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25 August 2006

Planetendefinitionen

Pluto ist kein Planet, na und.
Als Planet soll in Zukunft nur mehr gelten, was
  • die Sonne umläuft auf einer kreisähnlichen Bahn,
  • annähernd kugelförmig ist
  • und ein bisschen freien Raum um sich hat.
Pluto fällt da raus, wegen des 3. Kriteriums. Spiegel online titelt in dem oben verlinkten Artikel, Pluto sei "kein Planet mehr" -- aber ist er je einer gewesen? Denn offenbar entsprach er ja noch nie dieser Definition. Ich finde dieses "nicht mehr" erstaunlich, denn wir verwenden es normalerweise, wenn sich das besprochene selbst verändert: und nicht, wenn die Rede darüber sich ändert.

Natürlich hätten die Planeten auch so bleiben können, wie sie waren: Man hätte das Planetentum einfach extensional definieren müssen: Planet ist jedes Element der Menge {Merkur, Venus, Erde, Mars ..... Pluto}. Dafür wären natürlich auch keine zusätzlichen Planeten nötig gewesen. Aber die Naturwissenschaften haben etwas gegen derartige Definitionen, und warum das so ist, liegt ja auf der Hand. Geisteswissenschaftler tun sich da leichter. Z.B. kenne ich keine intensionale Definition von Literatur, die allen Texten gerecht wird, die ich für Literatur halte (wenn man diese Definition zugleich noch einigermaßen einfach haben möchte und nicht als unendliche Konjunktion von Eigenschaften).

16 August 2006

Ortega y Gasset und Madrid

Wer sich für José Ortega y Gasset interessiert, wird am mehrpfündigen Ausstellungskatalog El Madrid de Ortega nicht vorbeikommen. Die Ausstellung fand vom 23. Mai bis zum 23. Juni in Madrid statt. Der bilderreiche, sorgfältig zusammengestellte Band wurde von José Lasaga herausgegeben und kostet 50 €. Er bietet ein Kaleidoskop von Eindrücken aus dem Leben und Umfeld Ortegas -- die zugehörige Website zeigt einige Kostproben und ist ebenfalls schön gemacht.

Wer ist der Größte?

Gerade liegt der fünfte und letzte Band von John Shands Central Works of Philosophy vor mir, er ist 2006 bei Acumen erschienen und behandelt Quine and after. Die Sammlung enthält neue Essays über zentrale Werke und ist damit ein Mittelding aus Einführung und Nachschlagewerk, näher bei einer Einführung allerdings, weil man für "Quine and after" gerade mal auf 14 Werke kommt, die besprochen werden. Bei fünf Bänden und einer ähnlichen Quote umfasst das Gesamtwerk demnach rund 70 "zentrale Werke", naja. Der erste Band heißt "Ancient and medieval" und erledigt damit von den im Vorwort angekündigten 2.500 Jahren Philosophiegeschichte schon mal 4 Fünftel. Band 2 widmet sich dem 17. und 18. Jahrhundert, Band 3 dem 19., Band 4 heißt "Moore to Popper". Shand hat sich also nicht gescheut, zu kanonisieren, besonders, was das 20. Jahrhundert angeht. Man fragt sich, welche deutschen Philosophen vor seinen Augen Gnade gefunden haben. Im 5. Band: keiner. Wir haben Essays über Quine, Strawson, Rawls, Nozick, Dummett, Rorty, Davidson, Kripke, Putnam, Williams, Nagel, Lewis, Charles Taylor und McDowell. Dessen Mind and World ist von 1994 und damit das neueste aufgenommene Werk.
Wie steht es mit Band 4? Enthält Essays über "Moore, Russell, and Wittgenstein, as well as Carnap, Ayer, James, Husserl, Heidegger, Sartre, Merleau-Ponty, Ryle, and Popper".

Gegen diese Auswahl kann man sicher manche Einwände erheben... Jedem werden andere einfallen. Mir jedenfalls scheint Volpis Großes Werklexikon der Philosophie eine lohnendere Anschaffung!

