08 Februar 2006
Kampf der Kulturen?
Gelten islamische Gebote auch für uns? Können die von uns verlangen, dass wir uns an ihre Gebote halten? -- Dies vor dem Hintergrund, dass es nicht nur (aber auch) um die Verletzung religiöser Gefühle zu gehen scheint. Letzteres ist eine verständliche, kaum zu kritisierende Vorstellung, für die man sich, um sich an die eigene Nase zu fassen, hier nur an die Debatten um Scorseses Die letzte Versuchung oder früher Monty Pythons Das Leben des Brian zu erinnern braucht. Da stören dann nur mehr die mit diesem Gefühl begründeten angedrohten Handlungen. Aber es scheint auch die schlichte Verletzung eines religiösen Gebots in der Argumentation eine Rolle zu spielen. Also: Gelten deren Gebote auch für uns? Könnte ein Moslem konsistenterweise darüber wütend sein, dass ein Christ Mohammed malt? Wie verträgt sich das islamische Bilderverbot mit der Tatsache, dass es haufenweise islamische Abbildungen Mohammeds gibt? Im Netz sind schöne Beispielsammlungen zu finden. In dieser hier sieht man zudem, dass Christen das Gebot schon früher verletzt haben. So könnte man auf die Idee kommen zu fragen, wie gerade jetzt etwas verboten sein kann, was wir immer schon gemacht haben (Gewohnheitsrecht!). So gibt es zahlreiche italienische Kirchen, die das Programm ihrer Fresken Dantes Göttlicher Komödie entnehmen, deshalb auch einige, wo zu sehen ist, wie Mohammed als "falscher Prophet" in der Hölle von Teufeln gequält wird. Dass wir im Umgang mit einem solchen Bilderverbot wenig sensibel sind, ist klar, wir halten uns ja nicht mal an das eigene (vgl. die Erschaffung Adams in der Sixtinischen Kapelle).
In der oben zitierten Bildersammlung ist auch ein Bild eines islamischen "Künstlers" vom jungen Mohammed; offenbar zugelassen von einem moslemischen Geistlichen, weil es den Propheten vor seiner Berufung darstellt. (Mit solchen Argumentationsformen haben wir auch Erfahrung; nicht umsonst spricht man von "jesuitischen " Argumenten.)
Geht es bei uns um die Meinungs(äußerungs)freiheit, die von der dänischen Tageszeitung ins Feld geführt wurde? Oder um die Freiheit der Kunst? Oder um die Gestaltung des säkularen Staats? Vielleicht geht es auch bloß um die politische Indienstnahme des Unmuts durch Medien und Meinungsführer. Kennen wir nicht?
Unsere liebe Bildzeitung titelte neulich, Sabine Christiansen und ihr Lebenspartner hätten sich getrennt. Am nächsten Tag titelte Bild "Das ist seine Neue". Der unbedarfte Leser könnte auf die Idee kommen, dass Christiansens Ex-Freund, ein Tag, nachdem die sich getrennt haben, schon wieder eine neue Freundin hat. Promiskuität! Unmoralisch! OK, das ist keine politische Indienstnahme, nur eine ökonomische.
07 Februar 2006
Foltern um zu retten? Der argumentative Gebrauch von Gedankenexperimenten
There is yet another law-school bromide: "Hard cases make bad law." It means that divining a general policy from statistical oddballs is a mistake. Better to have a policy that works generally and just live with a troublesome result in the oddball case. And we do this in many situations. For example, criminals go free every day because of trial rules and civil liberties designed to protect the innocent. We live with it.
Of course a million deaths is hard to shrug off as a price worth paying for the principle that we don't torture people. But college dorm what-ifs like this one share a flaw: They posit certainty (about what you know and what will happen if you do this or that). And uncertainty is not only much more common in real life: It is the generally unspoken assumption behind civil liberties, rules of criminal procedure, and much else that conservatives find sentimental and irritating.
Sure, if we could know the present and predict the future with certainty, we could torture only people who deserve it. Not just that: We could go door-to-door killing people before they kill others. We could lock up innocent people who would otherwise be involved in fatal traffic accidents. Civil libertarians like to believe that criminals get their Miranda warnings and dissidents enjoy freedom of speech because human rights are universal. But if we knew for sure that a newspaper column by Charles Krauthammer would lead—even by a chain of events he never intended and bore no responsibility for—to World War II, wouldn't we be nuts not to censor it? Universal human rights would make no sense in a world where everything was known and certain.
