been covered by rocks and debris over the years.

Die andern reagieren, natürlich, mit dem Versuch, zu zeigen, dass die Frage nicht sinnvoll gestellt ist und warum das so ist.
Lurie will keins von beiden, und da hilft ihm auch seine Motivation: ihm geht es auch um den persönlichen Sinn der Frage. Danken wir der University of Missouri Press (Columbia), dass sie Tracking the meaning fo life : a philosophical journey 2006 veröffentlicht hat, so dass man nicht auf die hebräische Ausgabe von 2002 angewiesen ist, wenn man Lurie auf seiner Reise folgen will!

22 Februar 2007

Nur wer sich ändert?

Großen Respekt habe ich vor Leuten, die einen grundlegenden Wandel ihrer Weltanschauung öffentlich machen, z.B. Susan Blackmores Wandel von der Spiritistin zur Skeptikerin. Darum finde ich auch Anthony Flews Aufgabe seiner strikt atheistischen Position bemerkenswert, die seit einigen Jahren zu beobachten ist, insbesondere wenn man bedenkt, dass er zu den bekanntesten Atheisten überhaupt zählte. Bemerkenswerter aber noch die im Secular Web von Richard Carrier dokumentierte Tatsache, dass Flew zugleich mit dem Atheismus auch den argumentativen Rigorismus aufgegeben zu haben scheint. Oder mit Rilke: "Die sich Verlierenden lässt alles los."

21 Februar 2007

Ethik des Gedankenlesens

Darf man Leute verurteilen für Verbrechen, die sie noch nicht begangen haben? In Philip K. Dicks Story Minority Report ist das keine Frage: die Polizeieinheit Precrime bedient sich der Hilfe von drei "Praecogs", die Verbrechen voraussagen, um rechtzeitig an Ort und Stelle das Verbrechen zu verhindern und die Beinahe-Täter zu verhaften. Steven Spielberg hat daraus einen Thriller gemacht, der die Voraussage-Paradoxie-Thematik der Erzählung entschärft (aber das ist eh eine andere Geschichte). Gleich ist jedenfalls in Erzählung und Film die Ausgangspointe, dass der Chef der Einheit eine Voraussage erhält, er selbst werde jemanden ermorden. Im Film führt dies zum Versuch des Polizisten, seine Handlungsfreiheit zu beweisen: was dann aber bedeuten würde, dass das System fehlerhaft und also ungerecht ist. Und wenn die Kenntnis der Voraussage, man werde ein Verbrechen begehen, dazu führen kann, dass man das Verbrechen nicht begeht, ist es dann nicht unmoralisch, den Betroffenen die Prophezeiung vorzuenthalten?

Wired online berichtete schon vor einer Woche, dass nun Wissenschaftler einen Durchbruch meldeten beim Versuch, die Messung von Gehirnaktivität zum 'Gedankenlesen' zu benutzen. Ich finde den Artikel interessant: Jennifer Grannick von der Stanford Law School bedenkt darin -- neben dem noch enormen Abstand dieses "Durchbruchs" zum praktischen Einsatz zu welchem Zweck auch immer -- die möglichen Folgen für die Gesellschaft, sollte die auf die Idee kommen, Gedankenlesen zur Prävention einsetzen zu wollen. Sie hält es für möglich, dass sich die technischen Möglichkeiten schneller entwickeln als die passende moralische Reflexion. Man könnte natürlich mit einem Verbot des 'Gedankenlesens' reagieren: das wäre bestimmt die Option der deutschen Politik.

13 Februar 2007

Philosophie auf youTube?

Gibt noch mehr als Descartes...
http://seziertisch.com/2007/02/01/barbie-auf-erkenntnistour-philosophie-auf-youtube/

Philosophie Podcast aus Österreich

Wer Podcasts mag, der kennt wahrscheinlisch schon das schöne http://phaidon.philo.at/podcasts/ der Uni Wien. Der Blick lohnt sich jedenfalls; Vorlesungen von H. Hrachovec und M. Füllsack z.B., oder am 24.1.07 über Wittgensteins Witz.