15 August 2006

Apportieren

Der Kollege mspro hat mir ein Stöckchen zugeworfen, um zu testen, ob ich alle seine Einträge lese. Er will wissen, ob ich noch an was anderes denke als an Philosophie. Tue ich, ständig. Z.B. alle 30 Sekunden an... Aber doch nicht öffentlich!

WARUM BLOGGST DU?
Um mich selbst zu verwirklichen. Um ewig zu leben (sofern das Problem der Langzeitarchivierung gelöst wird und die DNB Blogs sammelt): Wer schreibt, der bleibt. Um Einfluss zu nehmen.

SEIT WANN BLOGGST DU?
Die Frage lässt sich durch einen Blick ins Archiv klären.

SELBSTPORTRÄT:
Wenn ich mein privates Ich öffentlich machen wollte, würde ich ein anderes Blog schreiben.

WARUM LESEN DEINE LESER DEIN BLOG?
Wenn sie es nicht wissen, wer dann?

WELCHES WAR DIE LETZTE SUCHMASCHINENANFRAGE, MIT DER JEMAND AUF DEINE SEITE KAM?
Ich komme langsam dahinter, was diese Fragen sollen: Werbung machen für noch mehr kleine modische Buttons ... ich hatte gehofft, was da ist, würde reichen!

WELCHER DEINER BLOGEINTRÄGE BEKAM ZU UNRECHT ZU WENIG AUFMERKSAMKEIT?
Über Giordano Bruno, die Urzelle, und große Denker: Schade, wenn eine Antwort ins Leere geht. Zumal, wenn die Besprochenen andernorts eifrig weiter ablästern.

DEIN AKTUELLES LIEBLINGSBLOG?
Ich lese zu wenige, um eines zu haben. Die, die ich lese, lese ich gern.

WELCHES BLOG HAST DU ZULETZT GELESEN?
Prägnanz.

WIEVIELE FEEDS HAST DU IM MOMENT ABONNIERT?
5. Was sagt das über mich?

AN WELCHE VIER BLOGS WIRFST DU DAS STÖCKCHEN WEITER UND WARUM?
Philosophie etc., weil ich mir wünsche, dass es weiterläuft.

Das sind nicht vier? Ist mir gar nicht aufgefallen.

14 August 2006

Der Sinn des Lebens

Dass jeder sich den Sinn seines Lebens selber geben müsse, das würde ich darauf sagen. Will Durant, Historiker und Philosoph, näherte sich der Frage 1930 ein wenig anders: mit einer Umfrage unter den Geistesgrößen seiner Zeit. Durant fasste diese zusammen und machte ein Buch daraus, das 1932 erschien und -- glaubt man dem Klappentext der Neuausgabe -- bald vergessen war. Jetzt ist es neu aufgelegt, präsentiert mit dem obligatorischen Zweidrittelhimmel als Umschlagbild vorne und dem Sonnenauf- oder untergang hinten, in einem Verlag namens promethean press (offenbar gibt es mindestens zwei Verlage, die so heißen). Neben ausführlichen Briefen der verschiedensten Leute liest man auch die knappen Antworten der Skeptiker; so habe G. B. Shaw nur geantwortet:
How the devil do I know?
Has the question itself any meaning?
Der Klappentext teilt noch etwas mehr zur Entstehung mit. Will Durant war gerade im Garten beim Laubrechen, als ein gutgekleideter junger Mann auf ihn zutrat und ihm mit ruhiger Stimme sagte, wenn Durant ihm nicht sofort einen guten Grund nennen würde, warum er es nicht tun sollte, würde er sich jetzt umbringen. Durant habe ihm eine Reihe von Gründen genannt, und der Mann habe auf dem Absatz kehrt gemacht und ward nicht mehr gesehen. Na, so eine Geschichte würde mich auch beschäftigen!