This is not to say that Krauthammer's killer hypothetical could never happen. It is to say that morality does not require us to build a general policy on torture around a situation that is not merely unlikely in real life, but different in kind from the situations we are likely to face in real life. What we would do or should do if this situation actually arose is an interesting question for bull sessions in the dorm, but not a pressing issue for the nation.
02 Februar 2006
Neues aus der alten Welt
01 Februar 2006
Evangelische Kirche und Sterbehilfe
Aktive Sterbehilfe ist und bleibt eine ethisch nicht vertretbare, gezielte Tötung eines Menschen in seiner letzten Lebensphase, auch wenn sie auf seinen ausdrücklichen, verzweifelten Wunsch hin erfolgt. Wir wissen, wohin es führen kann, wenn Menschen von Dritten für nicht mehr lebenswert erklärt werden, statt in ihrer Schwäche, Krankheit oder Behinderung als Menschen akzeptiert und nach ihren Bedürfnissen umsorgt zu werden.Man sieht leicht, dass hier überhaupt kein Argument vorliegt, sondern lediglich eine Behauptung: xy "ist und bleibt ethisch nicht vertretbar". Woher kommt diese Gewissheit?
Die derzeitige Diskussion um die aktive Sterbehilfe ist in Deutschland beeinflusst durch die Erfahrungen der Vergangenheit (Gesetzgebung und mörderische Praxis der Nazizeit), die uns sensibel machen gegen jede Form von Ausgrenzung, Aussortierung und Vernichtung anhand scheinbar objektivierbarer Kriterien. Wir wenden uns gegen alle Aussagen, die das Leben von Menschen als „nicht mehr lohnend“ oder „nicht mehr lebenswert“ abqualifizieren. Wir verweisen demgegenüber auf die Kostbarkeit jedes einzelnen Menschen und die unabdingbare Würde jeder einzelnen Person.
Der Text der Erklärung offenbart, wovon die moralische Überlegung ihren Ausgang nimmt: nämlich davon, was wir tun, tun oder unterlassen sollen. Im Unterschied zu dem, was derjenige tut, der sich zu sterben wünscht. Das jemand zu sterben wünschen kann, und sogar "ausdrücklich und verzweifelt", spielt gar keine Rolle.
Nein, die Vertreter der Kirchen haben die deutsche Vergangenheit und die Euthanasiepraxis der Nazis vor Augen. Und sie blicken mit Sorge auf ökonomische Zwänge der medizinischen Versorgung. Schließlich denken sie wohl auch noch an die Schwäche der Angehörigen, für die die Sterbebegleitung beim langsamen Sterben durchaus eine Überforderung darstellen kann. Sie blicken also auf die Parteien, die etwas mit dem Sterbenden machen können, und denen wollen sie es verbieten. Das ist, finde ich, ganz in Ordnung. Die Argumentation mit der Würde desjenigen, der da sterbend liegt, auch.
Aber gerade der Bezug auf die Würde müsste doch auch die Überlegung eröffnen, ob wir nicht moralisch gefordert sind, seine Wünsche ernst zu nehmen. Und wenn jemand "ausdrücklich und verzweifelt" zu sterben wünscht, wer sind wir, dem zu widersprechen? Würde hat doch auch mit der Möglichkeit der Selbstbestimmung zu tun. Mir scheint, dass die kirchlichen Sprecher zwei Dinge miteinander in einen Topf werfen, die besser getrennt blieben. Das eine sind die gesellschaftlichen Bedingungen des Sterbens, und die sollten, natürlich, so gut wie möglich sein. Wirtschaftliche Überlegungen o.ä. sollten keine Rolle spielen. Und das andere ist die Selbstbestimmung des Betroffenen. Eine "Hilfe", wie in dem Wort "Sterbehilfe" enthalten, ist wohlverstanden schließlich immer etwas, was auf Verlangen des Geholfenen erfolgt -- ein anderes Verständnis von Hilfe entmündigt und ist zynisch. Die Kirchen wehren sich gegen die Tendenz zur Entmündigung, aber dem eigentlichen Verständnis zur Hilfe haben sie nichts beizutragen.