12 Februar 2007

Philosophie in Deutschland 1933-1945

Marion Heinz und Goran Gretic haben bei Königshausen und Neumann die Frucht zweier Tagungen an der Uni Siegen herausgegeben, die sich dem Thema Philosophie und Nationalsozialismus widmeten: als Sammelband Philosophie und Zeitgeist im Nationalsozialismus, Würzburg 2006 (hier Inhaltsverzeichnis). Ich finde besonders den ersten der drei Teile, "zeitgeschichtliche Resonanzen" interessant; dort geht z.B. Olivier Agard auf die "Resonanz" der deutschen Philosophie der Zeit in Frankreich ein, und Ilse Korotin beleuchtet, wie der Sicherheitsdienst des Reichsführer SS deutsche und österreichische Philosophen beobachtete. Ein bisschen zu fehlen scheint mir die Perspektive des Übergangs von der Weimarer in die NS-Zeit und die Institutionengeschichte, etwa im Wandel von Zeitschriften, z.B. des Logos, die bis 1933 Internationale Zeitschrift für Philosophie der Kultur im Untertitel hieß und für die es auch Pläne für internationale Parallelausgaben gab. Darin schrieb, wer Rang und Namen hatte. Flugs wurde sie 1933 umbenannt zur Zeitschrift für Deutsche Kulturphilosophie. Was sich in der Namensänderung zeigt, ließe sich ja sicherlich auch ausführlicher in den Beiträgen festmachen.

06 Februar 2007

Wie studiert man Philosophie um 1900? (2)

Neulich habe ich einen Blick auf Apels "Anleitung zum Studium der Philosophie" von 1911 geworfen: finde sie interessant, weil Apel nicht bloß von Inhalten schreibt, sondern auch von den formalen Bedingungen eines solchen Studiums: Studiengebühren, Lehrangebot, praktische Tipps. Apel geht nach einigen Seiten zur Philosophiegeschichte und den wichtigsten zeitgenössischen Veröffentlichungen (auch diese Listen könnten interessant sein) auf das Thema Promotion ein. Als erstes stellt er den Lesern die Frage, ob es wohl überhaupt ratsam sei, einen Dr. phil zu erwerben.
Gewiß ist an und für sich, wie die Dinge liegen, der manchmal nicht eben allzu ruhmvoll errungene Titel eines Dr. pohil. keine Bürgschaft besonderer Gelehrsamkeit und Tühtigkeit. (S. 127)