Antworten, die für andere gültig sind, müssen auf deren Kontext Rücksicht nehmen können. Wenn der Fragende z.B. gerade seine ganze Familie durch einen Autounfall verloren hätte, wäre die Antwort, der Sinn des Lebens sei zu lieben und geliebt zu werden, riskant, weil sie den Fragenden direkt an seinen Verlust erinnert. Welchen Sinn des Lebens braucht man?

13 August 2006

Günter Grass' Gebrauchtwagen

Dass nach Grass' Bekenntnis er sei als 17jähriger Mitglied der Waffen-SS gewesen, die Öffentlichkeit aufschreien würde, erstaunt nicht. Was hier in Anschlag gebracht wird, ist das augenscheinliche Missverhältnis zwischen Tun und Empfehlen. Grass gibt (gab) sich als moralische Autorität, hat aber selbst in der Jugend gesündigt. Wie soll man dazu stehen?
Nicht so wie Martin Walser jedenfalls. Der beobachtet zwar richtig das Reflexhafte der Reaktionen, das scheint ihm aber zu genügen: eine ihrerseits oberflächliche Antwort (wahrscheinlich freut sich Walser einfach, das er mal Grass an die Seite treten kann).
Grass' SS-Vergangenheit scheint von manchen als persönliche Kränkung erlebt zu werden, die seine moralische Autorität schätzten. Sie sind beleidigt, weil sie ihm geglaubt oder seinen Äußerungen früher einen besonderen Stellenwert eingeräumt haben. Spiegel online zitiert Joachim Fest mit der Äußerung, er wolle von Grass nun nicht einmal mehr einen Gebrauchtwagen kaufen. (Ja, das zeigt, dass Grass wirklich als moralische Instanz diskreditiert ist, wenn man nun nicht einmal mehr einen Gebrauchtwagen von ihm kaufen kann.)
Und moralische Autorität, stellt sich heraus, besteht nicht etwa darin, dass man das Richtige sagt, fordert, empfiehlt. Sondern darin, dies schon immer und unveränderlich als das Richtige erkannt zu haben. Damit führt die moralische Autorität in eine religiöse Dimension, weil sie ein Verhaltensmuster erlaubt, das auch im Umgang mit göttlichen Geboten erwünscht ist: die unreflektierte Übernahme.
Jetzt fordert Grass' Bekenntnis zur Reflexion seiner Äußerungen heraus. Stimmen sie noch? Müssen wir jetzt genauer hinsehen? Wie unbequem!

Ein zweites religiöses Deutungsmuster zeigt sich: Vorher war Grass ein Heiliger, Nobelpreis und Ehrenbürgerwürde von Danzig sind die äußeren Zeichen. (Soll Grass beides zurückgeben? Vielleicht äußert er sich dazu noch öffentlich. Sein eigenes moralisches Empfinden beschäftigt sich bestimmt damit.) Dass Heilige (wie z.B. Aurelius Augustinus) Sünder gewesen sein können, bevor sie Anhänger der 'richtigen Moral' wurden, deutet vor allem auf den etablierten Weg vom einen Status zum anderen: man darf nicht heimlich zum Heiligen werden, sich nicht selbst taufen, nicht für sich abschwören. Alle müssen mitkriegen, ab wann man moralisch untadelig leben möchte.

11 August 2006

Nachdenken über den Tod

Von einem der alten Griechen (Epikur?) ist mir die Anekdote erinnerlich, der Tod sei kein Übel für dem Menschen: "denn wo ich bin, ist der Tod nicht, und wo der Tod ist, bin ich nicht". Ob der Tod ein Übel ist, ist allerdings nur eine der Fragen, die sich einem Philosophen stellen können, wenn auch anscheinend die meistgestellte (vgl. den Eintrag death in der Stanford Encyclopedia of Philosophy). Spannend finde ich auch, ob es eine Pflicht zu sterben geben kann bzw. gibt und wie die Begriffsgeschichte des Todes aussieht (auch wenn klar scheint, was der Tod ist, hat sich doch die Vorstellung davon gewandelt, was stirbt, sprich: was der Mensch ist). All dies und mehr beschäftigt Vincent Barry in seinem Buch Philosophical thinking about death and dying (Belmont: Thomson, 2007(!)). Eine gute Ergänzung zu Jay F. Rosenbergs Klassiker Thinking cleary about death (1983).