(Ich werde den Verdacht nicht los, dass das mit der Geschichte des Umgangs mit Schmerzen zu tun hat. Das jemand zu sterben wünscht, zum Beispiel, weil er für ihn unerträgliche Schmerzen leidet, finden die Kirchen nicht so schlimm, schließlich hat Jesus ja auch am Kreuz gelitten. Und das jemand zu sterben wünscht, solange er bei Sinnen ist, spielt gar keine Rolle -- das ist die Kehrseite eines Menschenbildes, das sich immerzu auf die "Ebenbildlichkeit" beruft, was allzu leicht rein äußerlich begriffen werden kann.)
Wie komme ich darauf? Der Gemeindebrief kam heute, darin wurde (kritiklos) aus einer ähnlichen Erklärung der EKD zitiert.
Do Kant yourself
Und die neue Didaktik? Eine berechtigte Frage. Ich habe schon den Eindruck, dass Römpp sich Zeit nimmt für einzelne Themen und sich bemüht, diese verständlich darzustellen. Dass Bildchen und Fettdruck dabei ins Auge springen, muss ja kein Nachteil sein. Wie sehr er den echten Kant trifft, sollen andere entscheiden. Immerhin deckt das Buch Das Wahre, Das Gute und Das Schöne im Werk Kants ab, und damit alles, was ein Philosoph braucht.
Sex von A bis Z
Und, wie tun es Philosophen? Philosophers do it deeper, philosophers do it a priori, usw. A posteriori ist hier eine zweibändige Philosophical Encyclopedia anzuzeigen, die Alan Soble herausgegeben hat, und deren Haupttitel lautet Sex from Plato to Paglia. Mit den erwartbaren Einträgen zu Sachen, Konzepten und Personen, etwa Pornography, Bisexuality oder Freud musste man rechnen, aber natürlich wird auch die Frage beantwortet, wer Paglia ist: Camille Paglia, *1947, "a leading culture critic and feminist dissident". Das Wort "Enzyklopädie" im Untertitel ist kein Zufall, die Einträge sind essayistisch und umfangreich -- die Zahl der Stichworte in der Folge geringer als in einem Wörterbuch.
In der Zielgruppe des Werks sind nicht nur Philosophen, sondern auch Theologen, Psychologen, Gender studies, "Arts & humanities in general". Das Buch enthält eine Beiträgerliste, aus der neben Informationen über deren Forschungsinteressen -- die Interessen der Beiträger sind so breit gestreut wie die der Zielgruppe -- hervorgeht, welche Artikel sie verfasst haben. Name und subject index helfen dabei, sich zurechtzufinden.
Alles in allem: sicher ein nützliches Werk. Wieviele werden davon wohl in Deutschland verkauft werden?
30 Januar 2006
Philosophie ist gesellschaftlich relevant!
Unis, an denen Geisteswissenschaften überhaupt gelehrt werden, sollten fünf Kernbereiche pflegen, deren 4. nennt der WR "Erkenntnis / Ethik / Religion". Da verstecken sich die großen Fragen drin. Übrigens haben die Geisteswissenschaften innerhalb der Uni ihren originären institutionellen Rahmen, darum kann der WR auch keine Ausweitung der Forschung außerhalb der Uni empfehlen. Das ist wohl der alte Humboldtsche Bildungsgedanke. Wenn die Orientierungswissenschaften schon Orientierung geben, dann sollen sie sie bitteschön auch gleich weitergeben. Temporär dürfen Unimitarbeiter aber von der Lehre entlastet werden, und von Verwaltungsaufgaben auch.
Der Arbeitsmarkt bietet übrigens "gute Chancen", weil 5 Jahre nach Abschluss immerhin 73% der Absolventen eine feste Stelle haben. Bei den übrigen Fächern sind es 89%, und das betrachtet der WR als "Annäherung".
Die Philosophie gehört zu den Disziplinen, die der WR exemplarisch mit untersucht. Einige Feststellungen im Bericht können schon verblüffen. So meint der WR, dass, auch wenn Englisch die herausragende Wissenschaftssprache geworden ist, in der Philosophie wie in der Germanistik "herausragende Forschung ohne Kenntnis der deutschsprachigen Forschungsliteratur nicht betrieben werden kann". Das liege, im Unterschied zu den Altertumswissenschaften, wo es etwas mit der Geschichte der Disziplin zu tun habe, "in der Natur der Gegenstände" (S. 16). Tja, das leuchtet ein für die Germanistik, wo die Gegenstände ja auch auf Deutsch sind, aber in der Philosophie? Oder wird hier bloß das Bild der Philosophiegeschichte als Stärke der deutschen Universitätsphilosophie wiederholt?