Apel rät davon ab, sofern man nicht besondere Liebe zur wissenschaftlichen Arbeit verspüre, wenn man nicht in den Bibliotheks- oder Archivdienst wolle: das Staatsexamen sei doch hinreichend. Er sieht "erhebliche Unkosten die mit der Drucklegung der Arbeit sich wohl so um 500 Mark herum und mehr bewegen" (S. 128). Wieviel waren 500 Mark 1911 wert?
Apel begrüßt, dass es keine Promotion "in absentia" mehr gibt. Er zitiert die Promotionsordnung der Uni Berlin: "Von der Dissertation ist zu verlangen, daß sie wissenschaftlich beachtenswert ist und die Fähigkeit des Kandidaten dartut, selbständig wissenschaftlich zu arbeiten." Man muss dort vor der Promotion 3 Jahre studiert haben: dafür kriegt man heutzutage einen Bachelor. -- Die Namen für die Noten, die dort zitiert werden, sind mir neu, es gibt "1. genügend (idoneum), 2. gut (laudabile), 3. sehr gut (valde laudabile) oder 4. ausgezeichnet (eximium)". (Für das Gesamtergebnis werden die mir vertrauten Noten verwendet.) Apel notiert, dass dann zwischen 124 (Tübingen) und 300 (Kiel) Druckexemplare eingereicht werden müssten; und in Berlin muss man insgesamt 355 Mark Gebühren zahlen!
Apel erwartet, dass man an einer solchen Arbeit 1-2 Jahre schreibt, die einen Umfang von mindestens "2 Druckbögen" haben muss; gehen wir davon aus, dass dies dem heutigen Papierformat entspricht, dann also mindestens 32 Seiten.
Früher konnte man offenbar auch an manchen Unis "ohne jedes Reifezeugnis" eine Promotion ablegen; die Betroffenen sind "Immaturi", und sie müssen nur "eine als hervorragende Leistung anzusehende Dissertation einreichen (S. 136), die Uni Greifswald verlangte außerdem, dass Immaturi mindestens 3 Semester in Greifswald studiert haben. Wie haben sie das gemacht, wenn sie für die Zulassung zum Studium ein Reifezeugnis brauchten?
Apel weist noch auf ein paar weitere Schriftchen hin, die er als Ratgeber sah, die heutzutage von historischem Interesse sein könnten. So kann man 50 vorgeschlagene Examensfragen der Zeit in einem Schriftchen eines Von Brockdorf namens "Das Studium der Philosophie mit Berücksichtigung der seminarischen Vorbildung" sehen, darunter "Warum lässt Schopenhauer den Monarchen sagen: Wir, von zwei Übeln das kleinere?" "Wie dachte der Philosoph von Sanssouci über die Behandlung des Geschichtsunterrichts?" "Man gebe eine kurz Übersicht über das Wichtigste der modernen Schulhygiene". Apel gibt die Fragen wieder und hält sie für "etwas zu grotesk", da "für den Doktoranden so gut wie fürdie Professoren unbeantwortbar". (S. 139-140). Das Buch Die Philosophie in der Staatsprüfung von einem gewissen Vaihinger (der mit dem als-ob?) enthält 340 Themen für eine schriftliche Prüfung, die Apel auch fürs Mündliche geeignet sieht.
Apel über Studiendauer: Das Staatsexamen konnte man in Preußen nach mindestens 6 Semestern, in den süddeutschen Staaten nach mindestens 8 Semestern ablegen, doch auch diese "werden in den meisten Fällen nicht zulangen". So weit weg von der heutigen Regelstudienzeit ist es also nicht. Das Staatsexamen sei die unangenehmste aller Prüfungen, und man möge dem Studierenden unbedingt den Prüfer seiner Wahl gönnen, da doch in diesem Fache "die persönlichen Meinungen und Richtungen ... eine gar zu große, oft entscheidende Rolle" spielen. (S. 143) Ungünstig wirke sich auch die "Uferlosigkeit der Anforderungen, wie sie die gesetzliche Prüfungsvorschriften zeigen", aus.
Den Überblick rundet Apel mit einem Kommentar zu den Prüfungsordnungen der Länder für Staatsexamen -- Philosophie musste offenbar häufig als Nebenfach belegt werden, vor allem von zukünftigen Lehrer -- und die "philosophische Propädeutik". Sein Buch wird auch für die Dozierenden eine interessante Lektüre gewesen sein, weil es ihm nicht nur darum geht, das Studium den angehenden Studierenden durchsichtig zu machen, sondern auch Vorschläge, wie die Uni selbst das Studium besser gestalten kann, wo Standardisierung zu empfehlen ist und wo nicht etc.

Das Buch erlebte eine zweite Auflage, die im gleichen Verlag 1919 erschien. Interessanterweise ist diese in Fraktur gedruckt, die erste in Antiqua. Ansonsten scheinen mir auf den ersten Blick keine großen Anpassungen vorgenommen worden zu sein: als habe der Krieg keine Spuren hinterlassen.

Freges Kleine Schriften im VDM-Verlag

Der Verlag Dr. Müller oder kurz VDM wirft seit einiger Zeit philosophische Werke auf den Buchmarkt, die man sich vielleicht schon mal in Neuausgaben gewünscht hat. Jüngst aufgefallen sind mir Freges Kleine Schriften und Erkenntnis und Irrtum von Ernst Mach. Was man den hier verlinkten Amazon-Buchdaten aber nicht entnehmen kann, ist, dass es sich in der Frege-Ausgabe um eine schlechte Kopie der OLMS-Ausgabe von 1967 (oder der zweiten Auflage von 1990?) handelt! Schlecht ist die Kopie, weil die Kopierstreifen noch deutlich zu sehen sind, und weil VDM, aus urheberrechtlichen Gründen, die VII Seiten Vorwort des Herausgebers der OLMS-Ausgabe weggelassen hat. Die OLMS-Ausgabe ist noch im Handel und kostet 74,- €: das ist fadengeheftet und in Leinen gebunden. Die VDM-Ausgabe ist Paperback und geleimt.