03 August 2006

Leibniz' China-Briefe neu ediert

1990 erschien eine erste, inzwischen vergriffene Ausgabe von Leibniz' Briefen an Jesuitenpatres in Peking. Damals war das ein erster Einblick in eine bis dahin außer den an den Handschriften arbeitenden Spezialisten völlig unbekannten Teil des Werkes. In einer komfortablen, schön gebundenen mehrsprachigen Neuausgabe (als Band 548 der Philosophischen Bibliothek) macht jetzt der Meiner-Verlag den Zugang zu diesen Quellen wieder leicht; Rita Widmaier vom Leibniz-Archiv Hannover, die auch an der historisch-kritischen Leibniz-Ausgabe arbeitet, hat diese Edition betreut.
Zwischen 1689-1714 gingen Briefe hin und her. Für Leibniz, den"größten Sinophilen seiner Zeit" lässt sich nun der "hohe Stellenwert" Chinas "in seinem Denken" (so die Einleitung) besser beurteilen. Dabei steht der Kontakt mit dem Patres selbstredend auch im Zeichen der Mission, also einer gottgefälligen Verwestlichung. Die 70 Briefe können mit ihrer sehr interessanten historischen Konstellation den unterschiedlichsten Interpretationsinteressen Ansatzpunkte bieten...

02 August 2006

Computer und Philosophie

North American Computing and Philosophy Conference, August 10-12, 2006

For more information about The International Association for Computing and Philosophy and its conferences, please visit http://www.iacap.org.

To view information and video from last year's North American Computing and Philosophy conference, please visit http://oregonstate.edu/groups/cap/2005/program.html.

31 Juli 2006

Arabischer Aristoteles

Dass manches aus der Antiken Philosophie den Umweg über die Arabische Welt nahm, bevor es auf uns kam, ist ja nichts Neues. Neu ist aber mal die Möglichkeit, den arabischen Text mit dem Original zu vergleichen. Im Falle der Nikomachischen Ethik des Aristoteles haben wir das Glück, jedenfalls diejenigen, die arabisch lesen können: Bei Brill ist jetzt, herausgegeben von Anna A. Akasoy und Alexander Fidora, The arabic version of the Nicomachean Ethics erschienen (Leiden, 2005). Entdeckt wurde der arabische Text in zwei Teilen in den 50er Jahren, aber die beiden Finder Arthur Arberry und Douglas M. Dunlop verstarben, bevor sie ihre englische Übersetzung resp. ihre Edition des arabischen Textes der Öffentlichkeit vorstellen konnten. Die beiden jetzigen Herausgeber hatten immerhin Dunlops Material zur Verfügung und konnten es für ihre kritische Parallelausgabe von arabischem und englischem Text benutzen.
Der Band beginnt mit 100 Seiten Einführung und schließt mit einer kurzen Bibliographie und einem arabisch-griechischen Glossar. Das ganze ist gedruckt und gebunden in Brill-Qualität (und die sieht man auch am Preis von 210,- €).