Der WR meint, dass man Veröffentlichungen nicht einfach auf englisch abliefern könne, die deutsche Sprache sei "ein Konstituens von Denkstilen und damit Voraussetzung von intellektueller Vielfalt". Ich stelle mir vor, dass eine solche These einer Überprüfung zugänglich ist; und die würde mich auch sehr interessieren!
EIN PAAR ZAHLEN
Interessant ist auch der statistische Anhang. Daraus geht hervor, dass die Zahl der Studierenden des Faches von 1990 bis 2003 etwa so um 20.000 geschwankt hat. Dabei ist die Zahl der Studierenden der Geisteswissenschaften aber von 260.000 auf 360.000 gestiegen. Entsprechend sank der prozentuale Anteil von 7,7% auf 5,5%. Am meisten zugelegt haben Germanistik und Anglistik von den großen Fächern und die Bibliothekswissenschaft / Publizistik von den kleinen. -- Hätten Sie gedacht, dass es mehr Musikwissenschaftler als Philosophen (unter den Studierenden) gibt?
Die Zahl der Studienanfänger ist in der Philosophie allerdings nach anfänglichem Rückgang wieder gestiegen, von rd. 2350 (1990) auf 2.000 (1993) bis 2.900 (2003). Da könnte man, wenn man die Studiendauer nicht berücksichtigt, auf die Idee kommen, dass die Zahl der Abbrecher zugenommen haben muss... Aber das kann nicht stimmen, denn die Zahl der Abschlüsse hat auch zugenommen, von 315 (1990) auf 830 (2003). -- Bei einer angenommenen durchschnittlichen Studienzeit von, seien wir großzügig, zwölf Semestern, müsste man ja aus der Zahl der Studienbeginner und derjenigen der Abschließer die Abbruchquote ausrechnen können.
A propos Studienabbruch. Die Schwundbilanz der Sprach- und Kulturwissenschaften (unter diese ist in der Tabelle die Philosophie mit gefasst) spricht für sich. Abbruch und Studienplatzwechsel sind mit "Zuwanderung" verrechnet, die Schwundbilanz beträgt trotzdem 47% (2002), schon gesunken gegenüber 1999 (55%). Wenn also von den übriggebliebenen 53% nach 5 Jahren 73% der Absolventen eine feste Stelle haben, dann heißt das, dass 38% von denjenigen, die mal ein geisteswissenschaftliches Studium begonnen haben, schließlich auf einer festen Stelle landen (dabei bleiben jetzt die unberücksichtigt, die ihr Studium abbrechen, weil ihnen eine feste Stelle angeboten worden ist). Bei den Naturwissenschaften beträgt die Schwundbilanz 39%, so dass sich als gleicher Wert (feste Stelle nach begonnenem Studium) etwas über 50% ergibt. Die Medizin hat 2003 die tollste Schwundquote, nämlich 0%.
29 Januar 2006
Giordano Bruno mal ernsthaft
27 Januar 2006
Wer kennt den Ancient Mail Verlag?
"Interessieren Sie sich für Archäologie und die Geschichte der Menschheit? – Haben Sie auch schon manches Mal bemerkt, dass diese nicht immer so verlaufen ist, wie uns die Archäologen und Historiker glauben lassen wollen? – Dann sind Sie auf dem Online-Katalog von Ancient Mail genau richtig!!"Wie bemerkt man, dass die Geschichte nicht so verlaufen ist, wie uns die Fachleute glauben lassen wollen? Das erkenntnistheoretische Problem. Warum wollen uns die Fachleute was falsches glauben lassen? Das wissenschaftstheoretische (und ein moralphilosophisches) Problem. Na, egal. Ich komme drauf, weil ein Buch von Nicolas Benzin auf meinem Schreibtisch liegt: Giordano Bruno und die okkulte Philosophie der Renaissance. Das klingt doch wie ein ernstzunehmender Titel. Aber der Verlagsname macht einen misstrauisch, und wenn man das Programm liest, wird's nicht geringer.