Ich weiß nicht, wie es sich bei dem Mach-Buch verhält. Das kostet bei VDM 68,- €. Es gibt aber eine gute Neuausgabe mit Seitenkonkordanz im Parerga-Verlag: für 22,80 €. Kommt Ihnen das VDM-Angebot nicht auch etwas überteuert vor?

[Nachtrag 5.3.07]
[Nachtrag 26.3.07] Im obigen Nachtrag stand was, das der VDM-Verlag als "geschäftsschädigend" betrachtet hat. Zwar hat es der Verlag nicht fertig gebracht, mir dies selbst mitzuteilen (das wäre ja über die Kommentarfunktion ganz leicht gewesen), aber ich entferne es freiwillig, denn dies ist ja nur ein kleines Philosophie-Blog, das keine wirtschaftlichen Absichten hat: schon gar nicht die, jemandes Geschäfte zu schädigen. Hier liegt mir eine Reflexion nahe, was denn "Schaden" überhaupt ist; aber die Philosophie schweigt besser, denn wie jeder weiß, sprechen, Juristen eine andere Sprache, die über die philosophische Reflexion gar nicht erreicht wird.

Was ist Aufklärung nicht?

Jaja, im Jahr der Geisteswissenschaften liegt die Antwort nur ein Buch weit entfernt, bei Kant. Wer die Frage allerdings im Internet stellt, könnte auf die Idee kommen, unter der Adresse www.whatisenlightenment.de fündig zu werden, die Webpräsenz eines gleichnamigen Magazins (man wird durchgeleitet auf die Abkürzung www.wie.de). Hier wird Enlightenment aber mit "Erleuchtung" übersetzt, und alle Ingredienzien fragwürdiger Publikumsanmache sind gegeben, von der buntesten Aufmachung über Gratisangebote bis zur Nennung von Autoren mit Titel oder schmückenden Beiwörtern. Der Gründer des Magazins ist demnach ein "spiritueller Lehrer" und "anerkannter Autor". Woran bemisst sich die Anerkennung? Am Beifall der Anhänger natürlich. Die Webseite informiert: Andrew Cohen
gilt weithin als richtungsweisende Stimme auf dem Gebiet der evolutionären Spiritualität

Naja, man wäre ja schön blöd, wenn man in die Richtung, die man selbst erfunden hat, nicht auch weisen würde... Cohen also gründete 1992

das Magazin What is Enlightenment? und bahnt den Weg für einen innovativen spirituellen Journalismus, der an die klassischen Dialoge eines Sokrates erinnert. Seither bringt Cohen führende Denker der Gegenwart auf den Seiten von WIE zusammen und ruft sie zu einer höheren, wirklich zeitgemäßen Synthese der geistigen Wahrheiten des Ostens und der empirischen Erkenntnisse des Westens auf. Durch das Magazin wie auch durch seine Schriften erschafft Cohen einen neuen Kontext, in dem Erleuchtung als evolutionäre Aufgabe des Menschen gesehen wird.

Das Adjektiv "führend" verdient sich jeder, der Jünger hat, die er führt. Da kann auch der notorische Ken Wilber nicht weit sein, und tatsächlich: es wird sogar ein gemeinsames Buch angepriesen.

Wenn ich darüber nachdenke, warum mir das Magazin und die Webseite als Etikettenschwindel vorkommen, dann fällt mir auf, das Aufklärung in Kants Sinne eine Hilfe zur Selbsthilfe ist, eine Anleitung. Erleuchtung ist hingegen ein Schlag auf den Kopf, der von Außen kommt und einen grundlegend verändert. Wer aufgeklärt wird, bleibt er selbst, wer erleuchtet wird, ist womöglich nicht wiederzuerkennen.


PS
Ich selbst bin übrigens ein führender Philosoph, da ich Gespräche führe.