25 Juli 2006

Vorurteile 1801

Gerade habe ich hier ein kurioses kleines Büchlein, die Anthropologischen Abhandlungen von Karl Ludwig Pörschke, noch zu Lebzeiten Kants 1801 in Königsberg veröffentlicht (und hier für 3 Euro als Scan zu kaufen). Pörschke meint, wenn man die "herrschende Neigung oder Leidenschaft" eines Menschen kenne, bereits "das Hauptmittel, ihn zu erforschen" besitze. Und trägt dann vor, was er für die "herrschenden Neigungen" der Völker hält; schließlich müsste sich ja angeben lassen, wenn einzelne Menschen solche Leidenschaften hätten, welche in einem Volk die stärkste sei.
Ich fasse das mal zusammen :-), nicht gerade ad usum delphini...
Nach Pörschke ist die herrschende Neigung der Spanier die Ruhe: "da sie in dem heißen Klima den Hang zur Unthätigkeit zu einem Bestandtheile ihres Wesens gemacht zu haben scheinen" (S. 214).
Von den Engländern meint Pörschke: "ihre herrschende Neigung ist offenbar das Eigenthum, (und der Genuß desselben,) um dessentwillen sie die Gerechtigkeit und Menschlichkeit nicht selten mit Füßen treten, und gern alle Völker tyrannisieren möchten" (S. 218-219). Positiv gesprochen: Frühe Kolonialismuskritik?
Franzosen: "die Geselligkeit ist ihr Bedürfniß, sie theilen sich gern und mit Leichtigkeit mit" (S. 225). Das hat leider dazu geführt, dass die Franzosen "die Disciplin der Weiber und de[n] Wohlstand oft vernachläßigt" haben. (S. 232)
Deutsche: "die Neigung zur Ehre" beherrsche die Deutschen, was dazu führe, dass sie gegenüber anderen Völkern, deren Meinung sie höher achteten als die eigene, "unterwürfig" seien.
Italiener: ihre herrschende Neigung sei der "Geschmack", gemeint: die Neigung "zu Genüssen der Werke der Einbildungskraft, oder ein Wohlgefallen an dem Schönen". Das schlage sich auch in den Umgangsformen nieder, die sehr fein ausgebildet seien.

Ein paar Konstanten zu heutigen Vorurteilen kann man schon erkennen...

24 Juli 2006

Die Unzuverlässigkeit von Rezepten zum Glücklichsein

Hin und wieder landen Bücher auf dem Schreibtisch wie: Glücklichsein : Spirituelle Kraft für das Abenteuer des Lebens, von Sri Chinmoy. Es ist im Verlag The Golden Shore erschienen, ein Name, der hält, was er verspricht. Das Buch erklärt, dass Glücklichsein etwas ist, das von einem selbst abhängt: "spirituelles Glücklichsein, das durch Streben und Selbsthingabe entsteht" (S. 18). Ohne Zweifel gibt es Leute, die mit solchen Rezepten wirklich glücklich werden, denen "Streben" und "Selbsthingabe" genügen. Der Mehrzahl dürfte es aber so gehen wie mir. Für mich hat der Gedanke, dass Glück nur von mir allein abhängen soll, etwas zutiefst deprimierendes. Denn ich kann ja daran messen, ob ich glücklich bin oder nicht, ob ich es geschafft habe. Wer nicht glücklich ist, ist demnach außerdem noch ein Versager. Heinrich von Kleist, den ähnliches beschäftigte, dachte, das sei mit Selbstdisziplin zu erreichen (eine Vorwegnahme der protestantischen Arbeitsethik, sozusagen). Ich tendiere mehr zu Aristoteles: Glück braucht auch günstige äußere Umstände! Das diese auf eine innere Disposition treffen müssen, die mit ihnen etwas anzufangen weiß, versteht sich von selbst.

Wesentlich besser gefällt mir das neue Buch von Al Gini: Why it's hard to be good (New York : Routledge, 2006). Gini beschäftigt sich mit der Frage welche Charakteristika von Moral (moralischen Pflichten, Tugendkonzepten etc.) dazu angetan sind, die Moral am menschlichen Faktor scheitern zu lassen. Das heißt, er buchstabiert die Erkenntnis aus, dass Moral dazu da ist, uns dazu zu bringen, etwas zu tun, was wir eigentlich nicht tun wollen. Hier eine Kurzrezension von Brendon Breen.