Und wer ist Benzin? Ein Diplom-Finanzwirt und Angehöriger der Bundesfinanzverwaltung, der sich nebenberuflich mit Archäologie und anderen interessanten Dingen beschäftigt. Und Präsident der Giordano Bruno-Gesellschaft e.V.
Aber wer mit dem Verlag nichts anfangen kann, wird auch mit der Gesellschaft nichts anfangen können, denn die arbeitet in die gleiche Richtung. Das Vorwort stammt von einem Dieter Vogl. Der findet es z.B. bemerkenswert,
"dass [Brunos] Gedankenwelt überhaupt nicht im Einklang mit seiner Zeit stand. Und, was bislang nicht zu erklären ist, dass diese auf einem teleologischen ästhetischen Pantheismus basierenden Gedanken eigentlich aus dem Hier und Heute stammen könnten."Das muss man wohlwollend lesen; es bedeutet eigentlich, dass Vogl denkt, die Gedanken Brunos stammen aus dem Hier und Heute. Dahinter kann man dann auch ahnen, was uns die Historiker und Archäologen verschweigen wollen (s.o.). Was soll der denkende Mensch mit Vogls Feststellung anfangen, dass Bruno "über Sachverhalte schreibt, die er gar nicht gewusst haben kann"? Da bleibt nur der Raum für die Schlussfolgerung, dass Bruno eigentlich aus der Gegenwart stammt. Ein Zeitreisender. Schön, dass Brunos Schriften heute "in allen Teilen der Bevölkerung auf so große Resonanz" stoßen, wie Vogl weiß (natürlich auch Mitglied der Gesellschaft; er hat mit Benzin zusammen die "Urmatrix" der Erzeugung menschlicher Organe kabbalistischen Schriften der Antike entnommen).
Nun wird man neugierig, für welche Gedanken Brunos Benzin diese Inkompatibilität mit dem Weltbild seiner Zeit annimmt. Auf S. 54 wird man zum ersten Mal fündig: 1591 hat Bruno ein Buch "Von der Monas, der Zahl und der Figur" veröffentlicht, ähnlicher Titel wie eine Schrift John Dees von 1564. Dazu Benzin:
"Was mag wohl die "Monas hieroglyphica" darstellen? Wenn man Monas als den "Urgrund allen Seins übersetzt und hieroglyphisch mit "heiliges Zeichen darstellend", die Abbildung mit uns heute geläufigen Symbolen vergleicht, dann kommen wir zu dem Schluss, dass es sich um eine Urzelle gehandelt haben muss. Somit liegt bereits 1564 ein Buch zur Zellbiologie vor."Das weitere Argument dafür brauche ich wohl nicht auch noch zu zitieren. Ein Musterbeispiel eines abduktiven Schlusses (Schluss auf die beste Erklärung), der natürlich daran hakt, dass das Urteil darüber, was eine "beste Erklärung" ist, durch keine Kenntnis getrübt ist.
Ich muss gestehen, dass ich ganz gern in solchen Büchern lese, das ist eine Art Grenzerfahrung. Hinter meinen Grenzen ist das Gedankengebäude ganz bestimmt, und man kann immerhin zitieren: " ... so hat es doch Methode."
[UPDATE 4.3.] Ich habe ausführlich zu Vogls Kommentar und zu Benzins Buch Stellung genommen. Wer Argumente sucht, wird Sie in meinem Posting vom 4.3. finden.
[UPDATE 13.10.] Die Witzbolde von der Giordano-Bruno-Gesellschaft hacken gerne auf diesem Posting herum: so sehr, dass Sie es schon in ihren Foren und auf der Webseite der Gesellschaft (letzter Eintrag der Liste) veröffentlicht haben! Ohne mich zu fragen, aber das ist ok, schließlich steht das hier unter einer CC-Lizenz. Sie haben natürlich vergessen, die Quelle anzugeben, und das "Share alike" ist auch nicht erfüllt, weil es keinen Hinweis auf die Art der Lizenz gibt. Aber davon abgesehen... Natürlich haben Sie dort Vogels Erwiderung auch gebracht. Und wie steht es dann mit meiner, ich möchte sagen: gründlichen, Auseinandersetzung mit der Art von Benzins Argumentation in meinem Posting vom 4.3.? Bleibt mir nur die Schlussfolgerung, dass ihnen dazu nichts mehr eingefallen ist.