23 Juli 2006

Helmut Schmidt doch Ehrendoktor in Marburg

Hin und her gab's, und nix hat's genutzt: einmal begonnen, wollten sich die Initiatoren des Verfahrens von den Gegnern wohl nicht mehr die Butter vom Brot nehmen lassen. Die Diskussion wird in Marburg sicher zur Klärung des Fakultätenprofils beigetragen haben...

22 Juli 2006

Die wichtigsten philosophischen Internetadressen (2)

(Hier zu Teil 1: Elektronische Zeitschriften)
Elektronische Zeitschriften sind schön und gut, aber die Philosophie ist auf diesem Gebiet deutlich weniger gut gesegnet als etwa die Medizin. Gut, wenn man auch über Datenbanken Bescheid weiß, von denen einige ja auch den Weg zum Gedruckten weisen.
Im Prinzip kann man 3 verschiedene Typen von Datenbanken unterscheiden: solche mit "Fakten", solche mit bibliographischen Nachweisen, solche mit Texten. (In die letztere Gruppe fallen natürlich auch die elektronischen Zeitschriften.)
Wie findet man heraus, was es überhaupt alles gibt an (philosophischen) Datenbanken? Gibt es da einen Gesamtüberblick? Ja, jedenfalls so etwas ähnliches: das Datenbankinformationssystem, kurz: DBIS. Es weist allgemein Datenbanken nach, und diese sind fachlich geordnet. Außerdem wird angegeben, ob die Datenbank frei zugänglich ist oder nicht. Hier die Seite für Philosophie. Wenn man aus dem Netz einer Hochschule zugreift, deren Bibliothek sich an der Pflege von DBIS beteiligt, dann sieht man normalerweise eine Anzeige, die Zugriffsmöglichkeiten abhängig vom Zugriffsort anzeigt. Man bekommt also nur das angeboten, was entweder frei oder vor Ort verfügbar ist.
Frei verfügbar sind diese philosophischen Datenbanken. Die wichtigste freie Faktendatenbank ist die Stanford Encyclopedia of Philosophy. (Sie kämpft gerade um Spenden, um das Fortbestehen zu sichern; ich hoffe, das genug zusammen kommt.) Die Stanford Encyclopedia ist eine Philosophische Enzyklopädie mit umfangreichen Originalbeiträgen namhafter Autoren auf dem jeweiligen Gebiet, die zudem regelmäßig aktualisiert werden; hier als Beispiel James Robert Browns Artikel über Gedankenexperimente. (Vergleichbar der Routledge Encyclopedia of Philosophy, die ja auch online, aber nicht kostenfrei zu haben ist.)
Was die bibliographischen Datenbanken angeht, so gibt es zur Zeit nichts kostenlos im Web, was den kostenpflichtigen Philosopher's Index oder International philosophical bibliography vergleichbar wäre. Aber es gibt Personalbibliographien; also wer Literatur zu Augustin, Levinas, Leibniz oder Nietzsche sucht, wird auch so gut fündig -- in dem begrenzten Zeitraum, der jeweils online nachgewiesen ist.

17 Juli 2006

Gegen den Formalismus ...

schreibt der Leipziger Philosoph Henning Tegtmeyer in der neuen Ausgabe der AZP (31.2), S. 131-152. Formalismus, darunter versteht er in der Ästhetik, dass jemand allein die formalen Eigenschaften eines Werks ästhetisch bewertet. Eine solche Auffassung wäre von moralischen Erwägungen oder vom (kognitiven) Gehalt eines Werks unabhängig, auch von der Erlebnisqualität oder weiteren Eigenschaften. In der Ethik betrachtet Tegtmeyer als Formalismus ein "formal konsistentes System deontischer Sätze", das auf seine Erfüllungsbedingungen hin konzipiert wird, im Unterschied zu einem moralischen Denken, das den Gelingensbedingungen moralischen Handelns gilt (S. 140). Werden Ethik und Ästhetik in diesem Sinne interpretiert, dann ergibt sich eine ganze Reihe fruchtbarer Berührungen: so lasse sich der ästhetische Wert von Kunstwerken nicht in Abstraktion von ihrem ethischen Gehalt beschreiben, so stünden die klassischen Moraltheorien der Neuzeit einem angemessenen Verständnis tragischer Konflikte im Wege, um nur zwei der aufgeführten Beispiel zu nennen. Das letzteres richtig ist, sieht man leicht, wenn man einen Blick auf die Diskussion moralischer Dilemmata wirft. Dort werden die klassischen Tragödien gern als Beispiel gebraucht. Ich erinnere mich an einen Aufsatz von Bernard Williams, in dem dieser feststellt, dass die tragischen Konflikte eben auf einem Fehler der zugrundeliegenden Moraltheorie der Figuren beruhten. Damit ist der Gordische Knoten zerhauen statt aufgelöst...