23 Januar 2006
Wie bringt man Philosophie unter die Leute?
Die Lektüre macht Spaß. Der Band ist als eine Art Einführung in die Philosophie gedacht. Die Beiträge sind von Leuten verfasst, die spürbar Ahnung vom Unterrichten haben und darum klar argumentieren und ihre Begriffe und Fragen nachvollziehbar entwickeln. Dabei werden natürlich hin und wieder Richtungen übersehen, in die sich der Gedankengang weiter entwickeln könnte, aber das schadet nicht.
Die Bedeutung von Beziehungen und Freundschaft wird z.B. anhand der Freundschaft von Harry, Ron und Hermione und der Beziehung zwischen Malfoy und Crabbe / Goyle diskutiert (und mithilfe von Aristoteles). Was gut und böse ausmacht, kann man natürlich an Voldemort zeigen. Ob Ehrgeiz eine Tugend ist, diskutiert ein Artikel anhand der Frage, warum die Slytherins Teil von Hogwarts sind. Ja, Rowlings Bücher bieten eine ganze Reihe von Ansatzpunkten.
Hermiones SPEW ist Gegenstand einer Untersuchung zum Thema Diskriminierung. Hier begegnet die interessante Frage, ob Rons Argument -- Hauselfen wollen unterdrückt werden -- sticht oder nicht. Steven W. Patterson, der sich dieser Frage annimmt, verweist auf das bekannte Phänomen, dass sich das Selbstbild von Unterdrückten dem Bild annähert, das Unterdrücker von ihnen haben. Ihre Befreiung ist dann erst die Voraussetzung dafür, dass sie den Wunsch haben können, befreit zu werden.
Könnte man einwenden: Sind Hauselfen nicht eher wie Fledermäuse? Wir können nicht wissen, wie es ist, eine Fledermaus zu sein (Nagel's Aufsatz für Leute mit JStor-Zugang, für solche ohne)! Also auch nicht, ob sie frei zu sein wünscht oder überhaupt ein Konzept von Freiheit hat.
Erreichen die Bücher ihre Zielgruppe? Weitere Bände versprechen zB Philosophie mit U2 oder mit Hiphop. Wer liest das? Ist das nicht am ehesten was für Philosophiestudenten, die sich außerdem für Harry Potter oder U2 interessieren? Für Lehrer jedenfalls könnten die Aufsätze hilfreich sein, weil sie zeigen, welches Textmaterial mit welchen Fragen im Unterricht präsentiert werden kann.
22 Januar 2006
Theodizee und Musik
21 Januar 2006
Continental vs. analytisch
18 Januar 2006
Kierkegaard in Kopenhagen
Thielst schrieb übrigens auch die Artikel im dänischen online-Lexikon www.leksikon.org über Nietzsche und Kierkegaard.
17 Januar 2006
Wie fremd ist "fremd"?
Mir scheint dieser begriffs- oder konzeptorientierte Zugang zur Frage der Fremdheit ein interessanterer Weg denn der gewöhnlich wertorientierte, wie etwa bei einem Projekt Weltethos. Also eins von den Büchern, die man läse, wenn man Zeit hätte...
Norwegische Philosophie der Gegenwart
Die Fortschritte der Optik im 17. Jahrhundert
“…if you have a year or two to apply yourself to all that is necessary, I would hope that we might see, by your efforts, if there are animals on the moon…” (René Descartes, 1629)
With this alluring suggestion, René Descartes invited a young instrument maker to join him on an unprecedented and secret project that promised to revolutionize early modern astronomy. Descartes believed he had conceived a new kind of telescopic lens, ground to the shape of a hyperbola, that would surpass anything ever to come from the hands of the glass-working craftsmen of the era. This study traces the inception, development, and finally the collapse of this ambitious enterprise, and examines Descartes’ lens in the broader context of seventeenth-century optics, instrumentation, and mechanical craftsmanship. The history of the device sheds light on the history of telescopes in the period, on the relationship between instrument makers and mathematical adepts, on the mechanical philosophy and its connection to machine, and on the thought and work of Descartes himself.
10 Januar 2006
Was ist Information? Und wieviel gibt es?
Lyman, Peter and Hal R. Varian, "How Much Information", 2003. Retrieved from http://www.sims.berkeley.edu/how-much-info-2003 on [10.1.2006].