Im wesentlichen geht es Tegtmeyer aber um die Ästhetik und die Frage, wie sie jenseits des skizzierten Formalismus aussehen könnte bzw. welchen Gewinn die Ästhetik davon hat. Lesenswert für alle, die sich für die Gemeinsamkeiten zwischen Ethik und Ästhetik interessieren!

16 Juli 2006

Bewusstsein, historisch

Den Versuch einer echten Geistes-Geschichte macht Vwadek P. Marciniak in seinem 500-Seiten-Wälzer Towards a history of consciousness : space, time, and death (New York : Lang, 2006). Es handle sich, meint Marciniak selbstbewusst, um den in der Ideengeschichte am meisten vernachlässigten Gegenstand, außerdem sei Bewusstsein "the most ambiguous of terms". Entsprechend ist die Ideen- zugleich Begriffsgeschichte.
Die muss man aber gegen etwas halten: zum Beispiel gegen das eigene Verständnis des gemeinten Phänomens. Nützlich wäre also zu wissen, bei dem Thema, was Bewusstsein eigentlich ist. Da greift Marciniak sinnvollerweise über die Grenzen seiner Disziplin hinaus, dabei zugleich die Entwicklung der zeitgenössischen Diskussion reflektierend.
Das Buch folgt der interpretierbaren Quellenüberlieferung, beginnt also vor der europäischen Antike, und endet, im Prinzip, in der Gegenwart. Das ist für sich schon eine eindrucksvolle Leistung, finde ich. Marciniaks These: Neben der Reflexion von Erkenntnisvorgängen spielt die Angst vor dem Tod eine wichtige Rolle bei der Entstehung des "inneren Lebens".
Das eigentliche Ende des Buches ist aber eine Reihe von Fragen, die Marciniak stimuliert zu haben hofft, von denen ein Teil sich so zusammenfassen lässt: sind höhere Formen von Bewusstsein möglich als die von uns erreichten? Wie sähen die aus?

Das ist eine bemerkenswerte Frage, finde ich, weil sie einen Schritt über Grenzen versucht, die wir noch gar nicht sehen können und die möglicherweise gar nicht da sind. Anscheinend träumt Marciniak von einem "poly-conscious state of mind". Naja, der Klappentext verspricht ja auch "provocative directions" für den "serious student and thinker".

Die wichtigsten philosophischen Internetadressen (1)