Der Zusammenfassung kann man entnehmen, dass pro Jahr 5 Exabyte oder 37.000 mal die Library of Congress (die 20 Mio Bücher enthält) an "Information" "kreiert" wird.
Was ist Information? Heißt das einfach, dass, wollte man die Medien der Library of Congress in einem bestimmten Datenformat abspeichern, man das 37.000 mal tun müsste, damit man den Speicherplatz verbraucht, den die übrigen wie immer gearteten Daten verbrauchen, die jedes Jahr neu geschaffen werden? Der Vergleich mit der LoC sorgt eher dafür, dass es klingt, als würde jedes Jahr 37.000 mal so viel Wissen produziert wie in den Büchern der LoC gespeichert ist. Aber der Gedanke natürlich quatsch. Schließlich lässt sich die Menge an Daten (= "Information") nicht in die Menge an Wissen etc. (= Sinn der Daten) übersetzen. Wieviel Wissen in so verstandenen Informationen steckt, kann man diesen gar nicht ansehen. Dieser Text hier z.B. würde eine unterschiedliche Menge an Information sein, je nachdem, ob ich ihn als .txt, als .rtf, als .doc oder als .pdf ablege. Was die Informationswissenschaftler als "Information" dabei mitrechnen, sind solche Dinge wie Schriftformatierung und die automatisch erzeugten Metadaten, welche die Programme dem Text mitgeben. Dabei reden wir aber kontinuierlich vom selben Text (was für eine Art von Identität ist das?), entsprechend vom selben Wissen, das er transportiert.
Der Vorteil des engen Informationsbegriffs der Studie ist natürlich, dass sich Information so messen lässt. Das scheint mir aber auch der einzige zu sein...
Die machen uns die WM kaputt?
Fragt sich, wie so ein Missverständnis zustandekommt. Ist Beckenbauer zu dumm? Ist ihm Sicherheit nicht wichtig genug? Sieht er den Planungsablauf gestört? Wollte er sich bloß mal wieder richtig aufregen, egal aus welchem Anlass?
Ist das ein philosophisches Thema? -- Schon - man könnte wieder mal über den Unterschied zwischen individueller und Massenkommunikation nachdenken. Bemerkenswert finde ich schon, dass die Zuständigen von der Seite des Organisators erst mal reagiert haben mit Abwehr, die den Mangel der Form beklagt: "die Stiftung Warentest hätte das erst mal mit uns besprechen sollen, statt sich gleich an die Öffentlichkeit zu wenden". Das heißt: Statt auf den sachlichen Gehalt der Mitteilung reagieren die Organisatoren und Beckenbauer auf den wahrgenommenen Tadel; sie hören mit dem Beziehungsohr (nach Schulz von Thun). Warum nehmen die Massenmedien dies dankbar auf? Weil sie die Reaktion darauf wieder als Sachaussage interpretieren -- à la "Beckenbauer übt Kritik an der Stiftung Warentest".
09 Januar 2006
Lotterie und Wissen
Das zeigte mir wieder mal, wie seltsam es ist, Fragen interessant zu finden wie die folgende, die John Hawthorne in seinem neuen Buch Knowledge and lotteries (Oxford 2004) behandelt (vgl. auch die Bemerkungen von Herbert Huber auf seiner Webseite Gavagai), das sogenannte Lotterie-Paradox:
Wenn jemand sagt, er weiß, dass er nächstes Jahr nicht genug Geld hat, um nach Afrika zu reisen, würden wir dem wohl zustimmen: das ist etwas, dass man wissen kann. Spielt derjenige Lotto, ändert das nichts, obwohl dann die geringe Möglichkeit besteht, dass er im Lotto gewinnt und anschließend genug Geld hat. Es erscheint immer noch plausibel zu sagen: "Er weiß, dass ..."
Allerdings folgt aus dem Wissen, dass er kein Geld haben wird das Wissen, dass er nicht im Lotto gewinnen wird -- und das ist ja falsch. Wie muss man den Wissensbegriff anpassen? Ist Wissen Glückssache? (Hawthorne weiß es nicht :-))
Angewandte Ethik in der Bibliothek
Dürfen Bibliotheken das überhaupt?
Wer mehr wissen will: mein Aufsatz in LIBREAS.