Die wichtigsten Adressen sind aus meiner Sicht nicht die, unter denen 'am tollsten' philosophiert wird -- wie immer das aussehen könnte --, sondern die, die am besten zur Philosophie bzw. zur philosophischen Literatur hinführen.
Ein wichtiges Werkzeug sind Datenbanken. Es lassen sich Volltextdatenbanken, bibliographische Datenbanken, "Faktendatenbanken" unterscheiden. Auf eine nützliche Volltextdatenbank mit philosophischem Anteil habe ich kürzlich hingewiesen, das mit Deutschlandlizenz über die wissenschaftlichen Netze der Unis zugängliche Periodicals Online Archive. Es gibt weitere ähnliche Unternehmen, die Zeitschriftenaufsätze auch rückwirkend bereitstellen oder bereitstellen wollen, allen voran JStor und sein deutsches Pendant Digizeitschriften. Von JStor hoffe ich, dass die DFG sich ebenfalls zu einer Deutschlandlizenz durchringt. Ansonsten wird, wer über Uninetz auf dieses Blog zugreift, auch über den Link feststellen können, ob er dort stöbern darf. Digizeitschriften hat leider noch keine philosophische Zeitschrift im Angebot, aber wir arbeiten daran.
Welche Zeitschriften überhaupt elektronisch vorliegen, in diesem Fach oder in anderen, kann man recht leicht über die Elektronische Zeitschriftenbibliothek der UB Regensburg feststellen: hier die Ansicht für das Fach Philosophie. Besser, man lässt sich dort die Zugriffsmöglichkeit abhängig vom eigenen "Standort" anzeigen, dazu oben auf "Einstellungen" klicken und die eigene Uni-Bibliothek auswählen!
Leider kann man über die Maske der EZB nicht auf Artikelebene in den nachgewiesenen Zeitschriften suchen -- das ist schon aus rechtlichen Gründen, zu schweigen von den technischen Schwierigkeiten, nicht möglich. Die Suchmaske führt also nur zu Zeitschriftentiteln.

15 Juli 2006

BlaBla

"Die Sprachverfasstheit jedweder menschlicher Intersubjektivität individueller Neuromentalsysteme erweist sich als offenkundig, sobald sich deren Kommunizierbarkeit verständigungspraktisch erzwingt."

Aaaah, Neuromentalsystem überlastet, zu viel Information ...
Lösch, lösch, lösch.

12 Juli 2006

Robespierre und die Todesstrafe

Gilt nicht Robespierre als einer der schlimmsten Gestalten der französischen Revolution? Und doch trat er anfangs, genauer, am 30.5.1791 für die Aufhebung der Todesstrafe ein. Töten dürfe der Staat nur aus Notwehr, leitet Robespierre aus Rousseaus Gesellschaftsvertrag ab. Und Notwehr könne es gegenüber einem Gefangenen nicht geben. Später muss Robespierre seine Meinung geändert haben. Wann und wie das geschah, kann man in dem kleinen Bändchen des Merlin-Verlags namens "Ausgewählte Texte" (Hamburg 1971, unveränd. Nachdruck 1998) nachlesen.

11 Juli 2006

Kennen Sie Robert Ettinger?

Immerhin hat der es zu einem Aufsatzband "The philosophy of Robert Ettinger" gebracht, der von Charles Tandy, Ph. D., herausgegeben wurde. Ettinger, weiß Wikipedia, hat das Cryonics Institute gegründet und das Prinzip entwickelt. Cryonics bedeutet: Einfrieren, auftauen, weiterleben. Zukünftige Medizin wird dann den Körper neu einstellen können, Unsterblichkeit ist die Folge (meint Ettinger). Ettingers Vision The prospect of immortality gibts natürlich auch zum Download.
Kein ernstzunehmendes Szenario? Dabei war noch gar nicht die Rede von den Folgen. Was ist mit den Leuten, wenn sie gerade eingefroren sind? Sind sie noch nicht tot? Dürfen sie wählen? Und wie sollten sie ihr Wahlrecht ausüben? Da hat besagter Tandy in seinem Beitrag ganz recht, dass Ettingers Ideen den Begriff der Person erweitern...

[Update 13.7.] Ich habe dem Wikipedia-Artikel entnommen, dass Ettinger zweimal verheiratet war. Seine erste Frau wurde nach ihrem Tod cryonisch behandelt, die zweite wirds bestimmt auch. Frage: Mit wem ist er verheiratet, wenn später mal überlegene Technik die Damen wieder zum Leben erweckt (und ihn natürlich auch)?
(Erinnert mich an Jean Pauls Siebenkäs, wo Lenette sich tröstet, im Himmel mit Siebenkäs verheiratet zu sein, während sie nach seinem (vorgetäuschten) Tod sich Stiefel zuwendet.)